Marathon im Urlaub Alle reden über das Wetter
Wegen 42 Kilometern reisen sie an den Polarkreis oder in die Wüste: Für Marathonläufer ist eine schöne Strecke die beste Erholung.
© Adventure-marathon.com

Eine Giraffe beobachtet einen sich nähernden Marathonteilnehmer
Eigentlich hat man diese fremde Stadt schon eingenommen, bevor man losläuft. Die Straßenlaternen gehen gerade aus, Toronto wacht allmählich auf, doch heute hört man keine Motorengeräusche zwischen den Häuserschluchten. Es gibt nur uns, die Läufer, und wir sind zu Tausenden gekommen, für einen vierstündigen Ausnahmezustand.
Normalerweise ist das Geräusch von Laufschuhen auf Asphalt kaum zu hören. Doch wenn sich so viele Menschen gleichzeitig in Bewegung setzen, klingt es wie der Beginn eines Platzregens, bis jeder sein eigenes Tempo findet und der ganz individuelle Leidensweg beginnt. Spätestens ab Kilometer 30 läuft man gegen die berühmte "Mauer", von der schon so viele erzählt haben. Dieser Moment, in dem einem von einer Sekunde auf die andere schwarz vor Augen wird, die Beine nicht mehr weiter wollen und fragen: Warum tust du uns so etwas an, im Urlaub?
Schwer zu sagen, warum wir ausgerechnet in Toronto unseren ersten Marathon laufen wollten. Es hat wohl damit zu tun, dass im Falle des Scheiterns die Freunde zu Hause davon erst einmal nichts mitbekommen. Außerdem ist Toronto ein flacher Marathon, der stärkste Anstieg ist eine Autobahnbrücke zwischen Downtown und dem Lake Ontario. Der Respekt vor diesen 42,195 Kilometern ist schon groß genug.
Bis zum Startschuss kannten wir von der Stadt nur das Hotelzimmer und das Convention Center, wo abends zuvor die übliche Pasta-Party stattfand. Die nötigen Kohlenhydrate zwölf Stunden vor dem Start – und die flammenden Motivationsreden der Marathon-Veteranen – sind im Anmeldepreis inbegriffen. Während des Essens lernt man Gleichgesinnte kennen, keine Pauschaltouristen. Auch wenn diese beiden Spezies eines gemeinsam haben: Sie reden viel über das Wetter.
Im Grunde ist damit schon viel über die Zielgruppe gesagt. Menschen, die sich während des Urlaubs freiwillig Blasen und Krämpfe laufen, buchen nicht mit LTU, und ihnen ist es auch nicht wichtig, braun zu werden oder das Schnitzel mit Pommes so wie zu Hause gebraten zu bekommen. Sport im Urlaub, das ist schon lange eine eigene Branche. "Wir beobachten seit einiger Zeit einen Trend zum aktiveren Urlaub bei den Reisen der Europäer und das geht auch in Richtung Sporturlaub", sagt Rolf Freitag, CEO der auf Tourismus spezialisierten Marktforschungsagentur IPK International "Sporturlaub hat insgesamt nur einen Anteil von drei Prozent an allen Urlaubsarten. Allerdings konnten wir in diesem Segment von 2008 auf 2009 einen Zuwachs von mehr als zehn Prozent feststellen."
Ein Marathon passt nicht wegen der Strapazen so gut zum Urlaub, sondern wegen des Prinzips der Belohnung. Es gibt einen Spruch: Hast du schon mal einen Jogger lachen sehen? O ja, aber erst auf dem letzten Kilometer eines Marathons. Das Glück zu wissen, dass sich monatelanges Training gelohnt hat, gepaart mit den Anfeuerungsrufen der Menschen an der Strecke, das ist Triumph über sich selbst.
"Im Grunde ist das wie ein Kirchgang, wo es auch darum geht, Bestätigung zu finden", sagt der Erfurter Soziologe Ronald Lutz, der selbst mehrere Marathonläufe absolviert hat. "Einen Marathon im Ausland zu laufen, das hat etwas von Pilgern, das wird automatisch zu etwas Besonderem. Man pilgert ja auch nicht zu einer Kirche in der eigenen Stadt." So gesehen finden Marathonläufe vielleicht nicht zufällig immer sonntags statt.
Was Lutz sagt, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Vor dem Marathon in Toronto übernachteten wir nach dem Flug zunächst an der Küste von Massachusetts und fuhren über den Staat New York und die Niagarafälle nach Ontario. Dabei gingen wir immer gegen 23 Uhr ins Bett, ernährten uns halbwegs gesund und gingen hier und da auch noch mal eine Stunde laufen. Der Marathon wird so von einer lästigen Pflicht zum eigentlichen Ziel.
Wenn es stimmt, dass man sich selbst bei einem Marathonlauf besser kennen lernt, dann stimmt es auch, dass man auf diesem Wege eine fremde Stadt besser kennen lernt. Man achtet auf Details, auf Unwägbarkeiten. Wie ist die durchschnittliche Temperatur dort in diesem Monat? Welche Steigungen haben die Straßen? Bringen die öffentlichen Transportmittel einen morgens um halb sechs schon zum Start? Und gibt es Büsche entlang der Strecke? Ich persönlich musste das erste Mal nach 15 Kilometern eine notdürftige Pause machen, und genau dort stand weit und breit kein Dixie-Klo.
Außerdem hat man während des Laufs Zeit, sich vieles anzusehen, was sonst nur flüchtig hinter dem Fenster eines Busses bei der Stadtrundfahrt vorbeizieht. Die heutigen Stadtläufe sind so konzipiert, dass sie für die Läufer wie für die eventuellen Fernsehzuschauer besonders schöne Seiten der Gegend zeigen. "Da wird der Marathon mit dem Schönen, mit dem Fremden verknüpft", sagt Lutz. "So wie beim Two Oceans Marathon in Südafrika". Die Strecke führt dort von der Küste des indischen Ozeans zur Küste des atlantischen.
Am schönsten ist der Urlaub jedoch nach dem Marathon. Wer will schon am Tag danach gleich wieder ins Büro? Ruhe und Entspannung bekommen eine neue Bedeutung, wenn nicht nur der Geist, sondern auch der Körper danach verlangt. Am Tag nach unserem ersten Marathon steigen wir auf den CN Tower, den einst höchsten Turm der Welt. Um ehrlich zu sein: Wir nehmen den Aufzug. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt. Mit dem Zeigefinger versuchen wir, die Strecke nachzuzeichnen, die wir gelaufen sind. Und denken uns dabei: Was für ein schöner Urlaub!
- Datum 22.03.2010 - 10:30 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ich bin selbst schon 5 Marathons gelaufen - 3 in Deutschland, ein Marathon in Mallorca und einen in Dänemark. Ich finde der Artikel fasst den Reiz des Marathons ziemlich gut zusammen. Ich fühle mich jedes Mal sehr euphorisch wenn ich die 40+ Kilometer geschafft habe und kann es jedem empfehlen, einmal einen Marathon zu laufen
Jessica Sammer
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