Marathon im Urlaub Alle reden über das WetterSeite 2/2
Ein Marathon passt nicht wegen der Strapazen so gut zum Urlaub, sondern wegen des Prinzips der Belohnung. Es gibt einen Spruch: Hast du schon mal einen Jogger lachen sehen? O ja, aber erst auf dem letzten Kilometer eines Marathons. Das Glück zu wissen, dass sich monatelanges Training gelohnt hat, gepaart mit den Anfeuerungsrufen der Menschen an der Strecke, das ist Triumph über sich selbst.
"Im Grunde ist das wie ein Kirchgang, wo es auch darum geht, Bestätigung zu finden", sagt der Erfurter Soziologe Ronald Lutz, der selbst mehrere Marathonläufe absolviert hat. "Einen Marathon im Ausland zu laufen, das hat etwas von Pilgern, das wird automatisch zu etwas Besonderem. Man pilgert ja auch nicht zu einer Kirche in der eigenen Stadt." So gesehen finden Marathonläufe vielleicht nicht zufällig immer sonntags statt.
Was Lutz sagt, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Vor dem Marathon in Toronto übernachteten wir nach dem Flug zunächst an der Küste von Massachusetts und fuhren über den Staat New York und die Niagarafälle nach Ontario. Dabei gingen wir immer gegen 23 Uhr ins Bett, ernährten uns halbwegs gesund und gingen hier und da auch noch mal eine Stunde laufen. Der Marathon wird so von einer lästigen Pflicht zum eigentlichen Ziel.
Wenn es stimmt, dass man sich selbst bei einem Marathonlauf besser kennen lernt, dann stimmt es auch, dass man auf diesem Wege eine fremde Stadt besser kennen lernt. Man achtet auf Details, auf Unwägbarkeiten. Wie ist die durchschnittliche Temperatur dort in diesem Monat? Welche Steigungen haben die Straßen? Bringen die öffentlichen Transportmittel einen morgens um halb sechs schon zum Start? Und gibt es Büsche entlang der Strecke? Ich persönlich musste das erste Mal nach 15 Kilometern eine notdürftige Pause machen, und genau dort stand weit und breit kein Dixie-Klo.
Außerdem hat man während des Laufs Zeit, sich vieles anzusehen, was sonst nur flüchtig hinter dem Fenster eines Busses bei der Stadtrundfahrt vorbeizieht. Die heutigen Stadtläufe sind so konzipiert, dass sie für die Läufer wie für die eventuellen Fernsehzuschauer besonders schöne Seiten der Gegend zeigen. "Da wird der Marathon mit dem Schönen, mit dem Fremden verknüpft", sagt Lutz. "So wie beim Two Oceans Marathon in Südafrika". Die Strecke führt dort von der Küste des indischen Ozeans zur Küste des atlantischen.
Am schönsten ist der Urlaub jedoch nach dem Marathon. Wer will schon am Tag danach gleich wieder ins Büro? Ruhe und Entspannung bekommen eine neue Bedeutung, wenn nicht nur der Geist, sondern auch der Körper danach verlangt. Am Tag nach unserem ersten Marathon steigen wir auf den CN Tower, den einst höchsten Turm der Welt. Um ehrlich zu sein: Wir nehmen den Aufzug. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt. Mit dem Zeigefinger versuchen wir, die Strecke nachzuzeichnen, die wir gelaufen sind. Und denken uns dabei: Was für ein schöner Urlaub!
- Datum 22.03.2010 - 10:30 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Ich bin selbst schon 5 Marathons gelaufen - 3 in Deutschland, ein Marathon in Mallorca und einen in Dänemark. Ich finde der Artikel fasst den Reiz des Marathons ziemlich gut zusammen. Ich fühle mich jedes Mal sehr euphorisch wenn ich die 40+ Kilometer geschafft habe und kann es jedem empfehlen, einmal einen Marathon zu laufen
Jessica Sammer
[...]
Gekürzt. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion ausschließlich, um das Thema des Artikels zu diskutieren. Danke. Die Redaktion/wg
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren