Skifahren in Utah Endlich Powder
Den "besten Schnee der Welt" soll es angeblich in Utah geben. Bernd Loppow und Uwe Jean Heuser haben sich auf einer ZEIT-Reise auf die Suche gemacht. Tag 7: Snowbird.
© Bernd Loppow

Endlich Neuschnee in Snowbird
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: In der Nacht hat es endlich geschneit, mehr als 30 Zentimeter Neuschnee liegen draußen – und wir sind genau da, wo man besonders gut Tiefschnee fahren kann: in Snowbird, einem Skigebiet eine dreiviertel Autostunde östlich von Salt Lake City. Es liegt in einem vom großen Salzsee in der Ebene ansteigenden Canyon, das Gebirge ist steil, schroff und hoch. Man könnte auch sagen: alpin.
Aber der Schock ist groß, als wir mit dem ersten Lift hinauffahren: Horden einheimischer Tiefschneefreaks haben mit ihren extrabreiten Brettern die ganze Pracht schon kaputt gefahren. Überall scheinen die Frühaufsteher bereits gewesen zu sein, auf den Pisten, im Wald, weiter oben an den Felsen.
Doch wir sind heute zum zweiten Mal am richtigen Ort. Und unser Glück hat einen Namen: Brian van Steenkiste. Schmale, sportliche Figur, die Haare millimeterkurz geschnitten. Der 30-Jährige lebte in Detroit, bis er in Snowbird Urlaub machte und süchtig wurde nach dem Schnee. Seit drei Jahren ist Brian nun nachts Barkeeper, tagsüber nutzt er jede freie Minute in den Bergen. Einen Tag in der Woche verdingt er sich am Berg als Mountain Guide, um dafür einen kostenlosen Saisonpass zu ergattern.
Brian fährt nicht auf zwei Brettern wie wir, er ist Snowboarder. Eigentlich soll er nur zwei Stunden mit uns fahren, aber daraus wird ein ganzer Tag. "Ich zeige Euch die wirklich coolen Abfahrten", verspricht er. Das hören wir gern. Wir fahren uns auf einer leichten Abfahrt ein, vielleicht will er die europäischen Besucher erstmal testen. Dann macht Brian ernst. Er biegt ab in den Wald. Eine bucklige Traverse später stehen wir über einem steilen Tiefschneehang fast ohne Spuren – und legen los. So haben wir uns das vorgestellt. Fast bis zu den Knien im Schnee reihen wir Schwung an Schwung. Danach allerdings kommt eine Strecke, in der wir die vereisten Buckel unter dem Neuschnee zu spüren bekommen. Der Schnee ist so fein, dass wir mit unseren eher konventionellen Skiern bis auf den Boden stoßen. Man sieht die Buckel nicht, was die Sache noch anstrengender macht.
Schließlich nimmt Brian uns mit bis kurz unterhalb der rund 3500 Meter hohen Spitze des Hidden Peak. "Lass uns fahren", sagen wir voller Vorfreude. Aber Brian lauscht nur in sein Funkgerät und gebietet uns zu warten. In fünf Minuten werde die Road to Provo öffnen, ein riesiges, noch unberührtes Tiefschneeareal, das bisher wegen Lawinengefahr gesperrt war. Die Nachricht scheint sich in Windeseile herumzusprechen, immer größere Gruppen von Tiefschneefreaks eilen herbei und warten wie wir an der Absperrung. Und tatsächlich: Schon kommt die Pistenwacht und öffnet den Zugang zum Hang. Die "Straße nach Provo" ist offen.
Jetzt beginnt der Run auf den neuen Schnee. Wir fahren wie die anderen möglichst weit oben in den halbrunden Bergkessel hinein und queren ihn kurz unterhalb des Bergkamms. Haben wir das Skifahren bisher als gesitteter als in Europa erlebt, machen wir hier eine neue Erfahrung: Wilde Burschen überholen uns, drängeln sich vorbei. There are no friends on a powder day, "es gibt keine Freunde an einem Tiefschneetag", sagen sie hier. Nur die Droge Schnee.
Egal, wir suchen uns eine eigene Route und biegen talwärts ab. Nun erleben wir wirklich Skifahren wie auf Watte. Immer schneller lassen wir es laufen, rauschen in weiten Bögen über den Pulverschnee. Dann wird es wieder steiler, die Bögen werden enger, aber alles kein Problem. Wir sind im Rausch – im Tiefschneerausch.
Wieder liften wir nach oben, es geht hinunter in ein weiteres riesiges Halbrund, das Mineral Basin. Auch hier wartet noch frischer Schnee auf uns. Snowbird, sagt Brian, sei das beste Gebiet von allen. Hier gebe es besonders viel Neuschnee, das Gebiet sei bis Juli geöffnet, und die Tram, die große Steilbahn, bringe die Skifahrer in acht Minuten von ganz unten hinauf auf den Hidden Peak.

Wenn Sie das gesamte Tagebuch der Skireise nach Utah lesen möchten, klicken Sie bitte auf das Bild
Den Spaß geben wir uns nach dem Mittagessen an der Talstation. In der Bahn drängeln sich rund 100 Menschen, fabulieren von den besten Abfahrten des Tages. Eigentlich dürfte er als Mountain Guide die richtig guten Abfahrten mit uns gar nicht fahren, sagt Brian. Und richtig gut heißt richtig steil und eng und vor allem abseits der Pisten. Für uns macht er eine Ausnahme. Direkt unter der Seilbahn finden wir einen weiteren Steilhang, den Great Scott, der uns viel Freude bereitet, aber unsere Oberschenkel auch bis an die Schmerzgrenze belastet.
Ein Spezial hat Brian für uns noch in petto. Dafür müssen wir eine haarsträubende Traverse fahren, ein wenig durch den Wald, und dann ist da gleich unterhalb der Felsen ein weiterer steiler Tiefschneehang, der nur auf uns zu warten scheint. Direkt über uns glitzern überhängende Felsen in der Nachmittagssonne, und nach links unten erstreckt sich das Tal bis hinunter nach Salt Lake City. Die verschneiten Felsspitzen gegenüber ziehen ihre gezackte Linie in den Nachmittagshimmel.
Dann versuchen wir die letzte Abfahrt des Tages zu genießen – Bogen für Bogen. Wir sind die Letzten hier oben. Die Pisten ums uns herum sind leer, es sind nur die leisen Geräusche unserer eigenen Schwünge zu hören – und unsere lauter werdenden Atemgeräusche. Es war wunderbar, mehr ging nicht und mehr geht jetzt auch nicht mehr. Lieber genießen wir ein von Brian frisch gezapftes Bier danach, lauschen der Countrymusik von der Bühne und schwelgen etwas müde in den Erinnerungen dieses grandiosen Tages.
- Datum 21.10.2009 - 17:46 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie Skifahren Utah
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren