Auszüge aus dem Interview:Frage: Frau Reding, eines der großen Hindernisse für die Zusammenarbeit der Hochschulen in Europa ist sicher die Vergleichbarkeit von Qualität, von Leistungen und Leistungsnachweisen. Seit 1999 gibt es als Bologna-Prozess bekannt gewordenen Bestrebungen, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Heute und gestern hat die Bologna-Folgekonferenz zum Thema in Berlin stattgefunden. Beteiligt sind 33 Staaten, nicht nur EU-Staaten, sondern auch andere. Es werden demnächst sogar 40 sein, die versuchen, diese Vergleichbarkeit aller europäischen Hochschulen herzustellen. Wir wissen, dass Sie diesen Prozess mit viel Hoffnung, aber auch mit einer gewissen Ungeduld begleiten. Sind Sie nach diesen zwei Tagen ein bisschen weniger ungeduldig?Reding: Wenn ich aufhöre ungeduldig zu sein, dann ist alles perfekt. Es ist aber noch lange nicht alles perfekt! Und die Minister sind sich dessen auch sehr bewusst. Die Bologna- Beschlüsse von 99, die ja darauf hinzielten, gemeinsame Strukturen aufzubauen und Qualitätsanalysen über Inhalte zu machen, damit die Diplome zwar nicht gleich gemacht, aber gleichwertig, um sie europaweit gültig zu machen. Ein junger Mensch sollte z.B. in Berlin anfangen können zu studieren, dann weiter nach Barcelona gehen und den Abschluss in Oxford oder in Paris machen können. Das ist die Zukunftsperspektive. Um das zu erreichen, müssen wir Vertrauen aufbauen, müssen die Universitäten wissen, dass, was auf der Nachbaruniversität gelehrt wird, genauso gut ist wie das, was bei uns gelehrt wird. Und deshalb ist diese Transparenz und diese Kontrolle der Qualität unerlässlich, um den europäischen Hochschulraum zu schaffen.Sind denn konkrete Schritte in diese Richtung gemacht worden in diesen zwei Tagen der Bologna-Folgekonferenz in Berlin?Die Minister waren bereit - und ich glaube, da habe sie Mut bewiesen - nicht mehr so viel von 2010 als Zeithorizont zu reden. Sehen Sie, ich habe nicht gerne so ferne Daten. Denn wenn ich erst bis 2010 etwas machen muss, dann habe ich ja noch gut Zeit. Dann kann ich das Näherliegende zuerst einmal machen. Deshalb vergessen wir 2010. Wir haben 2005 als Stichtag!Verstehen die einzelnen Zuständigen in den Ländern, dass das in ihrem Interesse ist oder verteidigen die ihre - um das schöne deutsche Wort zu benutzen - 'Kulturhoheit’?Das hängt sehr von der Mentalität der einzelnen Staaten in Europa ab. Wir haben Staaten, die sehr wohl verstanden haben, dass es bei der Konkurrenz mit den Hochschulen im Ausland um Qualität gehen wird. Und dass, wenn man nicht bestimmte Qualitätskriterien erfüllt, dass man dann unter ferner liefen fungiert. Das ist eine Gefahr. Dieser Gefahr vorzubeugen, bedarf es Reformen. Reformen sind immer schwierig, weil sie ja vom Bewährten weggehen zu etwas Neuem. Das ist insbesondere im Schulbereich, der eher konservativ in seiner Denkweise ist, eine schwierige Sache. Deshalb bedarf es sehr viel Muts und sehr vieler Zukunftsvisionen, um diese Reformen in die Wege zu leiten. Deshalb haben die Minister in Berlin Mut bewiesen, weil sie sich selbst Ketten angelegt haben - denn jetzt können wir nicht mehr nach Entschuldigungen suchen, jetzt müssen wir einfach bis 2005 etwas gemacht haben und nicht erst bis 2010. Wir werden alle zusammen schauen, wer hat denn von heute bis 2005 wirklich etwas gemacht.Was genau soll gemacht werden?Was gemacht werden soll, ist Folgendes: zuerst einmal solle das 2-Pahsen-Studium überall eingeführt werden - Bachelor, nach drei Jahren, plus zwei weitere Jahre bis zum Master. Zweitens, wollen wir die Definition dessen, was ein Student leisten muss während dieser zwei plus drei Jahren. Das wollen wir ganz genau definieren, damit eine Universität in Berlin auch weiß, was die Universität in Milano als Inhalte anbietet. Und drittens haben wir beschlossen, dass wir unsere nationalen Qualitätsanalysen verbinden mit einer europäischen Qualitätsanalyse, damit diese Transparenz - ist das, was auf dieser Universität geboten wird, dann auch wirklich gleichwertig zu dem, was in meiner Universität geboten wird - hergestellt werden kann. 2005 ist morgen! Das wird sehr schwer werden. Aber ich glaube, nur wenn man sich kurzfristig schwer zu erreichende Ziele setzt, kann man einen Fortschritt erreichen.Gibt es ein Bewusstsein dafür, dass man international als europäische Hochschullandschaft, die erst im Entstehen ist, in Konkurrenz um Studenten steht, dass man konkurriert mit den sehr attraktiven Universitäten in Amerika, auch in England, dass sozusagen der kontinentale Hochschulraum dabei ist, abgehängt zu werden?Das ist ja einer der Gründe, weshalb wir diese Reformen machen wollen. Wir sind im Vergleich zu Amerika im Hintertreffen. Wir haben zwar genauso viele Universitäten in Europa wie in Amerika - rund 4.000. Davon sind auch sehr viele bei uns gut. Nur sie sind zu klein und nicht bekannt genug. Und deshalb haben wir auf Weltebene sehr klar eine Tendenz nach Amerika zu gehen. Es gehen dreimal mehr Studenten aus Zentral- und Südamerika in die USA studieren. Es gehen doppelt so viele Studenten aus Asien in die USA wie nach Europa zum Studieren. Das wird zukünftig zum Problem werden. Denn die gehen ja zurück in ihre Nationalstaaten, auf ihre Kontinente. Und dort werden sie Entscheidungen treffen - Entscheidungen, die dann geprägt sein werden von einem amerikanischen Denken. Und deshalb müssen wir in Europa unsererseits Ausbildung für die ganze Welt anbieten, damit in einer globalisierten Welt Entscheidungsträger in Europa ausgebildet wurden, die dann in Asien oder auf einem anderen Kontinent die Geschicke lenken. Es geht also sehr klar darum: Zählen die europäischen Universitäten oder sind sie bedeutungslos? In dem Sinne habe ich ja mit Zustimmung des Ministerrates und mit Zustimmung des Europaparlaments das neue Programm 'Erasmus mundus’ - 'Erasmus Welt’ - geschaffen. Das ist ein Master- Programm, für das sich mehrere Universitäten zusammenschließen, einen europäischen Master-Titel anbieten und den Zusammenschluss der Ausbildungskapazitäten, der wissenschaftlichen Qualitäten mit Gastprofessoren, die von der ganzen Welt in diese Master-Programme kommen, und mit Studenten - nicht nur aus Europa, sondern auch aus anderen Kontinenten...Aber wird das alles ohne Studiengebühren gehen, alles aus Steuermitteln finanziert?Diese 'European Masters’ sollen 2004 anfangen und bis 2008 wollen wir 250 dieser European-Master-Studiengänge haben. Die werden unterstützt mit europäischen Mitteln. Die Frage aber, die Sie gestellt haben, ist damit noch lange nicht beantwortet. Denn wenn diese Studenten von einer Universität auf die andere reisen, dann kostet das Geld....Warum soll dafür der Steuerzahler bezahlen?Weil der Steuerzahler Interesse daran hat, dass wir genug intellektuelle Kapazität in unseren Ländern haben, genug Forschungskapazität z.B., da so die Wirtschaft angekurbelt wird! Wir sind in einer Wissensgesellschaft. Wenn wir nicht Wissen produzieren bei unseren jungen Leuten, dann werden wir wirtschaftlich nicht auf die Füße kommen. Wir brauchen also dieses Zusammenspiel zwischen der Universität und der Wirtschaft, die Resultate auch, mit gut ausgebildeten Leuten, um etwas erreichen zu können. Ich gebe Ihnen noch eine Zahl: Jahr für Jahr sitzen in den amerikanischen Forschungsinstituten Hunderttausend europäische Forscher. Das sind Hunderttausend Forscher, die hier verloren sind für unseren Aufbau der Forschung, der Wirtschaft! Wir müssen uns also zusammenschließen als Universitäten, als Hochschulen, als Forschungsinstitutionen, um stark zu werden und um diese Forscher wieder anzuziehen. Es ist in unserem Interesse, dass wir diese grenzüberschreitenden Schwerpunkte legen. Und es ist auch in unserem Interesse, dass die Universität enger mit der Wirtschaft zusammenarbeitet als bisher!Auch finanziell?Auch finanziell. Denn wenn ich die amerikanischen und die europäischen Universitäten nehme, 4.000 auf einem Kontinent, 4.000 auf dem anderen - die öffentlich-rechtlichen Mittel, die in diese Universitäten hüben und drüben gesteckt werden, halten sich die Waage. Die Differenz entsteht mit den privaten Mitteln. In Amerika wird 1,2% des Bruttosozialproduktes in die Hochschulen investiert von Privatseite aus und bei uns nur 0,2%. Das macht ja die ganze Unterfinanzierung der Universitäten aus! Das heißt, dieses Zusammenspiel zwischen Industrie, Wirtschaft und Hochschule tut sich bei uns noch nicht wie es sich tun sollte. Und auch da muss es zu einer Mentalitätsänderung kommen.Im Grunde müssten Sie die bekannteste EU-Kommissarin von allen sein, weil jeder, den man fragt - auch den man nicht fragt - sagt 'Bildung ist das Wichtigste’, wichtiger als Renten, hört man sogar aus unserer eigenen Bundesregierung. Wie kommt es, dass Sie als Person, als 'Frau Bildung' der europäischen Ebene nicht diesen Bekanntheitsgrad haben, wie es eigentlich sein sollte, wenn man doch sagt, das ist das Wichtigste überhaupt?Na weil auch unsere Informationen und unsere Mediengesellschaft ja eher auf das Spektakuläre aufgebaut sind. Das Kreative, die Zusammenarbeit zwischen mehreren europäischen Universitäten macht ja keine Schlagzeilen. Das ist ja auch kein Skandal. Das ist eher positiv. Und ‘positiv news no News’! Damit muss man eben leben. Das heißt aber nicht, dass man dafür nichts tut. Zum Beispiel, das neue 'Erasmus-mundus-Projekt’, das ja ab nächstem Jahr anlaufen wird, wird uns auch wieder auf die Weltkarte setzen. Und da können wir auch - zum ersten Mal vielleicht - die kulturelle Vielfalt Europas als Verkaufsargument anbieten und nicht nur als negativ, als Schwierigkeit.Die Verfassung ist noch so ein Thema, wo man sich oft fragt: Warum ist den Leuten in Europa nicht feierlicher zumute, wenn so ein - man kann ja ohne Übertreibung sagen - Menschheitstraum in Erfüllung geht? Es gibt eigentlich kaum wirklich öffentliche Anteilnahme daran - außerhalb von Expertenzirkeln.Die Verfassung ist kompliziert. Bürger interessieren sich ja für das Naheliegende, das, was sie direkt verstehen. Wird jetzt ein Fußballplatz in meiner Gemeinde gebaut oder nicht? Wie steht es mit meiner Rente? Solche Probleme liegen dem Bürger nahe. Die sehr komplizierten Zusammenhänge einer europäischen Verfassung sind zu weit vom Bürger weg und auch zu kompliziert, als dass 'Otto-Normalverbraucher’ die Zusammenhänge erkennen könnte.Aber das ist doch genau das Problem Europas, das Image-Problem, das Europa - und Brüssel als Symbol dafür - hat. Intransparent, kompliziert, undemokratisch sind die Stichworte, die sofort kommen, wenn man darüber spricht.Ja und die Praxis ist genau das Gegenteil! Sie haben die Verfassung angesprochen. Die Verfassung wurde ja nicht im stillen Kämmerlein in Brüssel ausgearbeitet, sondern die wurde ausgearbeitet in Zusammenarbeit mit den Vertretern der nationalen Parlamente, der nationalen Regierungen, des Europaparlaments, unter Anhörung der Jugendverbände, der Kulturschaffenden, der Gewerkschaften......aber verabschiedet wird sie jetzt im stillen Kämmerlein, nämlich von der Regierungskonferenz. Das ist dann nicht mehr so transparent.Nein, die ist jetzt geschrieben worden - zum ersten Mal in der Geschichte Europas - von den direkten Vertretern der Bürger in ganz Europa. Und wenn Sie gesehen hätten, wie viele Privatverbände Lobby-Arbeit gemacht haben bei den Konventsmitgliedern - das war schon etwas sehr Starkes! Jetzt werden die Regierungen den letzten Schliff geben. Aber dann kommen ja die Nationalparlamente, die ratifizieren müssen. Das heißt, es geht also wieder von dieser zentralen Entscheidung über die letzten Details dezentral in die verschiedenen Staaten. Und ich hoffe, dass - wenn die Nationalparlamente in der Ratifizierungsprozedur sind - dann die Diskussion auf nationaler Ebene sehr viel stärker werden wird. Denn wir geben uns eine europäische Verfassung. Wir verbinden einen ganzen Kontinent in einer gemeinsamen Zielsetzung! Das ist ja historisch gesehen etwas sehr Wichtiges! Es geht jetzt nicht mehr nur um den Ort, in dem wir leben, und den Staat - es geht um alle anderen Staaten! Wir werden ja wirklich zu einer großen Familie! Und das ist, wenn man die Geschichte der Europäer etwas unter die Lupe nimmt, für die Menschheit ein wegweisender Schritt nach vorne.Jetzt gibt es Diskussionen darum, nicht zuletzt auch in der Kommission, der Sie angehören, wie denn die einzelnen 'Familienmitglieder’ behandelt werden sollen. Leidiges Thema dabei: Bedeuten 25 Mitglieder in der Europäischen Union 25 Kommissare? Was ist Ihre Meinung dazu?Meine Meinung ist: Ja. Denn jede andere Lösung wäre eine Lösung gegen verschiedene Länder. Das schlimmste System, das es geben könnte, das ist die Sache, die jetzt vorgeschlagen ist mit Erster-Klasse- und Dritter-Klasse- Kommissaren. Das kann ja nicht so funktionieren! Die Kommission entscheidet immer als Kollegium, als Ganzes. Und wenn das nicht mehr Bestand hat, dann wird das aufgeteilt in nationale Interessen. Und das ist nicht gut. Meiner Meinung nach ist die einzige Lösung die, die die Kommission - aus dem internen Wissen, wie das Ganze funktioniert und wie das Ganze auch im Allgemeininteresse aller Europäer funktionieren muss - vorgeschlagen hat: Man sollte bei dem Grundsatz bleiben, ein Kommissar pro Land, aber im Inneren der Kommission soll der Kommissionspräsident, so wie ein Regierungschef, dann mit Gruppen von Kommissaren die Arbeit organisieren. Das ist sehr möglich. Das kann gemacht werden. Ich sehe kein Problem.Es können z.B. zusätzliche Hierarchien entstehen, 'Gruppenleiter’ gewissermaßen.Die gibt es ja auch heute schon. Es gibt die Kommissare, deren Stimme Gehör findet. Und es gibt die, die weniger stark sind.Wie ist es bei Ihnen?Ich glaube, meine Stimme wird gehört, obschon ich aus einem kleinen Mini-Staat kommt. Das ist eine Sache der Persönlichkeit. Es ist heute nicht eine Sache der Größe des Landes. Wir haben in der Kommission diese Bewertung überhaupt nicht. Jeder Kommissar ist gleich wert. Und dann setzen die sich durch, die eben am besten argumentieren können. Und das soll auch weiterhin so sein. Ich arbeite jetzt seit zwei Jahren im Bildungsministerrat mit 25 Ministern, schon aus dem erweiterten Europa. Ich habe das nie als Problem empfunden. Weshalb sollte es, wenn es bei einem Thema kein Problem ist, für so viele Themen dann ein Problem sein? Die Gefahr nämlich, wenn die Kommission verringert wird, ist genau die Gefahr, die immer als Kritik Europa entgegengesetzt wird. Dann werden die Kommissare mit einer absolut unmöglichen Arbeitslast in Brüssel im Büro sitzen und keine Zeit mehr haben, sich vor Ort die Sorgen der Bürger anhören zu gehen.Viviane Reding: Viviane Reding wurde am 27. April 1951 in Esch-sur Alzette, Luxemburg geboren. 1978: R. schließt ihr Hochschulstudium ab mit Doktor der Humanwissenschaft, Sorbonne, Paris. 1978-1999: R. ist Journalistin und Redakteurin beim 'Luxemburger Wort’. 1986-1998: Vorsitzende des Luxemburgischen Journalistenverbands. Ihre politische Laufbahn beginnt 1979 als Mitglied des luxemburgischen Parlaments, dem sie in verschiedenen Funktionen bis 1989. 1989- 1999: R. ist Abgeordnete im Europäischen Parlament u.a. hat sie in dieser Zeit die Funktion als Vorsitzende des Petitionsausschusses inne (1989-1992), als stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für soziale Angelegenheiten und Beschäftigung (1992-1994). Sie war zudem Leiterin der luxemburgischen Delegation in der EVP (der Gruppe konservativer Parteien im europäischen Parlament) und Mitglied des Fraktionsvorstands der EVP. Seit 1999 ist R. Mitglied der EU- Kommission als Kommissarin für Bildung, Kultur, Jugend, Medien und Sport©Deutschlandfunk 2003