Reiseführer Tel Aviv und Berlin als Comics
Was kommt dabei heraus, wenn sich Comic-Künstler aus Tel Aviv und Berlin gegenseitig besuchen? Ein Reiseführer in Comic-Optik. Lea Hampel hat zwei der Autoren interviewt.
Ein normaler Reiseführer sollte es auf keinen Fall werden. Das Comic-Reisebuch Berlin Tel Aviv soll eine persönliche Begegnung mit den beiden kulturellen Zentren des jeweiligen Landes widerspiegeln. Auf je zwei Seiten haben acht renommierte deutsche und israelische Comickünstler Geschichten aus den Städten erzählt. Herausgekommen ist eine Reiselektüre, die ohne klassische Tel Aviver Bauhausarchitektur und das Brandenburger Tor auskommt und gerade deswegen spannend ist. Die Autoren Anke Feuchtenberger und Yirmi Pinkus erzählen im Interview wie es ist, sich die eigene Stadt in Comic-Form vorzustellen.
ZEIT ONLINE: Frau Feuchtenberger, wonach haben Sie die Orte in Tel Aviv gewählt, die für Ihre Geschichte eine Rolle spielen sollten?
Anke Feuchtenberger: Ich hatte die israelischen Künstler gebeten, mir Orte zu zeigen, die für mich spannend sein könnten. Weil ich sehr an Architektur interessiert bin, hat Itzik Rennert mir einen alten Wasserturm gezeigt. Mit Rutu Modan habe ich einen Strandspaziergang gemacht, von der Stadt Richtung Süden zum Flohmarkt in Jaffa.
ZEIT ONLINE: Sie waren schon oft in Tel Aviv – was ist Ihnen dieses Mal aufgefallen?

Die Comic-Künstlerin Anke Feuchtenberger aus Berlin
Feuchtenberger: Die Skyline hat sich verändert – oder ich habe früher den modernen Teil nicht so wahrgenommen. Jetzt wirkt alles glatt und poliert. Aufgefallen ist mir das Sheraton Hotel am Strand, das ziemlich hässlich ist. Städte bemühen sich stets, möglichst touristenfreundlich zu sein – und dennoch passieren diese Unfälle. Gleichzeitig öffnen sich Städte über solche Orte. Da wo heute der Hotelparkplatz ist, stand einst das Rote Haus, das Weltkulturerbe war und in dem Gewerkschaften ansässig waren. Die Geschichte eine Stadt sieht man gerade an den Schichten der Architektur sehr gut, an der Benutzung, die Gebäude durchlaufen haben.
ZEIT ONLINE: Ging Ihnen das in Berlin, wo Sie lange gelebt haben, ebenso?
Feuchtenberger: Ja. In Berlin am Prenzlauer Tor gibt es ein Gebäude, das hat mich schon als junges Mädchen beeindruckt. Damals war darin das Institut für Marxismus und Leninismus. Ich fand es bedrohlich, hässlich, und unnahbar. Davor war darin die Zentrale der Hitlerjugend – und davor ein jüdisches Kaufhaus. Jetzt soll ein Hotel rein, es sieht freundlicher aus. Solche Geschichten hinter Gebäuden finde ich wichtig, um eine Stadt zu begreifen.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich Tel Aviv angeeignet, um es künstlerisch zu verarbeiten?
Feuchtenberger: Ich kann es nicht genau sagen, in Tel Aviv bin ich einfach traumwandlerisch durch die Stadt gegangen. Um mir Orte einzuprägen, habe ich gezeichnet, fotografiert, und die anderen haben mir Geschichten erzählt. Ich versuche stets, so viele Informationen wie möglich heraus zu kitzeln, die sich zu einer Konstruktion zusammenfügen könnten.
ZEIT ONLINE: Nun ist ein Comic eine ungewöhnliche Darstellungsform für ein Reisebuch – war das eine Herausforderung?
Feuchtenberger: Ja, am Anfang war unklar, wie wir das angehen, wie persönlich es werden kann. In Gesprächen sind wir dann näher herangekommen an das, was wir machen wollten. Und haben beispielsweise Rosa Luxemburg als verbindendes Element entdeckt.
ZEIT ONLINE: Wie war es, die eigene Heimatstadt, Berlin, anderen Künstlern vorzustellen?
Feuchtenberger: Gar nicht so einfach, das lag allerdings am Wetter. Berlin war im Herbst dunkel und regnerisch. Ich habe deutlich die Verzweiflung auf israelischer Seite gespürt. Ich habe Yirmi Pinkus dann auf eine kleine Wanderung mitgenommen. Wir waren in einem Park in Friedrichshain, am Mount Klamott, in Mitte, wo ich früher gewöhnt habe, bei MonBijou – alles Orte, an die ich die anderen schon bei früheren Besuchen gebracht hatte und zu denen mir etwas Persönliches einfällt.
ZEIT ONLINE: Haben sie die Ergebnisse, die eigene Stadt durch die Brille der anderen, erstaunt?
Feuchtenberger: Es war toll, die Bilder der anderen von Berlin zu sehen. Insgesamt habe ich zwischen den israelischen Künstlern und uns eine große Nähe in der Beobachtung festgestellt – vor allem auch das Unwohlsein, das beispielsweise Itzik Rennert in Berlin empfunden hat, konnte ich nachempfinden. Und uns eint, dass wir alle bildlich denkende Menschen sind. Hinzu kommt ein gewisser Galgenhumor, den man im Buch sieht.
Anke Feuchtenberger, Jahrgang 1963, ist freischaffende Comickünstlerin. Sie hat bereits diverse Bücher veröffentlicht, ihre Illustrationen sind unter anderem in der ZEIT und der Süddeutschen Zeitung erschienen und sie wurde 2008 als“beste deutschsprachige Comickünstlerin“ ausgezeichnet.
Das Interview führteLea Hampel
© Deutsches Zentrum für Märchenkultur

Für Yirmi Pinkus ist das Porträt einer Stadt auch das Porträt ihrer Bewohner
ZEIT ONLINE: Herr Pinkus, Sie haben Tel Aviv und Berlin über die Bewohner vorgestellt. Wie kam es dazu?
Yirmi Pinkus: Ich interessiere mich sehr für Porträtillustration. Da ich als Journalist gearbeitet habe, war von Anfang an klar, dass ich Interviews machen wollte, unter anderem mit dem Modedesigner Michael Michalski und der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Wie bei einem Mosaik setzt sich jede Stadt aus ihren Menschen zusammen.
ZEIT ONLINE: Welche Unterschiede gab es zwischen den Berlinern und den Tel Avivern?

Der Comic-Künstler Yirmi Pinkus aus Tel Aviv
Pinkus: Eines ist deutlich geworden: die Tel Aviver sind ihrer Stadt wesentlich mehr zugetan. Das ist sicher auch eine Frage der Mentalität. Dabei ist Berlin toll. Ich sehe mich selbst auch als Berliner. In den neunziger Jahren habe ich dort gelebt und unterrichtet, in der Comicszene mit vielen Leuten gearbeitet, die später berühmt geworden sind.
ZEIT ONLINE: War Ihr Blick auf die Stadt diesmal ein anderer?
Pinkus: Nein – auch wenn es dieses Mal mehr Arbeit als Spaß war. Mir sind die neuen Dinge an der Stadt aufgefallen, darunter ein Schnitzel- und Knödelrestaurant in der Bergmannstraße. Und ich war zum ersten Mal auf der Siegessäule. Eigentlich wollte ich dort einen DJ interviewen – aber als wir auf den Balkon gingen, hat mich meine Höhenangst gepackt.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie Ihre Heimat Tel Aviv den anderen Künstlern nahe gebracht?
Pinkus: Ich habe Anke Feuchtenberger an Orte gebracht, die ich mag und bei denen ich davon ausging, dass sie sie mag, verzweifelte, zerstörte Orte. Das war ein dorfähnlicher Teil Tel Avivs, in dem Immigranten leben, eine Art Slum. Und eine alte Frauenpension. Ich habe Tel Aviv durchaus mit anderen Augen gesehen, als ich sie dadurch geführt habe.
ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zu den unterschiedlichen Perspektiven, die im Buch zu sehen sind?
Pinkus: Ihre Sichtweisen auf die Städte erschienen mir natürlich, weil beide Städte für mich Heimat sind. Gleichzeitig fand ich es spannend, zu sehen, wo die anderen ihre Schwerpunkte setzen. Und ich war vom politischen Mut der anderen beeindruckt – wie Henning Wagenbreth die deutsch-jüdische Geschichte thematisiert. Jan Feindt wiederum hat mir in seinen Zeichnungen durchaus ein anderes Tel Aviv gezeigt, eines, das ich nicht kenne.
ZEIT ONLINE: War es schwer, acht Sichtweisen in ein Konzept umzuarbeiten?
Pinkus: Wir kennen uns alle seit Jahren, haben zusammengearbeitet und sind befreundet. Ich fand es dennoch eine Herausforderung, aus den 16 Stücken ein Buch zu machen, das nach einem Guss aussieht. Wir haben lange nach einem Konzept gesucht, das war faszinierend, aber am Anfang vor allem balagan , wie wir auf Hebräisch sagen, "Chaos".
ZEIT ONLINE: Hat Vergangenheit eine große Rolle in der Zusammenarbeit gespielt?
Pinkus: Nun ja, ich mag die Reduktion des deutsch-jüdischen Verhältnisses auf die Schoah nicht. Natürlich sprichst du darüber, es ist da, schon, weil du bestimmte Witze nicht in Gegenwart deutscher Freunde machst. Aber wir sind Künstler, wir haben über Kunst geredet, über Identität und Autobiografisches. Dennoch wird beispielsweise in den Zeichnungen von Mira Friedman deutlich, wie kompliziert Vergangenheit sein kann. Sie lebt in Tel Aviv, kommt aus Jerusalem und ihre Eltern sprechen Deutsch. Alle ihre Kinderbücher waren auf Deutsch, Berlin war für sie eine Kinderfantasie mit Figuren von Erich Kästner.
Yirmi Pinkus gehört zu den bekanntesten Comiczeichnern Israels. Der 1966 in Tel Aviv geborene Künstler hatte auch in der Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Zeit lang einen täglichen Comic Strip und gehört zum Zeichnerensemble Actus Tragicus.
"Tel Aviv Berlin - Ein Reisebuch"von Rutu Modan, Jan Feindt/Shelly Duvilanski, Yirmi Pinkus, Anke Feuchtenberger, Mira Friedmann, Itzik Rennert, Batia Kolton und Henning Wagenbreth erscheint imAvant Verlag 29,95 € , ISBN:978-3-393080-45-9
Die Interviews führteLea Hampel
- Datum 15.06.2010 - 08:31 Uhr
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