JapanMan spricht Deutsch

Englisch erobert die Welt? Von wegen! In Tokyo gelten deutsche Wörter als cool. Weil sie so schön rätselhaft sind. von Björn Rosen

Lichterstadt Tokio

Lichterstadt Tokio  |  © Parisienne / photocase.com

Man kann viel über die Tokyoter behaupten, aber nicht, dass sie sich nachlässig kleiden würden. Shibuya etwa, im Westen der japanischen Hauptstadt gelegen, gleicht am Abend einer wahren Modenschau. Die Gegend ist eines der beliebtesten Ausgehviertel bei Schülern und Studenten, voller Klamotten-, Musik- und Karaokeläden, Diskotheken, Cafés und Restaurants. An den Hochhäusern leuchtet Neonreklame, riesige Leinwände zeigen Musikvideos, aus Lautsprechern tönt Werbung. Hier stehen Scouts, die für Modezeitschriften nach coolen, ausgefallenen Outfits suchen – sei es ein Anzug, ein Poncho oder Sportkleidung. Bunt darf es sein, auch schrill. Und oft wird alles mit allem kombiniert: die rote Röhrenjeans zur russischen Militärmütze, japanische Sandalen zu Lederjacke und Nerz.

Doch das wahrscheinlich ungewöhnlichste Accessoire, das man in den Straßen von Shibuya und anderswo in Tokyo sehen kann, sind Shirts mit deutschen Begriffen darauf. "Landschaft" steht auf einem, "Hingerissen zuhören" auf einem anderen, "Natürliche Revolution – Zivilisation neu erwägen" auf einem dritten.

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Über die große Popularität der englischen Sprache in Japan , inklusive unzähliger Übersetzungsfehler und sinnfreier Ausdrücke, haben schon viele westliche Besucher berichtet, oder besser: gelästert. Dabei gleicht sie bloß dem, was man in fast allen Ländern beobachten kann – auch in Deutschland, wo Hausmeister neuerdings "Facility Manager" heißen und sich die Industrie das pseudoenglische Wort "Handy" für Mobiltelefone ausgedacht hat. Das Faible der Japaner für die deutsche Sprache aber dürfte es so kein zweites Mal auf der Welt geben.

Wer aufmerksam durch Tokyo streift, wird bald deutsche Worte an den unterschiedlichsten Plätzen finden. Da sind Apartmentblocks, die "Wohnung" oder "Grünwald" heißen. Da gibt es ein "Kaffee Eins", ein Medikament "Auge" und einen Kalender, der mit "Ein neues Leben" betitelt ist, einen Schreibwarenladen, der den Namen "Freiheit" trägt, und ein Hochglanzmagazin für Geschäftsmänner, das "Goethe" heißt. Was finden die Tokyoter bloß am Deutschen?

Ein paar Kilometer östlich von Shibuya, an der renommierten Keio-Universität, hat Shinichi Sambe eine mögliche Erklärung parat. "Die deutsche Sprache hat eine lange Tradition in Japan", sagt der Germanistikprofessor. Als das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine lang andauernde Isolation vom Rest der Welt aufgab, suchte es nach einem Vorbild, um schnell zu den großen Nationen aufschließen zu können. Die Wahl fiel auf Deutschland, das sich – gerade erst aus lauter Kleinstaaten entstanden – ebenfalls stark veränderte und dem sich die Japaner mentalitätsmäßig verbunden fühlten. Allgemein kam damals alles Europäische in Mode.

"Mit deutschen Gastprofessoren und Deutschland-erfahrenen Japanern gelangte auch deutsches Vokabular ins Land, besonders wenn es um Technologie, Philosophie und Medizin ging", erklärt Sambe. Deutsch war für viele Jahrzehnte Sprache der Ärzte. Bis heute heißt eine Behandlungskarte in Krankenhäusern "Karte", eine Operation "OP", eine Allergie "Allergie". Das wichtigste Wort, das es nach Japan schaffte, ist "Arbeit". Die Japaner verwenden "arubaito" (kurz: "baito") für Teilzeitarbeit. "Die Deutschen haben sich mit ,Job’ dafür ja ein englisches Wort geliehen", sagt Sambe.

Leserkommentare
  1. Ich könnte mir vorstellen, dass die Japaner sich mit uns mentalsmäßig auch deshalb verbunden fühlen, weil wir im II. Weltkrieg gemeinsam gegen die USA kämpften, möglicherweise wegen Deutsch-Japanischen Tugenden wie Disziplin und Genauigkeit. Diese findet man in diesem Maß kaum in anderen Ländern, außer in Japan und Deutschland.
    Dies ist meine Meinung.

    Die englische Sprache infiltriert die deutsche tatsächlich enorm. Das erreichte Maß ist noch akzeptabel, aber nicht mehr.
    Denn unsere Kulutur repräsentiert sich auch über die Sprache, und kaum eine andere Sprache ist so präzise und deutlich wie die Deutsche.

    Falls es irgendwann mal um die Frage geht, eine Hauptverständigungssprache für die EU einzuführen, plädiere ich natürlich aus den obigen Gründen, dem Grund der Kultur, dafür, Deutsch als solche einzuführen. Denn mit der Schweiz, Österreich und Deutschland haben wir fast 100 Mio. Deutschsprechende. Die Niederländer würden sich auch freuen, da diese leichter Deutsch als Englisch lernen, die Dänen ebenso, sogar Norweger und Schweden.

    Dagegen haben wir nur die Inselstaaten (Irland, England), die englisch sprechen. Zudem ist es, dass die germanischen Staaten ökonomisch in der EU maßgebend sind.

    Naja, bis dahin ist es wohl ein weilchen.
    Zugegeben, für das Wort Job gibt es kaum ein deutsches Gegenstück, das so kurz ist, aber mehr Anlisierung halte ich für unangebracht.

    Wie denkt ihr?

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    • WNYC
    • 19. April 2010 0:00 Uhr

    @Andreas Geiger

    Ich liebe Satirekommentare! Oder meinen Sie das Ernst?
    Sie finden also, dass das ein "schöner Artikel," obwohl er die 'Infiltration' der deutschen Sprache dokumentiert? Ich bin verwirrt--- ich dachte Infiltration (z.B. die der deutschen Sprache durch die englische) ist schrecklich?

    Sprache ist leider kein monolitisches Konstrukt sondern es entwickelt sich ständig weiter, jährlich. Sie haben in Ihrem Kommentar mindestsn 5 Wörter aus anderen Sprachen benutzt, allen voran Latein.

    Und ich glaube kaum, dass die Japaner es heute noch so toll finden, dass wir zusammen die Welt in einen Abgrund gestürzt haben und sie deswegen OP sagen und andere Dinge.

    Wenn ich Ihren Kommentar Ernst nehmen soll, sagen Sie mir Bescheid und ich schreib etwas mehr.

    "möglicherweise wegen Deutsch-Japanischen Tugenden wie Disziplin und Genauigkeit. Diese findet man in diesem Maß kaum in anderen Ländern, außer in Japan und Deutschland.
    Dies ist meine Meinung."

    Das ist nicht erst seit dem 2. Weltkrieg so, sondern schon seit der Modernisierung Japans zur Zeit der Meiji-Restauration im 19. Jahrhundet. Preussen war das Vorbild für autoritär durchgeführte Reformen von oben.

    ... musste ich schon. Sie scheinen ja schon viele Länder sehr genau bereist, studiert und kennengelernt zu haben. Als fleißiger und genauer Deutscher haben sie das natürlich mit der üblichen Korrektheit gemacht, so dass sie nun alle kulturellen Feinheiten präzise identifizieren können. Gratulation!

    • 42317
    • 19. April 2010 13:26 Uhr

    Darüber, ob man in Deutschland mehr Genauigkeit und Disziplin findet, als in anderen europäischen Ländern kann man streiten, und das lasse ich lieber.
    Das mit der Präzision der deutschen Sprache ist ebenfalls so ein Ding. Ich behaupte, dass Deutsch wie gemacht ist für philosophische Erläuterungen, politische Diskussionen, und akademische Angelegenheiten. Aber wenn es um kolloquiale Dinge wie z.B. den allgemeinen Lebensgenuss geht, dann kommt Deutsch eindeutig zu kurz, da ziehe ich Französisch oder Italienisch vor, und im Bereich Prosa bleibe ich in der Tat am liebsten beim Englischen.

    Abgesehen von all dem bin ich der Meinung, dass man von einer "Verwässerung" einer Sprache durch kulturellen oder politischen Außendruck nicht reden darf. Nationale Kultur ist ein künstliches Gebilde, dass durch eifersüchtige Abschottung eines Machtbereichs nach außen hin entstanden ist. Sprache dagegen ist ein flüssiges Medium, das ständig im Wandel begriffen ist und sich nur ungern durch diktatorische Maßnahmen wie die eines Konrad Duden in eine unflexible Zwangsjacke pressen lässt. Wenn die innereuropäischen Grenzen in jeder Dimension offen bleiben, werden die Sprachen entlang der Handelsrouten ineinander verschwimmen. Dudens alte Lexika kann man dann in den Ofen werfen, aber die Menschen werden sich ein gutes Stück näher gekommens sein.

  2. Ich denke auch nicht, dass man dies als negativ bewerten darf.

    Die Verwendung von Begriffen, Symbolen und Zeichen der Japaner/Deutschen des jeweils anderen ist nicht nur ein Ausdruck von Exotik (denn afrik. Staaten sind auch sehr exotisch), sondern auch ein Ausdruck von Interesse an der Kultur, Geschichte, Mentalität des anderen und auch die gemeinsame Vergangenheit (II. Weltkrieg, wenn dieser auch schrecklich war, insbesondere die KZ-Geschichte und die Atombomben, hat sie wenigstens eine gute bilaterale Beziehung zwischen zwei Nationen, sogar, da sich die Völker füreinander interessieren und nicht nur Politiker, zwischen zwei Völker).

    Antwort auf "Danke"
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    • 42317
    • 19. April 2010 13:50 Uhr

    Das "gemeinsame" Kriegserlebnis als Beweggrund für das Interesse an der deutschen Kultur anzuführen, beruht auf einem Mythos. Deutschland, für die Jungen ist das Wissenschaft, Technik, und Romantik à la Schiller und Beethoven. Der Zweite Weltkrieg ist im Bewusstsein junger Japaner weitgehend abwesend. Alle wissen, dass da ein Krieg stattgefunden hat, einige wissen, dass Deutschland und Japan verbündet waren, aber viele wissen nicht, wer den Krieg gewonnen hat, kaum einer weiß, wozu der Krieg geführt wurde, und so mancher Geschichtsstudent kann General Nogi nicht von General Matsui unterscheiden - ersterer hat im Krieg gegen Russland 1904/05 Wladiwostok erobert, letzterer war Kommadeur in China während der Eroberung von Nanking 1937.
    Japanische Jugendliche - Schüler - werden sorgsam vor der bösen Realität der japanischen Geschichte abgeschirmt. Die Konservativen im Bildungsministerium verkaufen des Krieg in Ostasien gern als Kreuzzug gegen den westlichen Imperialismus zur Befreiung und zum Wohle der unterdrückten asiatischen Völker. Einen Hang zur deutschen Kultur wegen der Kriegskameradenromantik gibt es nur bei der älteren Generation.

    • otomo
    • 18. April 2010 21:12 Uhr

    @andreasgeiger: Schade, das sie diesen Artikel nur zum Anlaß nehmen um ihren nationalen Blödsinn zu verzapfen.

    Ansonsten: Netter Artikel. Wäre auch mal interessant etwas darüber zu lesen, wie deutsche Begriffe im englischen Sprachraum Verwendung finden. Auch dort gelten bestimmte Begriffe ja als "schick". (Zeitgeist, Angst, über, etc.)

  3. inklusive der Münchner Wies'n. Dort verkleiden sie sich selbstverständlich total und stürzen sich in das größte Biertsunami Deutschlands. Aber auch in Berlin, Hamburg, Köln, wo was los ist, sind sie dabei. Warum nicht, haben wir wenigstens in einem in vielem vorbildlichen Land noch richtige Fans.

  4. Wie auch bspw. "Rommel" - da unser Generalfeldmarschall Johannes Erwin Eugen Rommel im Zweiten Weltkrieg so unglaublich erfolgreich war, wird "Rommel" seit dem Zweiten Weltkrieg in Japan als synonym für "Sieg"/"Erfolg" gebraucht. Viele Maskottchen von u.a Dodgeball Vereinen heißen heutzutage noch "Rommel".

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    • 42317
    • 19. April 2010 13:53 Uhr

    Nach meiner Erfahrung steht der Begriff "Rommel" in Japan weniger für den Sieg oder Erfolg selbst, als eher für zähes und geschicktes Kämpfertum.

  5. Die Verwendung deutscher Begriffe ist in Japan nicht nur ein Jux der Jugend. So gibt/gab es z.B. mal ein staatliches Förderprogramm namens "Digital Meister", um Fertigungs-Know-how in CAD/CAM-Systemen abzubilden.
    http://www.mext.go.jp/eng...
    http://www.mext.go.jp/eng...
    (ziemlich dickes PDF, Seite 42, Kapitel 3.2.2.6 Manufacturing Technology)

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