Eigentlich ist Otto Schnydrig ja längst im Ruhestand. Aber weil man so schnell nicht aufgeben kann, was man sein Leben lang gemacht hat – den Bauernhof und eine dazugehörige Jausenstation bewirtschaften inzwischen die Kinder –, begleitet der 70-Jährige die Gäste manchmal in das wildromantische Gredetschtal hinein. Es ist ein Weg, den Otto Schnydrig früher täglich zurücklegte. Neben der ”Schöpfe” am Mundbach, eine Gehstunde hinter dem Bergweiler Roossen am Oberwalliser Lötschberg, bleibt der wettergegerbte Altbauer stehen. Mit diesem Ort hat es nämlich eine besondere Bewandtnis. Man könnte sagen, dass hier das Herz des Lötschberges schlägt. Denn sobald sich auf den umliegenden Hängen ein erstes Grün zeigt, wird hier das Wasser für die acht Kanäle eingeleitet, die den Berg wie ein kunstvolles Netz von Lebensadern überziehen.

Seit dem Mittelalter säumen die Trockenhänge des Wallis handgegrabene Bewässerungskanäle, die hier Suonen oder Bissen genannt werden. Früher bewahrte der Vorsteher der Wassergenossenschaften kleine Holzscheite auf, in denen die Hauszeichen der einzelnen Mitglieder eingeritzt waren. Anhand dieser ”Tesseln” konnte überprüft werden, ob die Kehr, wie der Turnus für das Wasserrecht heißt, vorschriftsmäßig eingehalten wurde. Heute, da jeder schreiben und lesen kann, braucht es keine hölzernen Kennzeichen mehr. Doch noch immer hängen im Gemeindehaus von Mund die Stundenpläne aus, wo die Bewässerungszeiten für die mehr als hundert Mitglieder akribisch festgehalten sind. Alle drei Wochen fällt der Turnus auf Otto Schnydrigs Wiesen und Felder. Heute ist wieder Kehrtag. Grund genug für den 70-Jährigen, um nachzuschauen, ob auf dem etwa sieben Kilometer langen Wyssakanal alles in Ordnung ist.



Munter plätschert das Gewässer das klammartig nach Süden ausgerichtete Gredetschtal entlang. Der Wanderweg folgt seinem Lauf. Es ist heiß, über dem Talausgang schwebt eine dichte Dunstglocke. Doch hier am Bach, der vom vielen Schmelzwasser angeschwollen ist, weht konstant ein kühler Wind. In schmalen Ritzen klammern sich ein paar letzte Lärchen oder Föhren fest, deren verwachsene Äste wie wild gestikulierend ins Leere ragen. Ganz oben glitzert der Gipfel des knapp 3900 Meter hohen Nesthorns im Licht der Morgensonne. Da der Pfad dem mäandernden Wyssakanal folgt, geht es stets bequem bergab. Die Baumeister der Suone, die erstmals im 15. Jahrhundert urkundlich erwähnt wird, achteten auf ein geringes Gefälle, damit die Wassermassen keinen Schaden anrichten. ”Ohne die Wyssa”, meint Otto Schnydrig, ”würden wir Bauern am Lötschberg nicht lange überleben können.” Den grünen Filzhut keck in den Nacken geschoben, spaziert der Altbauer gemächlich dahin. Hektik ist seine Sache nicht. Genauso redet er auch. Und da Otto Schnydrig viel erlebt und viel zu erzählen hat, macht er immer wieder eine kurze Pause: um an das harte Dasein der früher bitterarmen Bergbauern zu erinnern. Um auf die kleinen Wunder am Wegrand aufmerksam zu machen. Oder um die kühne Konstruktion der Wasserleitung zu erklären, die seine Vorfahren, wenn es anders gar nicht ging, mittels ausgehöhlter Lärchenstämme an Schwindel erregenden Abgründen vorbei bauten.