Interview mit Yirmi Pinkus aus Tel Aviv
© Deutsches Zentrum für Märchenkultur

Für Yirmi Pinkus ist das Porträt einer Stadt auch das Porträt ihrer Bewohner
ZEIT ONLINE: Herr Pinkus, Sie haben Tel Aviv und Berlin über die Bewohner vorgestellt. Wie kam es dazu?
Yirmi Pinkus: Ich interessiere mich sehr für Porträtillustration. Da ich als Journalist gearbeitet habe, war von Anfang an klar, dass ich Interviews machen wollte, unter anderem mit dem Modedesigner Michael Michalski und der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Wie bei einem Mosaik setzt sich jede Stadt aus ihren Menschen zusammen.
ZEIT ONLINE: Welche Unterschiede gab es zwischen den Berlinern und den Tel Avivern?

Der Comic-Künstler Yirmi Pinkus aus Tel Aviv
Pinkus: Eines ist deutlich geworden: die Tel Aviver sind ihrer Stadt wesentlich mehr zugetan. Das ist sicher auch eine Frage der Mentalität. Dabei ist Berlin toll. Ich sehe mich selbst auch als Berliner. In den neunziger Jahren habe ich dort gelebt und unterrichtet, in der Comicszene mit vielen Leuten gearbeitet, die später berühmt geworden sind.
ZEIT ONLINE: War Ihr Blick auf die Stadt diesmal ein anderer?
Pinkus: Nein – auch wenn es dieses Mal mehr Arbeit als Spaß war. Mir sind die neuen Dinge an der Stadt aufgefallen, darunter ein Schnitzel- und Knödelrestaurant in der Bergmannstraße. Und ich war zum ersten Mal auf der Siegessäule. Eigentlich wollte ich dort einen DJ interviewen – aber als wir auf den Balkon gingen, hat mich meine Höhenangst gepackt.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie Ihre Heimat Tel Aviv den anderen Künstlern nahe gebracht?
Pinkus: Ich habe Anke Feuchtenberger an Orte gebracht, die ich mag und bei denen ich davon ausging, dass sie sie mag, verzweifelte, zerstörte Orte. Das war ein dorfähnlicher Teil Tel Avivs, in dem Immigranten leben, eine Art Slum. Und eine alte Frauenpension. Ich habe Tel Aviv durchaus mit anderen Augen gesehen, als ich sie dadurch geführt habe.
ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zu den unterschiedlichen Perspektiven, die im Buch zu sehen sind?
Pinkus: Ihre Sichtweisen auf die Städte erschienen mir natürlich, weil beide Städte für mich Heimat sind. Gleichzeitig fand ich es spannend, zu sehen, wo die anderen ihre Schwerpunkte setzen. Und ich war vom politischen Mut der anderen beeindruckt – wie Henning Wagenbreth die deutsch-jüdische Geschichte thematisiert. Jan Feindt wiederum hat mir in seinen Zeichnungen durchaus ein anderes Tel Aviv gezeigt, eines, das ich nicht kenne.
ZEIT ONLINE: War es schwer, acht Sichtweisen in ein Konzept umzuarbeiten?
Pinkus: Wir kennen uns alle seit Jahren, haben zusammengearbeitet und sind befreundet. Ich fand es dennoch eine Herausforderung, aus den 16 Stücken ein Buch zu machen, das nach einem Guss aussieht. Wir haben lange nach einem Konzept gesucht, das war faszinierend, aber am Anfang vor allem balagan , wie wir auf Hebräisch sagen, "Chaos".
ZEIT ONLINE: Hat Vergangenheit eine große Rolle in der Zusammenarbeit gespielt?
Pinkus: Nun ja, ich mag die Reduktion des deutsch-jüdischen Verhältnisses auf die Schoah nicht. Natürlich sprichst du darüber, es ist da, schon, weil du bestimmte Witze nicht in Gegenwart deutscher Freunde machst. Aber wir sind Künstler, wir haben über Kunst geredet, über Identität und Autobiografisches. Dennoch wird beispielsweise in den Zeichnungen von Mira Friedman deutlich, wie kompliziert Vergangenheit sein kann. Sie lebt in Tel Aviv, kommt aus Jerusalem und ihre Eltern sprechen Deutsch. Alle ihre Kinderbücher waren auf Deutsch, Berlin war für sie eine Kinderfantasie mit Figuren von Erich Kästner.
Yirmi Pinkus gehört zu den bekanntesten Comiczeichnern Israels. Der 1966 in Tel Aviv geborene Künstler hatte auch in der Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Zeit lang einen täglichen Comic Strip und gehört zum Zeichnerensemble Actus Tragicus.
"Tel Aviv Berlin - Ein Reisebuch"von Rutu Modan, Jan Feindt/Shelly Duvilanski, Yirmi Pinkus, Anke Feuchtenberger, Mira Friedmann, Itzik Rennert, Batia Kolton und Henning Wagenbreth erscheint imAvant Verlag 29,95 € , ISBN:978-3-393080-45-9
Die Interviews führteLea Hampel
- Datum 15.06.2010 - 08:31 Uhr
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