EXPO-Vorbereitungen Das Mädchen vom Kai

Heute wird die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen abgebaut und nach Shanghai geflogen. Dort soll die Statue den dänischen Pavillon zieren.

Die Statue im Hafen ist ein Werk des Bildhauers Edvard Eriksen

Die Statue im Hafen ist ein Werk des Bildhauers Edvard Eriksen

Was soll eine Großmuter ihrer Enkelin raten, die heutzutage auf Reisen geht? Früher hieß es: "Ein anständiges Mädchen sollte nie ohne Begleitung einer Gouvernante reisen." Oder: "Eine Dame sollte das Haus nie ohne Handschuhe und Strümpfe verlassen." Doch die junge Frau, die heute nach China aufbricht – die Kleine Meerjungfrau aus dem Kopenhagener Hafen –, hat seit 96 Jahren keine Schuhe getragen, geschweige denn ein T-Shirt. Ihre erste Reise endete deswegen tragisch. Das weiß jeder, der das Märchen von Hans Christian Andersen kennt.

Doch egal, welche Bedenken die Großmutter der Meerprinzessin haben mag – die Kleine Meerjungfrau, ein Werk des Bildhauers Edvard Eriksen, reist heute nach Shanghai. Sie wird abgebaut und zum Flughafen gebracht. Ihr Ziel: Die Weltausstellung. Nach den Vorstellungen der Architekten des dänischen Pavillons soll die Statue in einem Bassin sitzen, das mit Kopenhagener Hafenwasser gefüllt ist. EXPO-Besucher dürfen darin ein Bad nehmen. So nah kommt man dem Meermädchen vom Langeliniekai sonst selten. In Kopenhagen ist sie auf ihrem Felsen schwer zu erreichen.

Es war vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung, die Kopenhagens Stadtrat dazu bewog, die Meerjungfrau auf Reisen zu schicken: "Das bringt uns in Dänemark am Ende etwas ein, wenn wir die Meerjungfrau nach China ausborgen" sagte die Bürgermeisterin Pia Allerslev. Die Meerjungfrau als Tourismusbeauftragte, die sirenengleich Chinesen ins Land locken soll – den Kopenhagenern ist nicht wohl dabei. Immerhin ist die Frau mit den in einem Fischschwanz endenden Beinen ihr Wahrzeichen. Jeder Däne kennt sie. Als Tourist lässt man sich mit ihr im Hintergrund fotografieren. Sie ist Kopenhagens Freiheitsstatue. Nur kleiner.

Etwas mehr als einen Meter misst sie. Geliebt wird sie wie eine ganz Große. Ebenso gehasst. Seit Edvard Eriksen die Bronzenixe 1913 im Hafen aufstellte, hatte sie es nicht leicht: Im April 1964 wurde ihr zum ersten Mal der Kopf abgesägt. Die Tat eines prüden Bürgers? Ein Akt wahnsinniger Liebe? Oder doch die Rache eines Nachfahren der Argonauten, die mit den fischschwänzigen Sirenen schon in der Antike auf Kriegsfuß standen? Bis heute weiß das keiner. 1998 das Gleiche: der Kopf weg, Motiv und Täter unbekannt. Im Jahr 2003 sprengte jemand die komplette Meerjungfrau von ihrem Felsen. Seit dem ist sie nicht mehr die alte.

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 Bis zum nächsten Jahr wird die Statue in Shanghai in Sicherheit sein. Damit den Dänen zum Abschied heute das Herz nicht zu schwer wird, haben sie Ersatz bekommen. Die Erben des Künstlers Edvard Eriksen bewilligten eine Reproduktion, die im Kopenhagener Vergnügungspark Tivoli ausgestellt wird. Das lohnt sich für die Stadt. Der Besuch des Vergnügungsparks kostet Eintritt. "Dänen wie alle Kopenhagen-Besucher müssen die Möglichkeit haben, die Kleine Meerjungfrau zu sehen, auch wenn die Meerjungfrau von der Langelinie dann in China ist", sagte Alice Eriksen, die Großenkelin des Bildhauers. Die Familie hat das Original trotzdem nicht gerne gehen lassen, saß doch die Großmutter dafür nackt Modell. Vor dem Getatsche der Badenden im dänischen EXPO-Pavillon wird man ihr Abbild wohl nicht schützen können. Man wünscht sich, die Kleine Meerjungfrau hätte sich für die Reise doch etwas angezogen. Wenn nicht Handschuhe und Strümpfe, dann wenigstens ein T-Shirt.

 

 
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