Herr Bundespräsident,Herr Ministerpräsident Böhmer,lieber Herr Kertész,meine sehr verehrten Damen und Herren!Der 3. Oktober ist für uns Deutsche ein Tag der Freude. Wir freuen uns über die wiedererlangte Freiheit, die Voraussetzung für die staatliche Einheit war und ist. Der 3. Oktober wird daher auch immer der Tag sein, an dem wir uns an den Mut erinnern, mit dem die Deutschen in der damaligen DDR die Mauer zum Einsturz gebracht und ein diktatorisches Regime überwunden haben.Inzwischen wachsen Jugendliche heran, die Mauer und Todesstreifen - zum Glück - nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern kennen. Die aber womöglich Bilder von der großen Flut im vergangenen Jahr im Gedächtnis behalten werden. Bilder, die nicht nur Zerstörung und Not zeigen, sondern auch den gelebten, praktizierten Gemeinsinn der Deutschen aus Ost und West.In den dreizehn Jahren der deutschen Einheit haben wir miteinander viel erreicht. Und das vor allem aufgrund der Tatkraft und Courage der Menschen in den damals neu hinzugekommenen Ländern. Trotz dieser beeindruckenden Aufbauleistungen ist die Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern nach wie vor bedrückend hoch. Wir dürfen in unseren Anstrengungen bei der Vollendung der Einheit nicht nachlassen. Auch wenn vieles geschafft ist, machen wir uns keine Illusionen, dass noch ein langer und beschwerlicher Weg vor uns liegt.Meine Damen und Herren,wir erinnern uns heute aber auch daran, dass Deutschlands Freiheit und Einheit nur im europäischen Kontext gelingen konnten. Beides wäre nicht möglich gewesen ohne die friedliche Revolution in Mittel- und Osteuropa von 1989. Ohne das Zerschneiden des Stacheldrahts an der ungarischen Grenze, ohne die Solidarnosc- Bewegung in Polen, ohne die samtene Revolution in Prag. Und deshalb freue ich mich, dass Imre Kertész heute hier unter uns ist.Lieber Herr Kertész, Sie stehen mit Ihrem Lebenswerk dafür, die Menschlichkeit gegen die Erfahrung der Tyrannei in Deutschland zu setzen. Sie verkörpern die Kraft der europäischen Kultur. Sie haben nie nachgelassen, der europäischen Aufklärung das Wort zu reden - obwohl Sie selbst unter den teuflischen Abwegen der europäischen Geschichte, den Nazis und den Kommunisten, so bitter gelitten haben. Sie haben geholfen, dass wir Deutsche uns der Vergangenheit stellen und gemeinsam mit unseren Nachbarn die Zukunft Europas gestalten können. Es ist ein bewegender Augenblick, dass Sie heute mit uns in Deutschland unseren Tag der Einheit feiern.Meine Damen und Herren,zwischen dem 3. Oktober 1990 und heute liegen nicht nur dreizehn Jahre deutscher Einheit. Sondern auch dreizehn Jahre deutscher Souveränität -eingebettet in die europäische Integration.Deutsche Friedenspolitik ist deshalb eine Politik in Europa, für Europa und von Europa aus. Aber: Anders als noch 1990, kann sich Deutschland heute notwendigen Entscheidungen in der Außenpolitik nicht mehr entziehen. Wir können nicht auf die Vergangenheit oder eine mangelnde Souveränität verweisen. Und ich denke, wir können durchaus stolz sein auf die Art und Weise, wie Deutschland seiner gewachsenen internationalen Verantwortung in den letzten Jahren gerecht geworden ist.Wir haben dort, wo es erforderlich war, militärisch Verantwortung übernommen.9.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten sind heute auf dem Balkan, im Kampf gegen den Internationalen Terrorismus oder in Afghanistan im Einsatz. Aber die deutsche Gesellschaft tut das ohne jeden "Hurra-Patriotismus". Auf beides bin ich stolz.Und dort, wo wir überzeugt waren, dass die angenommene Bedrohung die Gefahren und Konsequenzen eines Krieges nicht rechtfertigt, haben wir den Mut gehabt, Nein zu sagen.Wir verfolgen, als Zivilmacht im Herzen Europas, eine Politik der Prävention und des Engagements für Sicherheit in einem umfassenden Sinn: mit politischen, diplomatischen, wirtschaftlichen, aber auch kulturellen Mitteln. Für diese Politik finden wir Partner und große Übereinstimmung in der Europäischen Union, in der NATO und, wie ich erst in der vergangenen Woche wieder erfahren habe, auch in den Vereinten Nationen.Meine Damen und Herren,als stärkste Wirtschaftsmacht in der Europäischen Union tragen wir auch eine Verantwortung für Wachstum und Fortschritt in Europa. Europa erwartet von uns - zu recht-, dass wir die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Potentiale Deutschlands entfalten. Nur dann können wir, im friedlichen Wettbewerb mit anderen, in Europa die Impulse geben, die für den gemeinsamen Markt, die gemeinsame Währung und den gemeinsamen Wohlstand wichtig sind.Das macht, wenn man so will, die "internationale Dimension" unserer Reform- Agenda aus. Dass es nämlich, zum einen, einer nationalen Kraftanstrengung in Deutschland bedarf. Aber dass, zum andern, vom Erfolg der Reformen bei uns noch etwas mehr abhängt als unser eigenes Wohlergehen. Gemeinsam müssen wir einen Pfad finden, der wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit miteinander in guten Einklang bringt.Meine Damen und Herren,wir Deutschen sollten am 3. Oktober mit Bescheidenheit auf die Länder Mittel-und Osteuropas schauen. In diesen Ländern ist seit 1989 Unglaubliches geleistet worden. Sie hatten keinen starken Partner, dessen Steuer- und Sozialaufkommen sie sofort hätten in Anspruch nehmen können. Sie haben enorme Anstrengungen unternommen, um dorthin zu gelangen, wo wir alle in Europa sein wollen: in einer gemeinsamen Europäischen Union, die den Kontinent zusammenhält und Europa das nötige Gewicht weltweit verleiht. Deutschland hat sich auch deshalb immer als Anwalt dieser Beitrittsländer verstanden.Wir sollten nicht zulassen, dass Kleingeisterei und Kleinmut uns lähmen, weil noch längst nicht alles erreicht ist, was wir uns vorgenommen haben. Statt dessen sollten wir an einem Tag wie diesem auch einmal innehalten und zurückblicken auf das, was innerhalb weniger Jahre möglich geworden ist: So, wie Deutschland heute geeint ist, wird Europa bald eins sein. Und diese Einheit basiert nicht auf der Logik von Machtpolitik, sondern auf dem Willen zur Freiheit und auf dem doch ganz einzigartigen europäischen Modell des sozialen Ausgleichs und der wirtschaftlichen Entwicklung.Es stimmt, dass Europa mit der Erweiterung der größte Binnenmarkt der Welt sein wird. Aber es stimmt auch, dass es auf die Größe allein nicht ankommt. Sondern vielmehr darauf, dass wir in Europa durch den freien Willen der Menschen Spaltungen und Rivalitäten überwunden haben. Und dass diese Freiheit zu einer sozialen, und auch internationalen Verantwortung führt, die wir gemeinsam, und im Bewusstsein unserer erreichten Leistungen, wahrnehmen.Ich danke Ihnen.