NordseeKalte Kinderstube

Auf Düne bei Helgoland bringen in diesen Tagen die Kegelrobben ihre Jungen zur Welt - zur Freude der Touristen und der Insulaner. Ein Besuch von 

 Helgoland ist im Winter eine sehr stille Insel. Tagesausflügler, die sonst den Großteil der Gäste ausmachen, gibt es schon deshalb keine, weil die Fähre von November bis April nur jeden zweiten Tag die zweieinhalbstündige Fahrt von Cuxhaven auf sich nimmt. Die meisten Hotels und Restaurants und auch viele Geschäfte haben geschlossen, die Hälfte der 1300 Einwohner geht im Winter nach drüben, aufs Festland.

Ein paar Besucher gibt es aber durchaus. Doch sie kommen in dieser Jahreszeit nicht wegen zollfreier Zigaretten, billigem Alkohol oder steuerbegünstigten Parfüms, sondern sie suchen die Begegnung mit der Natur, mit Wind und Wetter – und den Kegelrobben, die seit 2001 auf die 10 Bootsminuten entfernte Nachbarinsel Düne kommen, um zwischen November und Januar ihre Jungen zur Welt zur bringen. Anfangs waren es nur wenige Tiere, doch inzwischen hat sich eine ansehnliche Kolonie etabliert, die stetig wächst. Um die 80 Geburten werden in diesem Winter erwartet.

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Seit Butterfahrten zwecks Spirituosenkaufs nicht mehr im Reisetrend liegen, klagt Helgoland über rückläufige Besucherzahlen in der Sommersaison. Nun hofft man, dass mit den Robben auch die Touristen zurückkommen. Weg vom Massen-, hin zum Individualtourismus, heißt die Devise, die das etwas ramponierte Image aufpolieren und der vom Tourismus abhängigen Insel auf die Beine helfen soll. Die Robbenbabys auf der Nachbarinsel Düne sind dabei eine große Hilfe.

Individualreisende schätzen die Ruhe und die Langsamkeit, die im Winter auf Deutschlands einziger Hochseeinsel herrschen. Auch Rolf Blädel, seit 30 Jahren auf Helgoland, kann sich kaum einen schöneren Ort vorstellen: "Natur pur, Strandspaziergänge, kein Autogestank, keine Hektik", sind die vier Eckpunkte, die die Insel seiner Meinung nach so einzigartig machen. Der 58-Jahrige ist Wildhüter und einer von zwei offiziellen Seehundjägern auf Helgoland.

Doch gejagt werden die Meeressäuger natürlich nicht; sie sind ganzjährig geschont. Aber "ab und an muss ein Tier aus dem Bestand genommen werden. Etwa, wenn es schwer krank ist." Und das muss dann ein erfahrener Jäger erledigen. Schöner ist da schon die Aufgabe, die Blädel im Winter mit Leidenschaft erledigt: Jeden Tag umrundet er die Insel Düne, um neugeborene Robbenbabys zu finden und zu markieren. So behält er immer den Überblick über die Anzahl der jungen Kegelrobben, die in einigen Jahren wieder hierher zurückkommen werden, um sich fortzupflanzen.

Blädel weiß viel Interessantes über seine Schützlinge zu berichten. Zum Beispiel, dass Kegelrobben ihren Namen wegen ihrer länglichen Kopfform haben. Dass die Bullen fast 300 Kilogramm schwer werden können. Dass die jüngeren Bullen zwar mit 4 bis 5 Jahren geschlechtsreif, aber noch nicht kräftig genug sind, um den Älteren den Harem abzujagen. Dass die Tiere bis zu 20 Minuten lang auf Tauchkurs gehen können, um Heringe, Makrelen und Schollen zu jagen.

Und dass die Babys, die da zwischen den Großen liegen, nur für etwa vier Wochen ihr weißes, kuscheliges Lanugo-Fell behalten. Danach brauchen sie ein wasserdichtes Kleid, mit dem sie in die eisigen Fluten der Nordsee eintauchen können. Denn nachdem sie mithilfe der fetthaltigen Milch der Mutter jeden Tag 1,5 bis 2 Kilo an Gewicht zugelegt haben, sind die kleinen Speckpakete nach dieser Zeit voll und ganz für sich allein verantwortlich. Fisch statt Milch, heißt es dann.

Im Dezember und Januar liegen sie aber noch mit Kulleraugen allein oder mit ihren Müttern am Kieselstrand oder in den Sanddünen. Die Farbpalette der erwachsenen Tiere reicht von hellbeige über gesprenkelt bis dunkelbraun. Manche, noch nass vom letzten Bad in der eisigen Nordsee, sind am ganzen Körper mit einer Panade aus Sand bedeckt.

Die zweibeinigen Besucher, die Gesichter mit Schals und Mützen vermummt, müssen aufpassen, dass sie nicht über die bestens getarnten Tiere stolpern. Die Kegelrobben sind an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt, und die eine oder andere kommt sogar von allein neugierig näher. Für Hobby-Tierfotografen ein Paradies. Auch wenn das Scharfstellen manchmal schwer fällt, weil der eisige Wind Tränen in die Augen treibt. Und, nicht vergessen: 30 Meter Abstand sind einzuhalten, auch im eigenen Interesse – Kegelrobben wissen ihre 32 Reiß- und Schneidezähne einzusetzen, wenn sie sich bedroht fühlen.

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    • Schlagworte Nordsee | Tier | Winter | Cuxhaven | Helgoland
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