Port Elizabeth Tour durch die Townships
Südafrikas Armenviertel öffnen sich den Touristen. Wer die Townships wirklich kennenlernen will, sollte zu Fuß gehen.
© Christian Selz

Das Walmer Township in Port Elizabeth
Es ist ein sonniger Wintertag, so warm, dass es sich eher wie Frühling anfühlt. Die Schuhe hinterlassen Abdrücke im feinen Sand. Am Horizont ragen die Hotels der Strandpromenade in den blauen Himmel. Port Elizabeth , die im Beinamen auch als Windy City deklarierte Millionenstadt am Indischen Ozean, zeigt sich von ihrer freundlichen Seite. Doch um sich an den Strand zu legen, ist das Grüppchen Touristen, das sich hier auf der Düne versammelt hat, nicht gekommen. Zu ihren Füßen liegt ringsum das Walmer Township, eines der ärmsten und verrufensten Viertel der Nelson-Mandela-Metropole. Bei einem geführten Rundgang wollen die Gäste etwas über Geschichte und Kultur des Armenviertels lernen.
"Diese sandige Gegend hier war früher ein Truppenübungsplatz der SADF", erzählt Lulama Stout, der Tourguide. Die SADF war die für ihre brutalen Überfälle auf die Schwarzen-Siedlungen berüchtigte Armee des Apartheidstaats. Das Township gab es auch damals schon, in direkter Nachbarschaft. Nach dem Ende der Apartheid hat es sich auf das ehemalige Armeegelände ausgedehnt. Zwischen 50.000 und 100.000 Menschen leben verschiedenen Schätzungen zufolge heute hier. Aktuelle, offizielle Zahlen gibt es nicht.
Dass Gqebera , wie Walmer Township auf Xhosa, der Sprache der Mehrheit seiner Einwohner genannt wird, überhaupt noch existiert, grenzt an ein Wunder. Nach den Gesetzen der Apartheid-Regierung war ganz Walmer als "weißes" Land deklariert worden, das Township sollte geräumt und niedergewalzt werden. Doch die Bewohner wussten das mit zähem Widerstand zu verhindern und hatten Glück, auch im nahegelegenen "weißen" Teil Walmers einige Fürsprecher zu haben, die bei der Stadtverwaltung intervenierten.
Über die bewegte Geschichte seines inzwischen über 100 Jahre alten Stadtteils erzählt auch Stout am liebsten. "Hier wohnten schon Familien, bevor es ein Township wurde, und diese Leute haben für ihr Viertel gekämpft", erzählt er. "Das waren nicht nur Schwarze, sondern auch Farbige, nach diesen Familien sind auch unsere Straßen benannt." In der Tat klingen die Namen auf den Schildern – Witbooi, Common, Galant – eher nach Familiennamen von Coloureds, jener heterogenen Gruppe von Mischlingen, die der Apartheidstaat als eigene "Rasse" definierte. Eine Klassifizierung, die im Bewusstsein der Südafrikaner Normalität geworden ist. Doch diese Namen findet man nur im Kern von Walmer Township. In den neueren Erweiterungen der Siedlung sind die Gassen nach den Helden des Befreiungskampfes, Steve Biko oder Chris Hani, benannt. Noch weiter hinten gibt es nicht einmal mehr befestigte Straßen, geschweige denn Schilder. Der Großteil der Menschen in Walmer Township wohnt noch immer in Blechhütten, die Hausbauprojekte der Regierung kommen nur langsam voran.
Am Fuße eines weiteren Sandhügels erzählt Stout, wie die Widerstandskämpfer von dort oben einst ihre Granaten auf die anrückenden Truppen des Regimes feuerten. Seine Führung ist mit solchen, nicht selten martialischen Anekdoten gespickt. Einmal, so berichtet er, habe er sogar mitgeholfen, in die Straße vor seinem Elternhaus ein großes Loch zu graben. Das hätten sie dann mit Ästen und Gras abgedeckt, um bei der anstehenden Armee-Razzia einen der gepanzerten Truppentransporter in die Falle zu locken. Auch er selbst habe während des Kampfes Molotov-Cocktails geworfen, sagt er. Stout war damals neun Jahre alt.
"Das war eine schlechte Zeit, eine sehr schlechte Zeit", erzählt Stouts Vater Mfana. Er gehörte damals zur Untergrund-Armee Mkhonto weSizwe , dem bewaffneten Arm des ANC. Während des Rugby-Trainings haben sie ihre Aktionen abgesprochen. Glaubt man seinen Erzählungen, hätte er es damals auch "spielend" in die Rugby-Nationalmannschaft, zu den Springboks , geschafft. Wenn er denn nur die "richtige" Hautfarbe gehabt hätte.
- Anreise
Lufthansa (www.lufthansa.com) und South African Airways (www.flysaa.com) fliegen von Frankfurt über Johannesburg direkt nach Port Elizabeth.
- Mietwagen
Im Land ist ein Mietwagen ratsam, der öffentliche Nahverkehr ist schlecht ausgebaut. Mehrere Vermieter haben Büros am Flughafen, unter anderem Avis (www.avis.co.za), Europcar (www.europcar.co.za) und Tempest (www.tempestcarhire.co.za).
- Unterkunft
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Ibhayi Lodge, DZ ab 110 Euro, 30 9th Avenue, Walmer, Port Elizabeth, 6070, South Africa, www.ibhayiguestlodge.co.za
Garden Court Kings Beach Hotel, DZ ab 75 Euro, La Roche Drive, Humewood, Port Elizabeth, 6013, South Africa, www.southernsun.com
The Willows (Selbst-Versorger), Rondavel-Hütte für zwei Personen ab 33 Euro, Marine Drive, Port Elizabeth, 6013, South Africa, www.thewillowspe.co.za
- Township-Touren
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Ein zweieinhalb- bis dreistündiger Rundgang mit Abafetu Tours kostet 150 Rand (zirca 16 Euro) pro Person. Telefon: (0027) 078 712 199 7, E-Mail: tobani@live.co.za.
Über Reisebüros organisierte Touren gibt es ab 400 Rand (43 Euro) pro Person beispielsweise bei Go Experience, The Bordwalk, Shop 34, Summerstrand, Port Elizabeth, Kontakt: 041 583 3773 und info@goexperiencesouthafrica.com.
- Essen
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Einheimische gehen ins Angelo’s, 10 Parliament St., Central, Port Elizabeth, Tel: 041 585-2929
Gute südafrikanische Küche gibt’s im The Island, Marine Drive, Port Elizabeth, Tel: 041 583-4004
Erste Adresse für Fisch und Meeresfrüchte ist The Oystercatcher direkt im Hafen, Dockside Debbies, Port Elizabeth Harbour, Tel: 041 582-1869
- Museen
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Ein liebevoll gestaltetes Stadtteil-Museum ist das South End Museum, das an den während der Apartheid zerstörten, multi-ethnischen Stadtteil oberhalb des Hafens erinnert. Geöffnet werktags von 9 bis 16 Uhr und am Wochenende von 10 bis 15 Uhr. Eintritt frei, aber Spenden erbeten. Ecke Humewood Road und Walmer Boulevard, South End, 6000, Port Elizabeth.
Verdientermaßen mit Preisen überhäuft wurde das relativ junge, eindrucksvolle Red Location Museum, das am Geburtsort der ersten Zelle von Mkhonto weSizwe, dem bewaffneten Arm des ANC, an den Kampf gegen die Apartheid erinnert. Geöffnet Dienstag bis Freitag 10 bis 16 Uhr und Samstag 9 bis 15 Uhr. Eintritt 12 Rand (1,30 Euro). Ecke Singaphi Street und Olof Palme Street, New Brighton, 6200, Port Elizabeth.
- Ausflüge
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Relativ klein, aber nicht überlaufen ist der Kragga Kamma Game Park direkt am Rande Port Elizabeths. Nashörner, Giraffen, Zebras, Antilopen und Büffel sind hier häufig zu sehen. Zweistündige Safari 50 Rand (5 Euro) im eigenen PKW, geführte Tour 150 Rand (16 Euro). Einlass täglich von 8 bis 17 Uhr. Kontakt: 0027-(0)41 379 4195, www.kraggakamma.com, Kragga Kamma Road, Linton Grange, 6015, Port Elizabeth.
Luxus-Safaris zu den Big Five sind im Shamwari Game Reserve, etwas 45 Minuten außerhalb Port Elizabeths an der Nationalstraße 2 möglich. Einlass in den preisgekrönten Park nur mit Übernachtung ab 410 Euro pro Person im DZ. Kontakt: 0208 - 444 5424 (in Deutschland) oder 0027-(0)41-407 1000 (in Südafrika), www.shamwari.com.Ausgehen: Ein Muss ist der Jazz-Sonntag mit Live-Band im Gondwana Cafe, wo man mit Blick aufs Meer auch gut essen kann. Los geht’s meist gegen 16 Uhr. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag ab 9 Uhr bis spät. 2 Dolphins Leap, Beach Road, Humewood, 6001, Port Elizabeth, Telefon: 041 585 0990.
Die Touristen wirken betroffen bei diesen Geschichten, einige sind beschämt von der extremen Armut, die in einigen Teilen des Townships noch immer acht- bis zehnköpfige Familien dazu zwingt, in Zwölf-Quadratmeter-Hütten zu leben. Illegale Stromverbindungen bringen etwas Licht in die Hütten, oft kommt es aber zu schweren Unfällen, wenn Kinder mit den offen über den Boden verlegten Kabeln spielen. Und die Gäste wirken geschockt von der gewalttätigen Vergangenheit des Townships, die so gar nicht zur sonnigen Atmosphäre des Jetzt passen will. Da kommen wildfremde Männer auf die Gruppe zu, schütteln jedem der uMlungus – wie die Weißen bei den Xhosa heißen – die Hand und stellen sich vor. Das Ritual, so scheint es, darf nicht enden, bevor auch der letzte Tourist begriffen hat, wie man beim Auflösen des Handschlags ein Schnippen mit den Fingern erzeugt.
© Christian Selz

Tourguide Lulama Stout (rechts) mit seinem Kollegen Thobani Noqoli
Die kulturelle Lehrstunde, die Stout für seine Gäste parat hat, geht aber noch weiter. Er erklärt die Bedeutung der iGxanti , jener mit Kuh-, Ziegen- und Buschbock-Hörnern bestückten Holzpfosten die vor beinahe jedem Haus im Township stehen und böse Geister auf Abstand halten sollen und schaut, wann immer möglich, bei traditionellen Festen seiner Nachbarn vorbei, um die Besucher von dem dickflüssigen Maisbier probieren zu lassen, dass die Xhosa zu solchen Anlässen selbst brauen. "Wir wollen, dass die Leute tatsächlich ein Gefühl für das Township bekommen. Sie sollen die Freundlichkeit und Offenheit unserer Leute erleben und unsere Kultur kennen lernen."
Mit seinem Freund Thobani Noqoli hat er Abafetu Tours gegründet. "Gute Freunde" sind Abafetu auf Xhosa und so wollen die beiden auch rüberkommen. Doch besonders viel Kundschaft gibt es nicht, es mangelt am Marketing und so arbeitet Stout unter der Woche beim Straßenbau. Wenn er Gäste hat, nimmt er sich frei. Wichtig ist ihm dabei, immer zu Fuß unterwegs zu sein und die Touristen nicht wie viele andere Tour-Anbieter mit dem Bus durch das Township zu karren.
"Hinter den Scheiben fühlt man den Vibe des Townships nicht", sagt er. "Wir wollen den Geist des uBuntu , der Mitmenschlichkeit, fördern und dazu braucht es Respekt füreinander." Dann, meint Stout, gebe es auch keine Abneigung der Township-Bewohner gegen die Touristen. Im Gegenteil: "Es ist ein gutes Gefühl, Menschen mit anderer Hautfarbe hier herumlaufen zu sehen, die Leute sagen dann, dass wir ein demokratisches Land und die Menschen wieder vereint sind."
Ganz ähnlich sieht es auch Nomabaso Bedeshe, Kuratorin des mehrfach preisgekrönten Red Location Museums , das das Erbe des Kampfes gegen die Apartheid ganz bewusst in New Brighton, einem der ältesten Townships von Port Elizabeth aufrechterhält. "Zum einen bringen die Touristen den Geschäften und Imbissen hier Umsatz und dann lernen sie auch noch unsere Kultur kennen – sie kosten, was wir Schwarzen essen und sie erleben unseren Alltag und wie wir es schaffen, von Hütten in Häuser zu ziehen."
Das schafft Verständnis. Doch wer das Township verstehen will, muss auch eine der zahllosen Kneipen besuchen. Zum Ende des Rundgangs nimmt Stout seine Gruppe daher noch auf ein Bier mit zu Z’s, einer der etwas sortierteren Tavernen. Eine Mischung aus Pop und Jazz knarzt hier aus altersschwachen Lautsprechern, je nachdem wonach es demjenigen beliebt, der die Jukebox mit umgerechnet zehn Cent füttert. Das Bier kommt in Dreiviertel-Liter-Flaschen und die fast reine Männerrunde löchert die
uMlungus
mit Fragen zu deren Herkunft. Auch ein Spiel am schrägen Billardtisch ist noch drin. Die Touristen werden hier selbst zur Attraktion und sind doch irgendwie Teil der Runde. Manche weiße Südafrikaner sollten auch mal eine Township-Tour mitmachen, sagt einer der deutschen Gäste. Es würde der Verständigung sicherlich nützen.
- Datum 20.06.2010 - 19:08 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ratschläge a la "Manche weiße Südafrikaner sollten auch mal eine Township-Tour mitmachen, sagt einer der deutschen Gäste." zu geben?
Da glaubt wohl jemand ziemlich kritikfrei die hübschen Geschichten im Umfeld der Fussball WM von rainbow-nation usw. usf..
Nun ja, wer da fröhlich-frisch zum "mal eben durch townships Spazieren" anregt, der glaubt vieles.
Und das allein, weil man zu Fuß hindurch spaziert, eine "authentische" Kneipe besucht und sich von ein paar Einheimischen freundlich behandelt fühlt, für die man Geldquelle und eventueller Imageaufpolierer ist? Nein, echtes Verstehen der Lebenswelt anderer ist wohl doch etwas schwieriger und aufwänder.
Mal ehrlich, Touristen bleiben Touristen. Daran mindert moralisches Distinguieren, weil man ja angeblich "genauer hinguckt" als diejenigen, die sich wie im Zoo nur die Nase an der Glasscheibe plattdrücken, während sie bequem und sicher per Omnibus durchs Township kutschiert werden, an der moralischen Widerlichkeit, dass Armut und Elend sich exponieren müssen, um überwunden werden zu können, gar nichts. Und darüber hinaus ist es ziemlich abstoßend, dass jemand sich einbildet, es besser gemacht zu haben, weil er "auf der Straße" war und den unglaublichen Mut hatte, einem Fremdenführer für die vom Schicksal der Armen so wirklich und richtig Bewegten beim Erzählen der Geschichte zuzuhören, die er für den Touristentyp dieses Schlages wahrscheinlich schon tausend Mal erzählt hat.
Menschen die als Touristen dorthin reisen sollte dort eigentlich ein Licht dahingehend aufgehen das dieses Elend nichts, aber auch gar nichts mit der Hautfarbe der Menschen dort zu hat - das war damals und ist es heute weiterhin - es ist der Kapitalimus pur der diese Lebenssituation für diese Millionen Menschen auch dort produziert!
Die jahrzehntelange Haft von Nelson Mandela und seiner Leidensgenossen hat nichts in Bewegung gebracht - und fast zwanzig Jahre nach dem unsäglichen Apartheid-System haben sich die Zustände nur minimal zum besseren geändert.
Die Kapitalistische Globalisierung zementiert gewollt die Zustände in Afrika, denn den Profit daraus ziehen nicht die Einheimischen - schon gar nicht die Farbigen dort.
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