ZUKUNFTSFORSCHUNGZehn Gebote für das 21. Jahrhundert

Freizeitforscher von Horst W. Opaschowski

Es gab einmal eine Höhle in einem schwer zugänglichen Gebiet. Dort lebte nach einer alten griechischen Sage Trophonius inmitten eines Heiligtums. Wer nun Trophonius nach mancherlei Mühen und Strapazen erreichte, dem verkündete er einen Orakelspruch. Darin wurden die Zukunft und der weitere Lebensweg beschrieben. Doch das Wissen um die eigene Zukunft muss für die Besucher bedrückend gewesen sein, denn ein Sprichwort der damaligen Zeit lautete: "Niemand kann je wieder lachen, wenn er den Trophonius befragt hat".

Wird uns das Lachen vergehen, wenn wir um die Zukunft unserer Gesellschaft wissen? Auf den ersten Blick geben die Zeichen der Zeit wenig Anlass zur Zukunftseuphorie. Das soziale Klima in Deutschland wird eher rauer und kälter. Nicht Ladenschluss, Sonntagsöffnung oder Servicewüste werden die beherrschenden Themen sein. Im nächsten Jahrzehnt kommt es zum Themenwechsel in Deutschland: Im Zentrum der gesellschaftlichen Diskussion steht dann mehr soziales Wohlbefinden als Wohlstandssteigerung, mehr Rentensicherung als Friedenssicherung, mehr Kriminalitätsbekämpfung als Bekämpfung der Umweltproblematik.

Aldous Huxley lässt grüßen. Als er vor über sechzig Jahren seinen Zukunftsroman "Schöne Neue Welt" schrieb, da war er davon überzeugt, dass wir bis zum 6. oder 7. Jahrhundert "nach Ford" noch viel Zeit hätten: Von der ständigen Ablenkung durch Unterhaltungsangebote des Sports und der Musicals über die Verabreichung einer pharmakologisch hervorgerufenen Glückseligkeit bis zur Abschaffung der Familie reichte der Spannungsbogen seines ebenso phantasievollen wie zynischen Bilds einer neuen Gesellschaft. Doch schon knapp drei Jahrzehnte später (1959) musste Huxley eingestehen: "Die Prophezeiungen von 1931 werden viel früher wahr, als ich dachte".

Und auch die Zukunft hat längst begonnen. Noch Mitte der achtziger Jahre waren für die Bundesbürger Familie sowie Ehe und Partnerschaft die persönlich wichtigsten Bereiche im Leben. Jetzt stehen erstmals die Freunde, die Clique und der Bekanntenkreis im Zentrum des Lebens: Die Freunde sind wichtiger als die Familie geworden. Was früher nur eine Art zweite Familie war, ist jetzt zum Lebensmittelpunkt geworden. Die Freunde haben der Familie den Rang abgelaufen. Der Trend zu einer Gesellschaft von Cliquen und Einzelgängern kann folgenreich sein. Ein wachsender Anteil von Menschen wird in Zukunft im hohen Alter einer enkellosen Generation angehören. Kommt es zum sozialen Kollaps, wenn wir so weiterleben wie bisher?

Früher war das Vorhaben Mit Familie auswandern ein großes Wagnis. Wird in Zukunft eine Familie haben ein noch größeres Risiko sein? Jeder fünfte Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren (20%) ist mittlerweile davon überzeugt, dass Heiraten und Eheschließung heute ein Lebensrisiko sind. Dies trifft in gleicher Weise für das Vorhaben zu, eine Familie zu gründen (18%). Und jeder elfte Jugendliche (9%) betrachtet bereits das Eingehen einer festen privaten Beziehung als Wagnis. In einer Zeit, in der Flexibilität als höchste Tugend gefeiert wird, können individuelle Festlegungen und Verbindlichkeiten schnell als persönliche Schwäche ausgelegt werden. Andererseits: Wer keine feste private Beziehung mehr wagt, der kann in Zukunft auch keine soziale Geborgenheit mehr erwarten.

Wenn Flexibilität geradezu als "die" Tugend der Wandlungsfähigkeit gilt, ja, dann müssen doch Verpflichtungslosigkeit und Bindungslosigkeit geradezu zu neuen gesellschaftlichen Werten werden. Eine flexible Gesellschaft fordert: Bleib in Bewegung, geh keine Bindungen und Verpflichtungen ein und bring vor allem keine Opfer. Zeig dein "Chamäleonsgesicht" - heute so, morgen so. Fang immer wieder von vorne an. Das Ziel ist weniger wichtig. Ständiger Aufbruch am Nullpunkt - das ist Risikobereitschaft, das ist totale Flexibilität. Nur: Wenn es keine langfristigen Bindungen und Verbindungen mehr gibt, dann ist doch das ziellose Dahintreiben geradezu vorprogrammiert. "Drift" nennt die moderne Soziologie (Sennett 1998) dieses Verhalten. Hat die Flexibilität als oberstes Wirtschaftsprinzip in der Arbeitswelt von heute eine Gesellschaft von Driftern zur Folge, in der Treue, Verpflichtung und Verbind-lichkeit ihren sozialen und moralischen Wert verlieren? Was hält die Gesellschaft dann noch zusammen? Oder lässt bald auch George Orwell grüßen?

In seinem Zukunftsroman 1984 beschreibt er eine Arbeitswelt, die dem Silicon Valley von heute gleicht: Winstons Arbeitswoche hatte sechzig Stunden, Julias sogar noch mehr. Und ihre freien Tage hingen vom jeweiligen Arbeitsdruck ab und deckten sich selten ... Der Teleschirm schlug vierzehn. In zehn Minuten musste er aufbrechen. Um vierzehn Uhr dreißig hatte er wieder an der Arbeit zu sein. Und genauso beschreibt Bill Joy, der Mitbegründer von Sun Microsystems, den Arbeitsalltag im Silicon Valley von heute: Im Valley ist kein normales Leben möglich, die Leute sind besessen. Sie verbringen den ganzen Tag im Internet, sie reden übers Internet, sie träumen vom Internet und vergessen, dass es noch eine riesige Welt da draußen gibt ... Es gibt nur noch einen Maßstab für Erfolg: Geld (Bill Joy/Der Spiegel Nr. 18 vom 1. März 2000, S. 102). Dies ist die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Wie also werden wir in Zukunft arbeiten, wie werden wir leben? Folgenschwere Entwicklungen und Zukunftstrends zeichnen sich bereits heute ab:

Zukunftstrend 1: Die Globalisierung
Was George Orwell als Zeitalter der Uniformität beschrieben hat, das ist heute das Zeitalter der Globalisierung geworden, die Verteilung der Arbeit rund um den Globus. Die Arbeit wird für die privilegierten Vollzeitbeschäftigten immer intensiver und konzentrierter, zeitlich länger und psychisch belastender, dafür aber auch - aus der Sicht der Unternehmen - immer produktiver und effektiver. Die neue Arbeitsformel für die Zukunft lautet: 0,5 x 2 x 3, d.h. die Hälfte der Mitarbeiter verdient doppelt so viel und muss dafür dreimal so viel leisten wie früher. Die ständige Produktivitätssteigerung bewirkt, dass immer weniger Mitarbeiter immer mehr leisten müssen.

Der Struktur- und Wertewandel der letzten Jahrzehnte hat seine Spuren hinterlassen. Der abhängig und unselbständig Beschäftigte kann nicht mehr Leitbild sein. Und auch die klischeehafte Rollenverteilung Der Arbeiter arbeitet - und der Chef scheffelt ist fragwürdig geworden. Der Neue Selbständige ist gefragt, bei dem Persönlichkeitsentwicklung genauso wichtig wie berufliche Fort- und Weiterbildung ist. Jeder muss in seinem Leben eine unternehmerische Grund-haltung entwickeln - am Arbeitsplatz genauso wie im privaten Bereich: Jeder sein eigener Unternehmer! Diesseits und jenseits des Erwerbs ist in Zukunft jeder als Lebensunternehmer gefordert. Der Lebenssinn muss im 21. Jahrhundert neu definiert werden: Leben ist dann die Lust zu schaffen! Schaffensfreude (und nicht nur bezahlte Arbeitsfreude) umschreibt das künftige Leistungsoptimum von Menschen, die in ihrem Leben weder überfordert noch unterfordert werden wollen.

Heute gilt Globalisierung als Bezeichnung für weltweite Märkte, Produkte und Dienstleistungen. Die neuen Informationstechnologien machen aus nationalen Volkswirtschaften transnationale Unternehmen. In der Realität der Marktforschung zeigt sich jedoch, dass die globale Methode, das gleiche Produkt überall in der Welt auf die gleiche Weise zu vermarkten, nicht immer funktioniert. Der Traum von der globalen Vermarktung scheint ausgeträumt zu sein. Von einigen wenigen Produkten wie z.B. Coca-Cola oder Harley Davidson einmal abgesehen hat die globale Vermarktung zu teilweise spektakulären Fehlschlägen geführt: Der erfolgreiche Marlboro-Cowboy wirkt auf die Argentinier wie ein Tagelöhner, Shampooflaschen für die Frau über vierzig blieben in Spanien in den Regalen stehen, Chinesen lachten sich über die missverständliche Übersetzung des Limonadennamens 7Up (Tod durch Trinken) kaputt (vgl. Fischermann 2000, S. 26). Glaubwürdigkeit lässt sich nur durch nationale und lokale Bezüge herstellen.

Der MTV-Sender beruft sich in diesem Zusammenhang auf einen ganz bewusst neuen Begriff: Glokalisierung - eine Mischung aus Globalisierung und Lokalisierung. Gegen die These von der McDonaldisierung der Welt setzt MTV erfolgreich die weltweite Lokalisierung und strahlt von Brasilien bis China rund dreißig regionale Programme aus, die sich an lokalen Besonderheiten orientieren. Glokalisierung schließt auf diese Weise Weltläufigkeit genauso ein wie Regionales, also Heimat und Nestwärme. Die ökologische Formel Denke global - handle lokal findet in der Glokalisierung ihre ebenso kreative wie konkrete Weiterentwicklung.

Zukunftstrend 2: Die Dienstleistung
Unlängst traf ich eine Krankenschwester. "Welche Art von Pflege machen Sie?" fragte ich sie. Sie strahlte. "Ich habe mich auf Zwillinge spezialisiert. Ich zeige ihren Eltern, wie man in den ersten Monaten nach der Geburt mit ihnen umgehen sollte." Dann fügte sie streng hinzu: "Keine Drillinge, nur Zwillinge." "Das muss aber doch ein ziemlich kleiner Nischenmarkt sein", überlegte ich laut. "Gar nicht. Sehen Sie, hier leben eine Menge Doppelverdiener, die erst einmal Karriere machen wollen. Sie warten gewöhnlich mit dem Kinderkriegen, bis sie Ende Dreißig, Anfang Vierzig sind. Da brauchen sie oft schon fruchtbarkeitsfördernde Mittel, und dann endet es mit Mehrfachgeburten. Jetzt wollen sie Hilfe, aber sie haben Geld und sind bereit, sehr gut für die Art von Dienstleistung zu zahlen, die ich anbiete. Die Nachfrage ist so groß, dass ich nur Zwillinge übernehme." (Handy 1998, S. 54). Diese Geschichte macht deutlich, welche Zukunftschancen sich für eine neue Dienstleistungsgesellschaft ergeben. In der westlichen Welt gehört die Zukunft mehr der Dienstleistung als der industriellen Produktion. Vom Industriezeitalter heißt es Abschied nehmen.

1949 hat der Franzose Jean Fourastié den Trend zur Dienstleistung vorausgesagt. Für ihn war das Industriezeitalter nur eine Übergangsperiode. Seine Prognose ist in der westlichen Welt heute weitgehend Wirklichkeit geworden. Sein Drei-Sektoren-Modell, wonach der primäre Sektor (Landwirtschaft) im Laufe der Jahre seine Führungsrolle zunächst an den sekundären Sektor (Industrie) und danach an den tertiären Sektor (Dienstleistung) abgibt, ist binnen weniger Jahrzehnte Realität geworden.

Servicequalität ist in Deutschland allerdings noch immer mehr Mythos als Wirklichkeit. Die überwiegende Mehrheit spürt bisher von Gast- oder Kundenorientierung herzlich wenig: Gerade 41 Prozent der Bevölkerung können sich bei ihrem letzten Behördenbesuch in der Stadtverwaltung an freundliches Personal erinnern. Lediglich zwei von fünf Befragten (39%) fühlen sich von ihrer Bank fachkundig beraten. Und nur 29 Prozent der Bevölkerung haben bei ihrem letzten Kaufhaus-Besuch eine aufmerksame Bedienung vorgefunden. Vorliegende Erfahrungswerte aus der Praxis weisen nach: Von 100 unzufriedenen Kunden wandern nur 14 wegen schlechter Produktqualität ab - aber über zwei Drittel, wenn sie von den Mitarbeitern schlecht beraten oder unfreundlich bedient wurden. Und nur 4 von 100 Unzufriedenen beschweren sich, 11 aber erzählen ihre Negativerfahrungen anderen weiter (Roland Berger - Mövenpick/Bern 1995).

Zukunftstrend 3: Die Leistungsorientierung
Die italienischen Psychologen Fausto Massimini und Antonella delle Fave (Massimini u.a. 1991) interviewten italienische Bauern in den hochgelegenen Bergtälern der Alpen, die von der industriellen Revolution weitgehend verschont geblieben sind. In ihren Interviews kam zum Ausdruck, dass die Bauern ihre Arbeit nicht von ihrer Freizeit unterscheiden konnten. Bei den Interviewern entstand ein doppelter Eindruck: Die Bauern arbeiteten sechzehn Stunden am Tag oder sie arbeiteten überhaupt nicht. Sie melkten Kühe, mähten Wiesen, erzählten ihren Enkeln Geschichten, spielten Akkordeon für Freunde. Und auf die Frage, was sie denn gern tun würden, wenn sie mehr Zeit zur Verfügung hätten, kam die Antwort: Kühe melken, Wiesen mähen, Geschichten erzählen, Akkordeon spielen ... Für ihr ganzes Leben galt und gilt eigentlich nur ein Grundsatz: "Ich tue, was ich will". Das Leben, auch das Arbeitsleben, bot und bietet ständig und gleichermaßen Herausforderungen dafür.

Politik und Wirtschaft sollten sich rechtzeitig auf den sich ankündigenden Wertewandel in Richtung auf eine neue Gleichgewichtsethik (vgl. Strümpel 1988) einstellen und mehr fließende Übergänge zwischen Berufs- und Privatleben schaffen. Insbesondere die junge Generation befindet sich derzeit auf dem Wege zu einer neuen Lebensbalance. Leistung und Lebensgenuss sind für sie keine Gegensätze mehr. Ganz anders, als es in den 70er und 80er Jahren befürchtet und diagnostiziert worden war, hat sich die Einstellung der jungen Generation zu Arbeit und Leistung entwickelt: Die befürchtete Leistungsverweigerung fand und findet nicht statt. Im Zeitvergleich der letzten Jahre ist beispielsweise erkennbar, dass Leistung und Lebensgenuss immer gleichgewichtiger beurteilt werden. Also: Kein Lebensgenuss ohne Leistung. Umgekehrt gilt aber auch: Lebensgenuss lenkt nicht mehr automatisch von Leistung ab. Und wer sein Leben nicht genießen kann, wird auf Dauer auch nicht leistungsfähig sein.

Es bleibt festzuhalten: Der Mensch kann nicht untätig in seinen eigenen vier Wänden verweilen. Er braucht eine Aufgabe. Die Passivität und Untätigkeit des Menschen ist offensichtlich nicht im Plan der Schöpfung vorgesehen. Der Mensch ist eher als gefährdetes Wesen geschaffen, das um sein Überleben kämpfen muss wie andere Lebewesen auch. Aus der Sicht der Evolutionsbiologie ist der Mensch geradezu auf Anstrengung programmiert (von Cube 1995), auf den ganzen Einsatz seiner Kräfte. Hingegen führt Lust ohne Anstrengung zu Langeweile oder gar Selbstzerstörung. Daraus folgt: Arbeit ohne Lust und Freizeit ohne Leistung kann der Mensch auf Dauer nicht ertragen.

Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland gibt es derzeit nur noch einen treffenden Begriff zur Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit: Leistungsgesellschaft (60%). Mit dem Begriff Leistungsgesellschaft kann - sehr viel umfassender als bei der Erwerbs-, Arbeits- oder Industriegesellschaft - jede Form von gesellschaftlicher Leistung zum Ausdruck gebracht werden. Die Bevölkerung hat offensichtlich ein Gespür dafür, was im Berufsleben genauso zählt wie im privaten Bereich: Soziale Anerkennung verdient, wer im Leben etwas leistet.

Zukunftstrend 4: Die Mediatisierung
Deutschland droht keine digitale Spaltung - die digitale Spaltung der Gesellschaft ist schon da. Und sie verschärft sich. Noch nie war die Kluft bei der Internet-Nutzung zwischen den Hauptschul- und den Universitätsabsolventen so groß wie heute. Befragte mit Hauptschulabschluss machen von Online-Diensten fast keinen Gebrauch (1998: 0% - 1999: 1% - 2000: 3%), während die Info-Elite mit immer größerem Vorsprung davoneilt (1998: 9% - 1999: 22% - 2000: 27%). Die Info-Elite schafft sich ein neues Wissensmonopol wie früher die Priester im alten Babylon oder die Mönche im Mittelalter durch ihre Bibliotheken in den Klöstern. Die alte Ständegesellschaft lebt in der neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft des Informationszeitalters wieder auf. Vorauswissen ist das Kapital, das neue Ungleichheiten schafft.

Dies trifft genauso gut auch für die USA zu. In unserer Repräsentativbefragung von jeweils 3.000 Personen in beiden Ländern konnten wir nachweisen: Drei Viertel der amerikanischen Bevölkerung (75%) machen im Alltag von Internet und Online-Diensten keinen Gebrauch. Dagegen halten 93 Prozent an ihren alten Alltagsgewohnheiten fest und zappen lieber durch die TV-Programme. Die sogenannte Internet-Revolution ist beim amerikanischen Verbraucher noch nicht angekommen. Die amerikanische Wirtschaft setzt auf E-Commerce, der amerikanische Verbraucher auf TV-Konsum. Branchen-Insidern ist schon lange bekannt: Das Ausmaß der Internet- und PC-Nutzung wird oft übertrieben, wogegen der Fernsehkonsum sehr oft verheimlicht wird (Stipp 2000, S. 228).

In Deutschland und den USA wird über E-Commerce viel geredet und spekuliert. Doch die Wirklichkeit gibt keinen Anlass zu Euphorie. Beide Länder befinden sich eher auf der Kriechspur. In beiden Ländern machen die privaten Verbraucher von Teleshopping, elektronischer Reisebuchung und Bücherkauf per PC fast keinen Gebrauch (jeweils unter 3%). Homebanking praktizieren 5 Prozent der Amerikaner und 3 Prozent der Deutschen. Immer mehr Unternehmen gehen weltweit online, aber die privaten Verbraucher halten weitgehend an ihren außerhäuslichen Einkaufsgewohnheiten fest.

Die digitale Spaltung ist vor allem ein Bildungsproblem und weniger eine Frage des Netzanschlusses oder der technischen Fertigkeiten. Mit dem Internet-Zugang lassen sich Bildungsmängel, also Defizite in Schule und Ausbildung nicht ausgleichen. Selbst wenn eines Tages alle Schulen ans Netz angeschlossen sind, bleibt die digitale Spaltung weitgehend erhalten, so lange nicht gleichzeitig die Allgemeinbildung in Deutschland - von den elementaren Kulturtechniken bis zu Englischkenntnissen - verbessert wird und Lebenskompetenzen wie z.B. Vorstellungsvermögen, Urteils- und Auswahlfähigkeit stärker gefördert werden.

Richtigerweise muss es eigentlich heißen: Nicht das Internet spaltet die Gesellschaft, sondern die vorhandene Bildungskluft innerhalb der Bevölkerung, die dazu führt, dass geringer Gebildete den Anschluss an das Informationszeitalter verpassen, also geringere Zugangschancen zu Informationen haben. In den USA gehört fast jeder vierte Bürger zum Heer der Analphabeten (24%), in Italien ist es jeder dritte (33%) und in Deutschland fast jeder fünfte (19%). Konkret: 5 Prozent der Deutschen sind praktisch Analphabeten, weitere 14 Prozent Semi-Analphabeten, die nur mit Mühe einen einfachen Brief schreiben können und in der untersten Stufe der Lesefähigkeit stehen geblieben sind (Bundesverband Alphabetisierung 2000).

Genauso wie Geringergebildete deutlich weniger Bücher lesen oder kaum ins Theater, Museum oder in die Kunstausstellung gehen, machen sie auch von PC und Online-Diensten kaum Gebrauch. Wer dies grundlegend ändern will, darf nicht PC und Laptop zum neuen Bildungsideal erklären, sondern muss die Lese- und Schreibfähigkeit auf breiter Ebene erhöhen und das analytische, kritische und selbständige Denken in der Schule systematisch fördern.

Die Forderung an eine zukunftsorientierte Bildungs- und Medienpolitik lautet daher:
Alle Grundschüler in den Englischunterricht.
Alle Hauptschüler in den Programmier- und Informatikkurs.
Und allen Dritten Fernsehprogrammen zur Auflage machen, regelmäßig englischsprachige Spielfilme zu senden - nicht synchronisiert, sondern mit deutschen Untertiteln versehen, um ähnliche Sprachkompetenzen wie die Bürger in den Benelux-Staaten zu erwerben.
Der Umgang mit den neuen Informationstechnologien setzt mehr Bildung, mehr Wissen und mehr Sprachkenntnisse als je zuvor voraus. Ohne eine solche breite Bildungsoffensive von der Grundschule an besteht eher die Gefahr, dass sich zu den Schreib- und Leseanalphabeten noch ein großes Heer funktionaler Analphabeten gesellt.

Die Werbekampagne der deutschen Bundesregierung unter dem Slogan Drei K sind out. www ist in. Kinder, Küche, Kirche sind für Frauen nicht mehr das Ein und Alles ... - diese Werbekampagne geht weit an der Wirklichkeit vorbei. Die Frauenpower von heute findet noch immer mehr in der Kirche als im world wide web statt. Gerade einmal 4 Prozent der Frauen in Deutschland (Männer: 13%) machen wenigstens einmal in der Woche privat von Online-Diensten im Internet Gebrauch - der Anteil der weiblichen Kirchenbesucher ist hingegen fast fünfmal so hoch (19%). Und auch Kinder und Küche sind noch lange nicht ausgestorben.

Und wer glaubt, Bill Gates könnte Harry Potter verdrängen, hat die Rechnung ohne die Jugend von heute gemacht. Für die 14- bis 29-Jährigen, heißt es noch immer: Lieber Bücher lesen (38%) als sich mit dem PC beschäftigen (36%) und eher ein Lexikon zur Hand nehmen (18%) als im Internet surfen (16%). Das Märchen vom Tod des Buches wird auch durch die Buchbranche selbst widerlegt. Noch nie wurden so viele Bücher gedruckt wie heute. Die Neuen Medien zwischen E-Book und CD-Rom machen gerade einmal ein Prozent am Gesamtumsatz der Buchbranche aus.

Selbst Bill Gates meldet mittlerweile erhebliche Zweifel an. In einem Interview gab er selbstkritisch zu, dass technischer Fortschritt allein nicht mehr ausreicht. Die Menschen müssen sich ändern - sonst ändert sich auch nichts auf dem Weg in die Informationsgesellschaft. Die Menschen aber - so muss er eingestehen - "ändern nur langsam ihre Gewohnheiten", ja oftmals ändern sich Verhaltensweisen "erst mit einer neuen Generation" (Interview vom 18. Mai 1997 in Welt am Sonntag, S. 64). Die Informationsgesellschaft kann und wird es weder heute noch in fünf oder zehn Jahren geben. Es dauert in der Regel ein bis zwei Generationen, bis sich die Menschen wirklich an Neues gewöhnen. Bis dahin halten sie lieber an ihren alten TV-Gewohnheiten zwischen Tagesschau und Seifenoper fest, nehmen zwischendurch Handy-Kontakte auf oder sind damit beschäftigt, ihren Anrufbeantworter abzuarbeiten...

In der Branche muss also umgedacht werden. Die viel zu vordergründige Goldgräberstimmung entspricht nicht der Wirklichkeit. Wir sollten uns daran erinnern: In den früheren Goldgräberzeiten Amerikas wurde das meiste Geld nicht mit Gold, sondern mit dem Verkauf von Schaufeln, Schubkarren und Whisky gemacht. Wer also Geschäfte mit der multimedialen Zukunft machen will, sollte sich von folgenden ernüchternden Fakten leiten lassen:

1. Die Informationsgesellschaft bleibt eine Vision
- wie die Wissensgesellschaft, die Bildungsgesellschaft, die Kulturgesellschaft und die Bürgergesellschaft auch. Auch im Jahre 2010 werden wir wie bisher mehr eine Konsum- und Leistungsgesellschaft als eine Informations- und Wissensgesellschaft sein und werden die meisten Bürger lieber konsumieren als sich informieren. Das Internet wird das private Leben nicht revolutionieren, sondern nur optimieren helfen.

2. B2C: business to consumer - Einkaufen per Internet wird ein nettes kleines Zusatzgeschäft. Von Bücherkauf, Reisebuchung und Telebanking einmal abgesehen, werden auch im Jahr 2010 über neunzig Prozent des privaten Verbrauchs nicht über Online-Geschäfte getätigt. Selbst unter der optimistischen Annahme, dass sich der E-Commerce-Umsatz der privaten Verbraucher in den nächsten zwei Jahren jährlich verdoppelt, werden die Online-Geschäfte im Jahre 2002 keine drei Prozent des Einzelhandelsumsatzes ausmachen (1999: 0,35% - 2000: 0,7% - 2001: 1,4% - 2002: 2,8%). Derzeit stehen den 722 Milliarden Mark Einzelhandelsumsatz nur 2,5 Milliarden Mark Online-Geschäfte gegenüber, was einem Anteil von 0,35 Prozent entspricht. Ohne die Mitmacher kann die Rechnung der Macher nicht aufgehen. Wer die Konsumenten nur als Bremse und schwerfälligen Störfaktor ansieht, geht das Risiko ein, dass aus dem E-Cash ein E-Crash wird.

3. Die junge Generation @ hat mehr Kontakt mit Medien als mit Menschen.
Die Telekommunikation zwischen TV und PC, Telefon und Handy entwickelt sich zur neuen Geldschluck-Maschine. Jugendliche geben nicht selten mehr Geld für Handy und E-Mails als für Kino und Kneipe aus. Das Mobiltelefon wird bald zur Grundausstattung jedes Jugendlichen gehören und Telefonieren ein neues Grundbedürfnis sein: eine der wichtigsten und zeitaufwendigsten Alltagsbeschäftigungen. Das Handy wird zur neuen Nabelschnur nach draußen. In Zukunft werden Jugendliche mehr mit Freunden telefonieren als mit Freunden zusammensein.

4. Die Zukunft gehört dem Kommunikationszeitalter.
E-Communication (Compunication) bekommt eine größere Bedeutung als E-Commerce. Der Computer ist für die privaten Verbraucher in erster Linie ein Kommunikations- und Unterhaltungsmedium und nur gelegentlich eine Informations- oder Einkaufsbörse.

Resümee: Die Kinder werden in Zukunft lieber mit dem Home-Computer als mit dem Holz-Baukasten spielen. Nur: Die multimediale Entwicklung wird bis dahin weder unser menschliches Kommunikationsbedürfnis beeinträchtigen noch unser Interesse am Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verkümmern lassen. Und je mehr sich Telebanking und Teleshopping ausbreiten, desto größer wird unser Bedürfnis nach persönlichen Kontakten und Sehen-und-gesehen-Werden beim Einkaufsbummel sein. Denn: Die Sinne konsumieren weiter mit. Auch im Jahr 2010 werden die meisten Beschäftigten keine Telearbeiter sein, sondern wie bisher eher müde von der Arbeit nach Hause kommen, sich vor den Fernseher setzen und mit nichts anderem als ihrem Partner oder ihrem Kühlschrank interagieren...

Zukunftstrend 5: Die Überalterung
Kennen Sie den Unterschied zwischen einem deutschen, englischen und französischen Rentner? Des Rätsels Lösung soll ganz einfach sein:
* Der deutsche Rentner steht um 7.00 Uhr auf, nimmt seine Herztablette und fängt nach dem Frühstück sofort mit der Gartenarbeit oder dem Zeitunglesen an.
* Der englische Rentner steht um 8.00 Uhr auf, trinkt seinen Tee und geht gemächlich zum Golf oder nächsten Windhundrennen.
* Der französische Rentner steht um 9.00 Uhr auf, kippt den Cognac herunter - und dann ab zur Freundin!
Das ist natürlich ein Klischee.

Im Jahre 1900 wurde das "Jahrhundert des Kindes" (Ellen Key 1900) ausgerufen - kommt nun das Jahrhundert der Senioren? Der demographische Wandel hat die Altersgrenze in Deutschland verschoben: Alt ist man erst mit 76 Jahren. Das geht aus einer aktuellen Repräsentativbefragung hervor, in der wir gefragt haben, ab wann man heute wirklich alt ist. Die offizielle Altersgrenze von 65 Jahren steht also nur noch auf dem Papier. Weil die Gesellschaft in Deutschland immer älter wird, das Durchschnittsalter steigt und die Jugend zur Minderheit wird, wandelt sich zwangsläufig auch die Einstellung der Bevölkerung zum Alter. Zu allen Zeiten hat die Gesellschaft Alter unterschiedlich definiert. Der soziale und demographische Wandel von heute prägt daher auch den Altersbegriff. Wenn die Lebenserwartung weiter so kontinuierlich ansteigt, gilt man im Jahr 2030 vielleicht erst mit 80 oder 90 Jahren als alt.

Wir kennen es alle aus dem Wetterbericht: Gefühlte Temperaturen sind etwas anderes als objektiv ablesbare Temperaturen auf dem Thermometer. Ähnlich verhält es sich mit dem gefühlten Alter, das sich immer mehr vom biologischen Alter abkoppelt. Die Man-ist-so-alt-wie-man-sich-fühlt-Devise soll die Mitte des Lebens festhalten helfen: Der 50-Jährige spielt Tennis wie ein 40-Jähriger. Die 60-Jährige wirkt wie eine Powerfrau mit 48 und die 70-Jährigen entdecken Abenteuerreisen in die Antarktis, die eigentlich die Kondition mittlerer oder gar jüngerer Generationen voraussetzen. Die Jungen Alten sind also kein Phantom; es gibt sie wirklich.

Über die Jugend von heute wissen wir fast alles, über die Neuen Senioren von morgen fast nichts. Sinkende Geburtenquoten und steigende Lebenserwartung zwingen jedoch zum Umdenken. Wir müssen Abschied nehmen vom Zeitalter der Kids-Kultur und uns mehr öffnen für die Welt der Neuen Senioren, die Autokäufer und Theaterbesucher, Buchleser und Golfer, Kur- und Kurzurlauber, Kirch- und Kneipengänger zugleich sind. Wie wird die Szene- und Erlebniswelt der Neuen Senioren von morgen aussehen? Werden die Kultmarken der Jugend überleben? Oder wird es schon bald heißen: Nivea statt Nike, Audi statt Adidas? Und werden Nestlé, Miele und Mercedes grüßen lassen, während Swatch, Levies und MTV ihren Marken-Mythos verlieren, weil sie zu spät erkennen, dass wieder mehr Lebensart als Lifestyle gefragt ist?

Die Bevölkerung in Deutschland altert dramatisch. Die Lebenserwartung steigt weiter an. Bis zum Jahre 2040 wird sich der Anteil der über 60-jährigen Bevölkerung in Deutschland verdoppeln (vgl. Statistisches Jahrbuch 1998). Diese demographische Revolution bleibt nicht allein auf Deutschland beschränkt. Nach Berechnungen des UN-Bevölkerungs-fonds (unfpa) wird die allgemeine Lebenserwartung in den westlichen Industrieländern bis Mitte des nächsten Jahrhunderts auf 87,5 Jahre (bei Männern) und 92,5 (bei Frauen) steigen. Selbst ein Leben über 100 könnte mit Hilfe der Genforschung Wirklichkeit werden.

Zukunftstrend 6: Die Vereinzelung
Immer mehr Menschen leben und wohnen allein. Die Zahl der Single-Haushalte wächst in einem nie gekannten Ausmaße. Seit 1900 hat sich der Anteil der Einpersonenhaushalte von 7 auf 35 Prozent verfünffacht. Als Hauptursachen für den Anstieg Alleinlebender (vor allem bei den un-ter Dreißigjährigen) gelten (vgl. BMFSFJ 1997) u.a.:
* Soziale Aufwertung des Alleinlebens (vor allem bei Jüngeren)
* Aufschub der Familiengründung
* Gestiegene Mobilitätsanforderungen
* Verlängerte Ausbildungszeiten.
Für die Zukunft ist mit einer weiteren Zunahme die-ser Lebensform zu rechnen ist (vgl. Enquête Kommission 1994).

Für den stabilen Trend zur Vereinzelung wird vor allem das Scheitern des Modells Zweisamkeit bis ans Lebensende verantwortlich gemacht. Dieses Modell hat sich als Realität (nicht als Wunschbild) überlebt, weil ungelernte (statt gelernte) Paare eine Bindung auf Lebenszeit eingehen. Doch diese lebenslange Gemeinsamkeit müsste eigentlich erst eingeübt werden, sonst droht für viele die Beziehungslosigkeit in der Beziehung. Ein Paar in Deutschland, so weist die Zeitbudgetforschung nach, spricht heute gerade einmal zwei Minuten am Tag über persönliche Dinge. Das reicht für keine Beziehung und schon gar nicht für stabile Bindungen.

Singles genießen einen besonders hohen Aufmerksamkeitswert in der Öffentlichkeit. Sie sind die Hätschelkinder der Konsumgesellschaft, weil sie den Konsum anheizen (vgl. Pilgrim 1991): Ein Paar braucht alles nur einmal, zwei räumlich getrennte Singles aber brauchen zwei Wohnungen, zwei Fernsehgeräte, zwei Videos, zwei Stereoanlagen und zwei Telefonanschlüsse ... Wie keine andere Bevölkerungsgruppe befinden sich die Singles heute auf dem Konsumtrip. Mit dem Trend zur Vereinzelung wird in Zukunft in unserer Gesellschaft viel mehr Solidarität als heute gebraucht. Gefragt ist dann eine "solidarische Gesellschaft" (Hradil 1995), die verlässlich auf Hilfsbereitschaft und soziale Netzwerke bauen kann.

Zukunftstrend 7: Die Individualisierung
Der Schriftsteller Umberto Eco hat ein Szenario für das kommende Jahrhundert entworfen, in dem die Menschen mehr nach Gütern als nach Gutem streben und ein Ende der Ethik als Zukunftsvision möglich ist. Jahrhunderte lang bestand jede Moraldoktrin darin, ein Verhaltensmodell zu lancieren, dem der Einzelne nacheifern sollte. Das konnte die Vorbildfunktion des Heiligen, des Helden oder des Weisen sein. Das Vorbild nachzuahmen, ist dabei immer eine schwierige Lebenskunst gewesen. Heute dagegen, wo das Fernsehen mehr und mehr dazu übergeht, normale Menschen als Vorbilder zu präsentieren, ist keine Anstrengung mehr erforderlich, wie diese zu werden. Wir möchten wie sie werden, da ihnen die Gunst zuteil wurde, auf dem Bildschirm zu erscheinen. In vielen Fällen möchten Menschen nicht wegen ihres normalen Lebenswandels zum Vorbild werden, sondern wegen ihrer spektakulären Sünden (vorausgesetzt, diese Sünden geben ihnen Sichtbarkeit und Erfolg (Eco 2000, S. 13). So stellen Monica Lewinsky und Jenny Elvers, Zlatko und Alida wirksamere (weil einfacher zu erreichende) Vorbilder dar als Mutter Theresa aus Kalkutta. TV- und Medienpräsenzen entscheiden heute über den Vorbildcharakter. Das Ego sucht seine Bühne der Selbstdarstellung - auch jenseits von Tabu und Moral.

Ich bin ich? Jedem das Seine? Jeder sein eigener Unternehmer? Die Individualisierung hat natürlich auch ihre sozialen Schattenseiten. Im internationalen bzw. europäischen Vergleich ist feststellbar, dass das freiwillige und unbezahlte Engagement ("Soziales Volontariat") in Deutschland unterentwickelt ist. Die Figur des freiwilligen Mitarbeiters als selbstloser, barmherziger Samariter hat in Deutschland weitgehend ausgedient bzw. kaum eine Überzeugungskraft mehr (Reihs 1996, S. 240).

Für die Zukunft zeichnet sich ein neuer Typus von Solidarität ab, der von Pflichtgefühl und Helferpathos herzlich wenig wissen will. Aus der Not oder Notlage heraus geboren schließen sich Individuen zu einem sozialen Netzwerk zusammen - auf Abruf und jederzeit kündbar, wenn die Geschäftsgrundlage (= Notlage) entfällt. Das Netzwerk wird zum Beistandspakt auf Zeit. Vielleicht entwickelt sich Solidarität wieder zu dem, was sie ursprünglich in der europäischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts einmal war: Zu einer Erfahrung des Aufeinander-Angewiesenseins, bei der sich Eigen- und Gemeinnutz miteinander verbinden und weniger eine Frage von Pflicht und Moral, Fürsorge und Nächstenliebe sind (vgl. BUND 1996, S. 278).

Zukunftstrend 8: Die Mobilisierung
Eine chinesische Delegation war unlängst im Ruhrgebiet zu Gast. Mit einer deutschen Expertengruppe von Verkehrspolitikern fuhr diese Delegation aus China durch Nordrhein-Westfalen. Bei der Ankunft auf dem Ruhr-Schnellweg B 1 ging nichts mehr: Die Autos standen in einem gigan-tischen Stau, die Luft war schlecht - doch die Stimmung der Chinesen gut. Warnend und fast beschwörend appellierte dennoch der Sprecher der Deutschen an die ausländische Delegation: "Setzen Sie in China nicht so stark auf die Autos" ließ er den Dolmetscher übersetzen. "Schauen Sie her, zu was das bei uns geführt hat". Die Chinesen sahen sich wechselseitig relativ verständnislos an und gaben dann dem Dolmetscher die Frage zurück: "Wieso macht Ihr Deutschen es denn, wenn es so blöd ist?" (Holzapfel 1995, S. 218). Recht haben sie. Offensichtlich ist bei den meisten Autofahrern - trotz Stau - die Lust immer noch größer als der Frust - sonst würden sie es doch nicht tun. Werden also die 400 Millionen Chinesen, die heute noch mit dem Fahrrad fahren, in Zukunft mit 400 Millionen Autos unterwegs sein, weil auch sie etwas erleben wollen? Alle Anzeichen sprechen dafür, dass die freizeitmobile Lust am Autofahren in den nächsten Jahren weiter zunimmt.

Weder der Drang ins Grüne oder Freie noch der Wunsch nach Orts- oder Tapetenwechsel motiviert die Menschen am meisten zu massenhafter Mobilität. Was nach Meinung der Bevölkerung dieses Mobilitätsbedürfnis am ehesten erklärt, ist die "Angst, etwas zu verpassen". Viele haben die Befürchtung, geradezu am Leben vorbeizuleben, wenn sie sich nicht regelmäßig in Bewegung setzen. Motorisierte Mobilität entwickelt sich insbesondere bei Männern nicht selten zum körperlichen Bewegungsersatz. Vielleicht sind man-che Männer im Grunde ihres Herzens immer noch Jäger oder Cowboys, die auf ihren Pferden durch die weite Prärie reiten und das Wild oder die Rinder vor sich hertreiben. Wenn kein Pferd oder Rind in der Nähe ist, dann kann es auch ein Auto sein ...

Die künftige Generation wird also auch eine mobile Generation sein, die 'nur ja nichts verpassen' will. Das Nomadisieren ("Heute hier - und morgen fort") gehört dann immer dazu. Unsere Befragungsergebnisse bestätigen geradezu Analysen des Amerikaners Vance Packard aus den siebziger Jahren, der seinerzeit der Frage nachging, warum die Menschen immer rastloser werden - im Grunde genommen nicht auf irgendein Ziel hin, sondern immer von etwas weg. Packard nannte dieses Phänomen das "Kalifornien-Syndrom" (Packard 1973). Das Kalifornien-Syndrom basiert auf den beiden Säulen Geld und Zeit: Aus jedem Tag und jeder Stunde muss soviel wie möglich herausgeholt werden. Man lebt und konsumiert im Hier und Jetzt: "Lebe dein Leben, genieße es - so lange du kannst". Hauptsache, die Langeweile ist ganz weit weg.

Zukunftstrend 9: Die Erlebnissteigerung
Mit dieser Massenbewegung rückt in eine Gesellschaft, die immer schon rastlos war, zusätzlich das Element der Erlebnisorientierung in den Vordergrund. Die Philosophie des Erlebniskonsumenten lautet: "Ich will. Ich will es haben. Ich habe es mir verdient." Die entscheidende Motivation ist nicht der Bedarf, sondern der Wunsch nach Sich-verwöhnen-Wollen. Dieser Wunsch hat etwas "aggressiv Forderndes" (Popcorn 1992, S. 50) - so wie man sein Recht einklagt. Die neue Erlebnisgeneration ist durch ein ausgeprägtes Anspruchsdenken charakterisiert. Kann sie sich das eigentlich leisten?

Die Antwort: "Sparzeitalter" und "Erlebniszeitalter" sind keine Gegensätze mehr. Je mehr die einen sparen, desto mehr leisten sich die anderen. Im Konsumbereich entsteht geradezu eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft von Sparkonsumenten und Erlebniskonsumenten, in der sich Familien und Ruheständler auf der einen, junge Erwachsene, Singles und kinderlose Paare auf der anderen Seite gegenüberstehen. Kaviar und Knäckebrot stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Polarisierung im Konsumverhalten der Bundesbürger nimmt eher zu. Der Anteil der Sparkonsumenten, deren Budget "gerade zur täglichen Versorgung reicht", wächst der Anteil der Erlebniskonsumenten, die sich weiterhin "ein schönes Leben leisten können", aber bleibt stabil. So ist auch zu erklären, dass die Bundesliga boomt, die Kinos einen neuen Ansturm erleben und der Event-Tourismus vom Nürburgring über die Love-Parade bis zum Michael-Jackson-Konzert keine Grenzen kennt. Jeder vierte Single kauft sich mitunter Konsumartikel für Hobby und Sport und muss dann feststellen, dass er "kaum Zeit hat, davon Gebrauch zu machen."

Mit dem Trend zur Single-Gesellschaft sterben offensichtlich die Märkte für Erlebniskonsumenten nicht aus. Auch wenn sich die meisten Bundesbürger im privaten Verbrauch einschränken müssen, bleiben noch genügend erlebnishungrige Konsumenten übrig, von denen die Anbieter gut und manchmal sogar sehr gut leben können. Hier kündigt sich eine Entwicklung an, die in der Touristikbranche schon seit Jahren Wirklichkeit ist: Wer viel verdient und viel verreist, wird künftig noch mehr Geld für den Urlaub ausgeben. Wer aber knapp bei Kasse ist und nur selten verreisen kann, wird in Zukunft noch öfter zu Hause bleiben. Westliche Konsumgesellschaften müssen zunehmend mit dem Armut-Wohlstand-Paradox leben: Im gleichen Maße, wie sich Armut und Arbeitslosigkeit ausbreiten, entstehen neue Konsumwelten und expandieren die Erlebnisindustrien.

Zukunftstrend 10: Die Schnelllebigkeit
Jeden Morgen wacht in Afrika eine Gazelle auf. Sie weiß, sie muss schneller laufen als der schnellste Löwe, um nicht gefressen zu werden. Jeden Morgen wacht in Afrika aber auch ein Löwe auf. Er weiß, er muss schneller als die langsamste Gazelle sein. Sonst würde er verhungern. Es ist eigentlich egal, ob man ein Löwe oder eine Gazelle ist: Wenn die Sonne aufgeht - musst Du rennen! Weltweit gilt diese Geschichte als Symbol einer Nonstop-Gesellschaft (vgl. Adam u.a. 1998), in der Rast- und Ruhelosigkeit den Ton angeben.

Die derzeitige Angebotsflut im Konsum-, Medien- und Unterhaltungsbereich hat sicher viele Beschäftigungen attraktiver gemacht, den Konsumenten zugleich aber Stress und Hektik beschert: Die Frage "Was zuerst?" oder "Wie viel wovon?" beantwortet der gestresste Konsument in seiner Zeitnot mit Zeitmanagement: In genauso viel Zeit werden immer mehr Aktivitäten "hineingepackt" und untergebracht, schnell ausgeübt und vor allem zeitgleich erledigt. Die neue Erlebnisgeneration agiert nicht alternativ - z.B. PC-Nutzung statt Bücherlesen oder Video statt Radio. Für sie heißt es eher: Video + Radio + Computer + Buch + Free TV + Pay TV + Teleshopping + Einkaufsbummel + Wochenendfahrt ... Sie will alles und von allem noch viel mehr.

Wie viel Beschleunigung kann der Mensch in Zukunft eigentlich noch ertragen? "Im internationalen Wettbewerb verändert sich das Warenangebot so schnell, dass selbst Dreißigjährigen die Konsumwelt von wenige Jahren jüngeren Teenagern fremd ist" (Martin/Schumann 1996, S. 250 f.). So droht beinahe eine Orwell-Vision Wirklichkeit zu werden: "Wir beschließen, uns rascher zu verbrauchen. Wir steigern das Lebenstempo, bis die Menschen mit dreißig senil sind ..." (Orwell 1949, S. 271).

Die psychosozialen Folgen bleiben nicht aus. Wegen der Fülle und Vielfalt der Angebote können viele Eindrücke und Informationen nur noch konfettiartig nebeneinander aufgenommen werden: Kennzeichen einer Konfetti-Generation. Die Impressionen bleiben bruchstückhaft und oberflächlich. Der hastige Konsument kommt nicht zur Ruhe. Der Wunsch kommt auf: "Am besten mehrere Leben leben" (Popcorn 1992) - der vermessene Traum eines hybriden Menschen. Der Eindruck entsteht: Der moderne Mensch will einen 48-Stunden-Tag haben, abends schon die Zeitung von morgen lesen, möglichst jeden Tag jemand anders sein oder spielen und am liebsten in einer Endlos-Serie leben. Und immer getrieben von der Angst, vielleicht im Leben etwas zu verpassen ...

In Großstädten und Ballungszentren können Jugendliche derzeit auf mehreren Feten gleichzeitig sein: Kneipen und Diskotheken bieten ein Bermuda-Dreieck für Erlebniskonsumenten an, die per Bus-Shuttle problemlos zwischen drei Partys pendeln können ... Sieht so unsere Zukunft aus? Am Donnerstagabend Kneipen- und Kino-hopping, am Freitagnachmittag Frustrationseinkäufe - drei CDs und zwei Bücher und dann keine Zeit mehr, sie zu hören und zu lesen? Am Wochenende drei Feten und zwei Einladungen und im nächsten Urlaub weit reisen, oft wechseln und immer nur kurz bleiben?

Zu Beginn eines neuen Jahrtausends leben die Menschen im Zwiespalt zwischen alten Werten und neuen Märkten: Kirche und Religion sind mittlerweile für sie genauso wichtig im Leben wie Aldi oder Adidas (jeweils 22%). Und in der persönlichen Wertschätzung rangiert die Bibel (19%) nur knapp vor Coca-Cola (18%). In einer Rund-um-die-Uhr-und-Alles-ist-möglich-Gesellschaft lösen sich die Grenzen von In oder Out, Neu oder Alt, Progressiv oder Konservativ, Links oder Rechts zusehends auf. Die Bürger, die Wähler und die Konsumenten sind kaum mehr berechenbar, dafür aber spontan, flexibel und mobil. Stamm-Kunden und Stamm-Wähler sterben aus. Stimmungs- und Wechsel-Wähler breiten sich aus. Konsumiert und gewählt wird ganz nach persönlichem Befinden oder gesellschaftlicher Stimmungslage. Die politischen Parteien und einzelne Wirtschaftsbranchen müssen damit leben lernen. Heute FDP und morgen MTV... Nichts ist unmöglich.

Zum Glück zeichnet sich auch eine Gegenbewegung ab. Es wächst nämlich die Zahl der warnenden Stimmen, die darauf verweisen: Die Zeiten des Wohlstandsdenkens seien bald vorbei. Anspruchsmentalität könnten sich nicht mehr alle leisten. Mit Verteilungskämpfen sei zu rechnen. In Deutschland kann es zu einem wachsenden Wohlstandsgefälle mit sozialem Zündstoff kommen. Dann sind nicht mehr in erster Linie alte Menschen oder kinderreiche Familien von der Armut bedroht. Unter die Armutsgrenze geraten zunehmend mehr Singles ohne familiäre Einbeziehung sowie junge Menschen. Ursachen für die wachsende Verarmung sind nicht nur Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung, sondern auch die private Verschuldung für Konsumzwecke.

Aus kultursoziologischen Forschungen geht hervor, dass es Menschen im Mittelbereich zwischen Not und Überfluss subjektiv am besten geht. Diesen Menschen fehlt noch etwas, wofür sich Arbeit und Anstrengung lohnen. Ihr Leben hat schließlich eine Richtung: nach oben. Und die Erfahrung lehrt: Menschen, die nach oben wollen, haben eher Mittel-Krisen - Menschen, die oben sind, dagegen Sinn-Krisen. Die einen sind noch unterwegs, die anderen sind schon angekommen (vgl. Schulze 1992). Bedroht ist nicht mehr das Leben, sondern sein Sinn. Was müssen wir also tun, um aus dieser Sinnkrise herauszufinden?

Thesenhaft möchte ich zehn Folgerungen und Forderungen an die Zukunft nennen:

1. Aus der Geschichte Lehren ziehen
Das ist nicht so einfach. Denn jedes Gesellschaftssystem unterliegt einem natürlichen Alterungsprozess. Historisch gesehen ist jeder Untergang der einen zugleich ein Übergang für die anderen. Die Verfallsfaktoren z.B. für den Untergang Roms lesen sich heute wie eine aktuelle Bestandsaufnahme: Vergnügungssucht, ausufernder Egoismus, Ehe- und Kinderlosigkeit, hohe Scheidungsraten, Bevölkerungsschwund. Letzterer ließ sich selbst durch sogenannte Sklavenzufuhr nicht aufhalten. Rom war sozial, politisch und kulturell erstarrt und reif für den Untergang. Viele Wege führen nach Rom. Wir sollten in Zukunft andere Wege gehen.

2. In der Schule für das ganze Leben lernen
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Wenigstens diese alte Weisheit der Römer sollte wieder wörtlich und ernst genommen werden. Aus der Lernschule muss wieder eine Lebensschule werden. Lernfragen sind wichtig, Lebensfragen aber genauso. Viele Schüler haben nach Verlassen der Schule den Kopf voll mit Formeln und Vokabeln, stolpern aber ansonsten ziemlich orientierungslos durch das wirkliche Leben.

3. Die materialisierte Lebenshaltung überdenken
Erkenne, wann du satt bist. Wir müssen wieder spüren lernen, wann wir hungrig sind - materiell und mental. Tragen immer mehr Konsumangebote wirklich zu unserem Wohlbefinden bei oder lassen sie uns aus dem inneren Gleichgewicht geraten? Auch die Konsumgesellschaft muss ihren Anspruch auf Lebensqualität einlösen, wenn sie eine Zukunft haben will.

4. Neue familienfreundliche Leitbilder schaffen
Viele Konsumangebote fördern das Auseinanderdriften der Familienmitglieder. Tu was für dich selbst. Erlebe dein Leben. Verwirkliche deine Träume - egal, ob Partnerschaft oder Familie darunter leiden. Wie nie zuvor in der menschlichen Geschichte müssen wir in Zukunft mit einer beispiellosen Zunahme der Langlebigkeit rechnen. Wer nicht frühzeitig für das natürliche Solidaritätspotential der Familie sorgt, kann im hohen Alter auch nicht auf Lebensqualität hoffen.

5. Generationsübergreifende Kontakte schaffen
Der Generationenvertrag steht vor seiner Auflösung. Vor dem Hintergrund schrumpfender familialer Netze nehmen auch die Verwandtschaftshilfen ab. Informelle soziale Netzwerke müssen systematisch gefördert und die natürlichen Hilfspotentiale aktiviert werden, damit auch Freunde, Bekannte und Vereinsmitglieder als freiwillige Helfer gewonnen werden können. Andernfalls bleibt man allein bzw. alleingelassen.

6. Arbeit neu definieren
Diesseits und jenseits des Erwerbs warten neue Arbeitswelten auf uns: Familienarbeit, Gesellschaftsarbeit, Bürgerarbeit. Viele dieser Tätigkeitsfelder kommen ohne Bezahlung, aber keines ohne soziale Anerkennung aus. Über einen arbeitnehmerähnlichen Status muss nachgedacht werden. Unbezahlte Arbeiten können das Erwerbssystem durchaus sinnstiftend ergänzen, natürlich nicht ersetzen.

7. Leistung als Lebenssinn anerkennen
Der menschliche Leistungswille bleibt ungebrochen. Alle wollen im Leben etwas leisten und alle können auch etwas leisten. Allerdings muss die Leistungsdiskussion, die sich bisher fast nur im ökonomischen Fahrwasser bewegte, um soziale Dimensionen erweitert werden.

8. Das freiwillige Ehrenamt gesellschaftlich aufwerten
Mit dem Trend zur Individualisierung gehen immer mehr Orientierungsmöglichkeiten verloren und werden neue Gemeinschaftserlebnisse immer wichtiger. Wir sollten also in Zukunft geradezu eine neue Profession mit Ernstcharakter schaffen, eine Art Zweitkarriere jenseits des Gelderwerbs - ein soziales Volontariat, das auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basiert.

9. Für verbindliche Wertorientierungen Sorge tragen
Erich Fromm hat einmal gesagt: Das Wohl des Menschen ist das einzige Kriterium für ethische Werte (Fromm 1978, S. 26). Dies muss der Minimalkonsens für uns alle sein. Insbesondere Multiplikatoren und gesellschaftliche Entscheidungsträger haben eine Pflicht, in der Suche nach verbindlichen Wertorientierungen, in denen das Wohl des Menschen und das Gemeinwohl der Gesellschaft im Mittelpunkt stehen, voranzugehen. Sie müssen nicht gleich alle Lösungen selbst finden, sollten eher Fragen stellen und andere zu Antworten ermutigen.

10. Die Politik für Zukunftsfragen sensibilisieren
Die Politik muss die Bevölkerung davon überzeugen, dass sie die Richtung der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung kennt und entsprechend Einfluss darauf nimmt. In der Politik herrscht noch immer weitgehend Orientierungsnotstand, weil kaum jemand eine Richtung für die Zukunft vorgibt, so dass die Bürger wissen und erfahren, was nun kommt, wo es hingeht oder langgehen sollte. Gemacht wird eher, was gerade machbar ist bzw. an-kommt.

Vor dem Hintergrund von Globalisierung und wachsender Beschleunigung in Wirtschaft und Gesellschaft ist eine vorausschauende Politik im 21. Jahrhundert unverzichtbar: Auf einer gutbekannten Landstraße brauchte früher der Fahrer eines Fuhrwerks, das sich nachts im Schritttempo fortbewegte, zur Beleuchtung der Straße nur eine schlechte Laterne. Ein schnelles Auto dagegen, das mit hoher Geschwindigkeit durch eine unbekannte Gegend fährt, muss mit starken Scheinwerfern ausgestattet sein. Ohne Sicht schnell in die Zukunft zu fahren ist der reinste Wahnsinn.

Politik und Wirtschaft propagieren gern und stolz: Die Schnellen schlagen die Langsamen - das ist viel zu kurzatmig gedacht. Erst rastlos, dann ziellos und am Ende ratlos? Offensichtlich sind sie den schnelllebigen Trendforschern auf den Leim gegangen, die unlängst auf dem 5. Deutschen Trendtag in Hamburg kleinlaut eingestehen mussten: Vorne ist da, wo sich keiner auskennt. Realistischer ist da die Maxime des deutschen Dichters Ephraim Lessing: Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der, der ohne Ziel umherirrt.

In Afrika, so erzählt man, gibt es zwei Arten von Hunger - den kleineren und den größeren. Der kleinere Hunger gilt den Dingen, die das Leben in Gang halten, also den Gütern, den Dienstleistungen und dem Geld, das wir brauchen, um alles bezahlen zu können. Der größere Hunger aber gilt den Antworten auf die Frage "Warum?", die Erklärungen dafür geben, wozu dieses Leben gut sein soll. Diese Geschichte - von dem irischen Psychologen Charles Handy (1998, S. 22) erzählt - macht anschaulich klar, dass viele Menschen in den westlichen Konsumgesellschaften allzu lange und allzu naiv daran geglaubt haben, dass der Hunger nach Geld und materiellem Wohlstand auch den größeren Hunger nach Sinn stillen und die Menschen zufriedener machen könnte. In Wirklichkeit stellt der Sinn-Hunger nicht einfach nur eine Erweiterung des Geld-Hungers dar, sondern ist etwas völlig anderes.

Auf dem Weg in das dritte Jahrtausend müssen wir wieder das Gleichgewicht von Wohlstand und Wohlbefinden finden: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie sehen unsere Lebensziele für die Zukunft aus? Unsere Untersuchungen weisen nach: Die Deutschen möch-ten gern in einer ausgeglichenen Balance zwischen Leistungsgenuss- und Sozialorientierung leben. Sie legen besonderen Wert darauf, im Leben etwas zu leisten und das Leben zu genießen. Bemerkenswert hoch ist aber auch der Wunsch in der Bevölkerung ausgeprägt, anderen helfen zu wollen. Die Hoffnung hat eine Zukunft, wenn es gelingt, dieses große Potential an Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung zu wecken.

Die Bevölkerung erwartet von der Zukunft auch nicht das ganz große Glück. Es sind eher die kleinen Glücksmomente des Lebens in einer entspannten und störungsfreien Atmosphäre: Stimmung, Harmonie, Geborgenheit. Und so altmodisch es auf den ersten Blick erscheinen mag: Auf die Frage, was zum Wohlfühlen im Leben unbedingt dazugehört, nennen die Bundesbürger auf dem Weg in das 21. Jahrhundert als erstes "Geborgenheit" (68%) und als letztes "Freiheit" (27%) - die jungen Leute genauso wie die ältere Generation. Die soziale Geborgenheit ist heute und in Zukunft "der" Garant dafür, dass man unbeschwert leben und sich über manche schönen Augenblicke einfach freuen kann.

Ich komme zum Schluss und fasse zusammen: Noch nie zuvor waren die Menschen einem solchen Angebotsstress ausgesetzt wie heute. Ständig müssen wir uns entscheiden, ob wir etwas machen oder haben, selektiv nutzen oder ganz darauf verzichten wollen:
* Was ist eigentlich für mich wichtig und was nicht?
* Woher nehme ich den Mut, auch nein zu sagen?
* Und wie schaffe ich es, mich zu bescheiden, auch auf die Gefahr hin, vielleicht etwas zu verpassen?

Daraus folgt: Insbesondere die junge Generation muss kompetenter werden, um in Zukunft den Anforderungen an das Leben genügen zu können. Wer persönliches Wohlbefinden (und nicht nur materiellen Wohlstand) erreichen will, sollte - neben den christlichen Geboten - zusätzlich die folgenden von mir seit Jahren propagierten Zehn Gebote für das 21. Jahrhundert beherzigen:
1. Bleib nicht dauernd dran; schalt doch mal ab.
2. Jag nicht ständig schnelllebigen Trends hinterher.
3. Kauf nur das, was du wirklich willst, und mach dein persönliches Wohl-ergehen zum wichtigsten Kaufkriterium.
4. Versuche nicht, permanent deinen Lebensstandard zu verbessern oder ihn gar mit Lebensqualität zu verwechseln.
5. Lerne - zu lassen, also Überflüssiges wegzulassen: Lieber einmal etwas verpassen als immer dabei sein.
6. Entdecke die Hängematte wieder. Lerne wieder, 'eine Sache zu einer Zeit' zu tun.
7. Genieße nach Maß, damit Du länger genießen kannst.
8. Mach nicht alle deine Träume wahr; heb' dir noch unerfüllte Wünsche auf.
9. Tu nichts auf Kosten anderer oder zu Lasten nachwachsender Generationen: Sorge nachhaltig dafür, dass das Leben kommender Generationen lebenswert bleibt.
10. Verdien Dir Deine Lebensqualität - durch Arbeit oder gute Werke: Es gibt nichts Gutes; es sei denn, man tut es.

Quelle: Prof. Dr. Horst W. Opaschewski, Leiter der Freizeitforschung bei B.A.T.


Zur Startseite
 
Leserkommentare

Wegen des Relaunches steht die Kommentarfunktion gegenwärtig einigen Nutzern nicht zur Verfügung.

  • Serie Reden
  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Neu im Ressort
      1. Anzeige
      2. Anzeige
      Service