Es gilt das gesprochene Wort Guten Morgen, meine Damen und Herren.
Es ist eine Ehre und Freude für mich, heute hier vor Ihnen sprechen zu dürfen und ich danke dem German-British Forum herzlich für diese Einladung. Was mein Thema heute Morgen betrifft, so teile ich die Bedenken des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, der so treffend formulierte:
"Ich fühle mich ein bisschen wir Zsa Zsa Gabors fünfter Ehemann. Ich weiß, was von mir erwartet wird, doch ich bin nicht sicher, ob es mir gelingen wird, die Sache immer noch interessant zu machen." Ich werde jedenfalls mein Bestes tun. Und ich werde mir außerdem eine weise Warnung von Altbundeskanzler Konrad Adenauer zu Herzen nehmen:
"Alle menschlichen Organe werden irgendwann müde – nur die Zunge nicht." Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Frage, die wir uns auf dieser Konferenz stellen, ist eine wirklich grundlegende: Hat die Industrie in Europa überhaupt eine Zukunft? Die Frage ist durchaus gerechtfertigt – insbesondere, wenn man bedenkt, dass dieses Thema in den vergangenen Jahren mehr oder weniger vernachlässigt wurde.Ich kann darauf eine einfache und kurze Antwort geben: ja! Doch es ist wie mit allem im Leben: eine einfache Antwort ist zu wenig. Meine Antwort sollte eigentlich lauten: ja, wenn. Denn die Zukunft der europäischen Industrie wird von den allgemeinen Rahmenbedingungen und den konkreten Maßnahmen aller Beteiligten in den kommenden Jahren abhängen.In den vergangenen zehn Jahren hat sich durch die Globalisierung der Wettbewerbsdruck dramatisch erhöht. Die Unternehmen sahen sich gezwungen, ihre Preise radikal zu senken, Arbeitskräfte abzubauen und ihre Produktivität anzukurbeln. Eine Konsequenz davon war die Verlagerung arbeitsintensiver Produktion in Niedriglohnländer bzw. die komplette Auslagerung der Produktion.Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat sich zunehmend auf die mutmaßliche Überlegenheit der Dienstleistungsbranche gerichtet. Man ist allgemein der Ansicht, fertigen könne man auch anderswo – am besten außerhalb Europas. Wenn Mexiko nicht mehr billig genug ist, haben wir ja immer noch China. Oder Indien. Und diverse andere Entwicklungsländer.Diese Ansicht teile ich nicht. Tatsache ist, dass Europa selbst ein breites Spektrum an unterschiedlichen Arbeitsbedingungen bietet. Die Lohnkosten reichen von mehr als 28 Euro pro Stunde in Norwegen – das erst vor kurzem die so ehrenvolle Spitzenposition von Deutschland übernommen hat – bis weniger als 7 Euro Stundenlohn in Portugal. Und selbst innerhalb Deutschlands herrscht ein beträchtliches Kostengefälle zwischen den westlichen Bundesländern mit 26 Euro und den östlichen Bundesländern mit 16 Euro die Stunde.Es mag für viele, besonders außerhalb Deutschlands, überraschen sein, dass Deutschlands Industrie nach wie vor wettbewerbsfähig ist. Die Automobilindustrie ist dafür ein gutes Beispiel. Ein weiteres hervorragendes Beispiel für einen hoch spezialisierten und erfolgreichen Industriesektor ist die Medizintechnik. Und nicht zu vergessen die mehreren tausend kleinen und mittelständischen Betriebe in Deutschland, die überwiegend in der Fertigungsindustrie tätig sind. Unternehmen, die sich im rauen Klima der internationalen Märkte äußerst erfolgreich behaupten.Ich bin überzeugt, dass wir niemals eine Dienstleistungsgesellschaft erleben werden, die nicht einen beträchtlichen Teil ihres Gesamtoutputs der Industrie verdankt. Die beiden Seiten gehören zusammen – da sie sich gegenseitig ergänzen.Selbstverständlich ist es richtig, dass der Dienstleistungssektor in den letzten Jahrzehnten für einen immensen Wertschöpfungszuwachs verantwortlich war. Dienstleistungen machen heute 60 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Europas aus. 65 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungsgewerbe. Das sind beeindruckende Zahlen.Doch was steht dahinter? Ein großer Teil dieser Dienstleistungen hängt direkt mit der Fertigung zusammen. Von Forschung und Entwicklung, Finanzierung, Beratung und Planung über Beschaffung, IT-Services und Logistik bis hin zu Inbetriebnahme und Wartung. Wenn Europa den Großteil seiner Werke in Entwicklungsländer verlagern würde, würden wir gleichzeitig den damit verbundenen Dienstleistungssektor schwächen.Niemand kann sagen, die europäische Industrie wisse sich im Wettbewerbsumfeld nicht zu behaupten. Der Produktionssektor ist heute für ein Viertel der gesamten europäischen Wertschöpfung verantwortlich und beschäftigt 45 Millionen Menschen. Die europäische Industrie weist im Handel mit Drittländern einen Exportüberschuss von 55 Milliarden Euro auf. Wenn wir zur industriellen Wertschöpfung noch die produktionsbezogenen Dienstleistungen hinzurechnen, so hat Europa etwa ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung seiner Industrie zu verdanken.Nehmen wir zum Beispiel Siemens. Ich denke, ich kann zu Recht sagen, dass wir Europas bedeutendstes Elektrotechnik- und Elektronikunternehmen – und gleichzeitig größter industrieller Arbeitgeber – sind. Wir beschäftigen in Europa rund 280.000 Mitarbeiter. Davon sind 100.000 an unseren über 300 europäischen Produktionsstandorten tätig.Wir sind der Ansicht, dass ein gesundes Gleichgewicht zwischen Dienstleistung und Produktion ausschlaggebend für langfristigen Erfolg ist. Es wäre undenkbar, beide voneinander zu trennen, indem wir einen Großteil unserer Fertigung auslagern. Gegen begrenztes Outsourcing ist nichts einzuwenden. Beispielsweise um Spitzen in der Nachfrage zu meistern oder um ein gesundes Maß an internem Wettbewerb aufrechtzuerhalten. Diese Art Flexibilität ist richtig und sinnvoll.Doch niemals würden wir den Hauptteil unserer Produktion nach außen vergeben. Weil wir eine ausgewogene Mischung aus Fachkenntnis und Ressourcen brauchen. Und weil wir außerdem einen nahtlosen Übergang zwischen Produktion und Dienstleistung benötigen. Ein Beispiel: Momentan liefern wir – in Nordrhein-Westfalen hergestellte – Züge an große britische Bahnbetreiber aus. Es ist einer der größten Aufträge, den wir jemals erhalten haben und er umfasst zudem langfristige Wartungs- und Instandsetzungsverträge. Diese beiden Komponenten sind untrennbar miteinander verbunden.Das Gleiche gilt für unsere Kraftwerke, die rund um die Welt in Betrieb sind. Das rentable und langfristige Dienstleistungsgeschäft beruht dort gänzlich auf unserer Fertigungskompetenz – sowohl was die Installation der Anlagen als auch deren mögliche Weiterverwendung zu einem späteren Zeitpunkt angeht.Unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung – mit über 40.000 Mitarbeitern allein in Europa – ist integraler Bestandteil unserer europäischen Wertschöpfungskette. Sie arbeitet eng mit unserer Produktion zusammen. Hätten wir keine Fabriken, würden wir irgendwann einmal auch die Fähigkeit verlieren, neue Ideen zu entwickeln – denn diese hängen von der unmittelbaren und kontininuierlichen Zusammenarbeit nicht nur mit unseren Schlüsselkunden, sondern auch mit der Fertigung ab. Übrigens arbeiten viele unserer Forscher und Entwickler unmittelbar vor Ort in den Fabriken und erhalten dort ständig direktes Feedback aus der Produktion.Es gibt meiner Ansicht nach grundsätzlich zwei Hauptargumente dafür, dass Europa eine starke Industrie benötigt.Erstens: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Industrieländer es sich nicht leisten können, sich ausschließlich auf F&E und den Dienstleistungssektor zu konzentrieren – und ihre gesamte Fertigung auszulagern. Würden sie dies tun, so würden sie auch einige ihrer Kernkompetenzen einbüßen und – als Folge davon – ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. Produktion und Produktentwicklung gehören zusammen – und sie beeinflussen sich gegenseitig. Unternehmen, die einen Großteil ihrer Wertschöpfungskette nach außen vergeben, riskieren den Verlust wertvollen Know-hows – und gegebenenfalls sogar die Kontrolle über ihr Unternehmen.Zweitens wäre es unrealistisch zu glauben, dass irgendein Land – unabhängig von seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit – Vollbeschäftigung oder auch nur einen angemessenen Beschäftigungsgrad allein mit einem ausgereiften Dienstleistungswesen erreichen kann. Es muss Arbeitsplätze für jede Art von Qualifikation geben. Denn weniger talentierte oder begabte Menschen finden womöglich nur in einer Fabrik eine Arbeitsstelle. Und es ist Aufgabe der Regierung und der Industrie, für derartige Arbeitsstellen zu sorgen. Sonst wird die Gesellschaft auseinanderbrechen.So viel zu den Gründen, warum die Industrie eine solch wichtige Rolle spielt. Die Frage, mit der wir uns heute befassen, ist, wie Europa sich eine leistungsfähige Industrie erhalten kann.Ich denke, es gibt es vier Hauptthemen, mit denen wir uns in Europa beschäftigen müssen, um erfolgreich zu sein. Diese sind: die Sicherung optimaler Wettbewerbsbedingungen, der Aufbau regionaler Cluster, die Förderung von Innovation sowie exzellente Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.Zu Punkt eins: Europa muss seiner Industrie faire Wettbewerbsbedingungen garantieren.Das bedeutet in erster Linie, für die Flexibilität unserer Mitarbeiter zu sorgen und somit das eingesetzte Kapital optimal zu nutzen. Strikt geregelte Arbeitszeiten entsprechen – ebenso wie die Forderung nach einer weiteren Reduzierung der Wochenarbeitszeit – heute einfach nicht mehr der Realität unseres harten Wettbewerbsumfeldes.Ein Beispiel aus China zeigt deutlich, wo die Gefahren für Europa liegen. Das Beispiel bezieht sich auf Ingenieure – doch ich denke, es trifft im Prinzip ebenso auf Industriearbeiter zu. Im chinesischen Huawei werden Ingenieure relativ gut bezahlt. Und doch kosten sechs chinesische Ingenieure so viel wie ein deutscher. So viel zu den Kosten. Doch die Diskrepanz wird noch deutlicher, wenn man sich einmal die unterschiedlichen Arbeitszeiten ansieht. Ein chinesischer Ingenieur arbeitet 2.600 Stunden im Jahr. Sein deutscher Kollege lediglich 1.500 Stunden. Es ist höchste Zeit, unsere Grundprioritäten zu überdenken. Wir sind hier, um zu arbeiten und nicht um zu spielen.Wenn es uns gelingt, flexiblere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, kann die Industrie selbst in Ländern mit hohen Lohnkosten wie Deutschland wettbewerbsfähig bleiben. Ein gutes Beispiel ist unsere neue Anlage für Magnetic Resonance Imaging in Erlangen. Es ist uns gelungen, in unseren Tarifverträgen für Zeiten hoher Nachfrage sehr flexible Arbeitszeiten – d.h. an Abenden oder Wochenenden – durchzusetzen. Dank dieser Flexibilität konnten wir unser Werk hier bauen und mussten die Arbeit nicht nach außerhalb Europas verlagern. Und wir bleiben wettbewerbsfähig.Außerdem müssen wir unsere Bürokratie verschlanken, um faire Wettbewerbsbedingungen für die Industrie zu erreichen. Länder oder Kommunen, die gute Standorte und eine moderne Infrastruktur bieten, verfügen über einen Wettbewerbsvorteil. Doch das ist nicht genug. Verwaltungsvorgänge müssen schnell und unkompliziert ablaufen. Umweltstandards, Bestimmungen zur Sicherheit am Arbeitsplatz und viele andere Vorschriften sind grundsätzlich gerechtfertigt. Doch manchmal treibt man es damit zu weit und steht so praktischen Lösungen im Weg. Diese verwaltungstechnischen Hürden fügen der Wirtschaft großen Schaden zu.Bürokratie kann funktionieren. Das haben wir in Dresden erlebt, als wir vor einigen Jahren dort unser Halbleiterwerk errichtet haben – eine Anlage, die nun zu Infineon gehört. Wir wurden von der Kommune unterstützt. Alle Genehmigungen. Die Infrastruktur. Und die wichtigen Kontakte zur Universität. Für alle Faktoren war gesorgt – und das schnell. Und so konnten wir den Bau in Angriff nehmen.Ein weiteres Beispiel dafür, wie etwas hierzulande gut funktionieren kann, sehen wir hier in Hamburg-Finkenwerder. Es gab viele Einwände und Verzögerungen beim Ausbau des Airbus-Produktionsgeländes im Naturschutzgebiet. Doch es war auch der klare politische Wille da, das Vorhaben durchzusetzen und damit einen wichtigen Industriezweig am Leben zu erhalten.Solche allgemeine Wettbewerbsbedingungen für die Industrie zu schaffen, ist die größte Aufgabe, vor der wir stehen. Doch damit nicht genug. Wir müssen unsere Bemühungen zugunsten der Industrie auf kommunaler Ebene bündeln.Und das bringt mich zu Punkt zwei: Europa braucht mehr Cluster, die Wissen und Produktion eng miteinander verbinden.Cluster haben ihre Bedeutung zu Recht. Alles beginnt mit einem starken Kern – z.B. einer Universität oder einem Forschungszentrum oder Werk, das innovativ arbeitet – und schon setzt sich ein faszinierender dynamischer Prozess in Gang. Zulieferfirmen kommen hinzu. Spin-Offs werden gegründet. Der F&E-Bereich wächst. Startup-Unternehmen werden angezogen. Dienstleistungen entstehen. Und dieses dynamische Netzwerk stützt einen immer größer werdenden Produktionsstandort.Ein hervorragendes Beispiel für ein erfolgreiches Hightech-Cluster ist die Region in und um München – das weltweit drittgrößte IT-Cluster nach dem Silicon Valley und der Greater London Region in Großbritannien. Weitere Beispiele sind das bereits erwähnte Medical-Valley-Cluster in Erlangen und das Biotechnologie-Cluster in Martinsried nahe München oder die Halbeiterindustrie in und um Dresden.Cluster sind eine hervorragende Methode, veraltete Produktionsstandorte mit neuem Leben zu erfüllen. Einer der größten klassischen Produktionsstandorte von Siemens in Deutschland war Karlsruhe. Dort fertigte man in erster Linie elektromechanische Produkte – all die Geräte, die vor dem Zeitalter der Elektronik in Gebrauch waren. Zu Beginn der 90er Jahre dann standen alle diese riesigen Hallen so gut wie leer. Die elektronischen Revolution hatte die alte Produktionsstätte überflüssig gemacht. Wir hatten die Wahl, den Standort zu schließen – oder eine andere Lösung suchen.Wir haben uns für eine gänzlich neue Lösung entschieden. Wir haben den Standort in einen Technologiepark mit Cluster-Struktur verwandelt. Heute ist das Gelände voller Leben: Zulieferer, enge Kontakte zur Universität und modernste Produktionsprozesse. Der Standort lebt.Cluster zu bilden ist nicht die Aufgabe der EU-Behörden. Und oft auch nicht die der nationalen Regierungen. Es ist die Aufgabe der regionalen und kommunalen Gebietskörperschaften. Und auch der Industrie selbst.Diese Cluster schaffen Innovationen - und sie leben selbst davon. Und wenn wir die europäische Industrie erhalten wollen, ist ein ununterbrochener Innovationsfluss essentiell. Und das bringt mich zu Punkt drei: Wir müssen ein politisches Klima in Europa schaffen, in dem Innovation gefördert werden .Zunächst einmal brauchen wir sehr viel höhere Investitionen in Forschung und Entwicklung – von Seiten nationaler und regionaler Regierungen und des privaten Sektors. Derzeit investiert Deutschland nur 2,5 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in F&E. Wir rangieren damit international an 7. Stelle – weit hinter den USA und auch hinter Ländern wie Schweden und Korea. Das reicht einfach nicht aus, um ganz vor mit dabei zu sein. Und es reicht nicht aus, um uns eine führende Rolle in Zukunftsbranchen wie der Bio- und Nanotechnologie zu sichern. Auch diese Branchen haben nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die herstellende Industrie.Investitionen in F&E müssen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fließen – denn sie sind die Basis für die Zukunft. Diese Strategie verfolgen wir bei Siemens, so wie es auch viele andere Unternehmen tun. Die letzten Jahre waren für uns – wie für alle anderen auch – schwer, insbesondere im Bereich I&C. Und dennoch haben wir unsere Investitionen in die Zukunft nicht zurückgeschraubt. Im vergangenen Jahr haben wir beinahe 6 Milliarden Euro in F&E investiert. Auch Unternehmensbereiche, die extreme Umstrukturierungsmaßnahmen und einen Rückgang der Beschäftigungszahlen hinnehmen mussten, haben ihre Investitionen in F&E auf gleicher Höhe beibehalten. Der Grund dafür ist simpel: Seit über 150 Jahren sind Innovationen unser Lebenselixier.Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor, den ich gerne erwähnen würde und der in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Das europäische Patentsystem ist zu langsam, zu kompliziert und zu teuer. Patente in Europa sind, wie ich höre, acht Mal so teuer wie in den USA. Wir können es uns einfach nicht leisten, Innovationen derart zu bremsen.Ein Unternehmen wie das unsere sichert sein schwer verdientes und teures Wissen durch strategische Patente. Dieses Wissen kann dann vermarktet werden. Dadurch rechnen sich selbstverständlich auch F&E-Kosten. Doch ein weiterer Effekt ist langfristig gesehen von noch größerer Bedeutung: Wenn Patente binnen kurzer Zeit erteilt werden, hat die Industrie eine gute Chance, die neue Idee zum weltweiten Standard zu machen – mit all den wirtschaftlichen Vorteilen, die dies mit sich bringt.Ich komme nun zu meinem vierten Punkt, einem exzellenten Niveau der Aus- und Weiterbildung für unsere Arbeitnehmer.Um unsere innovativen Branchen weiter zu entwickeln und abzusichern, brauchen wir die besten Mitarbeiter. Ein amerikanischer Wirtschaftsautor hat einmal geschrieben:
"Die Fabrik der Zukunft hat nur zwei Angestellte: einen Mann und einen Hund. Der Mann ist da, um den Hund zu füttern. Der Hund ist da, um den Mann davon abzuhalten, die Maschinen anzufassen." Einige von Ihnen denken vielleicht, mir gefällt diese Vorstellung – schließlich ist unser Unternehmen ja weltweit führend bei Fabrikautomationssystemen. Aber dem ist nicht so. Ich bin der Ansicht, dass Menschen auch weiterhin eine Schlüsselrolle in allen Bereichen der Fertigung spielen wird. Menschen sind unverzichtbar bei Design und Entwicklung. Als Ansprechpartner für den Kunden in allen Phasen. Um die Verfügbarkeit der Maschinen, Systeme und gesamten Werke sicherzustellen. Und um Qualität zu gewährleisten. Henry Ford traf den Kern der Sache, als er sagte:
"Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes beginnt nicht in der Fabrikhalle oder im Forschungslabor. Sie beginnt im Klassenzimmer." Und es ist offensichtlich: Um die Herausforderungen einer wachsenden Komplexität zu meistern, brauchen wir ein erfolgreiches Bildungswesen.Und das beginnt schon in der Grundschule. In Deutschland war man geschockt vom unerwartet schlechten Abschneiden unserer Schulen in der Pisa-Studie - insbesondere was Mathematik und die Naturwissenschaften angeht. Ich meine, das war ein heilsamer Schock – eine Art Weckruf, damit wir uns an die Arbeit machen, unser System zu reformieren. Und ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.Die nächste Stufe nach der Schule ist die Berufsausbildung. Das Duale Ausbildungssystem in Deutschland verbindet die praktische Ausbildung im Betrieb mit der Theorie im Klassenzimmer. Dieser pragmatische Ansatz ist eine unserer großen Stärken – und er ist die Basis für das gute Image von "Made in Germany".Ich freue mich, dass wir in der Lage waren, das "Duale System" den geänderten Bedingungen in der Industrie anzupassen. Denn die Zeiten haben sich in den letzten zehn Jahren dramatisch geändert. Und mit ihnen die beruflichen Anforderungen. Einige traditionelle Berufe, die sich auf rein mechanische Fähigkeiten konzentrieren, verlieren zunehmend an Bedeutung. Deutschland hat reagiert und hat sein berufliches Bildungswesen an die neuen Herausforderungen angepasst. Das Angebot der Ausbildungsberufe wurde um attraktive neue Berufe, wie beispielsweise Elektrotechnik-Ingenieur oder Mechatronikspezialist, erweitert, um sicherzustellen, dass die Industrie kontinuierlich mit neuen Fachkräften versorgt wird. Und dieser Trend, dessen bin ich mir sicher, wird sich fortsetzen.Auf einer nächsten Stufe gründen die Unternehmen zunehmend technische Berufsakademien. Siemens Deutschland betreibt momentan fünf solcher Technik-Akademien. Ihr Ziel ist es, den dort Ausgebildeten stets den neuesten Stand der Entwicklungen zu vermitteln.Neben den traditionellen Universitäten und Fachhochschulen werden neue Institutionen ins Leben gerufen, wie die European School of Management and Technology in Berlin und München. Hier sollen diejenigen ausgebildet werden, die unsere Unternehmen einmal leiten werden.Und wir wissen, dass wir auch weiterhin mit der Aufgabe konfrontiert sind, unsere Universitäten noch attraktiver zu machen. Englisch spielt heute eine größere Rolle. Wir sind dabei, unsere Kurse, Lehrpläne und Studienabschlüsse den internationalen Standards anzupassen. Und wir sehen weiteren Reformen entgegen, die z.B. den Universitäten das Recht einräumen, ihre Studierenden selbst auszuwählen oder Studiengebühren zu erheben.Es bleibt noch viel zu tun – nicht nur in Deutschland. Aber wir wissen: Wenn wir beste Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen – und wenn unsere Unternehmen die berufliche Weiterbildung als Grundrecht garantieren – haben wir Beschäftigte, durch die unsere Unternehmen und Europa wettbewerbsfähig bleiben.Meine sehr verehrten Damen und Herren, zu Beginn meiner Ausführungen habe ich meiner starken Überzeugung Ausdruck verliehen, dass die Industrie in Europa eine Zukunft hat. Unter einer Bedingung: Wenn wir entschieden handeln und die Herausforderungen annehmen, die sich uns mit Entwicklungen wie der Globalisierung und demographischen Veränderungen stellen. Das Geheimnis des Erfolges liegt in den Worten Goethes:
"Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun." In unseren Ländern herrscht ein wachsendes Bewusstsein darüber, was wir tun müssen, um unsere Industrie langfristig mit neuem Leben zu erfüllen. Wir haben vieles erreicht, aber es liegen auch noch viele Aufgaben vor uns, die nicht einfach sind. Doch ich bin absolut zuversichtlich, dass Europa handeln kann und wird, um jede gegenwärtige und zukünftige Herausforderung zu meistern. Und wir werden dazu beitragen.