Die Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik erstreckt sich über 388 Kilometer. Doch mit der gemeinsamen Landesgrenze und der gemeinsam genutzten Karibikinsel Hispaniola erschöpfen sich schon die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten. Die Dominikanische Republik mit ihren Postkartenstränden und gepflegten Hotelanlagen gilt als Traumurlaubsland für die westliche Mittelschicht. Jedes Jahr ist sie das Reiseziel von rund drei Millionen Menschen.

Haiti dagegen ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und hat einen ungleich schlechteren Ruf. Das Auswärtige Amt warnt seit geraumer Zeit vor Haiti-Reisen aufgrund der angespannten Sicherheitslage. Das Land leidet nach wie vor an Überbevölkerung, an schlechten Hygiene-Verhältnissen und baufälliger Infrastruktur. Viele Menschen leben in absoluter Armut. Zudem hat Haiti das Pech, nicht mit so schönen Stränden bestückt zu sein wie die Dominikanische Republik, weshalb es in Haiti kaum Hotelketten gibt. Haiti ist die einzige Insel der Karibik, die touristisch noch unerschlossen ist.
 

Die Ursachen für diese grundlegenden Unterschiede liegen in der Kolonialgeschichte der beiden Staaten. Sowohl Haiti als auch die Dominikanische Republik waren spanische Kolonien; daher auch der Name der Insel: Hispaniola. Doch als Frankreich 1697 Haitis Kolonialherr wurde – die Dominikanische Republik blieb unter spanischer Führung –, begann der Niedergang des Staates. Massiv wurden Wälder gerodet, um Häuser und Schiffe bauen zu können. Durch die fehlende Vegetation brachen die natürlichen Schutzwälle gegen Naturkatastrophen weg, wie zum Beispiel Überschwemmungen oder Schlammlawinen in Folge von Erdbeben.

Nur wenige Stunden nach dem neuesten Beben am Dienstag veröffentlichte der Präsident der Dominikanischen Republik Leonel Fernández Reyna ein Statement, in dem er die enge Verbundenheit seines Landes mit dem Nachbarn betonte und es zu massiver Hilfeleistung aufrief. Noch in der Nacht startete ein Flugzeug der Luftwaffe mit 20 Helfern, Suchhunden und Gerät für die Bergung von Verschütteten nach Haiti. Die Nachbarn waren die ersten, die halfen.
 

Ein zerstörtes Gebäude in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince © Lisandro Suero/AFP/Getty Images

Mittlerweile treffen immer mehr Helfer aus dem Ausland ein. Die meisten von ihnen landen zunächst in der Dominikanischen Republik, wo es sechs internationale Flughäfen gibt. Von dort aus reisen die Helfer nach Haiti weiter. "Wie, das kann ich im Moment nur ahnen", sagt Lora Bastidas, Geschäftsträger der dominikanischen Botschaft in Berlin. "Ob die Straßen über die Grenze passierbar sind, wissen wir hier im Moment nicht." Es werden wohl viele, die helfen wollen, ein Schiff nehmen müssen.