AKTUELLE ANTIKE Europa, was ist das?
Lassen Sie mich mit einer persönlichen Reminiszenz beginnen. Mit vierzehn Jahren wurde mir wie vielen anderen, die aus christlich geprägten Elternhäusern stammten, aus ideologischen Gründen der Zugang zur Oberschule verwehrt. Manche haben daraufhin der DDR den Rücken gekehrt, was in diesem Alter oft hart war. Für diejenigen, die einen kirchlichen Beruf anstrebten, unterhielt die Evangelische Kirche drei Schulen, Geheimgymnasien sozusagen. Sie waren vom Staat nicht anerkannt, aber geduldet. Eine davon, die "Vorschule für kirchlichen Dienst" nebenan in Moritzburg, habe ich besucht. Vier Jahre Latein, drei Griechisch. Wir haben Auszüge aus Xenophons Anabasis und die Apologie des Sokrates übersetzt und einen Geschichtsunterricht erlebt, der auch die Antike und das Mittelalter ernst genommen hat. Ich habe dann an zwei kirchlichen Hochschulen in Naumburg und Berlin studiert und also einen völlig staatsfreien und das hieß: unzensierten Bildungsgang genossen und bin der Evangelischen Kirche dankbar dafür. Gegenüber den totalitären Zumutungen der atheistischen Partei war für uns Christen der Satz aus der Apostelgeschichte ein Halt: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." In seiner Apologie sagt Sokrates: wenn ihr mich laufen laßt unter der Bedingung, daß ich aufhöre der Weisung des delphischen Gottes folgend nach Weis-heit zu suchen und Ansprüche zu prüfen, werde ich euch antworten: "Ich grüße euch und schätze euch, ihr Athener, gehorchen aber werde ich mehr dem Gott als euch." Das sokratisch-platonische Vernunftsverständnis hat ethische Implikationen: logon didonai, Rechenschaft ablegen. Den Streit um das Recht des Stärkeren beschließt Sokrates im Gorgias mit dem Mythos vom Totengericht. Das magst du leicht als ein Märchen verachten, sagt Sokrates, "wenn wir nur irgendwie suchend etwas Besseres und Wahreres finden könnten" (Gorg. 527a) als die Pointe dieses Mythos: so leben, dass du die Rechenschaft vor einer unbetrü gbaren Instanz nicht zu fürchten brauchst. Diese bei allen Un-terschieden eigentümliche Nähe zwischen Jesus und Sokrates hat schon die antike christliche Kirche bemerkt und gewürdigt. In der hellenistischen Welt stand das Christentum ja mit seinem "Monotheismus", seiner Kultfreiheit (die Kirchenarchitektur knüpfte an die Basilika an, nicht an den Tempel) und ethischen Orientierung wie das synagogale Judentum den Philosophenschulen näher als den hellenistischen Religionen.
Und nebenan Dresden, zwar von der sächsischen Landeshauptstadt zur Bezirksstadt degradiert, aber im Bewußtsein der eingesessenen Dresdner immer noch Residenzstadt, und das war vor allem ein kultureller Anspruch: Konzert, Theater, Gemäldegalerie, nicht zu vergessen der Kreuzchor. Eine deutsche Residenzstadt, die die europäische Kultur präsentiert - wie übrigens alle deutschen Residenzen und Residenzlein. Es sind die europäischen Baustile, die diese Stadt prägen und es sind die Großen der europäischen Malerei, die die Gemäldegalerien zeigen. Es war eine gute Idee, auf den Euro-Banknoten die europäischen Baustile darzustellen. Denn sie sind etwas unstrittig Gemeinsa-mes der Europäer.
In den Dresdener Antiquariaten wurden damals griechische und lateinische Schulausgaben verramscht, wir konnten uns da billig eindecken, denn die Nachlässe der Altphilologen fanden kaum Interesse, nachdem das humanistische Gymnasium abgeschafft worden war. Nur an wenigen Schulen, der Kreuzschule etwa, wurde noch Griechisch unterrichtet. Es war eine merkwürdige Situation, die wir in dieser kirchlichen Schule erlebten: einerseits diskriminiert und fast versteckt, aber andererseits eröffneten sich uns die kulturellen Quellen, die in Dresden hinter den sozialistischen Losungen und Plakaten präsent waren. Ohne Kenntnis der Bibel und der Antike war ja die Bilderwelt der Gemäldegalerie weithin unverständlich. Wir hatten Zugang zum kulturellen Code Dresdens. Unser Bildungsinteresse übrigens war nicht im sozialen Aufstieg begründet, schon gar nicht in der Aussicht auf ein gutes Einkommen, sondern im Orientierungswillen: sich nicht betrügen und verführen lassen.
1. "Europa"
Fünf Epochen europäischer Selbstdefinitionen
Europa, so haben wir gelernt, sei ein Erdteil. Geographisch ist das nicht überzeugend, denn es wird definiert als der westliche Teil der eurasischen Landmasse. Und die östliche Grenze, der Ural, ist eher eine Konvention als ein erdteilendes Datum.
Die Etymologie liegt im Dunkel. Jedenfalls stammt das Wort aus dem Osten des mediterranen Raums. Hekataios (6.Jh. v.Chr.) kennt in seiner Erdbeschreibung nur zwei Erdteile, Europa und Asien. Die Grenze ist das ägäische Meer, das Marmarameer, das Schwarze Meer, der Don. Aber mindestens seit Herodot ist Europa ein Kulturbegriff. Und so bleibt es. Wo Europa mehr ist als ein Name auf Landkarten, ist es ein Kulturbegriff. Er hat seinen Ort in der Selbstidentifikation und Selbstdefinition derer, die sich Europäer nennen. Zur Selbstdefinition gehört immer auch die Abgrenzung gegen anderes, und zwar tatsächlich immer, also unvermeidlich, weil niemand und auch kein Volk alles nur Mögliche zugleich oder nacheinander sein kann. Es macht allerdings einen Unterschied, ob die Abgrenzung der blinden Selbstüberhebung dient oder gar die Selbstdefinition über einen Erbfeind vollzieht, - oder ob sie das Eigentümliche kennt und pflegt, nicht als etwas ganz Besonderes, aber doch als etwas Bestimmtes und ob sie das Anderssein anderer gelassen erträgt, lateinisch tolerare.
Lassen Sie mich an fünf Epochen europäischer Selbstidentifikation erinnern.
1. Für Herodot also sind Europa und Asien nicht nur zwei Erdteile, sondern zugleich zwei Welten. Asien, das ist das Perserreich, gigantisch in seiner Ausdehnung, seinen menschlichen und techni-schen Ressourcen und seinen Organisationspotentialen. Xerxes baut eine Schiffsbrücke über den Hellespont und läßt eine Menschenkette bis nach Susa auf Rufweite aufstellen, um seine Siege zu melden. Trotzdem nennen die Griechen sie Barbaren, weil sie nicht frei sind. Die Perser sind nicht Bürger (politai), sondern Untertanen. Und daß dieses kleine aber freie Volk den Angriff des asiati-schen Riesen abgewehrt hat, hat sich ins europäische Gedächtnis eingeprägt. Das griechische Wort für Freiheit, eleutheria, hat in den vorderasiatischen Sprachen kein Äquivalent.
Das zuerst bei Herodot auftretende Motiv: Europa kontra Asien durchzieht die Geschichte Europas. Es hat einen simplen geographischen Grund: Europa ist nach Osten offen. Der Hunnensturm, der Mongolensturm, die Türken vor Wien, das alles bestätigte und verfestigte das Motiv der asiatischen Gefahr, das die Nazis für ihren Überfall auf die Sowjetunion mißbrauchen konnten und das auch im Kalten Krieg eine Rolle gespielt hat.
Als selbstdefinierender Kulturbegriff konnte "Europa" nur dann fungieren, wenn das geographische Moment auch zum kulturell-politischen Kontext paßte. Das war schon mit Alexander dem Großen nicht mehr der Fall. Sein Reich umfaßte drei Erdteile. Auch im Selbstverständnis des Imperium Romanum konnte Europa deshalb keine Identifikationsrolle spielen.
2. So taucht Europa als Identifikationsbegriff erst nach dem Ende des weströmischen Reichs wieder auf. In der Abwehr der Araber bei Tours und Poitiers 732 nennen sich Karl Martells Männer Europäer. Und Karl der Große wird gelegentlich Pater Europae genannt. Mit seiner Kaiserkrönung aber setzt er sich selbst in die Tradition des Imperium Romanum. Von translatio und renovatio imperii ist die Rede. Dadurch kommt es zu zwei wichtigen Verschiebungen. Politisch hat dieses Europa sein Zentrum im nordalpinen Raum. Aber sowohl die politische Legitimation als auch die kulturelle Prägung als auch die religiöse Autorität, der Papst, bleiben römisch. Die Wurzeln des Christentums liegen gar in Jerusalem. Die Folgen dieser Konstellation sind kaum zu überschätzen. Weder hat eine erobernde Macht ihre Kultur den Unterworfenen aufgezwungen, noch haben sich Eroberer einer überlegenen Kultur assimiliert. Die Kultur der christlichen Antike, zunächst nur in Resten präsent, wurde in Freiheit erworben. Europa wurde ein Kontinent lernender Völker.
Und die andere Neuerung: Dieses Europa, genauer Westeuropa, grenzt sich nicht mehr primär von Asien ab, das ist allzu fern, sondern von Ostrom, Byzanz, allerdings nicht als die große Gefahr oder der Erbfeind, sondern mit dem Anspruch der Gleichberechtigung, die dann durch die Eheschließung Ottos II. mit Theophano besiegelt zu sein schien.
Im Fortgang des Mittelalters verliert aber das Wort Europa seine Identifikationsfunktion. Das romanisch-germanisch-westslawisch-ungarische Europa nennt sich Corpus Christianum, die Christenheit.
3. Erst in der Aufklärung wird Europa wieder Identifikationsbegriff, diesmal aber nicht als Abgren-zung nach außen - auf allen Weltmeeren fahren Europas Schiffe - sondern als Überbrückung der tiefen Gräben, die die verheerenden Konfessionskriege gerissen hatten. Die in dem Wort Aufklä-rung steckende Lichtmetapher: Sonnenaufgang wird kontrastiert mit der Finsternis nicht anderer Erdteile (dann würde ja zu Europa der Sonnenuntergang gehören: "Abendland"), sondern mit der Finsternis dunkler Zeiten des Aberglaubens. Das Vernunftsrecht, die Vernunftsmoral, die vernünftige Religion sollen die Zerstrittenen einen, vernünftig geordnete Verhältnisse den Wohlstand meh-ren. Dieses Europa der Vernunft ist endlich erwachsen, mündig geworden oder lateinisch: emanzipiert. Es blickt sich um und sieht, so Schiller in seiner Jenaer Antrittsvorlesung, in den Völkerschaf-ten anderer Kontinente die Stadien der eigenen Kindheit und Jugend, die es selbst hinter sich gelassen hat, anschaulich versammelt. Der Fortschrittsgedanke, dem die Geschichtsphilosophie Ausdruck verleiht, begründete eine kulturelle Überlegenheit Europas, die, wie wir wissen, der Nährboden wurde für einen imperialen Anspruch Europas, der den Kolonialismus begründete.
4. Ein ganz anderes Europabewußtsein entwickelt die deutsche Romantik. Friedrich Novalis, Die Christenheit oder Europa (1799), bricht einerseits mit dem aufklärerischen Vorurteil, das Mittelalter sei vor allem die finstere Zeit gewesen, um dagegen eine Verherrlichung des Mittelalters zu setzen. Dadurch wird das Mittelalter wiederentdeckt. Statt dessen wird nun die Gegenwart, Reformation und Aufklärung, zur finsteren Zeit des "Stubenverstandes" erklärt, der "Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit" verketzert, "den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an" setzt und das Weltall als "eine sich selbst mahlende Mühle" begreift, "eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller". Aber die Zeit dieses finsteren "Mittelalters" sei abgelaufen. Novalis erwartet die Auferstehung Europas. "Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern, und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes friedenstiftendes Amt installiren." "Keiner wird dann mehr protestiren gegen christlichen und weltlichen Zwang, denn das Wesen der Kirche wird ächte Freiheit seyn, und alle nöthigen Reformen werden unter der Leitung derselben, als friedliche und förmliche Staatsprozesse, betrieben werden." "Die andern Welttheile warten auf Europas Versöhnung und Auferstehung, um sich anzuschließen und Mitbürger des Himmelreichs zu werden." Auf ähnliche Weise hat Friedrich Schlegel das "christliche Abendland" beschworen. Beide beschreiben die Moderne als Verfallsgeschichte Europa muß erst wieder werden, was es einmal war: christlich. Das verbindet sich mit dem Topos "christliches Abendland", der namentlich in der katholischen Publizistik seitdem eine Rolle spielt.
Am Rande vermerke ich, wie ähnlich die romantische Zukunftserwartung des Novalis der Marx-schen ist. Gemeinsam ist beiden die spiritualistische Anthropologie des eindeutig und allseitig werdenden Menschen in einem Himmelreich auf Erden. Joachim von Fiore läßt grüßen.
5. "Europa" nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zuge der westeuropäischen Einigung ist Europa noch einmal ein Kulturbegriff, mit dem Unterschied, daß die Selbstidentifikation nun eine Aufgabe ist, die einen realen Vereinigungsprozeß begleiten soll. Was verband diese Europäer, die in Wahrheit bis 1989 die West-, Süd- und Nordeuropäer waren? Bei den einen spielte das Herodotmotiv, Gefahr aus dem Osten, eine wichtige Rolle, bei anderen das romantische Motiv vom christlichen Abendland. In den politischen Gestaltungsprozessen selbst aber hat sich die Aufklärungstradition durchgesetzt. Die Staaten, die sich in den europäischen und atlantischen Vereinigungen zusammengeschlossen haben, verlangen von einander die Anerkennung der Menschenrechte, des Rechtsstaats, der Demokratie und der wettbewerbsorientierten, aber antimonopolistischen Marktwirtschaft.
Seit 1989 aber hat sich die Situation grundlegend verändert. Es gibt keine "Gefahr aus dem Osten" mehr. Die mittelost- und osteuropäischen Länder streben selbst in die atlantischen und europäischen Vereinigungen. Sie wollen ordnungspolitisch westeuropäisch sein. Die Selbstdefinition der Europäer muß wieder einen Graben überwinden, den ein zum Glück bloß kalter Krieg gerissen hatte. Was aber verbindet uns darüber hinaus als Europäer? Die Frage ist offen und vielen in den ehemals sozialistischen Ländern noch gar nicht hörbar. Was da nach dem Ende der ideologischen Indoktrination hervorkommt, ist oft ein Ethnizismus und Nationalismus, der beängstigt. Und die von den Kommunisten gepflegte Dekadenztheorie der westlichen Welt erweist ihre Ähnlichkeit mit romantischer Nostalgie darin, daß sich Altkommunisten und Nationalisten nicht selten die Hand reichen, weil sie das antimoderne Ressentiment verbindet und bei orthodoxen Kirchen spielt die Wiederkehr eines Bündnisses, zwar nicht von Thron und Altar, jedoch von Nation und Altar eine oft unrühmliche Rolle. Aber auch in den westlichen Ländern ist in einem tieferen Sinne unklar, was Europäer verbindet. Gibt es einen bleibend gültigen Bezug auf europäische Traditionen - und auf welche? Gemessen an christlich geprägter Lebenspraxis ist auch Westeuropa nicht "christlich", wenn auch die Kirchen ein größeres öffentliches Gewicht besitzen als in vielen ehemals sozialistischen Ländern, allerdings mit dem Unterschied, daß in den ehemals sozialistischen Ländern ein praktischer Atheismus dominiert, dem mit dem Christentum die Dimension der Religiosität im ganzen unendlich fern gerückt ist, während im Westen ein gewaltiger Esoterikmarkt zum unverbindlichen Experimentieren mit exotischer Religiosität einlädt.
Was also ist das spezifisch Europäische?
Das spezifisch Europäische
Eine nach wie vor imponierende Aufzählung des spezifisch Europäischen hat Max Weber in der Vorbemerkung zu den Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie I (1920) geliefert, und zwar nach dem Kriterium universeller Bedeutung und Gültigkeit.
Ich nenne und ergänze seine entscheidenden Punkte:
1. "Nur im Okzident gibt es 'Wissenschaft' in dem
Entwicklungsstadium, welches wir heute als 'gültig' anerkennen",
nämlich mathematisch fundiert, rational beweisend und methodisch
experimentierend. Einzelne Elemente gibt es hier und da, nirgends
aber diese Konstellation. Namentlich gibt es nirgends sonst eine
rationale Chemie, von der Atomphysik ganz zu schweigen.
2. Geschichtsschreibung: "Der hochentwickelten chinesischen Geschichtsschreibung fehlt das thukydideische Pragma". D.h. Annalen, Jahrbücher, zum Ruhme der Dynastie, gibt es vielerorts, nicht aber die Fragestellung des Thukydides: wie kam es zum Peloponnesischen Krieg, wie verlief er und was war das Resultat? Übrigens bietet das Alte Testament erstaunliche Beispiele kritischer Geschichtsschreibung, besonders die für David wenig rühmliche Geschichte seiner Thronfolge. Die Nachwirkungen der alttestamentlichen Königskritik für die Entsakralisierung von Herrschaft sind kaum zu überschätzen.
3. Aller "asiatischen Staatslehre fehlt eine der aristotelischen gleichartige Systematik und die rationalen Begriffe überhaupt." D.h. die politische Theorie des Aristoteles bietet Alternativen und beschreibt Vor- und Nachteile verschiedener Staatsformen, statt die eine richtige hymnisch zu loben. Möglich war das, weil Griechenland selbst ein riesiges politisches Experimentierfeld war und die griechischen Kolonien, wie Nordamerika, die Neuschöpfung politischer Ordnungen ermöglichte. Dort und nicht im Mutterland entstand die Philosophie. Die französische Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers war nach demselben Muster ein Reimport aus den USA. Denn auf Rousseau, den Heiligen der Französischen Revolution, konnten sie sich nicht berufen.
4. Das römische und das kanonische Recht sind mit ihrer Ausprägung der "streng juristischen Schemata und Denkformen" eine okzidentale Singularität. Dies ist die große römische Kulturleistung, die über die der Griechen hinausgeht: die Rechtswissenschaft, von Fachjuristen gepflegt. Im Judentum und im Islam spielt das Recht ebenfalls eine große Rolle, aber als religiöses Recht, für das auch im Alltag die religiösen Amtsträger zuständig sind. Für das römische Recht ist dagegen charakteristisch, daß es zwischen dem jus Romanum und dem jus gentium unterscheidet. Das letztere ist nicht das Völkerrecht, sondern das bei den (Mittelmeer-) Völkern übliche Recht, das auch in Rom praktiziert wird, zunächst für ansässige Ausländer, dann, der einfacheren Praktikabilität wegen, allgemein. Und dadurch hat das römische Recht seine hohe Verallgemeinerungsfähigkeit gewonnen. Bis zur Einführung des BGB Anfang des 20. Jahrhunderts war es in Deutschland geltendes Recht.
5. Zur Kunst: Nur die europäische Musik hat Kontrapunktik, Akkordharmonik, die Orchesterorganisation und eine Notation, die Komponieren im großen Stil ermöglicht. Das gotische Gewölbe als Mittel der Schubverteilung und zur Überwölbung beliebiger Räume ist eine europäische Singularität. Die byzantinische und die islamische Architektur bleiben auf dem römischen Stand: Tonnengewölbe und Kuppel über dem Achteck. Schließlich: Linear- und Luftperspektive in der Malerei haben keine Parallele. Für die bildenden Künste hat sich förderlich ausgewirkt, daß weder, wie im Islam, das Bilderverbot die Kunst aufs Ornamentale verweist, noch wie in Ostrom die religiöse Plastik untersagt und die Ikonographie hochgradig reglementiert ist. Die profane Landschaftsmalerei entwickelt sich aus dem Hindergrund religiöser Bilder.
6. Die Universität als rationaler und systematischer Fachbetrieb der Wissenschaft und das daraus resultierende "Fachmenschentum". Ich füge hinzu: diese Schöpfung des Hochmittelalters ist einer-seits dadurch ausgezeichnet, daß ihr durch ihre rechtliche Form eine beachtliche Unabhängigkeit, zumal von den Lokalgewalten, zukam, bis hin zur eigenen Gerichtsbarkeit für ihre Mitglieder, die "Gesamtheit der Lehrenden und Lernenden". Und diese Universitäten sind international europäisch. Bologna, Paris und Oxford, die ältesten, erkennen ihre Titel wechselseitig an und stehen im Aus-tausch von Ideen und Personen. In Paris sind einige Lehrstühle Nicht- Franzosen vorbehalten. Das Latein machts möglich. Nach und nach gewinnen aber auch die europäischen Volkssprachen Wis-senschaftsfähigkeit, zuerst die romanischen.
7. Der Fachbeamte als Träger der wichtigsten Alltagsfunktionen des sozialen Lebens. Das beruht auf dem römischen Gedanken des Amtes (ministerium).
8. Der Staat im Sinne einer politischen Anstalt, mit rational gesatzter Verfassung und Recht und schließlich:
9. Der Kapitalismus als "der auf Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tausch-Chancen", also auf formell friedlichen Erwerbschancen ruhende, durch Organisation von formell freier Arbeit und auf der Grundlage von Kapitalrechnung in Geld sich vollziehende Wirtschaftsakt, dem die Trennung von Haushalt und Betrieb zugrunde liegt.
10. Und dann eben auch der rationale Sozialismus. Da der Begriff des Bürgers überall außer im Okzident und der der Bourgeoisie überall außer im modernen Okzident fehlt, konnte auch hier nur der Begriff der Klasse und damit der des Proletariats gebildet werden. Inzwischen gibt es in den europäischen Ländern kein Proletariat mehr als Klasse. Das ist aber selbst eine Folge- nicht des Marxismus- Leninismus, sondern der Überzeugung, dass Sozialpolitik unverzichtbar ist.
Webers Aufzählung ist deutlich genug eine Hinführung zum ersten Aufsatz des Bandes, "Die pro-testantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Das einigende Band dieser Aufzählung ist für Max Weber die Rationalität, unter Einschluß dessen, was dann für ihn zum Geist des Kapitalismus so viel beigetragen hat: rationale Lebensführung. Webers Rationalitätsbegriff, Zweckrationalität nämlich, ist ein eigenes Thema, das hier ausgeklammert wird.
Man kann mit guten Gründen im spezifisch Europäischen auch einen anderen roten Faden finden.
Ich füge Max Webers Aufzählung europäischer Singularitäten fünf weitere hinzu.
11. In Ergänzung zu Webers erstem Punkt "Wissenschaft": a) Den Griechen verdanken wir die Entdeckung der Theorie oder die theoretische Einstellung, nämlich eine neue Art und Weise, die Frage "warum?" zu stellen, nämlich wahrheitsorientiert und nicht praxisorientiert. Das läßt sich an zwei Beispielen gut illustrieren. Ägyptische Baumeister hatten bereits entdeckt, daß ein Faden, in drei, vier und fünf Einheiten geteilt und zum Dreieck formiert, immer einen rechten Winkel ergibt. Die Babylonier hatten denselben Trick im Bereich zweistelliger Zahlen entdeckt. Warum das so ist, hat sie nicht interessiert. Know how, gewußt wie, genügte. Die Griechen haben dergleichen nicht entdeckt, aber die neue Frage gestellt, warum das so ist, und den Satz des Pythagoras entdeckt. Die griechische Mathematik, die in Euklids Elementen ihre Summa gefunden hat, ist allein aus solchen Fragen entstanden und nicht aus praktischen Bedürfnissen. Sie hat die dialektische Methode und die Idee einer axiomatischen Wissenschaft hervorgebracht. Als Archimedes für die delphische Aufgabe der Verdopplung des Würfels eine pragmatische Lösung vorführte, wurde das als schwerer Verstoß gegen die Spielregeln der Mathematik getadelt.
Das andere Beispiel: die Babylonier konnten ziemlich genau Mond- und Sonnenfinsternisse voraussagen. Die Griechen konnten das nicht. Sie aber fragen, warum sich Sonne und Mond verfinstern und erklären dies mit dem Erd- bzw. Mondschatten. Die Babylonier haben so nicht gefragt, weil sie eine Antwort hatten: die des Mythos, wo Gott verschwindet. Obwohl die griechische Philosophie außer der Epikurs kosmotheologisch bleibt, vollzieht sie eine Entmythologisierung, die rationale, wenn auch nicht mathematische Naturwissenschaft ermöglicht hat.
b) Nur im neuzeitlichen Europa ist eine Technik entstanden, die auf Wissenschaft basiert oder eine technisch anwendbare Wissenschaft. Begründet wird sie bei Bacon mit dem menschlichen Weltherrschaftsmandat. Technische Meisterleistungen gibt es auch in anderen Kulturkreisen. Sie beruhen auf Probieren, Erfahrungssammlung und Erfindergeist, wie etwa Wind- und Wassermühlen. Die Dampfmaschine, der Elektromotor, der Atomreaktor dagegen konnte man nicht durch Probieren finden. Sie sind der Theorie entsprungen, nämlich der experimentierenden mathematischen Naturwissenschaft, die die Antike mit Ausnahme der "angewandten Mathematik" in Astronomie, Musik und Optik nicht kannte. Die Verbindung von Wissenschaft und Technik wiederum ist der entscheidende Motor für eine singuläre Entfaltung der Wirtschaft geworden, die zum entscheidenden Motor des sozialen Wandels in Europa geworden ist.
12. Nationen sind etwas spezifisch Europäisches. Politisch wirksam treten sie wohl zuerst im Konstanzer Konzil hervor, das sich nach nationes organisiert hat, um die Mißstände der Christenheit, namentlich das päpstliche Schisma, zu beenden. Zuvor ist der Terminus nationes an den Universitäten zu Hause für die landsmannschaftlich gegliederten Studentenheime der ansonsten lateinischen, d.h. internationale Universität. Es ist gerade nicht die Einheit, sondern die Einheit der Vielfalt, die Europa charakterisiert. Die Kaiserdarstellung in der Bamberger Apokalypse zeigt den Kaiser (Otto III.), neben ihm Petrus und Paulus und vor ihm vier weibliche Gestalten, die als Gallia, Italia, Germania und Sklavinia ausgewiesen sind. Sie stehen, geordnet nach der Anzienität, neben einander. Es hat nie ein zentralistisches europäisches Großreich gegeben noch je eine Theokratie. Die politische Polymorphie hat noch weitere Gestalten wie die feudale Herrschaft neben der Stadt, die Reichsunmittelbarkeit, die Konföderation wie die Hanse oder die Schweiz. Diese Polymorphie war die Voraussetzung für partielle Autonomie und in gewissen Grenzen für eine sozusagen nichtintendierte Toleranz. Gewaltenteilung, nämlich Machtbegrenzung, gab es in Europa lange bevor sie Programm wurde. Weder die Reformation noch die Aufklärung wären ohne sie wirksam geworden.
13. Die europäische Geschichte ist eine Geschichte der Renaissancen, Reformationen und Revoluti-onen. Darin liegt zweierlei: einmal der Rückbezug auf die grundlegenden Traditionen, kurz Jerusa-lem, Athen und Rom, zum anderen aber ein sich wiederholendes Aufbrechen, Durcharbeiten und Überbieten dieser Traditionen. Die so viel verspottete Scholastik war weit weniger autoritätsgläubig als zumeist angenommen. Ein Scholastiker hat gesagt: "Wir sind Zwerge, die auf Riesen stehen. Deshalb sehen wir weiter als sie." Die Scholastik war weit weniger autoritätsgläubig als allgemein angenommen. Sie hatte nämlich zu viele Autoritäten. Notgedrungen musste sie über sie zu Gericht sitzen nach der Methode "sic et non" oder "videtur quod..."- "sed contra". Richtig ist nur, dass sie gänzlich textorientiert gearbeitet hat. Erst mit Anbruch der Neuzeit wird Gottes zweites Buch, das "Buch der Natur", direkt, experimentell nämlich, zu lesen begonnen. Sie hat die spätantike Überlie-ferung weder starr kanonisiert, wie das von Ostrom/Byzanz und weithin der orthodoxen Kirche gilt, noch ausgeschieden, wie die islamische Welt, in der nach einer Blüte an die Spätantike anknüpfen-der Bildung, die sie vorrangig über Spanien an das christliche Europa vermittelt hat unter dem Druck der islamischen Orthodoxie, ein regulärer Abbruch erfolgte, auch der argumentierenden Theologie. Ich zitiere Oskar Köhler: Der "seit dem 5. Jh. politisch und kulturelle tiefgreifend verän-derte occidens (sc. durch den Sturm der Völkerwanderung R.S.) bot dem Christentum die Möglich-keit, eine - abgesehen von den Restbeständen der römischen Spätantike - primitiv-kulturelle Gesellschaft selbst zu bestimmen, und dies kraft sowohl der Überlegenheit einer Hochreligion wie der geschichtlich zugewachsenen Fähigkeit, Momente einer sich in ihrer historischen Eigenexistenz auflösenden Hochkultur auf die neuen Völker zu übertragen" (Art. Abendland TRE 1, 25).
Dieser Vorgang mußte nicht so ablaufen, wie er abgelaufen ist. Das Christentum konnte auch sozusagen im paganen Bestand dieser Völker versickern. Solche Tendenzen hat es ja anfangs auch gegeben, wie das fränkische Eigenkirchenwesen oder die Bischöfe, die in ihrem Gehabe von Herzögen kaum zu unterscheiden waren. Statt dessen wurde aber das Christliche immer wieder zum reformatorischen Impuls. Denn der Grundsatz "Ecclesia semper reformanda" ist nicht erst von der Reformation geprägt worden. Er war auch im Mittelalter zu Hause. Gegen die Verweltlichungstendenzen der Kirche kommt es immer wieder zu Aufbrüchen. Die Reformbewegung von Cluny gehört hierher, die sich gegen Ämterkauf und schließlich gegen die Vergabe kirchlicher Ämter durch "weltliche" Herrscher wehrt, aber auch die mittelalterlichen Armutsbewegungen des entschiedenen Christentums, wie Waldes und Franziskus. Der eine wird Ketzer, der andere Heiliger, obwohl sie fast dasselbe wollten. Und neben den großen Konfessionen der Reformation stehen die spiritualistischen Richtungen des sog. linken Flügels.
14. Europa hat sich nie abgeschottet. Auch China verfügte zur Zeit der europäischen Entdeckungsschiffahrt über hochseetüchtige Schiffe und ist bis Afrika gelangt.. Aber ein kaiserliches Edikt hat die Hochseeschiffahrt unter Todesstrafe gestellt. Ähnliche Abschottungsverfügungen kennt die japanische Geschichte.
15. Die europäische Geistesgeschichte ist, um Ebeling zu zitieren (RGG Bd. 3, Art. Theologie und Philosophie), durch eine "fundamental geschickhafte Dualität" charakterisiert, "die nach Verständ-nis und Gestalt sehr verschieden begegnet: als zwei Welten, zwei Reiche, Gott und Welt, Offenbarung und Vernunft, Glauben und Wissen, Kirche und Staat" und eben auch als Philosophie und Theologie. Sie wirkt de facto als Gewaltenteilung, antimonistisch, antizentralistisch.
16. Was ist, geschichtlich gesehen, das prägend Christliche am sog. "christlichen Abendland"? Ich könnte mit Harnack antworten: "der unendliche Wert der menschlichen Seele", nenne es aber lieber den christlichen Individualismus. Er ist einerseits der Heilsindividualismus: Gott bezieht sich auf jeden Menschen in individuo und dies unverfügbar für dritte. Im spätmittelalterlichen Universalienstreit war dies ein starkes nominalistisches Argument: Gott liebt nicht den Menschen, also die Gattung, sondern Petrus oder Paulus, also Individuen. Deshalb müssen die Individuen, nicht die Gattungen primär wirklich sein. In diesem Verständnis des Menschen vor Gott wurzelt ein Verständnis von Menschenwürde, das im Unterschied zum stoischen unbedingt, auch nicht durch Vernunftsbesitz bedingt ist, sondern auf der unbedingten und unverlierbaren Gotteskindschaft (Gottesebenbildlichkeit) beruht. Und er ist andererseits Verantwortungsindividualismus: jeder Mensch ist unmittelbar vor Gott verantwortlich. Darin wurzelt die europäische Gewissenskultur. Dieser aber verkommt leicht zum religiösen Leistungsprinzip, wo ihm nicht das christliche Dankbarkeitsprinzip vorgeordnet ist, die Freiheit der Beschenkten, die Sokrates allerdings so nicht kannte.
17. Zum "christlichen Abendland" gehört aber ebenso die Säkularisierung. Sie hat selbst christliche Wurzeln, und zwar auf zwei Feldern. Die auf dem Schöpfungsgedanken beruhende Entmythologisierung der Welt ist eine Voraussetzung für die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaft und Technik. Kopernikus, Kepler, Galilei suchen mithilfe der Mathematik Gottes Schöpfungsplan. Das andere Feld ist die Entsakralisierung der politischen und rechtlichen Ordnungen in der Neuzeit, die im spätmittelalterlichen Kampf zwischen Sacerdotium und Imperium beginnt und unter den Erfahrungen der spanischen Greuel in Amerika und der Religionskriege vorangetrieben wird. Der Gedanke des Naturrechts erzwingt eine exzentrische Perspektive. Las Casas vor Karl V. erklärt: wenn die Indios sich gegen die eindringenden Spanier verteidigen, führen sie einen gerechten Krieg. Er führt schließlich zur Konzeption der Menschenrechte und des Verfassungsstaates. Es war Hugo Grotius, der ein Völkerrecht forderte, das gilt "sicut deus non daretur" - um des Friedens willen und insofern aus christlichen Motiven heraus, nicht aus atheistischen Prämissen. Erst danach wird der Satz sicut deus non daretur zum methodischen Grundsatz der Naturwissenschaft erklärt. Die war aber schon zuvor so verfahren, Denn wenn sie mithilfe der gottgegebenen Vernunft auf der Suche nach Gottes mathematisch verfaßten Schöpfungsplan war, also aus der Perspektive des Schöpfers die Welt betrachtete, konnte Gott nicht darüber hinaus noch einmal ein besonderes physikalisches Argument sein. Auch der gesellschaftlich akzeptierte, moralisch nicht diskreditierte und argumentativ begründete Atheismus ist eine europäische Singularität. Möglich geworden ist er einerseits durch jene beiden Säkularisierungen, andererseits insoweit er sich als Humanismus versteht und tatsächlich auch bewährt, der den Grundsatz der Würde jedes menschlichen Individuums akzeptiert, also das Instrumentalisierungsverbot akzeptiert. Mein Haupteinwand gegen den Marxismus, Marx selbst inbegriffen, war der, dass zwar "der Mensch" im Mittelpunkt stehen sollte, aber der zukünftige, "neue" Mensch der klassenlosen Gesellschaft gemeint war und für dieses erhabene Menschheitsziel dürften die gegenwärtigen Menschen, namentlich die Schädlichen, manipuliert, indoktriniert oder gar eliminiert, jedenfalls aber durften ihre Freiheiten beschnitten werden. Der christliche Glaube und der europäische atheistische Humanismus sind dann zwei streitende Brüder (E. Jüngel), die neben dem, was sie trennt, so viel verbindet, daß ein modus vivendi gefunden werden kann. Was sie verbindet, wird deutlich im Vergleich mit außereuropäischen Kulturkreisen. Daß eines jeden Menschen Leben zwischen Geburt und Tod der eine Ernstfall ist, ist für die Religionen der Reinkarnation nicht ebenso evident. http://www.zeit.de/2002/12/Kultur/kulturbrief_15032002.html Dies alles gilt so nur vom lateinischen Europa. Kolakowski hat übrigens die besondere, dogmatische Form, die der Marxismus in Rußland entwickelt hat, auch darin begründet gesehen, daß es in der russischen Geschichte keine Scholastik, keine Renaissance, keine Reformation und bis Ende des 19.Jh. keine akademische Philosophie, nur schwach entwickelte Städte, keine Rechtsstaatlichkeit, dagegen aber einen despotischen Caesaropapismus gegeben hat, der die westeuropäischen Bündnisse von Thron und Altar bei weitem überstieg (Die Hauptströmungen des Marxismus ,Bd.2, 343ff.). Die alte Grenze zwischen Ostrom und Westrom, zwischen dem lateinischen und dem griechisch-kyrillischen Alphabet ist bis heute in Europa spürbar, wenn auch nicht unüberwindbar. http://www.zeit.de/2002/12/Kultur/kulturbrief_15032002.html Manche mögen eine solche Beschreibung europäischer Singularitäten als Eurozentrismus ablehnen. Ich wende ein: die Kritik des Eurozentrismus ist selbst ein europäisches Motiv, nämlich eine Spielart des abendländischen Gedankens der Gleichheit aller Menschen und der europäischen Kultur der humilitas. Das eigene Reich als "Reich der Mitte" zu verstehen ist eher der Normalfall. Man kann es damit auch übertreiben. Einer solchen unerträglichen Übertreibung der humilitas haben sich z.B. diejenigen schuldig gemacht, die nach dem 11. September erklärten, der Westen selbst trage die Schuld an den Attentaten. Inwieweit diese Singularitäten Fluch und Segen sind, steht ja noch einmal auf einem anderen Blatt. Die Kulturkritik des Rundumschlags, von der sich die Kritiker selbst natürlich ausnehmen, gehört auch die negative Seite europäischer Proprien. Es ist aber einfach eine Tatsache, daß das Jahrtausend, das jetzt zuende gegangen ist, das Jahrtausend Europas war, das im Schlechten wie im Guten auf die anderen Erteile eingewirkt hat. Auch die viel beredete Globalisierung kann in gewisser Weise als Europäisierung verstanden werden. Ich folgere daraus zuerst, daß Europa keine exklusive, aber eine besondere Verantwortung dafür hat, diese Prozesse kritisch und selbstkritisch zu bedenken.
Das Vorgetragene mag als ein allzu bunter Strauß von Elementen und Motiven erscheinen - ungeeignet für eine Identität, die Europa vereint. Ich möchte widersprechen. Es gibt einen Zusammenhang, der das Vorgetragene zusammenhält, nämlich den Zusammenhang von Freiheit, Wahrheit, Vernunft und Verantwortung. Er hat bei den Griechen seinen Anfang genommen und ü ber furchtbare Irrungen und Wirrungen unsere Geschichte bestimmt. Er ist verlierbar. Wir müssen ihn erinnern, um das Neue zu schaffen, das Europa werden soll.
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