Darf ich Sie noch einmal daran erinnern? Sie wurden vor Beginn der Veranstaltung höflich gebeten, Ihr Handy auszuschalten. Das ist auch gut so, nicht nur, weil das Läuten hier stören würde, sondern auch, damit niemand Ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort via Handy feststellen kann.

Aber da ist doch nichts dabei, werden Sie sagen, wenn ich hier sitze bei der Eröffnung des Brucknerfests – noch dazu, wo wir lauter geladene Gäste sind. Es ist aber schon was dabei, wenn Sie einen kleinen Spitzel mit sich herum tragen, der dem Netzbetreiber und jeder Person, die sich Zugang verschafft, jederzeit Ihren aktuellen Aufenthaltsort verrät und außerdem, wann Sie von wo mit wem telephoniert haben. Wenn Sie Ihr Handy fleißig benützen, kann man ein einigermaßen vollständiges Bewegungsdiagramm innerhalb der letzten Monate über Sie herstellen. Sagen Sie bitte jetzt nicht, es dürfe ohnehin jeder wissen, wo Sie sich jeweils befinden, wann Sie mit wem geredet haben. Es täte mir leid, wenn Ihr Leben derart uninteressant und ereignislos wäre, dass Sie niemals Erklärungsbedarf haben.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass die „Sunday Times“ ihren Lesern begeistert mitgeteilt hat: „Einst dem Geheimdienst vorbehalten, werden Spionagesatelliten wohl bald für alle Menschen verfügbar gemacht werden, die eine Kreditkarte besitzen. Bald wird es möglich sein, für ein paar hundert Pfund in die Gärten der Stars zu spähen, in Ausbildungslagern für Terroristen in Libyen herumzuschnüffeln oder einen Ehemann auf einer Geschäftsreise nach Amsterdam zu überwachen.“

Ich nehme an, das geht Ihnen zu weit. Und es funktioniert auch noch gar nicht – zumindest, was den Ehemann betrifft, weil der im Gegensatz zum Garten des Stars und zum Terroristenlager ein Objekt in Bewegung ist und damit das System überfordert – jedenfalls für den allgemeinen Zugriff. Insofern noch Entwarnung für alle Amsterdam-Reisenden.

Anders ist es mit dem System „Mobile Family Services“, das eine große deutsche Firma Ende 2000 angekündigt hat. Das gibt es schon. Damit können Eltern dank Ortungstechnik im Handy jederzeit den Aufenthaltsort ihrer Kinder feststellen. Das beruhigt. Und ein zwischengeschaltetes Call Center kann jederzeit mithören (das ist die „Listen in“-Funktion) und kann sich einschalten, wenn die Kinder gefährlichen Unfug treiben. Das beruhigt noch mehr. Was früher „elektronische Fußfessel“ hieß und auf Häftlinge im Freigang beschränkt war, wird nun auf Kinder ausgeweitet. Selbstverständlich zu ihrem Schutz. Einen kleinen Nachteil muss man da schon in Kauf nehmen: Das System zerstört die Autonomie und die menschliche Würde des überwachten Kindes. Und es gewöhnt die Kleinen schon frühzeitig an lebenslange Unmündigkeit. Und am Ende wird es unsere Demokratie vernichten, wenn wir uns an die Allgegenwart von Überwachung gewöhnt haben. Damit will ich mich im ersten Teil meiner Rede befassen.

Ein besonderes Geschäft wurden in den USA nach dem Tod eines Kleinkindes, bei dem die Rolle des Kindermädchens ungeklärt blieb, die sogenannten „Nannycams“, also: „Kindermädchenkameras“. In einem Teddybären, in der Uhr, wo immer im Kinderzimmer versteckt, wird eine winzige Videokamera installiert, und die besorgten Eltern können jederzeit aus der Ferne am PC kontrollieren, was zu Hause abläuft. Außerdem kann am Abend das Videoband zur Überprüfung des Tages abgespielt werden.

Wenn wir vom Überwachungsstaat und seinen Bedrohungen sprechen, dann sind wir nicht nur Opfer, wir sind auch Täter. Ohne viel nachzudenken bedienen wir uns der Technologien, die der Markt bietet und uns zuweilen auch aufdrängt. Ein besonders beliebtes Argument für totale Überwachung ist der Schutz der Kinder.