Ibiza Auf die sanfte Tour
Die Partyinsel versucht sich im sanften Tourismus: ein neues Wegenetz soll Wanderer für Ibiza begeistern. Doch noch ist das Hinterland nicht gut erschlossen.
© JMN/Getty Images

Blick vom Wasser auf die Altstadt
Manchmal weiß auch Wanderführer Hans Losse nicht weiter. Der Weg durch den Naturpark Ses Salines endet abrupt an einer zerbrochenen Brücke. Also heißt es umkehren und einen neuen Pfad suchen zwischen den Kanälen und Teichen der Jahrtausende alten Saline. Losse nimmt's locker, schließlich ist der pensionierte Lehrer aus Stade Pionier in Sachen Wandern auf Ibiza. Mitte der achtziger Jahre ließ sich Losse vom Zauber der Natur Ibizas einfangen. Seither hat er drei Wanderführer geschrieben, unzählige Reisegruppen geführt – und noch immer nicht jeden Weg der kleinen Baleareninsel entdeckt.
Immer noch ist Ibiza vor allem Treffpunkt für feierwütige Jugendliche. Oder für übrig gebliebene Althippies. Nach Ibiza kommt, wer abhängen oder Tag und Nacht Party machen will – am Strand, in den Klubs und Mega-Discos. Laut, bunt und verrückt. Irgendwie verrückt, ausgerechnet auf dieser Insel Wanderurlaub zu machen. Aber Ibiza hat eine stille Seite. Nur wenige Kilometer abseits der Touristenzentren stößt man auf ausgedehnte Pinienwälder, verträumte Dörfer, Olivenhaine, Obstgärten, romantische Buchten und wilde Steilküsten. Wanderwege sollen dafür sorgen, dass diese Ecken, die Losse schon vor Jahren beschrieb, endlich wahrgenommen werden. Einige alte Pfade, auf denen einst Bauern und Holzfäller unterwegs waren, hat das Fremdenverkehrsamt der Insel jetzt in einer Broschüre in neun Rundwegen zusammengefasst. Sie sind über das ganze Eiland verteilt, zwischen 5 und 15 Kilometer lang und beweisen, dass Ibiza neben Partykultur einen beträchtlichen Naturreichtum zu bieten hat. Noch könnte man jeden Wanderer per Handschlag begrüßen, denn nicht einmal ein Prozent aller Ibiza-Touristen kommt, um zu gehen. Wandern auf Ibiza ist zurzeit noch ein ziemlich exklusives Vergnügen.
Eine der spektakulärsten Wandertouren Ibizas fängt gleich hinter dem Flughafen an. Die Salinen und der dazugehörige Naturpark grenzen ans Rollfeld, man könnte direkt vom Flieger losmarschieren, um über die steinige Codolarküste an den Salzteichen vorbei an die nahe Südspitze der Insel zu gelangen. Fünf steile Anstiege müssen bis zum Capo des Falcó überwunden werden, teilweise geht's hart an der Kante der Klippen entlang. Immer wieder bieten sich herrliche Ausblicke über die Meerenge zwischen Ibiza und Formentera, die Inseln Es Freus und Espalmador, den markanten Es-Vedra-Felsen und über die Salzseen, die je nach Salzgehalt blau, grün oder rot in der Sonne leuchten. Das Dröhnen der Jets, die dahinter in der Ebene abheben, geht unter im Rauschen der Brandung, die sich 120 Meter tiefer an der Steilküste bricht.
Ein Muss für Ibiza-Wanderer ist der Aufstieg auf den höchsten Berg der Insel, den Sa Talaia. Eigentlich ist der Berg mit seinen 475 Metern Höhe nur ein Hügel. Aber einer mit Aussicht – mit Panoramablick über fast die ganze Insel. Der Weg beginnt und endet in Sant Josep de sa Talaia, ein schöner Flecken mit schattigem Dorfplatz und einer schmucken, weiß verputzten Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Nimmt man sich Zeit, benötigt man für die 14 Kilometer knapp 5 Stunden – bis auf einen kurzen, steilen Anstieg eine bequeme Tour durch blühende Gärten, lichte Pinienwälder. Unterwegs geben die Bäume den Blick frei auf die Südküste, Formentera und auf die Westseite mit der Urlauberhochburg Sant Antoni. Und schon bevor auf dem Gipfel des Talaia steht, genießt man einen Rundumblick über das ca. 40 mal 25 km große Ibiza, von der Festung der Altstadt bis hinauf zum ländlichen Norden.
- Anreise
Flüge von vielen deutschen Flughäfen bieten zum Beispiel Air Berlin oder Lufthansa an
- Unterkunft
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Landhotel Cas Gasi bei Santa Gertrudis, Camino Viejo a San Mateo, Tel. 0034 971 19 77 00, www.casgasi.com, DZ ab 180 Euro in der Nebensaison
Hotel La Ciguenya, Cala Portinatx, S'Arenal petit Nr. 36, Tel. 0034 971 1320 614, www.laciguenya.com, DZ ab 56 Euro in der Vorsaison
- Essen
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Katalanisch-mediterrane Küche: Restaurant La Brasa, Eivissa, Carrer Pere Sala 3, Tel. 0034 971 30 12 02, www.labrasaibiza.com, Patio mit Blick auf die Altstadt, Hauptspeisen ca. 18 - 20 Euro
Ländlich-frisch: Can Cires, Sant Mateo, www.cancires.com, Gartenrestaurant im kleinsten Dorf Ibizas, Hauptspeisen ab ca. 8,50 Euro
- Auskunft
www.ibiza.travel, offizielle Tourismus-Webseite der Insel
www.guiasibiza.com, offizielle Reiseführer-Vereinigung von Ibiza und Formentera, die speziell ausgebildete Wanderführer anbietet
Weitaus einsamer als die Gegend um den Talaia sind die hügeligen Landschaften im Norden Ibizas. Ebenen mit Weinanbau, Olivenhainen, Weizenfeldern gehen über in Pinienwälder, Steilküste, Felsbuchten. Diese Ecke der Insel ist nun wirklich noch Wanderentwicklungsgebiet. Zwar führen einige der neun offiziellen Wandertouren auch durch diesen Grüngürtel, aber daneben gibt es Pfade, die fast nur Einheimischen bekannt sind – und Experten wie Hans Losse. Entlang mancher Wege stößt man jedoch auf kleine blaue Pfeile. Das ist das Markenzeichen von Rolf Hürten, seit sechs Jahren als Wanderer und Autor auf der Insel unterwegs. Losse war zunächst sauer über die Konkurrenz: "Hürten hat sich einfach meine Touren abgeguckt und sie für seine Führungen und sein Buch verwendet." Ein Krieg der deutschen Wanderkönige auf der ansonsten friedlichen Mittelmeerinsel ist aber nicht zu befürchten: man respektiere sich, habe den "Markt" aufgeteilt und wandere gelegentlich sogar gemeinsam.
Das Problem mit den Wegmarkierungen haben die beiden dennoch nicht gelöst. Auf Ibizas Wanderwegen trifft man auf ein Sammelsurium von Zeichen: auf die vor langer Zeit gesetzten roten Punkte der Ibicenkos, farbige Pfähle für Mountainbiker und einen Falkenwanderweg, weiß-grüne-Streifen eines Wandervereins. Am häufigsten sind Hürtens blaue Pfeile. Leider sind sie nicht immer auf Anhieb zu erkennen und manchmal von der Vegetation überwuchert. Ibizas Wanderwege sind immer noch wenig erschlossen. Sie führen fast ausschließlich über privaten Grund und Boden. Und die Grundbesitzer sehen es nicht gern, wenn "ihre" Trampelpfade freigeschlagen und mit Wegweisern markiert werden. Die Inselregierung hat zwar Abhilfe versprochen, aber bis es so weit ist, verlaufen Ibiza-Wanderungen bisweilen abenteuerlich. Und das hat seinen Reiz. Denn so hat man nach zweistündigem Abstieg über Stock und Stein und Umwege eine herrliche Bucht wie die Cala D‘Albarca für sich allein. Von Kormoranen abgesehen.
Eine andere einsame Felsbucht des Nordens, Na Xamena, verweigert sich ganz dem Wanderer – noch. Die romantische Bucht ist praktisch nur von der Terrasse des Luxushotels Hacienda Na Xamena aus zu bewundern und ansonsten unzugänglich. Hans Losse lässt das keine Ruhe. "Es muss irgendwo da oben einen Weg geben", sagt Losse mit Blick auf die steilen Felswände, die die Bucht umrahmen. Wenn es einen Pfad gibt – er wird ihn finden.
- Datum 11.06.2010 - 12:56 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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