WEIMARER REDE Krieg im Frieden - Neun Sätze über die Welt

In der Reihe "Weimarer Reden" sprach Christoph Dieckmann im Deutschen Nationaltheater über Krieg, Soldatentum, Pazifismus, das wiedervereinigte Deutschland und den 11. September. Der Ostdeutsche Dieckmann, der 1990 zur ZEIT stieß, ist Theologe, Schriftsteller, Reporter - eine authentische Stimme des deutschen Ostens. Der Text seiner Rede ist von eigenwillig-eindringlicher Vielschichtigkeit - wie alles, was er schreibt

"The world is turning
I hope it won´t turn away"

(Neil Young: "On the Beach")

1

Einst hat mir eine junge Frau aus ihrer Kindheit erzählt. Ihr Vater war Offizier der Nationalen Volksarmee. Eines Sommers machte die Familie Urlaub in Boitzenburg/Uckermark, im Heim der Armee: ein Schloß mit Park darum; die Buchen standen dicht wie Wald; das Mädchen fühlte, was das Märchenwort verwunschen meint. Wer denn früher hier gelebt habe, fragte sie den Vater. Der sagte: Die Ausbeuterklasse. Mehr wußte er nicht, aber ich.

Dies war das Arnimsche Schloß. Großmutter stammte aus Boitzenburg. Urgroßvater Nagel betrieb dort eine große Stellmacherei. Die ständische Idylle des wilhelminischen Landstädtchens zeichnet mit Liebe Heinrich Wolfgang Seidels Vikariatsroman "Drei Stunden hinter Berlin"; der Meister Nagel heißt darin Hammer. Nicht enthalten in dem Buch ist jene Episode, die Großmutter gern am Kaffeetisch erzählte und die mir bis heute beispielhaft das völkische Sentiment erklärt. Frühling war, und an den großen Krieg noch nicht zu denken. Am Sonntag spazierten die vier Nagel-Töchter geputzt durch den Park: ein Maidenquartett in Weiß vor frischem Buchengrün, ein Sehnsuchtsbildnis deutschen Biedermeiers. Da sprengte ein schneidiger Reiter daher. Er zügelte sein Roß, neigte sich herab zu den lieblichen Erscheinungen und fragte nach Woher und Wohin. Entzückt gaben sie Auskunft. Dann grüßte der Reiter militärisch und galoppierte davon. Es war der Kronprinz von Preußen; die Arnims empfingen oft Besuch der befreundeten Hohenzollern. Schade, daß er nicht Kaiser geworden ist, seufzte Oma. Dann könnte man sagen, man hat den Kaiser gekannt.

Sie waren fünf Kinder. Der einzige Bruder, Hans-Heinrich, sollte einmal das väterliche Geschäft übernehmen. Am 1. August 1914 begann der Krieg. "Ich sehe Hans-Heinrich noch immer vor mir", redete ein gutes Jahr darauf der Boitzenburger Pfarrer, "wie er mit feurigen Augen und mit vor Aufregung glühenden Wangen an des Vaterlandes großer Schicksalsstunde Anteil nahm und wie er, um einer der ersten zu sein, freudig kam, als das Vaterland seine Söhne zu den Waffen rief." Ein Päckchen Feldpostkarten ist erhalten, an die Johanniterschwester Marie Nagel, Pritzwalk, Krankenhaus. Liebe Schwester, mir geht es gut, steht regelmäßig darauf, mit Kopierstift, in krakeligem Sütterlin. Mir geht es dauernd gut. Mir geht es immer noch gut. Danke für das Päckchen. Hier erholen wir uns. (Ansicht Ostende, Sur la plage) Kaspar Rothenburg ist im Osten gefallen. Wieviel Kameraden werden noch ins Gras beißen müssen, ehe der Friede da ist. Geschrieben den 9.3.15.

Vom 2. Juli 1915 datiert ein Brief in anderer Schrift. Ortsangabe: auf dem Marsch. "Sehr geehrter Herr Nagel, selbst in arg gedrückter Stimmung muß ich Ihnen die Mitteilung machen, daß Ihr tapferer Hans-Heinrich () am 30. Juli abends durch Schrappnellschuß schwer verletzt (am Kopf) u. ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben, den Heldentod für unser teures Vaterland gestorben ist. In der Eile und Aufregung des weiteren Vorgehens fehlen mir die entsprechenden Worte, Ihnen alles das zu sagen, was ich möchte. Es gehören eiserne Nerven dazu, sich noch einigermaßen aufrecht zu halten. Und es muß doch sein, sollen all die bitteren Opfer nicht umsonst sein." Es folgt eine knappe Skizze des Gefechts, das sich bei dem russischen Städtchen Zamosc zugetragen hatte. "() am (Orts-)Ausgang () hinter dem Gehöft Lekarz Powiatowy, rechts ein Schneidermeister. In dem Garten des Gehöftes ruht unter Obstbäumen ringsum Rasen Hans-Heinrich. Der Besitzer spricht gebrochen deutsch und hat Pflege und Sorgfalt für das Grab versprochen."

Gedächtnisfeier in Boitzenburg. Die Regimentskapelle spielt "Laßt mich gehen", es erhebt sich der Hymnus des beispielhaft frühvollendeten Theodor Körner:
Vater, ich rufe dich!
Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze.
Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze.
Lenker der Schlachten, ich rufe dich!
Vater, du führe mich.

(...)
Vater, ich preise dich!
S´ ist ja kein Kampf für die Güter der Erde;
Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte,
Drum fallend und siegend preis ich dich!
Gott, Dir ergeb ich mich.

Der Pfarrer predigt über Johannes 15,13: Niemand hat größerer Liebe, denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde. "Hans-Heinrich Nagel ist nicht ein Opfer des Krieges geworden, sondern er hat mit vollem freudigen Bewußtsein sich selbst als Opfer hingegeben. Und nur die Liebe, die sich selbst freudig hingibt, kann den Abgrund schließen, an den unsere Feinde das Vaterland gebracht haben. Hier vor dem Boitzenburger Altar hat Gott der Herr Hans-Heinrich in der Konfirmation seine Zusage gegeben (Jesaja 40,31): Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler... Gott hat seine Verheißung an ihm erfüllt und wird seine Treue segnen. Auf Wiedersehen in der ewigen Heimat. Amen."

Gott, dir ergeb´ ich mich!
Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,
Wenn meine Adern geöffnet fließen;
Dir, mein Gott, dir ergeb´ ich mich!
Vater, ich rufe dich!

Nur ahnen läßt sich die Verfassung der Eltern und Geschwister. Diese Balsamierungorgie des deutschen Militarismus enthielt ja wirklich Volksempfinden der Zeit, verschweißt mit Herrschaftspropaganda, überkrönt vom nationalen Christentum und seinem Gott, der Eisen wachsen ließ. Kein Entkommen, kein Asyl, außer im Schweigen. Die Urgroßeltern Nagel haben den Tod ihres Sohns und Erben nie verwunden. Die Stellmacherei ging ein, Helden-Deutschland noch lange nicht.

1925, zehn Jahre später, wird Hans-Heinrich Nagels Todestags noch einmal gedacht. Im Mitteilungsblatt für die Ehemaligen des Reserve-Infanterieregiments 207 rekapituliert Kamerad Hauptmann von dem Hagen den Tag von Zamosc: "ein kleines Steinchen nur in dem leuchtenden Mosaikbild unseres Kriegserlebens, aber ein besonders glanzvolles! Blauender Himmel, Windstille als wir vom Nordrand des abends zuvor im Sturm genommenen Städtchens Labunie den Weitermarsch auf schnurgerader Chaussee antraten. Stimmung besonders gut Dank der Vorräte, welche die in Brand geschossene Spritfabrik uns teilweise zu reichlich zur Verfügung gestellt hatte. () Nach etwa 4 km erreichten wir das blühende Dorf Osada; begeisterter Empfang der deutsch sprechenden Bevölkerung: Heilrufe, Weißbrot, Cigarretten, erfrischendes Naß! Vom Feinde nichts zu bemerken."

Dann aber doch. Ausführlich folgt Schlachteprosa. Glänzender Sieg, schmerzliche Verluste. "Leider mußten wir nahezu die Hälfte der Kameraden in Feindesland zurücklassen, wir Zurückgekehrten aber fanden uns bald zu erinnerungsvollen Zusammenkünften, in denen auch unsere Damen schon so viele schöne Erlebnisse hören konnten."

2

Von Kriegermalen wurde der Junge heftig angezogen; das ist noch heute so. Dabei war in der DDR der Zweite Weltkrieg denkmalstechnisch ein Tabu, außer für Sowjetsoldaten und Opfer des Faschismus. Zu sehr hätte eine Wehrmachts-Pietät mit dem Charakter der Hitlerei kollidiert, und mit der ostdeutschen Staatsdoktrin. Der Erste Weltkrieg - präsowjetisch und relativiert durch den Zweiten - war hingegegen zugelassen: Gedenktafeln in den Kirchen, Adlersäulen, Obelisken auf den Angern und Kirchvorplätzen der Provinz mit den Namen verschollener Jugend. Manchmal standen hinter den Todestagen und Eisernen Kreuzen fremdländische Orte - russische, flandrische, galizische Sterbestätten, die der Krieg in anhaltinische Dorfgeschichten eingetragen hatte. Wie wäre es, dachte der Junge, wenn alle Völker, statt die eigenen Gefallenen zu ehren, nur Denkmäler ihrer getöteten Feinde errichten würden? Den Deutschen käme das zugute. In sehr vielen Ländern gedächte man unserer Toten.

Hinten in Vaters Regal fand der Junge ein Buch - feldgraues Leinen, der Titel in gotischer Fraktur: "Sieben vor Verdun". "Jetzt bluten wir hier, wo unsere Vorfahren gepflügt haben", so las der Junge, mit heißen Ohren. "Der Sieg, das ist der Zweck des Krieges, nicht sein Sinn. () Das Reich, das ist eine Sehnsucht des Krieges, nicht sein Sinn. Der Krieg stellt eine Frage an die Völker: Bist du bereit und geweiht, der Welt Ordnung und Gesetz zu geben? Willst du dich opfern um des kommenden Gesetzes willen, das höher ist als du selbst? () Wir müssen hinaus, bewußt und geschlossen. () Die Wanderung beginnt wieder, wir sind die äußerste Welle." God bless America, das stand keineswegs in diesem Buch, sondern: "Die Welt ist unendlich, aber das Reich ist die Mitte. Die Menschen des Reiches wachsen. Einige von ihnen sehen schon seine Landschaft. Sie sehen seine Ströme und Meere, die nicht von Wasser sind, sondern von fließendem Licht; sie sehen seine Gebirge, die nicht von Stein sind, sondern von klingendem Kristall. Sie sehen den Thron und den König, dessen Krone nicht von Gold ist, sondern gebildet von den Händen des allmächtigen Gottes und seines Christ."

Und dann rauscht Blut und Blut. Josef Magnus Wehners "Sieben vor Verdun", ediert 1932, war eine Kathedrale der orgelnden Barbarei. Natürlich wurde derlei in der DDR nicht verlegt, auch nicht Ernst Jüngers Schrifttum zur Naturerfahrung Krieg. Dafür lasen wir Aufklärung, von Remarque bis zu den sieben Bänden von Arnolds Zweigs "Der große Krieg der weißen Männer". Krieg, daran blieb kein Zweifel, war Willkür und namhafte Schuld. Aber den Jungen fesselte ein Anderes, die Aberseite der Vernunft, Geschichte als ein Widerfahrnis, nicht als willentliche Tat. Die großen

Leute machen Geschichte, den kleinen stößt sie zu. Das Dorf, in dem der Junge aufwuchs, stand gegen die Entwicklungszuversicht der aufgeklärten Welt. Es lebte nicht linear, es ging im Jahreskreis. Es wechselten Saat, Sommer, Ernte, Winter. Die Tiere wurden erzeugt und wieder verzehrt. Ebenso kamen und gingen die Menschen. Etliche hatte immer der Krieg geholt, wie eine Epidemie die Tiere schlägt oder der Hagel das Korn. Jede Generation erlebte Seuchenjahre, jede den Krieg: 1871, 1914, 1939. Jede Generation zog einmal hinaus, kämpfte sich leer, entrichtete Blutzoll, kehrte, die Reihen gelichtet, heim, schwieg oder feierte an Sedanstagen ihr once in a lifetime. Das Reich war ihnen schnuppe, der Germanenchristus Pfaffenpoesie. Aber Krieg war immer: Saat und Ernte, Ernte und Saat. Kann man das Kämpfen nicht stoppen? wird Krishna in der "Bhagawadgita" gefragt. Sinnlos, sagt Krishna, dieselben Seelen kämpfen schon seit aller Zeit.

Doch dann ist wieder eine Weile Frieden, der Atavismus schläft. Hans-Heinrich Nagel liegt in einem russischen Obstgarten begraben, und ein russischer Schneidermeister pflegt sein Grab. Falls das stimmt: Warum tat er das? - Er fühlte, denke ich, daß dieser hirnzerfetzte deutsche Junge in seinem Garten lag, weil dies ein Gesetz befahl, das auch das seine war. Der Tod egalisiert; mit diesem archaischen Volksgefühl der Opfertätergleiche hat sogar noch der Bundeskanzler Kohl gespielt. Verhängnis: Das Gewiesene geschieht, das Geschehene zeugt Normalität, und sei es Schuld. Die meisten Menschen fügen sich in das, was nicht zu ändern scheint. Auch der Trotzigste erträgt es schlecht, dauerhaft im Widerspruch zu seiner Mitwelt zu leben, besonders wenn diese Mitwelt Gleichmaß gebietet. Der Junge erschrak, wie nahe dem entsetzlichen Verhängnis Krieg er geboren worden war. Aber nun schienen die Kriege vorbei. 1965 kam nur die Maul- und Klauenseuche.

3

Von einem Stein war zu lesen in der "Thüringischen Landeszeitung". Das Dörfchen Lehnstedt bei Weimar habe ein Denkmal errichtet für die Opfer eines Buchenwalder Todesmarsches. Das ist keine typische Meldung im heutigen Ostdeutschland. Du fährst nach Lehnstedt.

Der graugefurchte Mann dort am Stammtisch der Dorfgaststätte ist der Bürgermeister Helmut Ackermann. Und das ist die Geschichte: Anfang April 1945 evakuierte die SS Teile des KZ Buchenwald. Einer der Häftlingszüge erreichte am Abend Lehnstedt. Die SS beschlagnahmte die Feldscheune des Gutsbesitzers Bremer und trieb die Entkräfteten hinein. Etliche klagten vor Schmerzen, da feuerte die SS blindlings in die Masse. Danach war Stille. Beim Aufbruch am Morgen blieben in der Scheune dreizehn Tote. Drei Häftlinge konnten nicht weiter, die wurden auch erschossen.

Da haben sich die Leute dazumal ausm Ort, sagt Helmut Ackermann, haben sich eben die Mühe gemacht und die begraben am Ortsausgang, weil da die drei Sühnekreuze standen ausm 16. Jahrhundert, und da wurde eben dazumal in der Meinung gedacht, da sind schon mal Leute begraben worden. Und da kam ein Kreuz drauf mit der Schrift: Hier ruhen 16 unbekannte Antifaschisten. Später kam ein Stein hin für das Holzkreuz, Hecke, kleiner Zaun, und zwei Trauerweiden wurden eingepflanzt. Und dann gingen die Jahre ins Land, und alles is verrottet. Das ging doch nich. Fakt is doch mal eins, die Leute sind hier in diesem Ort zu Tode gequält worden, und dem muß man gedenken.

Zum Volkstrauertag 1998 wurde der regenerierte Stein neu eingeweiht. Der Landrat sprach. Viele Ältere kommen und legen Blumen hin, sagt Helmut Ackermann. Oder sie nehmen ´ne Andacht, weil Vater oder Onkel auf dem Todesmarsch umgekommen sind und keiner weiß, wo sie liegen. Wer unsre hier sind, is ja auch nich bekannt.

Er braucht keine Walser-Debatte, der Elektriker und Invalidenrentner Helmut Ackermann, der viel älter wirkt als seine vierundfünfzig Jahre. Staublunge, von Unterputzarbeiten. Aber er müsse wirbeln. Wie er das Erdgas ins Dorf geholt habe und die Kegelbahn. Hier bei dem Stein habe ihm ja wenigstens Karl Moszner geholfen, der Kreisheimatpfleger.

Ich denke, das war ein Anliegen von ganz Lehnstedt?

Es habe sich, sagt Ackermann, im Dorf ein Burschenschaftsverband gegründet, mit dem sei er ein bißchen über Kreuz. Die benutzten den Vereinsstatus nur, um sich ihre Trinkfeste fördern zu lassen. Für das Häftlingsgrab hätten sie gar nichts unternommen, sondern das Kriegerdenkmal vor der Kirche renoviert, für Volk und Vaterland. Das is hier überall so, sagt Ackermann. Schaunse mal rum in den ganzen Dörfern.

Wir fahren zur Kirche. Festlich bekränzt, trutzt das Trumm vor sich hin. Im Zweiten Weltkrieg wars nu wirklich nich fürs Vaterland, sagt Ackermann. Da wars für die Experten, die nich jenuch kriegen konnten. Jetzt is der Kaffee durchgelaufen, fahrn mer heim.

Sagt denn den Burschenschaftlern keiner, daß die Wehrmachtstoten für Verbrechen sterben mußten?

In der Richtung wird nich gesprochen, sagt Ackermann und haut die Autortüre zu. Zwingen kann man keinen. Wichtig is, daß es für mich bei dem Häftlingsgrab kein Zwang war, sondern echt ´ne von innen rauskommende Kraft.

4

In Bremen lebt ein Mensch, der wurde am 13. Dezember 2001 achtzig Jahre alt. Das grenzt an ein Wunder, denn Ludwig Baumann ist Wehrmachtsdeserteur. "Der Soldat kann sterben, der Deserteur muß sterben", hatte Hitler verfügt. 30 000 Todesurteile verhängte die NS-Wehrmachtjustiz, 20 000 wurden vollstreckt (bei der US-Army im Zweiten Weltkrieg eines). Weniger als 4 000 Fahnenflüchtige überstanden Konzentrationslager und Strafbataillon. Heute leben noch etwa 200. Sie wurden nie eindeutig rehabilitiert. Darum kämpft der alte Mann aus Bremen, als Leiter der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz.

Geboren in Hamburg, als einfacher Leute Sohn. Der Vater hatte sich zum Tabak-Großhändler hochgeackert. Ludwig Baumann war ein Mutterkind. Der Vater nannte ihn Waschlappen. Die Mutter starb durch einen Verkehrsunfall. Ludwig, haltlos, wurde renitent. Der Hitlerjugend verweigerte er sich. Er mußte zur Wehrmacht, bockte, wurde geschliffen und schikaniert. Als Deutschland im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, war Baumann in Bordeaux stationiert. In der "Wochenschau" sah er Hitlers Ostfront-Triumphe und den russischen Winter. Er fragte sich: Was wird aus den besiegten Russen? Verhungern, erfrieren sie? Ist nicht der Krieg ein Verbrechen? Gleich dem Klagesänger aus Mathias Claudius´ berühmtem Gedicht wünschte Baumann, nicht schuld daran zu sein. Mit seinem Freund Kurt Oldenburg plante er die Flucht: erst ins unbesetzte Vichy-Frankreich, dann nach Marokko, dann, irgendwie, nach Amerika. Wir wollten nicht töten, sagt Baumann, und wir wollten leben.

Eine Streife griff die beiden auf. Obwohl bewaffnet, vermochten sie nicht zu schießen. Kurzer Prozeß. "Dem Angeklagten Baumann", heißt es in der Urteilsbegründung, "ist seine gute bisherige Beurteilung und seine Jugend () weitestgehend zugute gehalten worden. () Die Flucht von der Fahne ist und bleibt das schimpflichste Verbrechen, das der deutsche Soldat begehen kann." Höchststrafe.

Zehn Monate saß Baumann in der Todeszelle, dreihundert letzte Tage lang. Wie erträgt man das? Baumann weiß es nicht mehr; er hat es verdrängt, bis auf einen tropfenden Wasserhahn. Wenn du morgen tot bist, dachte er, dann tropft der weiter.

Über Monate verschwieg man ihm, daß er längst begnadigt war, zu zwölf Jahren Zuchthaus. Dann Torfstecher im Emsland-KZ Esterwege, dann Häftling in Torgau, Fort Zinna, dem Hauptquartier der NS-Wehrmachtjustiz, wo Baumann aus erzieherischen Gründen immer wieder Deserteurserschießungen beizuwohnen hatte. Manchmal erhielt er beim Drillichwechsel eine Jacke, die trug vorn überm Herzen einen Flicken und rückseitig einen zweiten, größeren. Dann wußte Ludwig Baumann, daß in dieser Jacke ein Kamerad erschossen worden war. Dann Ostfront, Weißrußland, Strafbataillon 500. Wir wurden da einfach reingeschmissen, sagt Baumann, da hat fast keiner überlebt, ich kann schlecht darüber reden, über das Grauen.

Auch Kurt Oldenburg kam um. Ludwig Baumann wurde verwundet. Im Wehrmachtslazarett in Brünn schloß ihn ein dienstverpflichteter tschechischer Arzt in sein Herz, der behandelte die Wunde so, daß sie bis Kriegsende nicht heilte. Er fand heim, der verlorene Sohn. Der Vater umarmte ihn nicht. Hitler hin und her - als Deserteur hatte er Schande gemacht. Baumann begann zu saufen. In den westdeutschen Kneipen der fünfziger und sechziger Jahre blieb der Russe Untermensch. Es war Kalter Krieg. Baumann fand, wenn die Rote Armee gewütet hätte wie zuvor die Wehrmacht in der Sowjetunion, dann existierte kein Deutschland mehr. Für solche Töne gabs Ärger, und Drohbriefe zuhauf. Leseprobe von 1994: "Seien Sie versichert, Volksschädling Baumann, daß Sie sich für alles alsbald vor dem Reichskriegsgericht in Berlin zu verantworten haben. () Was Sie zu erwarten haben, ist klar. Nehmen Sie vorher Zyankali, dies erspart Ihnen Nerven und der alsbald wieder funktionierenden reichsrechtlichen Justiz und dem Herrn Reichs-Finanzminister etliche Reichsmark. Mit deutschem Gruß" Voller Absender.

Am 15. Mai 1997 dekretierte endlich der Deutsche Bundestag: "Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen." Die Urteile der Wehrmachtjustiz wurden für Unrecht erklärt - mit einer Ausnahme: Bei Desertion sei jeder Einzelfall auf echte Widerstandsgesinnung zu prüfen. Unmöglich könne rückwirkend für legitim erklärt werden, was auch nach heutigem Recht unter Strafe falle.

Das heißt: Nach einer Biographie der Demütigungen in der restaurativen Bundesrepublik sollen die letzten Überlebenden beweisen, daß ihre Desertion höheren Zielen diente als dem elementarsten: Mensch zu bleiben statt Mörder zu werden, oder Toter. Der Nach- und DDR-Geborene reibt sich die Augen, als sei er im Vorgestern erwacht, im Panoptikum der Ritterkreuzträger. Wie lange soll noch eine Ehre des braven, mißbrauchten Hitler-Soldaten auf Kosten derer verteidigt werden, die sich nicht mißbrauchen ließen?

Gesellschaftlich, sagt Ludwig Baumann, sind wir Deserteure heute rehabilitiert.

Warum wollen Sie´s unbedingt noch gesetzlich?

Damit man´s hat, sagt Baumann. Daß man sich drauf berufen kann. Die Zeiten ändern sich. Wir Zeitzeugen werden weniger, die anderen werden mehr.

5

1982. Ein langer Sommer neigt sich auf der Insel Usedom. Heimfahrt nach Berlin. Im Briefkasten lauert ein Schock: eine vorgedruckte Karte. Absender: Wehrkreiskommando Berlin-Mitte. Betreff: Einberufungsüberprüfung. Richtig, vor sieben Jahren, als Lehrling, hat man dich gemustert, zum Artilleristen, auf daß du mit wohlgezielten Böllern die höllischen Scharen der NATO hindern solltest, die Deutsche Demokratische Republik anzutasten. Krieg, das schien ein Scherz in Honeckers ewigem Frieden. Soldatsein bedeutete schlicht 18 Monate subhumane Kasernen-Existenz, fern von Zuhause, der Freundin und anderen Manifestationen frohen Jugendlebens. Zu den ungleich größeren Härten der Wehrdienstverweigerung spürte Schwejk wenig Neigung.

Soldaten, nicht zu vergessen, wurden vom DDR-Volk verachtet. Der Dienst in Hoffmanns Trachtengruppe galt als unwürdig verbrachte Zeit, bestenfalls geeignet zur Lehre fürs Leben und als Füllhorn tausenundeiner absurden Geschichte. Deine Einberufung kam nie. Das Theologiestudium begann, die Sache war fast vergessen. Erinnerlich blieb allerdings Kamerad S., der sich für 25 Jahre zu den Grenztruppen verpflichtet hatte. Auf die Frage, wie er zu handeln gedenke, falls seine Mutter rübermachen wolle, antwortete S.: Gut zielen würde ich. An der Grenze kenn ich keine Mutter.

Und jetzt doch noch Armee? Mit 26, zum letzten Termin? Mittlerweile ist Raketenzeit, Honecker spricht von bewaffnetem Frieden und Weltenbrand. Du bist inzwischen Vikar der Evangelischen Studentengemeinde. Während einer Rügen-Rüstzeit hat man einen Kommilitonen polizeilich zugeführt und ihm den Aufnäher mit dem sowjetischen UNO-Denkmal und der Schrift "Micha 4,3: Schwerter zu Pflugscharen" vom Parka geschnitten. Der Friedensterrorist kam schließlich wieder frei, nicht ohne die Drohung: Euren Micha kriegen wir auch noch!

Du schreibst eine Eingabe. Unabkömmlich seist du, als Vikar, zwischen Erstem und Zweitem Examen der Theologie, weshalb du derzeit schweren Herzens darauf verzichten müßtest, die DDR so zu schützen, wie sie es verdiene. Mit rigider Antwort befiehlt das Wehrkreiskommando dein Erscheinen. Du folgst dem Termin. Acht Uniformierte sitzen, zum Hufeisen gruppiert, um eine langen Tafel, von deren Kopfseite eine Art General mit Löwenstimme grollt: Bürjer, Sie ham sich beschwert. Dazu hatten Sie kein Recht. Und wat heißt hier Zweites Examen? Sindse Sitzenbleiber oder wat?

Das Zweite Examen gehöre zur Ausbildung, erläuterst du. Es folge dem Vikariat, also dem pastoralen Übungsjahr. Das sei wie in der Schule: Man hat bereits die zehnte Klasse abgeschlossen, aber bis zum Abitur ist man noch Schüler.

Bürjer, donnert der General, Bürjer, wollnse uns verarschen? Aus meinen Unterlagen geht eindeutig hervor, daß Sie de 10. Klasse schon 1972 abjeschlossen haben!

Es ist da noch etwas Hinderliches, Herr Kommandant. Infolge meines Studiums bin ich Pazifist geworden. Ich dürfte sowieso nicht kämpfen, höchstens als Bausoldat.

Dacht icks doch! dröhnt der Gewaltige. Ick sage Ihnen von Mann zu Mann: Der nächste ordentliche Krieg treibt Ihnen die Jesusflausen aus, der macht Sie zum Kerl. Bürjer, Sie marschieren, und zwar mit deutschem Haarschnitt! (Druck auf die Wechselsprechtaste.) Jenosse Wachhabender, der Bürjer verläßt uns jetzt wieder!

Einer kann helfen - vielleicht. Du eilst zu Manfred Stolpe, damals Konsistorialpräsident von Berlin-Brandenburg und der Mann für Quietschminderung zwischen Kirche und Staat. Stolpe ist gewohnt jovial; behaglich rollt sein Baß im Raum: Nun gehen Sie mal heim, nun warten Sie mal ab, wir werden sehen. - Vier Tage vor dem Gestellungstermin Anruf vom Konsistorium: Eine Einberufung erfolge derzeit nicht. Rotz und Wasser fließen zum Zeichen des Glücks. Wie Stolpe das erreichen konnte, fragst du sowenig wie jeder, dem er half. Daß andere marschieren mußten, war dir auch egal.

Der Friedensstaat DDR ist ein Simulantenparadies gewesen. Lieben mußte ihn keiner, nur manchmal von Liebe sülzen. Zum Schluß reichte es, nicht allzu laut zu lachen, wenn er von Liebe sprach. Wenige störten diese Art von Frieden mit rigoroser Ehrlichkeit; deshalb brachten viele ihr Heu ins Trockene und polsterten ihre Nische konfrontationsdämpfend nach dem Sankt-Florians-Prinzip: Jajaja zum revolutionären Feuer, doch es verschone mein Nest. Wir Ostdeutschen halten uns Konfliktflüchter gern für Friedensgeister. Da läßt sich etliches anmerken. Als erstes fällt ein, wie 1978 an den Schulen der Wehrkunde-Unterricht installiert wurde - ein forscher Schritt in Richtung Militarisierung des Bildungssystems. Allerdings stand es Eltern frei, ihre Kinder vom Fach Wehrkunde abzumelden. Die Kirchen ermutigten dazu. Kaum einer tat es, in vorauseilender Furcht vor persönlichen Konsequenzen.

Die DDR, deren Staatsrhetorik unablässig Frieden säuselte wie der Engel auf der Spitze des Heinrich Böllschen Weihnachtsbaumes, war durchaus ein militanter Staat. Er führte keine Kriege, das ist richtig. Ihn durchzog jedoch Freund-Feind-Moral, der Atavismus der Parteilichkeit - ein Gut-Böse-Schisma, wie es nur in Diktaturen anbefohlen werden kann; falls es in Demokratien geschieht, sind sie auf dem Wege zur Diktatur.

Bis 1989 haben die DDR und die Bundesrepublik in polemischer Symbiose gelebt. Sie teilten die deutsche Vorgeschichte untereinander auf, wie sie es brauchten. Jeder sog Honig aus der Jauche des anderen. Anhand der wechselseitigen Mängel sprachen sie sich selbst gerecht. Die DDR, der mangelhaftere Staat, hatte moralisch von der deutschen Teilung zunächst stärker profitiert. Sie exorzierte die Nazivergangenheit nach Westen. Sie verweigerte die Rechtsnachfolge zum Hitlerstaat. Sie etablierte sich als dessen Überwinderin, auf zwei Säulen: Antikapitalismus und Antifaschismus.

Es ist im Westen selten gelungen, diese beiden essentials des Staates DDR fair zu betrachten; auch die Wirklichkeit der SED-Diktatur hat das verhindert. Der Westen neigte immer zur Psychologisierung des Phänomens Hitler, nicht zur Entlarvung der Schuld des Monopolkapitals, die im Osten exzessiv betrieben wurde. Gebot nicht 1945 der kategorische Imperativ einer Stunde Null, die Eigentumsverhältnisse zu ändern? Im Osten geschah´s. Und unerträglich war, wie in der jungen Bundesrepublik Personal der braunen Diktatur, schwarzrotgold umgefärbt, die Demokratie repräsentieren durfte.

Auch die DDR brauchte ja eine Anstrichaktion. Ein zumindest mitgelaufenes Volk bekam den Antifaschismus übergeholfen wie eine Gratis- Absolution. Nach der Wende eilte sich die alte Bundesrepublik, endgültig zu beweisen, daß es den DDR-Antifaschismus nie gegeben habe - eine klassische Projektion. Es gab ihn; er hat Millionen Ostdeutsche human grundiert. Fatal war allerdings, daß man ihn sich nicht erkämpfen mußte im Streit der Generationen, als Bemühung um einen emanzipatorischen Staat, um Liberalität als Lebensform. Nein, der DDR-Antifaschismus war einfach da, wie Ulbrichts Lächeln da war und die Weisheit der Partei. Wer in Frankreich aus dem Schoß der Mutter kommt, ist automatisch Franzose; ebenso wurde man in der DDR als Antifaschist geboren. Das war ein retrospektives Talent. Man konnte damit in KZ-Gedenkstätten trauern und die Wehrmacht Verbrecherbande nennen. Die DDR-Latenzen und versteckten Kontinuitäten der braunen Vorgeschichte erkannte dieser Antifaschismus nicht; falls doch, beging er ein fürchterliches Sakrileg. Daß in der späten DDR ein rechtsradikaler Jugend-underground entstand, stieß bei Staatsmacht wie Bürgern auf ehrliche Ratlosigkeit. Nazis, hier, bei uns? Unfaßbar, daß sie nicht vom Westen kamen.

Nie hat dieser Staat den Dissenz gelobt, die Tugend der Verweigerung, Streit als Kulturtechnik und, wohl das Wichtigste, Zivilcourage. Empfindlich fehlte die Erkenntnis, daß gesunde Gesellschaften sich über Widersprüche organisieren. Die DDR wurde organisiert. Grundwidersprüche waren Alltag im Westen, sie gehörten in den unerlösten Teil der Welt. Dort wußte man wiederum selten, wie die Alltagswelt der DDR sich von ihrer Staatsdoktrin unterschied. Im Westen die Freiheit, im Osten Diktatur, so schlicht war´s nie.

Es ist hier der Platz, einen Mann zu würdigen, der den Manichäismus zwischen Ost und West entscheidend mindern half und damit auch die Eisengeistigkeit der DDR. In Thüringen ist er geboren, morgen (am 18. März 2002) wird er 80 Jahre alt: Egon Bahr. Das Prinzip Wandel durch Annäherung, von Bahr und Willy Brandt in bundesdeutsche Ostpolitik umgesetzt, hat jene Entfeindungslogik in Geltung gebracht, die 1989 zur friedlichen Wende beitrug. Ihre Protagonisten folgten der Vernunft. Der Kalte Krieg zeugte ja auch ein Bewußtsein seiner Perversität. Im Schatten der Bedrohung wuchs ein transideologisches Gewissen wechselseitiger Abhängigkeit, vielfach parzelliert in Umweltbewußtsein, Sicherheitsabkommen, Armutsbekämpfung, die ökumenische Bewegung der Kirchen und natürlich den Helsinki-Prozeß. Unvergeßlich, wie der Genosse Honecker auf Staatsbesuch in Finnland weilte. Daselbst schoß er einen Elch, aus einer Entfernung von mehreren Metern, worauf ihn bei der Pressekonferenz eine finnische Journalistin fragte: Stehen Sie nicht mehr zu Ihrem Satz, es sei besser, zehnmal zu verhandeln als einmal zu schießen? Alles lachte, außer Erich und dem Elch.

Egon Bahr, wie auch sein Freund Günter Gaus, hörten post festum DDR die Beschwerde, sie hätten die SED-Macht durch Anerkennung gestützt, ja deren Interessen vertreten. Dahinter stand der Vorwurf einer Mißachtung der DDR-Opposition. Bahr wie Gaus erwiderten sinngemäß, wer Dinge ändern wolle, müsse mit den Regenten reden. Man habe nicht Entspannungspolitik gegen die Regierungen Osteuropas machen können.

Die Klagen der Ex-Bürgerrechtler sind ja begreiflich. Ihr individueller Mut warf kaum Rendite ab. Schon gar nicht hat es sich gelohnt, Opfer gewesen zu sein. Als friedenssüchtiger Vermittler schlage ich vor, die Verdienstmedaille Großer Töter der DDR vielfach zu vergeben. Die Unterwanderer des SED-Staats haben ihm genauso den Garaus gemacht wie jene, die ihn westwärts lockten oder ihm nach Westen entkamen. Die einen demontierten seine Scheinmoral, die anderen seine Beißreflexe, die Flüchtlinge sein Staatsvolk. Jeder Mut trägt seine Größe in sich selbst.

Mir geht es seltsam mit Erinnerungen an die Wende. Daß sie friedlich ablief, bleibt ein Wunder, ein Glück, eine Lehre, eine Pflicht und ein Stolz. Das rede keiner klein. Wir kennen alle den beliebten Streit, woran die DDR verreckt sei: an der Wirtschaft oder an der Lüge? Mir fällt neuerdings ein Drittes ein: an ihren Anfängen, von denen ja Altkommunisten gern behaupten, sie seien gut gewesen. Nein, dieser Staat wurde von traumatisierten Menschen geschaffen. Auf den Bajonetten Moskaus saßen sie, Emigranten, Lagerinsassen, die nun ein deutsches Volk regierten, das Hitler an die Macht gebracht, das seinen Krieg geführt, das in diesen neuen Herren noch eben Volksschädlinge zu sehen hatte - und weiterhin sah? Diese Generation fürchtete das Volk, dessen Elite sie zu sein vorgab, und konnte wohl in Deutschland nie mehr heimisch werden. Deshalb beiderseits soviel Verachtung und Angst und unablässige Aggressivität - ein Bazillus des Mißtrauens, der das ganze allzukleine Land verseuchte. Und so blieb es. Unmöglich konnten die da oben ertragen, daß Hitlers Diktatur populär war, ihre viel mildere nicht. Oh ja, sie waren Antifaschisten. Ihr Antifaschismus ging gegen das eigene Volk. Dann kam der Herbst ´89. Wie begreiflich, was für ein Wunder, daß sie die Waffen streckten.

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"40 Jahre nach einem tiefen Sturz erhebt sich der Mensch als historisches Wesen wieder zur gewöhnlichen Größe. Er reckt sich und wittert andere Luft. Eine hochgestimmte Geschichtsdeutung meldet sich zurück, der die erbarmungswürdige Gebrechlichkeit des Menschen nie in den Sinn kam. Die Alten haben ihre bösen Erfahrungen überlebt, sind wieder aufgeschlossen für historische Gelegenheiten. Die Jungen wollen ihre eigenen Erfahrungen machen, wobei das Verlangen danach die Vorstellungskraft, was das bedeuten kann, weit übersteigt. Die Ratio wird kleinlauter. Größen, die nicht vertragsfähig sind, beflügeln die Rhetorik: Völker, Nationen, Minderheiten. Das Ende der Geschichte, als das die zwingenden Fakten nach dem tiefen Sturz empfunden wurden, mündet in einen neuen Aufbruch der Gefühle."

Günter Gaus schrieb dies, im "Spiegel" vom 4. September 1989; alsbald las es sich wie Prophetie. Die Gaus´sche Prosa hat gern eine kassandrische Schwere. "Ich bin in Sorge, Deutschlands Unglück hat sein volles Maß noch nicht erreicht", so schloß 1983 sein Buch "Wo Deutschland liegt". Seit er 1974 Bonns Vertreter in Ostberlin wurde, ist Gaus immer ein beispielhafter Denker und Empfinder deutscher Einheit gewesen. Das meint nicht die staatliche Fusion, sondern, und zwar zur realpolitischen Unzeit, ein Beharren darauf, daß DDR und BRD gleichermaßen deutsche Torsi seien, die einander erklärten. Kein Teil sei mehr Deutschland als der andere.

An Gaus´ Nachwendeschriften rührt, was anderseits ein bißchen stört: ihre Nachsicht mit den DDR-Verhältnissen vor 1989. Die Unfügsamen erhalten kargen Lohn. Gaus verteidigt das Menschenrecht auf Anpassung, das Nischenland der kleinen Leute, das Zusammenspiel märkischer Bukolik: Dorf, Kirchlein, Wald und Feld, unzersiedelt wie im Westen nirgends mehr, ach, und der Autor empfängt Erinnerungsschläge vors Herz. Vorbei, verweht, nie wieder. Eine Pause der Geschichte sei vorüber, findet Gaus und preist das Glück geschichtsloser Zeiten, die den kleinen Leuten zutunlicher seien als die Veranstaltungen der Großhistorie.

Solches lesend, klingt mir an, was ich als Dorfkind erfuhr: Zyklik des Lebens, Genuß der Zeit zwischen den Seuchen, den Kriegen und eine Ergebung, die ein bestimmtes Maß an Erkenntnis und Individualität nicht zu überschreiten wünscht, damit du nicht hinausschießt aus der Umlaufbahn der Immerwiederkehr. Dort der Kaiser, hier deine kleine Welt. Der Kaiser macht Geschichte, die Nagelschen Kinder sind Sassen des Glücks. Maimorgen, geschichtslose Zeit. Der Kronprinz reitet vorbei, kurz hält die Geschichte inne, beugt sich herab; drei Sätze gibt sie dir, da willst du schon sagen, daß du den Kaiser kennst. Und dann beginnt sein Krieg, und Hans-Heinrich Nagel, die Welten verwechselnd, eilt der Geschichte zu.

Daß 1990 die Nachkriegszeit geendet habe, ist Konsens. Ebenso allgemein gilt mittlerweile die These, alle Sorgen vor einem neowilhelminischen Deutschland hätten sich als gegenstandslos erwiesen. - Gewiß, wer wollte behaupten, Deutschland trumpfe europagefährdend auf. Es hat sich allerdings ein schwitzig angestrengtes Reden von zurückgewonnener Normalität breitgemacht, so eine Neoberliner Art, die Bonner Bundesrepublik Provisorium zu nennen. Das war sie keineswegs, wenngleich sie der Großgeschichte gern in die Windnischen einer Sonderexistenz entkam. An Kriegen nahm sie nicht teil. Notfalls kaufte sie sich frei. Dies solle sich nun ändern, vernehmen wir und hören von unserer gewachsenen Verantwortung in der Welt. Die Pause sei vorbei, unsere Schonzeit abgelaufen. Der Sozialstaat wird endlich wehrhafte Demokratie. Das Soldatsein kehrt zurück in den deutschen Codex menschgemäßer Existenz. Jesusflausen sind derzeit nicht cool.

Was an uns Ostdeutschen nervt, ist unsere Lust am DDR-Vergleich: Kennen wir, hatten wir schon, ist ja wie bei Honecker. Was uns Ostdeutsche stört, ist die Forderung, unser Wende-Moralismus habe sich den postmodernen Realtäten der Berliner Republik anzupassen. Muß sich der Baum die Wurzeln roden, weil sein Wachstum in der Diktatur begann? Nicht jeder Ossi verfügte über die residenzsächsische Unterwerfungsbereitschaft des Dresdner Fernsehvolkstümlers Gunter Emmerlich, der jedwedes Künftige mit Generalbaßjubel bewillkommte: Ich war jahrzehntelang dagegen, jetzt will ich endlich dafür sein! - Ja, für parlamentarische Demokratie, für den Rechtsstaat, für sein Grundgesetz der Rationalität und des Sozialgewissens. Und wenn dieses Gewissen den Standort Deutschland gefährdet, weil es Geld verschlingt, das wir nicht haben? Wenn der Sozialstaat nicht länger finanzierbar ist? Wenn die Sozialabstände zu asozialen Dimensionen klaffen? Wenn Politik zur Funktion der Wirtschaft verkommt und der Parlamentarismus zur Scharade der Ohnmacht? - Ist es denn so? - Daß dem nicht so werde, dafür will ich sein.

Die wichtigste Ost-Prägung ist die reservatio mentalis, das innere Nein, Dissidenz als Unschuldsbegehren. Sei darauf nicht stolz; du stellst dir damit öfter selbst ein Bein. Ostmoral verlangt Herrschaftsverachtung - auch in der Demokratie? Die protestantische Herkunft erzieht zur antithetischen Existenz: Dort die arge Welt und hier dein Apfelbaum. Man verantwortet keine Gesellschaft, aber unbedingt die Reinheit des eigenen Herzens, dessen tiefste Konfession lautet: Keine Gewalt! Wie kannst du eine Regierung, die zum Tschetschenienkrieg schweigt, mehr achten als eine Regierung, die den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan als Akt der Völkerfreundschaft verkaufte? - Ach, unsere Friedensliebe: 64 Prozent der Westdeutschen akzeptierten die NATO-Luftangriffe im Kosovo-Krieg, nur 40 Prozent der Ostdeutschen. Einen unserer Pazifisten trafst du am Pankower Biertresen. Er spendierte dir den wunderbaren Satz: Ick bin ümmer für Frieden, solln doch die Jugos da unten ihren Völkermord machen, dit jeht uns nüscht an. - Nicht minder brillant war Gerhard Schröders Sentenz, dieser Krieg werde als europäischer Gründungsmythos in die Geschichte eingehen. Das erinnerte an den Hobbykoch Lord Plumford, welcher ausrief: Ich werde als Erfinder der Plumford-Suppe in die Geschichte eingehen! Worauf seine Gäste sprachen: Oder die davon essen werden eingehen.

Im Sarkasmus hütest du deine Ambivalenz. Unironische, gerade Sätze müssen her. Sie lauten: Die Großgeschichte überfordert mich. Ich bin vom Dorf. Ich meide alle Waffen. Ich weiß mir ein Waldversteck. Ich ehre den Deserteur. Es muß solche Menschen geben - Helden der Verweigerung, Pioniere des Nein.

Ludwig Baumann hat nicht nur Schmähbriefe von Nazis bekommen, auch ehrliche Erkundigungen, was aus der kämpfenden Truppe geworden wäre, wenn jeder Kamerad seiner Unlust zum Töten nachgegeben hätte. Lieber Herr Baumann, fragte ich den alten Herrn, wären Sie aus jeder Armee desertiert?

Er schwieg. Da zerbomben wir Afghanistan, sagte er endlich. Wir verteidigen eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung. Auch am 11. September sind Tausende von Menschen verhungert.

7

Wo warst du am 11. September? Im Elektronikmarkt des Rathaus-Centers Berlin-Pankow. Du sahst den qualmenden Turm, das Flugzeug von rechts, wie es kurz verschwand und sich dann von hinten durch den zweiten Tower brannte. Ekelwut befiel dich, üblicher Reflex auf Hollywood-Apokalypsen, wie auch dies eine sein mußte, im Idioten-TV. Immer, wenn du herkamst, lief auf dem großen Vorführschirm ein Krieg der Pyromanen. Jetzt sahst du die Senderkennung: ntv.

Die Menschen glotzten stumpf, wie fensterlose Seelen. Aus der CD-Abteilung plärrte Whitney Houston. Ein paar Halbwüchsige verfolgten das New Yorker Spektakel in der HiFi-Grotte. Erschütterung ließ sich nicht spüren. Aber was sah man dir an? Draußen war übliche Welt. Die Straßenbahnen schnurrten über den Markt, die Airbusse pflügten den nassen Himmel und landeten sicher in Tegel. Unser Rathaus stand, die Kirche. Die Buchhändlerin lachte und bestellte das Buch. Der Photomann händigte die Urlaubsdias aus. Durch die Welt ein Riß?

Dann drang die Wahrheit ein. Fernsehen, Anderes ließ sich nicht tun. Einzige Milderung war die Simultanität. Alle fühlten gleich, mochte man glauben, bis die arabischen Bilder kamen: tanzende Kinder, die strahlende Oma in Schwarz, die Zuckerbäcker, wie er der Kamera, also dir, mit Freudenküchlein entgegeneilt. Bald folgte der Satz des Peter Struck: Heute sind wir alle Amerikaner. Dann Gerhard Schröders Wort von der uneingeschränkten Solidarität.

Ich habe Angst - kein Kanzler sprach das aus. Es traf ja nicht nur die USA. Ein Loch kam in die Welt. Die elementarsten Gewißheiten wurden pulverisiert, durch Menschen, die als Unseresgleichen lebten. Wir begreifen nicht, kraft welcher Rückbindung an was für eine Macht sie auf Abruf zu Mordmaschinen wurden. Vom Bösen sprach Alexander Kluge; du wußtest kein besseres Wort. Ja, Kapitalismus tötet, Globalisierung teilt die Welt, Scharons Israel ist ein Verzweiflungsproduzent, den Moscheen des Islam fehlen Fenster zur Globalmoral, und dennoch formuliert all das für den 11. September 2001 keine innerweltliche Rationalität. It´s the end of the world as we know it.

Am Abend des 11. September schriebst du in dein Buch einen trotzigen Satz wider die eigenen Gefühle: UNSERE WELT WIRD HEILEN. Heute findest du das eitel. Deutschland war ja unversehrt, und der Schock verlebte sich, nicht nur wegen der gnädigen Kurzatmigkeit der Medien, die ja auch Parteispendenskandale für aufgeklärt halten, wenn die Publikumsmehrheit ihrer überdrüssig wird. Kürzlich las ich: "Hat der 11. September überhaupt stattgefunden?" Ja doch, er hat, aber wie mildtätig wirkte seine Beerbung durch K-Frage, Riester-Rente, NPD-Verbotsverfahren und ähnliche Possierlichkeiten aus dem bundespolitischen Streichelzoo. Medien, in denen es noch vor Wochen mit geilem Zack vom Kriege schwadronierte, schicken ihre Reporter wieder an die Front der Massenarbeitslosigkeit. Die uneingeschränkte Solidarität mit unseren amerikanischen Freunden kühlte in dem Maße ab, wie die Partner der Allianz gegen den Terror sich als Domestiken des amerikanischen Unilateralismus fühlten.

Und da war Afghanistan. Unfaßbar, in welch kurzer Zeit die USA ihren Opferstatus verspielten. Der 11. September - totgesendet, propagandistisch bis zum letzten ausgequetscht - ist als Katastrophe kaum mehr zitabel. Anhand von Washingtons gegenwärtiger Pax-Americana-Rhetorik hält mancher Friedensfreund den 11. September fast schon für George Bushs Emser Depesche seines gerechten Kriegs. Man hüte sich, so zu denken. Ebenso verwahre man sich gegen die Behauptung, man teile mit einem Präsidenten, der 131 Todesurteile unterzeichnet hat, denselben Begriff von Zivilisation. Bushs Amerika predigt Manichäismus: Licht gegen Finsternis, let´s roll, die ganze Welt ein Schlachtfeld, Achse des Bösen versus city on the hill. Die Bipolarität der Welt, soeben überwunden, gebiert sich neu. Die Nachkriegszeit war wieder Vorkriegszeit, ja die Destruktivität hat Fortschritte gemacht. Funktionierten im Kalten Krieg Atomwaffen als Abschreckungspotentiale zur Konfliktverhinderung, so sinnt die derzeitige US-Administration über Einsatzmöglichkeiten nach. Krieg scheint rehabilitiert als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er ist aber deren Gegenteil, der Inbegriff des Mißlingens von Politik.

Am Tag, da dies geschrieben wird, kommt die Nachricht, daß zwei Bundeswehrsoldaten in Kabul beim Entschärfen von Raketen starben. Sag nicht: Das waren nur die ersten. Verrenn dich in kein zynisches Gefallen am Desaster. Bring dein Nein auf ein erwachsenes Niveau. Sprich endlich aus, was jeder Deutsche wissen muß: Es gibt wohl unvermeidliche Kriege. Hitler kam man mit appeasement nicht bei; dies ist allerdings ein Totschlagsargument. Was es nie gibt, sind gerechte Kriege. Fehlt irgendjemandem die Phantasie, sich ein kollateral zerfetztes Kind vorzustellen?

"Die Details sind immer noch unklar", so "Der Tagesspiegel" vom 29. November 2001. "In jedem Fall gab es am Ende des Gefängnisaufstandes der Taliban bei Masar-I-Sharif hunderte von Toten. () Reporter der BBC melden rund 600 Tote. () Der () Aufstand begann am Sonntagmorgen, als zwei CIA-Agenten die Gefangenen befragen wollten () Die Mitarbeiter des Geheimdienstes wollten wissen, warum die Söldner nach Afghanistan gekommen sind. ´Wir sind hier, euch zu töten´, sagte ein Taliban, und griff einen der CIA-Männer an. Der CIA-Agent tötete diesen Mann sowie andere Taliban, die in dem Hof standen. Daraufhin entstand ein Krawall, in dessen Verlauf der CIA-Agent getötet wurde. Sein Kollege entkam und benachrichtigte die amerikanische Botschaft in Usbekistan. Das Resultat: Die ununterbrochene Bombardierung der Festung. Im Laufe des Montags stießen britische und amerikanische Elite-Soldaten hinzu. Diese begannen, die Taliban-Kämpfer systematisch zu erschießen".

Das Reden vom gerechten Krieg bedeutet Hybris, Hirnwäsche, Gotteslästerung. Es zerstört Gewissen, jenes Allerheiligste der Existenz, in dem der Mensch sich selber gegenübertritt. Manche sagen: Im Gewissen steht der Mensch vor Gott, und zwar der einzelne Mensch. Daß Gott sich in einem Menschen offenbarte, erklärt den Einzelnen zum höchstinstanzlichen Subjekt - kein Volk und nicht die Nation. Der Gott der Christen hängt am Kreuz; er ist immer auf Seiten der Opfer.

Ich will nicht aufhören, naiv zu reden: von unten, als einzelner Mensch. Gerechter Krieg heißt: Lizenz zum Töten. Wer tötet, fällt aus der Welt. Das vergossene Blut kommt über ihn. Die Tat verwandelt sich den Täter an, sie verheert die Seelen, sie vergiftet die Generation. Sie verbiegt die Linie der Aufklärung zum Zyklus des unweigerlich Immergleichen. Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Generationen wechseln. Entfeindung, Wandel durch Annäherung, das bleibt nicht ein für alle Mal errungen. Mühsam Erfahrenes wird wieder unerlebt. Gewußtes stirbt; den Kindern ist das Deine unbekannt. Nicht woran du glaubst wird ihre Logik prägen. Doch es gab einmal Menschen, die hielten Martin Luther King für einen bedeutenderen Amerikaner als George W. Bush.

8

Dies ist ein Funkgespräch, das im Oktober 1995 zwischen einem US-Marinefahrzeug und kanadischen Behörden vor der Küste Neufundlands stattgefunden hat. Es wurde am 10. Oktober 1995 vom Chief of Naval Operations veröffentlicht.
Amerikaner: Bitte ändern Sie Ihren Kurs 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden.
Kanadier: Ich empfehle, Sie ändern IHREN Kurs 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden.
Amerikaner: Dies ist der Kapitän eines Schiffs der US-Marine. Ich sage noch einmal: Ändern SIE IHREN Kurs.
Kanadier: Nein. Ich sage noch einmal: SIE ändern IHREN Kurs.
Amerikaner: DIES IST DER FLUGZEUGTRÄGER "USS LINCOLN", DAS ZWEITGRÖSSTE SCHIFF IN DER ATLANTIKFLOTTE DER VEREINIGTEN STAATEN. WIR WERDEN VON DREI ZERSTÖRERN, DREI KREUZERN UND MEHREREN HILFSSCHIFFEN BEGLEITET. ICH VERLANGE, DAS SIE IHREN KURS 15 GRAD NACH NORDEN, DAS IST EINS FÜNF GRAD NACH NORDEN, ÄNDERN, ODER ES WERDEN GEGENMASSNAHMEN ERGRIFFEN, UM DIE SICHERHEIT DIESES SCHIFFES ZU GEWÄHRLEISTEN.
Kanadier: Dies ist ein Leuchtturm. Sie sind dran.

9

Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. So steht es im Johannesevangelium, Kapitel 15, unmittelbar vor der Stelle, die Hans-Heinrich Nagels Gedenkprediger zum deutschnationalen Kampfsegen umlog. Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte, und bleibe in seiner Liebe.

Welches ist das wichtigste der zehn Gebote? fragte ich Vater als Kind. Das erste, sagte er. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Alle anderen Gebote leiten sich daraus ab. - Ich fand aber doch, daß Gebot Nr. 5 dringlicher sei: Du sollst nicht töten.

Abend für Abend mußte mir Vater vom Krieg erzählen. Er tat es gern; der Krieg war ihm unbegreiflich gnädig gewesen, gewiß nicht ohne Strapazen und innere Not, aber gemessen am Wesen des Kriegs ein wahres Wehrmachtsfunkermärchen, das an sagenhaften Orten spielte: Genzano, Nevers, Schloß Amboise an der Loire Er hatte nicht getötet, an Vaters Händen klebte kein Blut. Das rettete mir die Welt, und ihm auch. Gewiß, sein Spieß ging nach Marostica zum Zahnarzt und kam nie zurück. Gewiß, Klassenkameraden fielen. Gewiß, die Amerikaner zerstörten Vaters Halberstadt. 2 000 Menschen starben im Feuersturm der Phosphorbomben, an einem Sonntagvormittag. Halb zwölf zeigt das starre Zifferblatt / Am Stumpf der Türme der zerstörten Stadt / Halb zwölf, oh helle lebensfrohe Stunde / Im Sonnenglanz des knospenden April / Halb zwölf, oh dunkler Ruf aus Todesgrunde

Wann hast du zum ersten Mal einen Toten gesehen? fragte ich Vater. Er sagte: 1947, in Stuttgart, ein kleines Mädchen, das hatte ein Lastwagen überfahren.

Dann sah ich meinen ersten Soldaten. Ein junges Mädchen hatte Vater geschrieben und eine unerhörte Bitte vorgetragen. Ihr Freund sei Volksarmist, stationiert in der Garnison Mönchhai, oben im Huywald. Nie bekomme er Urlaub, höchstens einmal Ausgang. Sie habe ihn schon so lange nicht gesehen. Sie sehne sich so sehr. Ob es nicht möglich wäre, im Dingelstedter Pfarrhaus eine Nacht beieinander zu sein?

Dies war Mitte der sechziger Jahre ein Ersuchen, das an den Rand des sittlichen Universums führte. Die Eltern berieten sich. Dann schrieb Vater dem Mädchen: Wir freuen uns auf Ihr Kommen. Nun saßen die beiden mit unserer Familie am Abendbrottisch. Das Mädchen war sehr schön - blond und braungebrannt, in einem weißen Leinenkleid. Der Soldat stak dünn und stumm in seiner Uniform. Wurde ihm das Brot gereicht, die Wurst, der Rollmops, dankte er mit knappem Nicken. Ein schwüler Sommerabend war. Es gab kalte Buttermilch, die machte dem Mädchen einen kleinen weißen Bart auf die verschwitzte Oberlippe.

Dann schauten sich die beiden an und sagten uns artig Gute Nacht. Sie verließen die Sommerstube und schritten, die alte Treppe knarrte, zum Fremdenzimmer empor. Ohne Liebe sind wir Krieger. Ohne Liebe sind wir tot.


 
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