Die Karnevalszeit ist vorbei, aber viel ruhiger wird es dadurch nicht: Niemand kann Straßen- und Fluglärm entgehen, in Großraumbüros herrscht ein kontinuierlicher Geräuschpegel, und in der U-Bahn wird man zum unfreiwilligen Zuhörer von Telefonaten und den Charts aus fremden iPods. Wenn der Lärm zu viel wird, wünscht man sich weit, weit weg. Irgendwohin, wo Ruhe ist. Aber viele Menschen haben es verlernt, die Stille als das zu begrüßen, was sie ist, sagt Ernst Pöppel, Professor für medizinische Psychologie an der Universität München: Eine Erholungsreise fürs Gehirn.

ZEIT ONLINE: Warum ist Stille wichtig für unser Wohlbefinden?

Ernst Pöppel: Stille ist essenziell, um sich konzentrieren zu können. Sie nimmt den Druck von uns, der durch den Lärm von außen entsteht. Diese Erholungsphasen sind wichtig für unser Wohlbefinden, darüber hinaus aber auch für unsere Fähigkeit zu denken. Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.

ZEIT ONLINE: Fühlt es sich nur so an oder werden Ruhephasen im Alltag tatsächlich weniger?

Pöppel: Der Pegel steigt. Wir sind dem Lärm um uns herum permanent ausgeliefert. Er ist normal geworden, dass manche Menschen nicht mehr ohne Krach leben können – aus Angst davor, sich in der Stille ausgeliefert zu sein.

ZEIT ONLINE: Stille wird als Bedrohung empfunden?

Pöppel: Die Angewohnheit, zu Hause ständig das Radio oder den Fernseher laufen zu lassen oder egal, wo man gerade ist, die Musik lautzudrehen, kommt einer Flucht vor dem Selbst gleich. Man muss gar nicht genau hinhören, was im Fernseher gesagt wird: Allein die Gesprächsfetzen vermitteln einem Sicherheit, das Gefühl der Zugehörigkeit.

ZEIT ONLINE: Warum ist das Leben in einer lauten Welt anstrengend?

Pöppel: Wir Menschen sind einerseits reaktiv: Wir reagieren auf Dinge. Gleichzeitig sind wir aber auch antizipativ. Das heißt, wir wollen Dinge erreichen. Indem wir die Stille verdrängen, versetzen wir uns in einen kontinuierlichen Reaktionsmodus.

ZEIT ONLINE: Wir reagieren im Alltag nur noch?

Pöppel:
Auf das klingelnde Handy, auf Gespräche, auf alles, was um uns herum passiert. Deswegen haben viele den Umgang mit Stille verlernt.

ZEIT ONLINE: Kann man diesen Umgang mit Stille üben?

Pöppel: Jeder Mensch hat die Freiheit, etwas für sein Wohlbefinden zu tun. Es reicht oft schon, sich ab und an aufzuraffen, alleine einen Spaziergang zu machen. Niemand wird gezwungen, sich dem Terror der Kommunikation auszuliefern. Wer Ruhe sucht, findet sie auch.

ZEIT ONLINE: Inwieweit kann Meditation ein Urlaub vom Alltag sein?

Pöppel: Wer meditiert, unterbricht nicht nur den Kommunikationsfluss mit anderen, sondern auch mit sich selbst. In fast allen Kulturen gibt es deswegen Formen der Meditation: In Asien ist es beispielsweise der Zen-Buddhismus, hierzulande das Gebet. Die Zeit, die man in der Meditation verbringt, ist eine Befreiung. Davon konnte ich mich am eigenen Leib überzeugen: Ich habe für ein Experiment mehrere Wochen in einem Bunker verbracht, ohne Kontakt zur Außenwelt. In absoluter Stille.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie diese Wochen empfunden?

Pöppel: Als läuternd. Ich musste mich mit mir auseinandersetzen. Man lernt, sich selbst zu schätzen, lernt, sich die eigenen Fehler zu verzeihen. Es war wie eine anhaltende Meditation.

ZEIT ONLINE: Woran erkenne ich, dass ich eine Auszeit brauche?

Pöppel: Indem man sich abends den Tag noch einmal vor Augen führt und sich fragt, was man Kreatives geleistet hat. Kreativität ist ein wichtiges Merkmal eines ausgeglichenen Menschen. Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause.

Das Gespräch führte Jessica Braun.