Glasgow Mächtig viel StilSeite 2/2
Jährlich reisen mehr als 2,8 Millionen Besucher nach Glasgow, bis 2011 sollen sieben neue Designerhotels eröffnet werden. Das Konferenzwesen boomt. Wo die Luft einst so verpestet war, dass der Schiffsbaumagnat William Burrell seine Kunstsammlung in einer Villa zehn Meilen außerhalb der Stadt unterbrachte, um die Kunstwerke vor Schaden zu bewahren, ist heute alles Style und Design. Man ist dann geradezu erleichtert, zwischen Central Station und Flussufer ein paar alte, aufgelassene Gebäude zu entdecken, ein paar Schmutzecken, denn seelenlose zeitgenössische Architektur hat sich hier ebenso mächtig ausgebreitet wie das Elegante und Innovative.
Koch-Popstar Jamie Oliver baut soeben einen Laden für 250 Gäste. Es herrscht fast ein Überangebot an Restaurants mit internationaler Fusion- oder traditionell schottischer Küche (Austern und Lachs!). Um all die Clubs und Venues zu entdecken, die kleinen Second-Hand-Läden an der Byres Road, im Universitätsviertel – dafür reicht ein Wochenende gerade aus.
Die größte Attraktion aber bleibt die Glasgow School of Art in dem von Charles Rennie Mackintosh entworfenen und 1909 eingeweihten Gebäude. Die Atmosphäre ist einzigartig. Man betritt ein Museum, das Museum eines der einflussreichsten Designer der Welt – und spürt sogleich, dass hier gearbeitet wird, dass die Tradition lebt. Eine eigentümliche Mischung aus Erhabenheit und Pragmatismus, Vergangenheitskult und Zukunftsideen. Die Patina erdrückt nicht, sie ist vielmehr eine Schutzschicht für die Studierenden. So fühlt es sich jedenfalls beim Rundgang durch die Mackintosh-Trutzburg an, die von hohen Glasfronten geprägt ist und vom obersten Stockwerk einen der schönsten Blicke auf Glasgow bietet, bis weit ins Land hinaus.
Mackintoshs Objekte markierten seinerzeit die Avantgarde. Die Sammlung von Mackintosh-Möbeln im Erdgeschoss erinnert daran, dass Design und Komfort zwei grundverschiedene Dinge sind. Mancher Mackintosh-Stuhl ist halt fürs Auge gemacht, weniger für Gesäß und Rücken. Aber wer hat sich von diesem Künstler nicht alles inspirieren lassen, bis heute! Und so wie Mackintosh die Welt nach seinen Ideen gestaltete, hat sich auch Glasgow durchgestylt und neu erfunden.
Absolvent der Glasgow School of Art ist Robert Hardy, Bassist von Franz Ferdinand. Die Band mit dem seltsamen österreichischen Namen ist der erfolgreichste Act aus Glasgow seit vielen Jahren – wieder eine typische Geschichte für die Stadt. Die Karriere von Franz Ferdinand nahm ihren Anfang in einer leer stehenden Lagerhalle, die sie gemeinsam mit anderen Indie-Bands und Kunststudenten Anfang der Neunziger besetzten. Übrigens kommt auch The Phantom Band, Gewinner des Soundcheck-Awards 2010 von Tagesspiegel und Radio eins, aus der so alten und so neuen Stadt am River Clyde.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.03.2010)
- Datum 15.03.2010 - 15:06 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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