Reiseverkehr An der Spree gestrandet

Wegen des Vulkanausbruchs auf Island sitzen auch in Berlin Reisende aus aller Welt fest. Wie lange noch, kann niemand sagen.

"Aber ich spreche doch kein Deutsch." Für Claude Richebourg ist dieser Freitag ein düsterer Tag. Auch, wenn von der Aschewolke, die über Berlin hängt, gar nichts zu sehen ist. Der Schuldirektor aus Frankreich steht zwischen gestapelten Koffern und Taschen am Berliner Hauptbahnhof. "Meine Kollegin versucht gerade, Zugtickets für uns zu bekommen." Er schaut kurz zu der Schlange, die vom Raum mit den Serviceschaltern bis weit in die Bahnhofshalle reicht. Seufzt und zuckt die Schultern.

Richebourg sitzt mit seiner Kollegin und 21 Teenagern in der Hauptstadt fest. Nur vier Tage sollte die Klassenfahrt dauern. Der Rückflug nach Paris war für heute geplant. Doch am Berliner Flughafen Tegel wurde – wie fast überall in Europa – der Flugverkehr eingestellt. Dass ein Vulkanausbruch in Island die Reise nach Deutschland verlängern könnte, damit hat der Schuldirektor nicht gerechnet. "Natürlich habe ich gestern die Fotos und Schlagzeilen in der Zeitung gesehen." Nur lesen konnte er die Nachrichten nicht.



Genutzt hätte es ihm selbst dann nichts: Am Abend zuvor war noch unklar, ob und welche Flughäfen in Deutschland wegen der vom Vulkan Eyjafjalla ausgestoßenen Aschepartikel geschlossen werden müssen. Am Freitag waren es viele. In Europa wurde rund 60 Prozent des Flugverkehrs eingestellt. Eine solche Situation hat es so in der Geschichte der europäischen Luftfahrt noch nicht gegeben. Der Umsatzverlust für die Branche wird allein am Freitag etwa 120 Millionen Euro betragen, schätzen Luftfahrtexperten. Die zusätzlichen Kosten sind da noch nicht eingerechnet: Die kulanteren unter den Airlines übernehmen unter anderem Transport und Übernachtungskosten für ihre gestrandeten Gäste. 

Viele der Reisenden machen von diesem Angebot aber erst gar nicht Gebrauch. "Ich kaufe mir jetzt ein Zugticket und fahre nach Mailand", sagt Paolo Medda. Der Geschäftsmann war wie die französische Schulklasse erst zum Flughafen gefahren. "Als dort die Schalter dicht machten, bin ich gleich hierher gekommen." Angesichts der Lage sei der Service an Flughafen und Bahnhof bestens, sagt er. Könne ja auch niemand etwas dafür.

Wie Medda scheinen es die meisten der Wartenden zu sehen. Die Stimmung ist gelassen. Auch die Bahnmitarbeiter wirken angesichts des Ansturms entspannt. In den Zügen ist dagegen die Hölle los: "Ich bin so froh, dass ich da raus bin", sagt eine Stewardess, die mit ihrem Koffer auf dem Vorplatz steht. Sie sei am Morgen aus Singapur in Frankfurt gelandet ("Da drängen sich die Menschen in den Hallen") und jetzt mit dem Zug nach Berlin gefahren. "Als der Pilot hörte, dass die Flughäfen geschlossen werden, sagte er nur 'rennt so schnell ihr könnt zum Bahnsteig!'" Doch selbst um sieben Uhr morgens sei der Zug überfüllt gewesen. Sie schüttelt den Kopf. "Schlimm!"

"Es rollt alles, was rollt", sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn über die Lage auf den Schienen. Schon in der Nacht hatte das Unternehmen zusätzliche Züge eingesetzt. Besonders für die internationalen Strecken werden deutlich mehr Tickets nachgefragt. Die Züge seien "äußerst, äußerst voll", heißt es von der Bahn. "Wir sind am Maximum unserer Kapazität."

Der Bus zum Flughafen Tegel dagegen: leer. Nur Ludmilla Müller schiebt ihren großen Koffer in den Bus. Sie setzt sich, sieht sich unsicher um. "Ich hatte gestern Nachtschicht im Krankenhaus." Es klingt wie eine Entschuldigung. "Ich habe keine Nachrichten gesehen." Erst im Zug von Hamburg nach Berlin hätte sie von den Flughafenschließungen gelesen. Sie will nach Kasachstan, die Familie besuchen. "Es gehen gar keine Flüge?" Nicht vor 20 Uhr. So steht es jedenfalls auf der Startseite der Website des Flughafens. Einen Internetanschluss hat Ludmilla Müller aber nicht. Eine kleine Hoffnung für sie: Am Abend zuvor waren nach einigen Ausfällen zumindest die Spätflüge ab 22 Uhr noch gestartet.

"Das könnte heute natürlich wieder der Fall sein", sagt Leif Erichsen. Der Pressesprecher der Berliner Flughäfen steht im Terminal A. Er hat sich eine neongelbe Jacke angezogen, auf der "Presse" steht – damit ihn die Journalisten besser finden. Eigentlich wäre das gar nicht nötig gewesen: Die Terminals sind leer. Viele Schalter sind unbesetzt, dunkel. So düster war Reisen selten. 345 Flüge werden bis zum Abend in Tegel ausgefallen sein, 500 sind es für Tegel und Schönefeld zusammen – wenn nicht wieder ein kleines Wunder passiert. "Gestern haben wir vom Landesluftfahrtamt eine Sondergenehmigung bekommen." Bis weit in die Nacht konnten Flugzeuge starten.

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Für Erichsen handelt es sich um eine echte Ausnahmesituation: "Alle arbeiten so gut es geht zusammen, damit die Reisenden möglichst wenig darunter zu leiden haben", sagt er. Es gehe in erster Linie um den Dialog mit den Reisenden. Darum, dass sich niemand im Stich gelassen fühle.

Das funktioniert auch – zumindest, wenn die Reisenden sich regelmäßig informieren, zu Hause oder per Handy das Internet nutzen und Deutsch sprechen. Die Fluggäste, die in Tegel zurückgeblieben sind, sind zum großen Teil Rentner, Familien aus der Türkei, Brasilien oder, wie Ludmilla Müller, aus Kasachstan. Sie stehen geduldig an den Informationsschaltern der Fluggesellschaften: 15 Wartende bei Air Berlin, fünf bei Iberia. Bei Öger Tours klebt ein Zettel am Schalter "Hotel-Voucher können im 1. Stock abgeholt werden". Die zwei Mitarbeiter schauen gelangweilt ins Leere.

Nur vereinzelt sitzen Fluggäste mit ihren Koffern in den Gängen. Warten. Auch wenn die Nachrichten, die über die Fernsehschirme über den Schaltern laufen, immer das Gleiche zeigen: Flughäfen in ganz Europa sind geschlossen und bleiben es bis auf weiteres.

Vor der Tür des Terminals albern Schüler aus Neapel herum, veranstalten Rennen mit den Gepäckwagen. Die Lehrer stehen daneben, sehen müde aus. Für die 50köpfige Gruppe hat sich die Lage geklärt: "Ein Bus holt uns ab." Auch für sie verlängert sich die Klassenfahrt: Das Hotel, in dem sie die letzten sieben Tage verbracht haben, hat die Zimmer noch nicht wieder vermietet – wegen der Flughafensperrung konnten die erwarteten Gäste nicht anreisen. Die gestrandete Klasse kann wieder einziehen, bis sich die Aschewolke verzogen hat. Der 18-jährige Jean-Luca grinst: "Noch eine Nacht in Berlin! Ist doch cool."
 

 
Leser-Kommentare
  1. ...schön, daß man in so einem Fall auch die positiven Seiten genießen kann.
    Vielleicht sollte dieses Erlebnis nur mal darauf hinweisen, daß nicht alles so selbstverständlich ist, wie es scheinen mag.

  2. Die Stadt hat doch nur Regionalflughäfen. Interessanter sind Berichte von den Drehkreuzen.

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