Italien Stille Abruzzen

Die Erde bebte in den Abruzzen vor einem halben Jahr, seitdem bleiben die Touristen aus. Doch der Besuch der Region lohnt sich, im Winter wie im Sommer.

Im Abruzzenort Sulmona geht es beschaulich zu

Im Abruzzenort Sulmona geht es beschaulich zu

Die verwinkelten Holpergassen von Civitaretenga wurden nicht für dicke Autos gemacht. Wie ein Adlerhorst thront das abruzzische Bergdorf auf einer Hügelkuppe unter den wild zerklüfteten, knapp 3.000 Meter hohen Gipfeln des Gran-Sasso-Massives. Die Häuser aus ockerfarbenem Sandstein türmen sich würfelförmig, mit wehrhaften Holzportalen und schmalen Fensterschlitzen, über den steilen Hang empor.

In einer Wellblechhütte, die gleichzeitig als Garage und Lagerhalle dient, lagert in mehreren übereinander gestapelten Plastikeimern Silvio Sarras Olivenernte: blauschwarze Früchte, die im luftigen Raum bis zur weiteren Verwendung trocknen sollen. Auf dem von Runzeln zerfurchten Gesicht des 69-Jährigen liegt ein Lächeln. "Nichts geht über eigene Vorräte", brummt Sarra, die Ausbeute ist reicher als erwartet in diesem Jahr. Jetzt freut er sich auf die Früchte, die seine Frau mit Knoblauch und Kräutern zu einer begehrten Delikatesse verarbeiten wird. Vor der Lagerhalle öffnet sich weites, welliges Hügelland mit lockerem Buschwerk und umgepflügten Äckern, die von knorrigen Eichen und kilometerlangen Trockenmauern eingerahmt werden. Im Hintergrund erhebt der 2912 Meter hohe Corno Grande wie ein Ehrfurcht gebietender Riese sein weiß gepudertes Haupt.

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Silvio Sarra hat Glück gehabt – nicht nur mit der Olivenernte. Als im letzten Frühling in den Abruzzen die Erde bebte, fanden 300 Menschen den Tod. Zehntausende verloren ihr Dach über dem Kopf, innerhalb weniger Sekunden gingen unermessliche Kunstschätze für immer verloren. Doch Silvio Sarra und seine Familie blieben verschont, im Dorf gab es keine größeren Schäden, es liegt eine knappe Autostunde von der Provinzhauptstadt L´Aquila entfernt, wo das Epizentrum des Bebens lag.

Trotzdem macht Silvio Sarra sich Sorgen. Denn er vermietet einige Ferienzimmer, und im vergangenen Sommer sind die Gäste ausgeblieben. Vielen ergeht es in der Region zurzeit wie Silvio Sarra. Hoteliers, Zimmervermieter, Gastwirte, Laden- und Barbesitzer – alle haben eine miserable Saison hinter sich. Etwa 50 Prozent weniger Touristen seien im vergangenen Halbjahr gekommen, schätzt Gianluca di Camillo vom Hotel Italia in der Altstadt Sulmonas. "Dabei gab es die massiven Zerstörungen nur in L´Aquila und dessen unmittelbarer Umgebung."

Nach dem verpfuschten Sommergeschäft hoffen die Tourismusbetreiber nun auf eine bessere Wintersaison. Denn die Gegend ist ein hervorragendes Skigebiet und eignet sich auch für einsame Langlauftouren. Unter ausländischen Feriengästen sind die Abruzzen noch ein Geheimtipp, doch viele Italiener kennen und lieben die raue, über weite Strecken unberührte Gebirgslandschaft östlich von Rom. Ein knappes Drittel der Gesamtfläche steht unter Naturschutz, damit rangieren die Abruzzen italienweit an der Spitze. In den riesigen Nationalparks des Gran Sasso und des Majella streifen noch immer Luchse, Bären und Wölfe herum. Im Hochgebirge, keine zwei Autostunden von der Metropole entfernt, sind tagelange Wanderungen durch unberührte Natur möglich. Dazu kommen mittelalterliche Dörfer mit bezauberndem Flair.

Pacentro ist eines von ihnen. Hier zeugen das mittelalterliche Kastell, einige stuckverzierte Palazzi und die prunkvolle Pfarrkirche vom einstigen Wohlstand, den der Ort vor allem der Schafzucht und der Verarbeitung von Wolle verdankte. Heute finden in Pacentro nicht nur mehrere Bars und Restaurants, sondern sogar einige Antiquitätengeschäfte offenbar genügend Kunden. Die alten Männer des Dorfes treffen sich am liebsten in einer Kneipe nahe der Piazza del Popolo, wo sie die Zeit mit Rauchen und Kartenspielen totschlagen. Manchmal berichten sie auch von ihren Jahren als Arbeitsmigranten im Ausland, als es zu Hause keine Arbeit gab.

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