Glasgow Mächtig viel Stil

Glasgows Niedergang und Auferstehung erinnert in manchem an Berlin. Ein paar Schmutzecken gibt es noch – zum Glück.

Der Forth- und Clyde-Kanal verbindet die Nordsee mit dem Atlantik

Der Forth- und Clyde-Kanal verbindet die Nordsee mit dem Atlantik

Sir Roger musste erschossen werden. Das war vor hundert Jahren, als es unten an der Sauchiehall Street noch einen Zoo gab. Der indische Elefant mit dem außergewöhnlichen Namen hatte besondere Aufgaben. Er diente der Kunst. An bestimmten Tagen wurde er ein paar Meter um die Ecke herum zur Glasgow School of Art geführt, um den Studenten Modell zu stehen. Sir Rogers Seele musste den Weg in den Elefantenhimmel nehmen, als er die Geschlechtsreife erlangte und allzu brünstig auftrat; der Schuss fiel, als er friedlich sein Frühstück verzehrte. Heute kann man das große Tier in der Halle des Kelvingrove Museum sehen.

Der ausgestopfte Bulle könnte das Wappentier von Glasgow sein, so sehr ähneln die Geschichten der armen Kreatur und der schottischen Großstadt am River Clyde einander: früher Ruhm, ein unseliges Ende – und Auferstehung im Namen der Kultur. Glasgow, einst nach London "second city" des British Empire, erlebte im 20. Jahrhundert einen spektakulären Niedergang. Die einst weltweit größten Werften mussten ebenso schließen wie die Eisenbahnindustrie. Glasgows Fabriken waren zu wenig produktiv, zu teuer geworden. Schottlands größte Stadt wurde zu einem frühen Opfer der Globalisierung, zu einer Industrieleiche.

Anreise

Zum Beispiel nonstop ab Berlin Schönefeld mit Easyjet nach Glasgow. Preise sind terminabhängig.

Unterkunft

Park Inn City Centre: Eine Nacht im Doppelzimmer ohne Frühstück gibt es ab 44 Pfund (umgerechnet 47 Euro). Tel.: 0044 / 141 / 333 1500

Marks Hotel: Doppelzimmer ab 72 Euro exklusive Frühstück. Tel.: 0044 / 141 / 353 0800.

Essen

Fleisch und Meeresfrüchte gibt es frisch und reichlich, allerdings auch nicht geschenkt. "City Merchant" (97, Candleriggs) hat Steak & Lobster auf der Karte für 35,75 Pfund, eine Seafood-Platte für zwei kostet 69 Pfund.

Auskunft

Weitere Informationen gibt es auf der Website des Schottischen Fremdenverkehrsamtes www.visitscotland.com/de

 
Ein malerisch-mächtiger Kran, der einst Lokomotiven auf Frachtschiffe hievte, steht als Denkmal vergangener industrieller Majestät am Ufer des Clyde – vis-à-vis dem Scottish Exhibition and Conference Centre, dem "Gürteltier" von Sir Norman Foster. Im kommenden Jahr soll Zaha Hadids Neubau für das Museum of Transport eingeweiht werden. Der Wandel ist hier überall greifbar. Kunst und Kultur haben den "Turnaround" geschafft. Heute ist Glasgow eine junge Stadt. Sie zieht das sogenannte kreative Publikum an und erinnert in manchem dabei an Berlin.

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Die Wende begann in den Achtzigern. Die Fassaden wurden vom Dreck des Industriezeitalters gereinigt – und viel viktorianische Architektur der Stadtautobahn geopfert. Glasgow sammelte Titel, als wäre Stadtumbau ein Sport. Starke Impulse gingen vom Titel als europäische Kulturhauptstadt 1990 aus – so, wie sich 2010 das Ruhrgebiet einen großen Imageschub durch Kulturprogramme verspricht. In Glasgow gelang es.

Dass industrielle Brache Künstler anzieht, ist überall in der westlichen Welt zu beobachten. Am radikalsten sicherlich am River Clyde. Natürlich reicht das Zauberwort Kultur nicht aus, um den Charakter einer ausgepowerten Stadt umzuwandeln. Kultur, das heißt vor allem auch Tourismus und Konsum. Kultur ist die Chiffre für Serviceunternehmen. Nach London und dem schottischen Rivalen Edinburgh stellt sich Glasgow heute als der am meisten besuchte Ort im Vereinigten Königreich dar. Man kommt hierher zum Shoppen, was ja bekanntlich etwas anderes als Einkaufen ist und auch viel zeitintensiver. Shoppen ist eine Form des Ausgehens, was sich dann über den Tag bis spät in die Nacht hinzieht. Die Innenstadt um die Buchanan Street, zumeist Fußgängerzone, quillt über von Modeläden mit unwahrscheinlichen Rabatten – und Pubs. Vor lauter Prozentzeichen sieht man auf der "Style Mile" die Auslagen kaum.

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