Den Sommer verbringen die Finnen am liebsten in der Einsamkeit © Visit Finland

ZEIT ONLINE:  Herr Eilenberger, wie war Ihr erster Eindruck, als Sie vor 14 Jahren nach Finnland kamen?

Wolfram Eilenberger: Mein erster Eindruck war der einer Tiefkühl-DDR: sehr grau, eine ähnliche Architektur. Ich kam mitten im Winter an und es herrschten minus 37 Grad. Ich hatte noch nie eine derartige Kälte erlebt und empfand großen Respekt. Die Natur als Feind, die dir an den Kragen will, das kannte ich so nicht. Andererseits erschien mir das Land damals, Mitte der Neunziger, auch wie in den Siebzigern stehengeblieben und viele Schritte hinter der westlichen Zivilisation zurück. Das hat sich aber inzwischen gebessert.

ZEIT ONLINE: Im Winter friert einem die Nase ein, im Sommer muss man Millionen von Mücken ertragen – dass Sie trotzdem nach Finnland gegangen sind, lag an der Liebe. Gibt es auch für nichtverliebte Menschen einen Grund, dort hinzureisen? 

Eilenberger: Es ist – zumindest europaweit – das einzige Land, in dem man noch die klassische Zivilisationslosigkeit und Einsamkeit finden kann. Finnland ist das am dünnsten besiedelte Land Europas. Wenn man von Helsinki nach Norden fährt, kommt man in den Wald – und so geht es dann die nächsten 1300 Kilometer weiter. Man hat das starke Gefühl, eine Grenze zu überschreiten, als erster Mensch seine Abdrücke im Niemandsland zu hinterlassen. Dieser Aufbruch ins Unbekannte und diese Unberührtheit finde ich sehr reizvoll.

ZEIT ONLINE: Obwohl der Sommer in Finnland nur wenige Tage dauert, hat beinahe jede finnische Familie eine eigene Sommerhütte, die sogenannte mökki . Ist die mökki auch für Touristen geeignet?

Eilenberger: Unbedingt, das ist der beste Weg, in Finnland zu wohnen! Mittlerweile haben die mökkis auch Strom und fließend Wasser, das war früher nicht so. Die Finnen fahren im Sommer kaum ins Ausland, sie verbringen einen Großteil der fast drei Monate dauernden Sommerferien hauptsächlich in diesen Waldhütten. Sie brauchen den Sommer, um sich mit ihrem Land zu versöhnen und die Liebe zu ihm zu erneuern. Den Kindern wird das Leben in der Natur beigebracht: Orientierung im Wald, Angeln im See, Hüttenbauen. Auch für Touristen kann eine Reise in eine mökki eine Reise zu sich selbst sein. Wenn man dort alleine mit der Familie oder dem Partner im Wald sitzt, ist man schon zurückgeworfen auf sich selbst. Da gibt es kilometerweit keine Nachbarn, man ist völlig einsam. Man kann gar nicht anders, als über sich selbst nachzudenken. Das Schöne an der Natur ist, dass sie auf die Fragen, die sich einem stellen, nicht antwortet.

ZEIT ONLINE: Ein beliebtes Klischee über Finnland ist, dass seine Bewohner so traurig sind, dass sie in der Sauna Wodka trinken, bis sie umfallen.

Eilenberger: Klischees wie das Trinken oder ständige Saunabesuche haben natürlich einen wahren Kern, aber sie sind unvollständig. In Finnland wird in der Tat gerne und vor allem zügig getrunken – durchaus bis zu einem Zustand der völligen Trunkenheit. Man trinkt in Finnland nicht ein gemütliches Glas. Man macht die Flasche leer. Und dann die nächste auf. Man trinkt, um betrunken zu werden. Das liegt unter anderem daran, dass Alkohol lange Zeit sehr selten war. Wenn es welchen gab, musste man sich ranhalten.

ZEIT ONLINE: Aber Alkohol ist in Finnland doch sehr teuer...

Eilenberger: Man zahlt etwas mehr als anderswo, aber man bekommt dafür auch etwas. Es gibt in Finnland keine Kultur des Nepps und des Strandfummels und der tausend kleinen Dinge, die man nicht braucht und mit denen die Touristen zum Konsum angeregt werden sollen. Man muss nicht fürchten, dass man übers Ohr gehauen wird. Die einzige Ausnahme: Die Esskultur ist in Finnland unterentwickelt, die finnische Küche ist nicht sehr ausgefeilt und sehr arm an Aromen. Anstatt ins Restaurant zu gehen, sollte man lieber in der Waldhütte die Fische, Pilze und Beeren selber zubereiten.