Interview "Bei uns muss niemand als Drag Queen verkleidet anreisen"

Homosexuelle, die sich im Alltag nicht outen können, sollten wenigstens im Urlaub sie selbst sein dürfen, sagt Carlos Kytka, Sprecher des schwul-lesbischen Reiseverbands.

Das liberale San Francisco gehört für schwule Reisende zu den beliebtesten Zielen

Das liberale San Francisco gehört für schwule Reisende zu den beliebtesten Zielen

ZEIT ONLINE: Warum umwirbt die Tourismus-Branche gerade jetzt die schwul-lesbische Zielgruppe?

Carlos Kytka: Wir sind ein krisenfester Nischenmarkt. Während sich Familien mit Kindern in finanziell knappen Zeiten jede Reise dreimal überlegen, sind Schwule und Lesben davon weniger betroffen. Natürlich sind nicht alle Schwulen reich. Wir sind ein Marketingsegment, das durch alle Schichten geht, vom Straßenkehrer bis zur Ärztin. Luxusreisen sind genauso gefragt wie ganz einfache Gay-Reisen. Die Destinationen kämpfen aber mittlerweile untereinander um unsere Aufmerksamkeit. Vor einigen Jahren hätte man sich noch geniert, unsere Zielgruppe aktiv anzusprechen.

ZEIT ONLINE:Die Branche braucht also die Schwulen und Lesben. Aber warum brauchen Schwule und Lesben eigene Hotels oder Pauschalreisen?

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Kytka: Es muss nicht immer schwul-lesbisch sein, genauso wenig wie es immer chinesisches Essen, das Kleine Schwarze oder der Anzug sein muss. Wichtig ist, dass man Auswahl hat. Eines der schönsten Erlebnisse für mich bei der ITB war, als ein älterer Herr zu mir an den Stand gekommen ist und mir gesagt hat, dass viele junge Leute es gar nicht richtig zu schätzen wüssten, welchen Einsatz meine Generation bringen musste, damit Schwule und Lesben heute so frei leben können, wie sie es tun. Im Jahr 2004 hat ein schottisches Bed & Breakfast ein schwules Paar nicht aufgenommen, das dort ein Zimmer gebucht hatte. Mittlerweile ist es in Großbritannien verboten, im Gastgewerbe zu diskriminieren. Man darf auch nicht vergessen, dass es immer noch genug No-go-Destinationen auf der Welt gibt. Wir bei der IGLTA beschäftigen uns aber in erster Linie mit mit Tourismusentwicklung. 

ZEIT ONLINE:Welche Aufgaben hat Ihre Organisation innerhalb der Branche?

Kytka: Wir sind ein Verbund von mehr als 1700 Unternehmen in 69 Ländern, die sich gezielt an den schwul-lesbischen Reisemarkt wenden. Unsere Mitglieder wissen, dass sie die unternehmerische Pflicht haben, ihrer Kundschaft zu sagen: "Bei uns gibt es keine Diskriminierung. Bei uns ist der schwul-lesbische Reisende willkommen." Das bedeutet nicht, dass man als Drag Queen anreisen muss, wenn ein Hotel unser Logo trägt. Wir betreiben vor allem Networking: Wir vertreten unsere Mitglieder auf Messen und veranstalten lokale Events, um Aufmerksamkeit zu schaffen.

ZEIT ONLINE:Aus welchem Bereich kommen Ihre Mitglieder bevorzugt?

Kytka: Das reicht von der großen Fluglinie wie American Airlines bis hin zum kleinen Reisebüro in Paraguay. Wir sind kein reicher Verein – die Mitgliedschaft bei uns kostet nur 250 Dollar im Jahr. Wir wollen, dass alle Betriebe bei uns eintreten können, auch wenn sie klein sind. American Airlines bezahlt natürlich mehr.

ZEIT ONLINE: Was ist das Besondere an schwul-lesbischen Reisenden?

Kytka: Vielleicht ist das Besondere, dass wir nicht von anderen unterschieden werden wollen. Wir möchten nicht, dass alle Reisebüros und Hotels jetzt pink gestrichen werden. Ich werde oft gefragt: "Müssen Schwule denn immer mit Schwulen Urlaub machen?" Genauso könnte ich fragen: "Müssen Leute, die gerne fischen, immer Angelurlaub machen?" Natürlich nicht. Aber es ist leider so, dass viele Schwule es im Alltag nicht wagen, sich zu outen. Und gerade diejenigen haben dann im Urlaub das Bedürfnis, mit Gleichgesinnten zu verreisen, vor denen sie sich nicht verstellen müssen, und ohne Angst die Hand ihres Partners halten können. Deswegen müssen sie nicht jedes Mal mit einer schwulen Reisegruppe in Urlaub fahren. Aber wenn sie möchten, sollten sie die Möglichkeit haben.


ZEIT ONLINE: Was sind denn die beliebtesten Reiseziele der schwul-lesbischen Szene?

Kytka: Dazu müssen wir differenzieren: Früher hat man einfach vom schwulen Reisenden gesprochen. Heute hat man erkannt, dass es hier genauso verschiedene Gruppen gibt: Städtereisende, Abenteurer, Familien und viele mehr. Aber es gibt natürlich Reiseziele, die in der Schwulenszene sehr beliebt sind. Dazu zählen in den USA vor allem New York, San Francisco, Miami und Palm Springs. Auch Spanien ist sehr stark vertreten, besonders Ibiza, Barcelona, Sitges oder Granada. Außerdem gehören Buenos Aires, Tel Aviv, Rio, São Paulo und Berlin zu den Top-Destinationen. Unser Repräsentant in Tel Aviv sagt gerne: "Wenn man hier von einem Hochhaus einen Stein wirft, trifft es entweder einen Hund, eine Katze oder einen Schwulen."

Das Interview führte Ulrike Schäfer.

 
Leser-Kommentare
  1. Die obige Frage, warum denn machen Schwule mit Schwulen Urlaub, kann man ganz einfach ein bischen abwandeln. Warum machen Heteros immer mit Heteros Urlaub? Können nicht Heteros mal gezielt in Schwulenhotels absteigen? Eins würden sie dort allerdings nicht spüren: Diskrimminierung wegen Heteroseins. Viele Schwule werden in Heterohotels aber durchaus beäugt und es gibt schon mal den einen oder anderen Kommentar...
    Am nettesten finde ich, übrigens auch für Heteros, Hotels, die als "gay friendly" firmieren. Dort findet man im Schnitt einen guten Mix kreativer, freundlicher Menschen.

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