KULTURPREISVom Schatten über Allem

von Hans Wollschläger

Sehr geehrter Herr Staatsminister, meine sehr geehrten Damen und Herren vom Rat und Vorstand der Bayerischen Landesstiftung, meine Damen und Herren alle, die Sie die feierliche Freude dieses Vormittags mit uns zu teilen gekommen sind: Wo so erhebend, ja erhaben über einen gesprochen wird, gerät man als erstes doch in Verlegenheit, und ich bekenne sie Ihnen. Denn je älter man wird, desto weniger sieht man sich imstande, inmitten des immer komplizierteren, gefährlicheren, wüsteren Lebens von der eigenen Leistung hohe Meinungen zu entwickeln, und die Einsicht in die Gebrechlichkeit der Welt, die - es kann nicht ausbleiben - mit den Jahren wächst, läßt mit den Jahren auch die ins Stückwerkhafte alles dessen wachsen, was man darin ausrichten kann. Die Strecke, die man - beachtlich erfolgreich, habe ich gehört - zurückgelegt hat, ist ja auch eine der Frustrationen, und je länger sie wird, desto länger wird auch die Liste der Bescheidungen, der aufgegebenen Pläne, der Kapitulationen - der ganzen Vorstufen also der Großen Kapitulation, die am Ende wartet. Man darf sie nicht in sich einlassen, wohl wahr; aber je näher sie rückt, desto weniger ist sie zu übersehen, und sie wirft ihren Schatten schließlich über Alles.

Ich bin der Älteste von uns hier, wie es scheint, und gerate in Gefahr, wenn ich von den Jahren rede, nicht mehr für uns alle sechs zu sprechen, wie ich doch sollte; ich spreche aber jedenfalls von etwas, was den Andern, wo es noch nicht erlebt ist, zu erleben bestimmt bleibt. Es ist, so scheint mir, unabänderlich, daß die Jahre verändern: sie unterhöhlen alles just Bestehende nicht nur, sondern auch das, was man für dauernd beständig gehalten hat: alle Wert-Begriffe werden frag-würdig, nicht nur die des Selbstverständnisses. Sind wir gerührt von der liebenswürdigen Wertschätzung und Bedankung, die unsere Arbeit hier erfährt, so irritiert zugleich von der Über-Schätzung, die wir darin argwöhnen müssen; möchten wir unsererseits den Dank ausdrücken, der uns bewegt, so geht das, wenn's nicht auf bloße Festredensarten hinauslaufen soll, kaum an, ohne daß wir unsererseits überlegen, wofür eigentlich - außer der hocherquicklichen materiellen Zuwendung - wir danken. Ich gehe einer Beschäftigung nach, die aufgrund ihres geringen Ertrags von nur wenigen akklamiert oder auch nur gutgeheißen wird: - sollte ich mich einfach freuen darüber, mich fühlen, vielleicht sogar "stolz" darauf, daß heute so viele zusammengekommen sind, um es zu tun? Die Stars "von dieser Welt" sind ja doch fraglos ganz andere: - sollte ich mich in der schönen Gewißheit wiegen, es sei ihr, "dieser Welt", urplötzlich aufgegangen, daß sie, wo jene auf allen ihren Bildschirmen funkeln, selber doch anstandslos zappenduster bleibt, und sie habe daraus die Notwendigkeit begriffen und anerkannt, ihr auch noch andere Lichter aufzustecken? Les lumières - die Aufklärung - einer der Alias-Namen der Humanität -: ich müßte weit ausholen, um Ihnen zu sagen, wie sehr sich meine Arbeit diesem großen Begriff immer dienstbar gefühlt hat - und wie erschrocken ich bin, so oft er sich im Gegenlicht der fortschreitenden Realität zur Grimasse verzerrt. Es sind jene Momente, wo man sich selber auf einmal eher komisch am Werk sieht: wie man da immer noch aus alter, durchaus zweifelhafter idealistischer Tradition gegen den Weltlauf anfuchtelt; auf keinem Gebiet ist der sprichwörtliche Eine Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen so klein und so leicht getan wie bei solcher Introspektion. Man kann dann auch die Ehre, die Werk und Arbeit erwiesen wird, nicht mehr gegenhalten, ohne von der Anfechtung beschlichen zu werden, sie sei vielleicht, wie - wenn auch nicht Shakespeares, so doch Verdi/Boitos - Falstaff singt, zuletzt "nichts als zwei Silben"; man kann dann die Gewißheit, daß die Gesellschaft die Kulturleistungen längst nur noch als ästhetische Retusche ihrer Wirklichkeit zuläßt, nicht mehr von dem unbequemen Gedanken freihalten, daß sie mit Preis und Preisung nur einen Kritiker entwaffnen wolle - und daß dies seine Gefährlichkeit hoch überschätzen heiße. Es geschieht ja regelmäßig in einem Moment, wo man ohnedies, so ganz "von selber", der eigenen Überzeugungen müde wird, der eigenen Arbeitsanstrengung folglich, kurzum seiner selbst -: man spürt das Bedürfnis, sich für Die Gesellschaft und ihre Schicksale nur noch so brennend zu interessieren, wie sie's selber für einen tut, nämlich gar nicht; man ist bedroht von dem Wunsch, nur noch Zuschauer zu sein, in den Ruhestand des Bios theoretikos, der Vita contemplativa zu gehen, nur noch gegen kleinere Übelstände wie - etwa - die "jagdliche Übernutzung des Feldhasen" zu protestieren oder - da wir da grad auch bei einem Sprachgreuel sind - gegen den abscheulichen Niedergang des Konjunktivs, und im übrigen den mephistophelischen Rat anzunehmen, den ganzen Rest am Ende gehn zu lassen, wie's Gott gefällt. Ich spreche von den verändernden Jahren; ich beschreibe Ihnen, in sich wahrlich darunter windenden Sätzen, die schleichende Erosion durch die Treibens-Müdigkeit, und bitte Sie um Geduld für noch einige weitere, um Ihnen wie mir selbst vielleicht die Erkundigung beantworten zu können, wofür ich Ihnen danke.

Müdigkeit, Erosion... dabei ist man doch noch unbehindert auf den Beinen! Die Realitätsprüfung findet, wie die Frage nach dem sachlich Zureichenden Grund, die man an sich selber richtet, nicht leicht eine Antwort. Hat sich denn wirklich etwas verändert? Das große Credo, mit dem man angetreten ist, war immer so groß, daß man's selber fast nicht glauben konnte: Wer nicht, so lautet es, zu der Erkenntnis vordringt, daß alle Polit- und Sozialgeschichte in der Evolution nur, wie immer auch turbulent und sich vordrängend, nur ein Umweg und Mittel ist, um zur Kulturgeschichte zu gelangen, der produziert eine falsche Gesellschaft... : kann etwas denn noch falscher werden als falsch? Man war vielleicht des Richtigen gewisser damals, einst, und hatte es leichter mit dem Hochmut und der blasierten Miene. Aber die Angst vor den Über-Mächten der Wirklichen Welt lief doch von Babybeinen an mit nebenher, so wie der Abscheu: Die Gesellschaft da, zwischen Warenwerbung und Warenfraß hin und her stümpernd, so ekelhaft zu sehen: - war sie's denn, derart ekelhaft, nicht immer? Nur daß die Schranke zwischen Ich und Nicht-Ich, entsinne ich mich recht, stabiler hielt - und daß die elende Tristesse dieser unserer Nächsten, das Leiden hinter ihrem Fun-Fanatismus heute einem leichter unter die Haut geht, die sich folglich mehr schützen muß. Nein, wirklich neu ist nichts: "Dasselbe, immer anders", wie Schopenhauer von der Geschichte sagte -: wird denn von ihrem heutigen Anblick objektiv mehr verstört als nur das legitime Bedürfnis des Geschichtsbetrachters nach Abwechslung? Das bißchen Anders-Sein der Augenblicke untereinander: nur die Veränderer hießen immer ein bißchen alias, philologisch unerhebliche Varianten im Text; aber keine der minimalen Veränderungen im Weltlauf kam unvorbereitet; ja, eigentlich hat man sie jedesmal vorausgesehen und konnte unschwer prophezeien, was er als nächstes anstellte. Die Umwelt: immer malträtiert; schon mein Freund Rückert hat vor 150 Jahren die chemie-verseuchten Flüsse beklagt. Die Sozialität: nie eine Sommerfrische der Nächstenliebe. Die Bildungskultur: immer ein hauchdünner Firnis mit historischer Craquelure; ein paarmal haben wir ihn platzen sehen und wieder verharschen wie fast jede Generation. Nicht schlechter Unsere Zeit denn, wie auch schlecht; die Rede von der aetas aurea stellt sich für eine Epoche generell erst ein, wenn sie vorüber ist, und der Kultur-Pessimismus muß sich nicht genieren; in der unmittelbaren Gegenwartsumgebung ist im Gegenteil nur Optimismus die pure Myopie. Es war doch immer Anlaß, sich von der Menschheit entgegen ihren vorgeblichen Idealen mehr Schein als Sein auszubitten, um wieder an sie glauben zu können: - sie gab sich redlich Mühe und blieb behäbig, was sie war. Sicher, die jähe Geschwindigkeit, mit der im gerade verlassenen Jahrhundert der Barbarei die in Jahrhunderten gewachsenen Werte-Skalen zusammengebrochen sind, ist wahrhaft beängstigend -: man muß mit dem alten Erbe mit noch mehr Behutsamkeit umgehen, noch konservativer werden, wagnis-ängstlicher - oder? Nein, unter der alten Sonne nichts Neues, am Ende nicht einmal die lakonische Gesamt-Erkenntnis, daß der Weltlauf jedenfalls für Zuschauer unter 80 Jahren nicht geeignet ist.

Nun werden Sie meinen, das alles sei nun wirklich typisch "das Altern", wie es der Jedermann kenne, der Niederschlag der physischen Reduktion im Denken, nur der von den Jahren veränderte Blick auf das schopenhauersche Semper-idem, und der Arzt oder Apotheker müsse gefragt werden. Aber ich fürchte, es hat nichts damit zu tun, wie weit der Zeitpunkt, wo die Vitalität über den Zenith kippt, schon hinter einem liegt. Man kommt ja, wenn man seinem Leben so wunderliche Prioritäten gesetzt hat, wie ich das schon früh getan habe, auch aus dem Kopfschütteln früh schon gar nicht mehr heraus, und so ist das Altern, das ich meine, etwas ganz anderes - und als solches eine schon früh einsetzende, streng genommen lebenslängliche Sache. Sie macht auch die erodierende Müdigkeit zu einer ganz anderen als gewohnt: zu etwas Innerem, das keine Anstrengungen mehr braucht, um zu entstehen, und keine Augen-Blicke, um zu sehen. Sie wirkt sich dort um so verheerender aus. Nicht die Energie des Körpers wird langsam darin hohl, sondern die Zuversicht, sein bißchen Energie noch einzusetzen gegen die Körperwelt: Daß "alles eitel" sei, umsonst-vergeblich-nichtig, zieht als salomonische Basiserfahrung ein wie eine aus der archaischen Infantilität; sie hat keinerlei Empirie mehr nötig. Die Angst vor dieser Müdigkeit lähmt wie sie selbst; sie ist jene "Sorge", von deren Anhauch Faust erblindet. Blinde hören besser, schärfer -: kommt es daher, daß die Gesellschaft immer lauter wird? Daß sich ihr Lärm zu jenem fatalen Unisono aufzuschaukeln scheint, das alle Horrorlaute zwischen "Heil" und "Barrabam" in sich aufgenommen hat? Alle Feindbilder auch unserer Arbeit gegen den Weltlauf ziehen sich darin zu einem Geräusch zusammen, und seine Stimme mutet an wie - nun, wie ein gigantisches tönendes Erz und wie eine klingende Schelle. Und wie könnte ich die große Metapher der Liebelosigkeit über die Zunge gehen lassen, ohne daß ich nun des einen umfassenden Lärms gedenken müßte, der wie kein anderer entmutigt, jenes Krachs, der entsteht, wenn hinten weit noch hinter der Türkei die Völker aufeinanderschlagen.

Dieser so plötzlich so verheerende Lärm: ist er denn lauter als früher? Wieso ist er derart laut? Bedeutet er mehr als der tägliche Radau, wie schießlustige Schnösel, die in ihr Gebrabbel soviel Polit-Rhabarber aufgenommen haben, daß die Kollegen vom Fernsehen sie alsbald alls "militante Gruppe" respektieren, unter Freiheitsgeschrei über die Weltbühne stürzen? Ein allgemeines Auge-um-Auge, ist plötzlich darin aufgetaucht, das man längst unter den archaischen Redensarten abgelegt glaubte; man hört die Wörter "Rache", "Strafe", "Vergeltung" durch alle Gassen schwirren und auf allen Datenautobahnen entlangrasen und sieht am hellichten Tag mit an, wie das Neanderthal seine Brückenköpfe ausbaut. Auf einmal hat die öffentliche Rede ein Zackzack bekommen, das wie aus dem Ghetto ältlicher Frontkämpfertreffen ausgebrochen wirkt. Ich bekenne Ihnen, daß ich völlig fassungslos vor dem Anblick stehe, wie dem Kanzler dieser Republik, seinem Außen-, seinem Verteidigungsminister ohne vorwarnende Inkubationszeit das schneidige Auftreten von unverhohlen stolzen Kriegsherren gelingt: - habe ich ihnen nur voraus, daß ich die letzte Große Zeit noch erlebt habe? (Die davorliegenden alle auch; aber das steht auf einem anderen Blatt). Es gab ihm Dritten Reich den Flüsterwitz, wie zwei Leute auf einem frisch geschenkten Globus die riesigen Länderblöcke der Feinde, der USA und der UdSSR, aufsuchen und dazwischen das vergleichsweise winzige Großdeutsche Reich und wie sich dem einen daraufhin der beklommene Ruf entringt: "Wenn das der Führer wüßte!" Es scheint auch diesmal ein Wissensmangel elementarer Art zu sein, der mit den Möglichkeiten des Gewaltkrieges spielt, und die an sich beneidenswerte Gedankenschlichtheit des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der als gigantischer Good Boy "das Böse bekämpfen" will, wird doch heillos unheimlich, sobald er es auf dem geographischen Atlas dingfest zu machen versucht. Auf dem geschichtlichen braucht nur flüchtig nachzusehen, wer sich vergewissern will, daß "der Krieg" das Ende aller Gesittung ist. Wo sind wir auf einmal hingeraten? So hoffnungslos altmodisch, ja zum Gähnen langweilig ist der Einfall, gegen einen wie auch greuelhaften Mißstand die aus dem Neolithikum geerbte Keule zu schwingen, daß man sich nicht wundern würde, wenn im Postkasten - wie einstens jahrzehntelang - auf einmal auch wieder eine Einladung zur "Sedan-Feier" läge. Wohnen wir einer kollektiven Regression bei? Einem Rückfall in die Graue Vorzeit? Steht uns die Wiedereinführung des Faustrechts bevor? Hat das Recht des Stärkeren, das die Kulturarbeit so mühsam aus allem Rechtsdenken vertrieben hat, auf einmal wieder freien Zutritt zu den Köpfen? Sind wir wieder Klippschüler geworden, die erst neu wieder lernen müssen, was aus Hitlers Krieg und der Wiederkehr seines Geistes am Golf und auf dem Balkan doch längst gelernt schien? Ich bekenne Ihnen, nochmals, meine völlige Entgeisterung darüber, daß diese Wiederkehr möglich war, und schäme mich für die heillose Bloßstellung, die sie uns brachte, in Grund und Boden. Kulturarbeit ist Friedensarbeit, unabdingbar; ein Kulturpreis, für das verliehen, was gegen den Weltlauf getan wurde, ist nicht mit Worten zu bedanken, die nicht Worte gegen den Krieg sein müßten... Sie werden, meine Damen und Herren, abwinken und sagen, wir Kulturkritiker seien halt immer auch Romantiker gewesen, Utopisten sowieso, und hätten derart grundsätzlich jedenfalls "gut reden". Das ist ja wahr: wir haben es einfacher als Sie. Die Sorge, daß die Waffenindustrie keine Arbeiter entläßt, hat uns nie beschäftigen müssen, und auf die ganze Wirtschaft und alle realpolitischen Zwänge zu pfeifen, auf all die vom Teufel voll-steckenden Details, fällt uns kinderleicht. Aber wir wissen zugleich doch, daß nur wir das dürfen und können - und daß, indem wir's tun, gerade die Wirkungslosigkeit unseres Tuns sich vollends besiegelt. Es macht ein Stück der beschriebenen Müdigkeit aus, dies zu wissen, ja dies erst treibt sie mitten ins Herz: Wir sind, wem oder was auch immer sonst, der Wirklichkeit nicht gewachsen; wir haben Ihrem Fortschritt immer nur etwas abringen können, was Aufschub war: ein kleiner meist, noch kleiner denkbar, denkbar einmal: keiner... Meine Müdigkeit durch die verändernden, so viel vergeblich machenden Jahre ist groß - die innere, die ich Ihnen anzudeuten versucht habe, nicht die äußere, deren Pazifismus Sie damit erklären könnten, daß ich, ausgewiesener "Polemiker" einst, nun einfach nicht mehr kregel und mobil genug sei, um die Keule zu schwingen. Aber es hilft ja nichts: Ich habe einen Friedens-Preis erhalten, eine Belobigung des Weltlaufs für die paar Sachen, die ich gegen ihn unternommen habe, und dem Dank dafür bleibt gar nichts übrig, als weiter vergeblich gegen ihn zu reden und für den Frieden. Kriege erklären eins, und es erklärt sie eins: daß sie der Bankrott der Politik und ihres Grundauftrags sind, spätestens Anlaß also, die verursachenden Politiker als unfähig (oder bösartig) zu erkennen und festzusetzen. Bei Hitler konnte (und wollte) man das nicht; heute, wo schwächeren Kriegsverursachern die Unterkunft in Den Haag winkt, will man es immer noch nicht so generell, wie man's könnte. Es muß, generell, gewollt werden. Der Politiker, der als erster nicht nur die Allgemeine Wehrpflicht abschaffte, die "Naturinsulte", wie Karl Kraus sagte, sondern auch das notwendige Entmächtigungsgesetz installierte, das dem Regieren selber die Machtbefugnis nähme, Kriege zu beginnen, mit Kriegen politisch zu reagieren, und generell jene Voll-Macht, selber rechtsgelöst zu handeln und das Tötungsverbot aufzuheben, den Lebensschutz, das älteste und höchste Rechtsgut der Kultur, - er wäre in jedem Sinn der erste Staatsmann der Zukunft.

Sie werden mir, hoffe ich, verzeihen, daß ich so konkret ins Hier-und-Jetzt meiner Mutlosigkeit habe sehen lassen - und die Gelegenheit nahm, mich daraus aufraffend, uns allen zu wiederholen, was die Grundlage aller meiner Tätigkeit war und ist und bleiben wird: Daß "der Krieg" end-gültig und unwiderruflich kein Mittel des gesellschaftlichen, des politischen Handelns mehr ist. Heute stellt ein Krieg nicht nur ein paar kulturelle oder sozialmoralische Illusionen infrage: ein Krieg heute ist ein Rückfall in die archaische Barbarei, in die Steinzeit, deren auch äußere Bedingungen er leicht zu erneuern technisch gerüstet ist; er ist, nochmals, das Ende aller Gesittung überhaupt. Daß auch dieser Krieg "schlecht enden" wird, wie man so sagt, ja schon verloren ist, bleibt dabei gleich; alle Kriege enden schlecht und wir mit ihnen. Vielleicht ist es dieses Semper-idem ihrer Geschichte, was die Menschheit sprachlos gemacht hat; vielleicht ermöglicht die radikale Abkehr vom immer wiederkehrenden Gleichen, die Sprache wiederzufinden zu dem Dialog, der seine Stelle einnehmen muß? Dialog -: nicht mit den Terroristen, aber dringend doch mit dem, was der Terror, uns wörtlich erschreckend, ausspricht. Es gilt, neue Wörter zu finden und die Entstehung einer Destruktivität zu beraten, die uns die Rede nun endgültig verschlagen hat. Katastrophen sind, unabhängig von den Werkzeugen, durch die "das Schicksal" sie über uns schickt, die Buchstaben einer Nachricht, die auf der kreideweißen Wand erscheint: sie müssen wie jenes alte Menetekel gedeutet werden, weil sie die Sprache der darunter tafelnden Gesellschaft nicht sind. Der Islam schreibt in anderen Zeichen, und ihre Kenntnis ist im Abendland nicht weit verbreitet -: es ist gewiß mit Überraschungen zu rechnen, wenn sie entziffert werden und übersetzt. Wer mit seinen Wurzeln in die Trümmer des Weltkriegs zurückreicht und im Ohr unverlierbar den Ton nicht nur der Sirenen, sondern auch der detonierenden Luftminen hat, der hat genügend Gedächtnis, um zu wissen, daß die alte Rechnung, die da an der Wand steht, noch viel älter ist als gedacht: sie kommt aus der Kolonialzeit, wo sie unbeglichen geblieben ist, und vielleicht muß man im Orient gereist sein, um eine volle Vorstellung davon zu gewinnen, wovon auf ihr die Rede ist. Das stehe einstweilen dahin... Nietzsche prophezeite dem 20. Jahrhundert vor über 100 Jahren das meiste, was ihm blühte: "Erschütterungen... einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Tal... Kriege, wie es noch keine auf Erden gegeben hat..." Die Umwertung aller Werte war sein denkerischer Versuch, dem europäischen Nihilismus, den er wie keiner heraufkommen sah, ein Dialogangebot zu machen. Die Umstellung aller Werte auf die Dollarwährung, in deren Gestalt er dann heraufkam, war die falsche Antwort.

Ich habe von eher düsteren Sachen geredet, und Sie werden vielleicht finden, daß ich dem freudenreichen Tag zu schattige Farben beigemengt hätte. Aber Sie werden auch gespürt haben, daß die ganze Zeit damit von dem die Rede war, was Ihre Ehrung bedeutet und was wir Ihnen vor allem anderen danken -: ein sehr gewichtiges "Freund Yorick, Mut!", eine Aufhellung meines, unseres Lebensganges durch die dunkler gewordenen Jahre, durch das immer kompliziertere, gefährlichere, wüstere Leben, mit dem wir's ja wohl oder übel weiterhin aufnehmen müssen. Es ist dies Licht, diese schöne Beleuchtung, diese wörtliche Aufklärung fast wie ein Stück unserer lumières selbst, das da zu uns zurückkommt, und sie enthält eine Botschaft, die wir umso lieber annehmen, als sie von uns selber sein könnte: es doch weiter zu versuchen mit dem Trotzdem, gegen das Nichts-Neues, das Semper-idem der Geschichte. Sie hilft uns zuletzt, bei der Hoffnung auszuharren, daß wir noch nicht ganz von dem verlassen werden möchten, was einmal Abendland hieß, und daß "der Geist" bei uns bleibe, der aus ihm so einzigartig in die Welt kam. Ich schließe ziemlich hilflos mit dieser Invokation; vielleicht springt, was sie meint, uns ja noch einmal helfend bei mit einem Aufschub, und sei's für nur noch einige kurze Zeit. Denn es will, scheint mir, wirklich Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.

Ich danke Ihnen - w i r danken Ihnen herzlich für die Ermutigung gegen unsere Müdigkeit.



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