Was ist Shanghai? Welches Spiel spielt diese Stadt? Weshalb raubt sie uns den Schlaf? Warum wickelt sie jeden ihrer Besucher erst um den Finger und reißt ihn dann in einen Strudel? Wieso sehnt man sich nach ihr und fürchtet sich vor ihr? Was bloß steckt hinter Shanghai?

Eine Schimäre aus Stahlbeton oder doch das, was die Besucher schon nach den ersten rauschhaften Augenblicken in der Megalopolis schaudernd glauben wollen: der aufregendste Ort der Welt, das pochende Herz des 21. Jahrhunderts; das gereckte Haupt des chinesischen Drachens, eine Fortschrittsphantasmagorie aus Stein und Stahl, die Erschaffung einer neuen Stadt aus sich selbst, errichtet von zwei, drei, vier Millionen Wanderarbeitern für fünfzehn, zwanzig, dreißig Millionen Menschen – eine Stadt im permanenten Quantensprung, die jeden Morgen mit einem anderen Gesicht aufwacht, weil sie nachts nicht schläft, sondern wächst, die sich in die Höhe schleudert und in die Tiefe bohrt, die Schnellstraßen in ihr eigenes Fleisch schneidet, ohne vor Schmerz mit der Wimper zu zucken, die ganze Stadtteile mit einem Federstrich auslöscht ohne einen Gedanken der Wehmut, weil sie keine Wurzeln hat wie Peking, keine Gründungspfeiler der Vergangenheit, sondern keinen anderen Daseinstreibstoff als das Hoffnungsversprechen der Zukunft.

Denn auch das ist Shanghai: das millionenfach am Schopf gepackte Schicksal, der Griff der Massen nach dem Glück. Shanghai ist das Gesicht des chinesischen Wirtschaftswunders, Symbol, Metapher, Fanal der Kraft eines Milliardenvolkes. Innerhalb nicht einmal einer Generation ist am Delta des Yangtse ein Wunderwald aus Wolkenkratzern entstanden, nicht dutzende wie in den europäischen Metropolen, nicht hunderte wie in amerikanischen Städten, sondern tausende, abertausende, eine Stelenarmee des grenzenlosen, furchteinflößenden Selbstbewusstseins. Die meisten von ihnen stehen im Geschäftsviertel Pudong, und der phantastisch kapriziöse Jin Mao Tower, das schönste Hochhaus der Welt, ist dort längst nicht mehr der Herrscher der Silhouette. Er ist umzingelt von einem ganzen eifer- und geltungssüchtigen Hochhäuserhofstaat. Was für eine Lust am Protz zeigt er, am Chichi, am Too Much! Das ist aufgedonnerte Urbanität in der Pubertät, herrlich unbekümmertes, wunderbar eklektizistisches Architekturwunschkonzert. Der Gipfel der neureichen Prunksucht ist das Aurora Building, das seinen Namen wortwörtlich nimmt und wie ein monströses Praliné goldglänzend an der Promenade posiert. Puristen mögen sich mit Grausen wenden, doch ihr Lamento über so viel stilistische Achterbahnfahrerei ist nichts wert in einer Stadt, die schon immer ein extraterritoriales Experimentierfeld auch jenseits aller Grenzen des guten Geschmacks war.

Doch geht es Shanghai wirklich nur um Glanz und Geschmack? Will die Stadt nicht viel mehr sein als ein Kraftprotz mit Muskeln aus Stahlbeton? Soll sie nicht vielmehr zur Reinkarnation des Chinas der Song-Dynastie werden? Damals, vom 11. bis zum 13. Jahrhundert, avancierte China zur ersten Wissenschaftsgesellschaft der Zivilisationsgeschichte, erfand Schießpulver, Buchdruck, Papier, Kompass im Akkord, und erreichte in der Landwirtschaft ein technisches Niveau wie Europa erst 500 Jahre später.

Längst hat Shanghai das Fundament für eine neue Ära des technologischen Fortschritts gelegt. Fast alle internationalen Konzerne von General Electric und Intel über Cisco und IBM bis Daimler und VW unterhalten Forschungseinrichtungen in der Stadt. Die Max-Planck-Gesellschaft hat hier zusammen mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ein Institut für Theoretische Biologie gegründet, und von staatlicher Stelle wird immer wieder das Mantra verkündet, dass Wissenschaft das Fundament aller menschlichen Zivilisation und der Motor jeder Modernisierung sei – „Die Kraft der Muskeln ist begrenzt, die Kraft des Geistes ist unendlich“, lautet das passende chinesische Sprichwort dazu. Deswegen bildet China mittlerweile 350.000 Ingenieure pro Jahr aus, dreimal mehr als die Vereinigten Staaten; allein im Pudong Software Park arbeiten 20.000 IT-Ingenieure, davon mehr als 1000 für SAP. Und als Krönungsmesse seiner neuen Rolle als Epizentrum von Wissenschaft und Forschung, als geistiger Zukunftsmetropole der globalisierten Welt zelebriert Shanghai die Weltausstellung 2010.