Reise-Reportage Mit 80.000 Fragen um die Welt

In einem Jahr hat Dennis Gastmann 18 Länder bereist, 26 Kurzfilme gedreht und immer wieder verblüffende Antworten gefunden. Ein Porträt von Bastian Henrichs

Für seine Sendung durchquert Dennis Gastmann auch die Wüste

Für seine Sendung durchquert Dennis Gastmann auch die Wüste

"Hallo, ich bin Dennis" – die meisten seiner kurzen Filme beginnen, als wären es Beiträge aus der Sendung mit der Maus. "Sobald ich die grüne Jacke anziehe und den Koffer in die Hand nehme, werde ich zu Dennis, dem Reporter. Der ist mir ähnlich, aber eben auch eine Art Kunstfigur", sagt Gastmann. Eine Kunstfigur, mit deren Hilfe der gebürtige Osnabrücker zu einer kleinen Berühmtheit geworden ist. Weil der 31-Jährige die meiste Zeit des Jahres zusammen mit seinem Kameramann Matthias Sdun um die Welt reist – mit 80.000 Fragen in einem kleinen, verranzten Koffer und der immer gleichen grünen Jacke. Weil er etwas Neues macht, und das irgendwie anders. Er revolutioniere die Auslandsreportage, wird über ihn gesagt, in jedem Fall bringt er frischen Wind in die deutsche Fernsehlandschaft. Dennis ist ein Reisender, doch er reist mit anderen Augen und einem anderen Anspruch. Und er reist im Auftrag des NDR, der seine Filme im Magazin Weltbilder zeigt.
 
Das Prinzip seiner satirischen Kurzfilme ist einfach: "Wer die beste Frage hat, kriegt sie beantwortet", erklärt Gastmann, den die Interaktivität reizt, der ständig bloggt, twittert und facebookt. Darum geht es tatsächlich in erster Linie: Dennis Gastmann beantwortet die Fragen der Zuschauer, der Fans und Follower. Am liebsten gleich 80.000, wahlweise nur die absurdesten und tiefgründigsten. "Was liegt vor Madagaskar?", "Wo ist der Arsch der Welt" oder "Wo liegt Absurdistan?".

In Australien und Neuseeland hat Dennis gelernt wie man 35 Millionen Schafe zählt, hat mit deutschen Einwanderern Trauben geerntet, um herauszufinden, was Australien zu einem so attraktiven Einwanderungs- und Reiseland macht und er hat nach Gold und der langen weißen Wolke Neuseelands gesucht. Immer dienstags sind die Folgen zu sehen, insgesamt fünf kurze Filme.

Damit er auf die abwegigsten Fragen verblüffende Antworten mit Substanz geben kann, hat er sich diese spezielle Technik angeeignet, die seine Filme so besonders und unterhaltsam macht: Unschuldig schauen, harmlos wirken, seinem Gegenüber das Gefühl geben, dass ihm rein gar nichts passieren könne und im richtigen Augenblick scheinbar unscheinbare Fragen stellen. "Die tollsten Momente ergeben sich, wenn man den Leuten Wohlfühlfragen stellt, wenn man ihnen zuhört, sich klein macht", sagt Gastmann. "Das ist kalkuliertes Understatement." Sein Ziel sei es satirische Filme zu drehen, die Geschichten erzählen, die Missstände aufdecken, die aufrütteln – und Gut und Böse unterscheiden. "Satire braucht Feinde", sagt er.

Die Zuschauer brauchen keine Erklärungen mehr, wenn Dennis, der Reporter mit den großen, fragenden Augen, auf seiner USA-Reise den Besitzer des Friendliest Gun-Shop in Texas erzählen lässt, dass Kinder möglichst früh eine Waffe bekommen und schießen lernen sollten. Oder wenn eine Traditionsheilerin in Kenia meint, AIDS und Krebs mit Bananen und Kamelmilch heilen zu können. "Die Menschen demaskieren sich irgendwann selbst", erklärt Gastmann seine Vorgehensweise.


 
Drei Tage Drehzeit hat er für jeden Film vor Ort. Das kann schon mal stressig werden, vor allem wenn in Äthiopien die Kamera konfisziert wird und in Namibia der Magen kollabiert. Alles muss gut geplant sein. "Die Zutaten für einen guten Film sind Recherche, Organisation, gute Interviews und ein bisschen Reporterglück", sagt er. Kommt er mit dem Rohmaterial zurück nach Hamburg, verbringt er die nächsten Tage und Nächte im Schnittraum, um in akribischer Arbeit die Filme zu komponieren, "bei denen die Leute vom Lachen ins Weinen kommen" sollen.


Gastmann betrachtet es als großen Vorteil, dass er "gnadenlos subjektiv" sein darf, dass er Satire machen darf. Das wollte er schon immer. Er hatte nach seinem Volontariat beim NDR auch "seriöse" Angebote, doch er entschied sich für das Satiremagazin Extra 3, für das er drei Jahre lang arbeitete. Bis er sich mit Matthias Sdun zusammen das Konzept des Weltreporters ausdachte und zu seiner eigenen Überraschung Erfolg hatte.

"Wir konnten es nicht fassen, als wir positive Rückmeldungen bekommen haben", erzählt Gastmann. Aber es blieb kaum Zeit zur Freude, denn es sollte gleich losgehen. So bereisten Gastmann und Sdun seit Februar letzten Jahres 18 Länder und drehten 26 Filme. Im April soll es nach Südamerika gehen, dann hat er alle Kontinente bereist.

Doch das Potenzial des Konzeptes sei noch längst nicht erschöpft, sagt Gastmann. Er würde gerne noch in China drehen, in Russland, oder in den kleinsten Staaten des Erdballs. Ideen hat er noch viele. Im Sommer will er ein Buch schreiben, in dem er über seine Reisen und Recherchen berichtet, sozusagen das Making of von Mit 80.000 Fragen um die Welt. "Ich würde das gerne noch ganz lange machen, dieser Job kann nicht langweilig werden", sagt er und schüttelt vehement mit dem Kopf. Bis er alle Fragen seiner Zuschauer beantwortet hat, wird sicher noch einige Zeit vergehen.

 

 
Leser-Kommentare
  1. Seit fast 40 Jahren reise ich rund um die Welt. In erster Linie waren es beruflich bedingte Reisen (nur begleitet von meiner Spiegelreflex-Kamera). Seit über 14 Jahren erlebe ich fremde Länder mit meiner zweiten Frau JUTTA. Als ich vor 10 Jahren in den Vorruhestand ging (ich bin jetzt 65) begeisterte ich mich für Vorträge über diese Reisen, die ich in erster Linie in Senioreneinrichtungen der näheren Umgebung hielt. So kamen in 7 Jahren über 700 DIA- und Video-Vorträge zusammen. Ich begann auch Reiseberichte für das online-Magazin OLDIES Hannover (www.oldies-hannover.de) zu schreiben. Später kam das Reiseportal www.holidaycheck.de (Nutzername: klmmetzger) dazu. Und nun finden sich unsere interessantesten Reiseberichte unter der Seniorenplattform (Zielgruppe 55 ):

    http://www.rentner-billig...

    Dabei nutze ich auch TWITTER mit entsprechenden Reise-Nachrichten und schreibe entsprechende Blog-Beiträge bei ZEIT online.

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • roreri
    • 16.03.2010 um 17:11 Uhr

    "Bin ein twitternder, reisewütiger Rentner und hätte gern die gleiche Aufmerksamkeit!"

    Bin bestimmt nur neidisch...

    • roreri
    • 16.03.2010 um 17:11 Uhr

    "Bin ein twitternder, reisewütiger Rentner und hätte gern die gleiche Aufmerksamkeit!"

    Bin bestimmt nur neidisch...

    • roreri
    • 16.03.2010 um 17:11 Uhr

    "Bin ein twitternder, reisewütiger Rentner und hätte gern die gleiche Aufmerksamkeit!"

    Bin bestimmt nur neidisch...

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Wow, 536 Follower auf Twitter und ganze 583 Fans auf Facebook. Eine geradezu unglaubliche Fangemeinde. Jeder Fan hat im Schnitt 137 Fragen gesendet (80.000)

    Beim blog wird dann klar was hier wirklich gespielt wird. Die alten Medien (NDR) versuchen mal wieder Web-Fit zu wernde.

    Na vielleicht klappt´s ja beim nächsten mal.

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    • denno
    • 10.11.2010 um 10:33 Uhr

    @Kikkomann: Bin gerade auf Umwegen auf diesen Artikel gestoßen - schöne Idee. Aber was meisnt du mit:

    "Beim blog wird dann klar was hier wirklich gespielt wird. Die alten Medien (NDR) versuchen mal wieder Web-Fit zu wernde." ?

    Gruß,
    denno
    http://www.tellows.de

    • denno
    • 10.11.2010 um 10:33 Uhr

    @Kikkomann: Bin gerade auf Umwegen auf diesen Artikel gestoßen - schöne Idee. Aber was meisnt du mit:

    "Beim blog wird dann klar was hier wirklich gespielt wird. Die alten Medien (NDR) versuchen mal wieder Web-Fit zu wernde." ?

    Gruß,
    denno
    http://www.tellows.de

    • denno
    • 10.11.2010 um 10:33 Uhr

    @Kikkomann: Bin gerade auf Umwegen auf diesen Artikel gestoßen - schöne Idee. Aber was meisnt du mit:

    "Beim blog wird dann klar was hier wirklich gespielt wird. Die alten Medien (NDR) versuchen mal wieder Web-Fit zu wernde." ?

    Gruß,
    denno
    http://www.tellows.de

  3. Sehr interessantes Portrait von Dennis Gastmann, ich habe mir einige seiner Kurzfilme einmal angeschaut und kann sie sehr empfehlen.

    Jessica Sammer
    [...]
    Teile entfernt. Bitte verzichten Sie auf das Posten privater Links im Kommentarbereich. Danke. Die Redaktion/wg

  4. Schöner Beitrag, hab die Kurzfilme letztens gesehen - sehr empfehlenswert

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