Couchsurfing "Alle wollen dauernd ausgehen ..."

Zehn Wochen lang ist Brian Thacker um die Welt gereist und hat auf den Sofas wildfremder Menschen übernachtet. Das war nicht immer bequem – aber abenteuerlich.

Reisen macht müde - schön, wenn eine Couch bereit steht, auf die man sich betten kann

Reisen macht müde - schön, wenn eine Couch bereit steht, auf die man sich betten kann

ZEIT ONLINE: Herr Thacker, Sie sind 10 Wochen lang um die Welt gereist und haben bei wildfremden Menschen auf deren Sofa geschlafen. Wie kommt man denn darauf?

Brian Thacker: Als ich vor Jahren die Webseite globalfreeloaders.com entdeckte, gefiel mir die Idee, umsonst bei anderen Leuten übernachten zu können. Aber auf der Seite bekam man nicht viele Informationen über die Mitglieder und ich wollte nicht, dass jemand bei mir übernachtet. Deshalb habe ich ein ziemlich zweifelhaftes Profil von mir verfasst. Ich habe behauptet, ich hätte fünf Kinder, würde weit außerhalb der Stadt wohnen, hätte nur ein Zimmer und sei gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Es war also keine Überraschung, dass sich niemand bei mir meldete – alles andere hätte mich beunruhigt. Ein paar Monate später fand ich die Couchsurfing-Website, die wesentlich besser und detaillierter gestaltet war, das fand ich interessant und ich habe den Entschluss gefasst, das auszuprobieren.

ZEIT ONLINE: Und Sie haben auf der ganzen Reise wirklich kein einziges Mal in einem Hotel übernachtet?

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Brian Thacker: Nur die erste und die letzte Nacht hat es nicht geklappt mit dem Couchsurfing. Bis zu meiner Ankunft in Santiago de Chile, der ersten Station meiner Reise, hatte ich keine Antwort auf meine Anfragen bekommen, da habe ich mir ein Hotel gesucht. Als ich eingecheckt hatte, war aber eine Nachricht da und wir haben uns für den nächsten Tag verabredet. Und die letzte Nacht, in Manila, habe ich auch in einem Hotel übernachtet. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber ganz froh darüber, etwas Privatsphäre zu haben. Es kann nämlich ganz schön anstrengend sein, in anderer Leute Wohnzimmer zu schlafen. Immer musst du warten, bis alle ins Bett gehen, und alle wollen dauernd ausgehen…

Brian Thacker
Brian Thacker

Brian Thacker ist Autor mehrerer Reisebücher und lebt in Melbourne, Australien. Sein Buch über seine Erlebnisse als Couchsurfer ist nun auch auf Deutsch erschienen.

ZEIT ONLINE: Die Leute haben Ihnen also nicht nur eine Couch zum Schlafen angeboten, sondern auch ihre Freizeit mit Ihnen verbracht?

Brian Thacker: Viele Leute sind sehr gastfreundlich. Das ist das wirklich Tolle: dass man einfach so aufgenommen wird. In Santiago zum Beispiel habe ich mich am Bahnhof mit meinem Gastgeber getroffen und wir sind direkt zu einem großen Grillfest mit der ganzen Familie gefahren. Dazu eingeladen zu werden war einfach toll! Ich war nur eine Woche in Chile, aber ich habe mehr über das Land gelernt, als wenn ich monatelang in einem Hotel untergekommen wäre. Oder der Typ in Kanada, der mich zum Thanksgiving-Dinner eingeladen hat. Das ist, als ob man hier einen Fremden zum Weihnachtsessen einlädt. Diese Erfahrungen sind wundervoll!

ZEIT ONLINE: Was hat Sie bewogen, auf Ihrer Weltreise bei wildfremden Menschen zu übernachten? Wollten Sie in erster Linie billig reisen?

Brian Thacker: Dass die Übernachtungen umsonst sind, ist natürlich ein netter Nebeneffekt. Aber ich wollte vor allem Einheimische treffen, die mir ihre Stadt zeigen, einen Schnappschuss machen von der Welt, so wie sie ist. Man muss natürlich schon ein bestimmter Typ Mensch sein, man muss sich wohlfühlen mit anderen. Wenn man sich zu viele Gedanken macht, ist es wahrscheinlich nichts für einen. Obwohl – als schüchterner Bankangestellter kann man natürlich bei einem anderen schüchternen Bankangestellten übernachten und zusammen schüchtern sein. Das ist ja das Gute, man findet immer jemand Passenden.

ZEIT ONLINE: Und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Brian Thacker: Eines der Dinge, die ich auf dieser Reise gelernt habe, ist: Die Welt wird von Alkohol angetrieben! Egal, wo und bei wem ich wohnte, alle wollten sie feiern und sich betrinken. Dabei waren eigentlich alle nett, ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Nur so manches Essen war merkwürdig. Ich probiere gern lokale Küche. In Island hat man mir Gammelhai serviert. Die graben da ein Loch in die Erde, werfen den Hai rein, pinkeln drauf und warten dann zwei bis drei Monate, bis alles verrottet ist. Ich hab’s probiert – sehr eigenartig! Und der Typ, bei dem ich da gewohnt habe, war auch ziemlich abgedreht. Er war Mathestudent und notierte seine Formeln und Notizen überall, auf den Wänden, auf den Fenstern, einfach überall. Und dann verbrachte er Stunden damit, mir zu erklären, wie Google funktioniert. Ich habe keine zwei Worte verstanden, einfach nur genickt. Solche Leute trifft man da.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch so manche Nacht auf Sofas verbracht, die nicht gerade verlockend klingen, viel zu kurz oder voller Hundehaare beispielsweise…

Brian Thacker: Ja, manche Schlafplätze waren interessant (lacht). Aber meistens beschreiben die Leute detailliert, wo man schlafen wird und zeigen auch Fotos von der Couch, man weiß also in der Regel, worauf man sich einlässt. Und man kann natürlich jederzeit gehen. Das gilt auch für den Fall, dass man sich mit dem Gastgeber nicht wohl fühlt. Schwieriger wird’s schon, wenn es umgekehrt ist, wenn jemand zu einem nach Hause kommt, den man nicht leiden kann. Da muss man dann hart sein. Ich habe von einem Typ gehört, der eigentlich nur ein paar Tage in einer Wohnung in Florida bleiben wollte und nach drei Monaten war er immer noch da. Das Mädel sagte ganz verzweifelt: Ich würde ihm so gern sagen, dass er gehen soll…

ZEIT ONLINE: Wie lange sind Sie denn jeweils an einem Ort geblieben?

Brian Thacker: Es gibt ja dieses Sprichwort: Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen fängt er an zu stinken. Meistens bin ich so 3 bis 5 Tage geblieben, in manchen Städten habe ich bei zwei verschiedenen Gastgebern übernachtet. Ich war in Chile, Brasilien, USA, Kanada, Island, Belgien, Luxemburg, Türkei, Kenia, Südafrika, Indien und Philippinen, das war gerade richtig. Wenn man noch länger umherreist und bei 100 verschiedenen Leuten unterkommt, bekommt man keinen wirklichen Eindruck von deren Leben mehr, es wird zu viel.

ZEIT ONLINE: Welche Tipps können Sie Interessierten für ein erfolgreiches Couchsurfing geben?

Brian Thacker: Schreibt ein detailliertes Profil mit vielen Informationen, ladet viele Fotos hoch und versucht, Empfehlungen zu bekommen. Befolgt die Hinweise auf den Webseiten zum Erstellen von Profilen. Leute, die einen Übernachtungsplatz suchen, schicken oft einfach per copy/paste eine ganze Menge Anfragen raus, ohne die Profile gelesen zu haben. Das kann man ziemlich schnell daran erkennen, dass sie einen noch nicht mal mit dem Namen anreden, sondern nur „Hallo“ schreiben. Denen geht es nicht um die Person, sondern nur um den Schlafplatz, denen würde ich nicht antworten. Wenn man sicher sein möchte, dass der Interessent auch wirklich das Profil gelesen hat, kann man zum Beispiel sagen, dass nur Mails beantwortet werden, die den Namen der Katze im Betreff haben.

ZEIT ONLINE: Wie aussagekräftig ist denn so ein Profil, da kann man doch alles reinschreiben?

Brian Thacker:
Die Profile sind sehr detailliert, die Leute zeigen Hunderte von Fotos von ihren Reisen. Wenn man da schummeln möchte, müsste man sich schon sehr anstrengen. Und als allein reisende Frau kann man sich ja zum Beispiel bei einer allein wohnenden Frau melden. Um sicher zu gehen, kann man sich auch erstmal mit dem Gastgeber auf einen Kaffee in der Stadt treffen und dann entscheiden, ob man bei der Person übernachten möchte oder nicht.

ZEIT ONLINE: Gibt es Benimmregeln für den Aufenthalt?

Brian Thacker: Nichts Festgelegtes, wie im übrigen Leben auch kommt man mit gutem Benehmen und Menschenverstand am Weitesten. Überall, wo ich ein klein wenig länger war, habe ich mal gekocht, etwas eingekauft oder den Abwasch gemacht. Oder den Gastgeber zu einem schönen Essen ausgeführt. Manche haben mich das aber gar nicht machen lassen. In Manila waren wir in einem wirklich tollen Restaurant und ich wollte zahlen, aber der Typ ließ mich nicht.

ZEIT ONLINE: Hat auch schon einmal jemand auf Ihrer Couch in Melbourne übernachtet?

Buch Couchsurfing
Brian Thacker: "Couch Surfing. Eine abenteuerliche Reise um die Welt". Eichborn Verlag, Frankfurt 2009; 320 S., 17,95 €

Brian Thacker: "Couch Surfing. Eine abenteuerliche Reise um die Welt". Eichborn Verlag, Frankfurt 2009; 320 S., 17,95 €

Brian Thacker: Ja, ein paar. Es macht Spaß, die eigene Stadt zu zeigen, man entdeckt sie neu. Ich habe im Internet recherchiert und einige interessante Bars gefunden, die ich noch nicht kannte. Und ich bin zum ersten Mal mit der Restaurant-Straßenbahn gefahren, das war toll. Es gibt Leute, die haben immer jemanden bei sich zu Hause, die ganze Zeit, Hunderte von Couchsurfern haben schon bei denen übernachtet. Als ich in Frankfurt war, habe ich bei einer Frau übernachtet, die schon mehr als hundert Leute bei sich zu Gast hatte, dabei war ihre Wohnung absolut winzig.

ZEIT ONLINE: Ich nehme an, Sie haben Ihr Profil inzwischen geändert – oder sind Sie auf globalfreeloaders.com immer noch ein Haftentlassener mit fünf Kindern?

Brian Thacker: Ich kann mich gar nicht erinnern, ob ich’s mal geändert habe. Ach doch, muss ich wohl, denn ich habe eine Anfrage bekommen….

Die Fragen stellte Anette Schweizer

 
Leser-Kommentare
    • kräg
    • 26.11.2009 um 16:24 Uhr

    Hier noch eine Ergänzung:
    http://www.zeit.de/2004/3...

  1. Mehr gibts dazu wohl nicht zu sagen..

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • yuval
    • 27.11.2009 um 9:30 Uhr

    ...das Konzept stammt aus dem Jahr 2000, als ein junger Holländer namens Ramon Stoppelenburg auf einer Site namens "Let me stay for a day" exakt dasselbe gemacht hat. Schade, dass die Interviewerin da nicht besser recherchiert hat.

    • yuval
    • 27.11.2009 um 9:30 Uhr

    ...das Konzept stammt aus dem Jahr 2000, als ein junger Holländer namens Ramon Stoppelenburg auf einer Site namens "Let me stay for a day" exakt dasselbe gemacht hat. Schade, dass die Interviewerin da nicht besser recherchiert hat.

    • yuval
    • 27.11.2009 um 9:30 Uhr

    ...das Konzept stammt aus dem Jahr 2000, als ein junger Holländer namens Ramon Stoppelenburg auf einer Site namens "Let me stay for a day" exakt dasselbe gemacht hat. Schade, dass die Interviewerin da nicht besser recherchiert hat.

  2. Thacker sagt, die ganze Welt würde vom Alkohol angetrieben werden. Überall wollen die Leute feiern und sich betrinken...
    Dasselbe beobachte ich auch immer wieder.

    Ist das nicht traurig?
    Kaum ist mal eine Droge legalisiert, wird sie massiv von der großen Masse der Leute missbraucht...

  3. ist so nicht richtig. Ich war schon oefter zu Gast und wir haben keinen Alkohol getrunken, nicht gefeiert, sondern waren im Kino, auf dem Flohmarkt, beim Picknicken...

    Zum Thema gute Recherche, das Konzept ist wesentlich aelter, es existiert z.B die Plattform Servas seit 1950. Und will man allgemeiner werden gab es in der Vergangenheit schon immer Netzwerke bei denen, die richtige Parole vorausgesetzt, man leicht in die Gunst von Unterkunft, Speiss, Trank und Gesellschaft kam.

    Das Buch uebrigens halte ich fuer voellig ueberfluessig, und finde es schade das jemand auf dem Ruecken der Plattform Profit schlagen will. Will man lebhafte, gleichwertige Geschichten hoeren reicht es sich bei Couchsurfing oder Hospitalityclub anzumelden, in der eigenen Stadt nach Mitgliedern zu suchen und sich mit jemanden auf einen Kaffee zu treffen. Die Leute dort tun das gern, ohne Hintergedanken, einfach nur weil sie gerne erzaehlen, teilen und gesellig sind.

  4. Sehr geehrte Frau Schweizer,

    erst habe ich mich ja erschrocken. Hat da tatsächlich jemand vor mir ein solches Projekt organisiert? Aber nach genauerem Lesen muss ich leider meinen Vorrednern recht geben. Hier haben Sie offensichtlich nicht gut genug recherchiert. Das, was Thacker gemacht hat, machen täglich Hunderte von Menschen. Das war auch der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe, es eben nicht so zu organsieren, sondern mich als bisher weltweit einziger Mensch als "Extreme-Couch-Hopper" auf die Reise zu machen. Bei dem Projekt galt: In 80 Tagen um die Welt, 34 Städte, 21 Länder und 6 Kontinente - und dabei JEDE Nacht bei einem ANDEREN Gastgeber.

    Wenn ich das richtig lese, ist ihr Artikel am 26. November 2009 erschienen. Da befand ich mich gerade auf Hawaii und war bereits 57 Tage unterwegs - also 57 Gastgeber. Ein Klick auf google oder einen Blick in die dpa- bzw. ddp-Datenbank hätte Ihnen über das laufende Projekt Aufschluss gegeben.

    Ich habe jedenfalls auf meiner Reise eine Menge Menschen kennengelernt, die genau das gleiche wie Thacker gemacht haben.

    Falls Sie sich ein Bild über mein Projekt machen möchten, lade ich Sie gerne zu einem Blick auf meinen Blog bei stern.de ein. Der direkte Link lautet http://www.stern.de/blog/...

    Ansonsten gefällt mir die Art des Interview... naja, nur schade, dass die Story an sich nichts Besonderes ist...

    Besten Gruß,
    D.H.

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