Reinhold MessnerAuthentizität für die Alpen

Mit prominenter Unterstützung versuchen Nord- und Südtirol, den Tourismus Richtung Wahrhaftigkeit zu lenken. Beim ZEIT-Symposium trafen sich die Experten zur Diskussion. von Ursula Demeter

In Schloss Juval bei Kastelbell im Vinschgau, dem Wohnsitz von Reinhold Messner, befindet sich ein Museum

In Schloss Juval bei Kastelbell im Vinschgau, dem Wohnsitz von Reinhold Messner, befindet sich ein Museum   |  © Tappeiner/SMG

Er ist frisch aus Nepal eingetroffen, und mit seiner verwilderten Haarpracht sieht Reinhold Messner dem Yeti ähnlicher denn je. Sie sollen es sich bequem machen, wie an einem Lagerfeuer, bittet er die Gäste, die sich unter dem modernen Glasdach auf seinem hoch über dem Vinschgau gelegenen Schloss Juval versammelt haben. Die ZEIT hat zu einem Symposium über die Gestaltung eines zukunftsfähigen, authentischen Alpentourismus geladen.

Ein bisschen müde sind die meisten Teilnehmer, denn der Weg war anstrengend: Vor fünf Tagen ist die Gruppe auf der Tiroler Seite des Alpenhauptkamms im kleinen Dorf Vent im oberen Ötztal aufgebrochen. Im Schneesturm ging es zur 3000 Meter hoch gelegenen Similaunhütte am Niederjoch, an der Fundstelle der Gletschermumie Ötzi vorbei. Am nächsten Morgen folgte der Abstieg im knietiefen Neuschnee ins Südtiroler Schnalstal. Eine echte Alpenüberquerung, von Österreich nach Italien, auf uralten Pfaden.

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"Authentizität im Tourismus" ist das Thema dieses Projekts – eine Spurensuche nach dem, was an Echtem noch übrig ist im Alpenraum. Zur Diskussion sind neben Messner zwei Experten geladen: Alois Thurner als Vertreter der Landestourismusorganisation Tirol-Werbung, und Christoph Engl, der Direktor der Südtiroler Marketing Gesellschaft SMG. Auch Reinhold Messner kann zum Team der Tourismusexperten gezählt werden, denn neben seinen Messner Mountain Museen – darunter Juval und die Burg Sigmundskron bei Bozen – führt er einen Öko-Bergbauernhof mit Gastbetrieb.

Das Eigene, das Echte, das Unverwechselbare, sagt der Burgherr, müsse man in Zeiten der Globalisierung betonen, das, was andere nicht haben und auch nicht imitieren können. Die kleinräumige, gewachsene Kulturlandschaft unter den Bergspitzen als unverwechselbares Kapital bewahren. Ein Null-Kreislauf müsse aufgebaut werden, bei dem der Bergbauer zu seiner angestammten Welt und zu sich selbst zurückfände.

Worum es Messner geht, ist mehr Selbständigkeit, mehr Autarkie. Höfe, die sich mit weitgehender Eigenproduktion eine sichere Existenz für die Zukunft schaffen. Zum Beispiel in der Direktvermarktung, wie er sie auf Juval vormacht: Die Produkte seines Bauernhofs und seines Weinguts werden in seinem Gasthof und im Hofladen verkauft. So könnten es auch die Bergbauern machen, sagt Messner: "Speck, Käse und Milch direkt den Hoteliers anbieten." Im Gegenzug könnten diese ihre Gäste einladen, die Erzeugerhöfe zu besuchen, von denen Frühstücksei und -käse stammen.

So wie es etwa Petra Tappeiner vormacht, mit ihrem kleinen Biohof im Dorf Unsere Frau im Schnalstal. Sechs Hotels des Tales beliefert sie bereits mit ihren Produkten wie etwa dem würzigen Speck von den Halleschen Landschweinen – einer vom Aussterben bedrohten Rasse. Neben dem Hof betreibt sie eine Ferienwohnung, die im mit fast 700 Jahren ältesten Teil des Komplexes untergebracht ist. Einfach sei das nicht, sagt sie. Zu viele Hoteliers wählten noch immer den leichteren Weg "und kaufen für ihre Gäste lieber die billige H-Milch aus dem Supermarkt".

Bis heute schreibt die Gesetzgebung in Südtirol vor, dass kein Bauernhof mehr als vier Ferienappartements betreiben darf. Dass der Bergbauer nicht selbst am Hof schlachten darf, sondern die Tiere oft langwierigen, stressreichen Transporten in die öffentlichen Schlachthöfe aussetzen muss. Zu zaghaft seien die Bemühungen der Bauern nach mehr Selbständigkeit, sagt auch Reinhold Messner. Schuld daran sei das Land mit seiner Subventionspolitik, die zu Passivität geradezu erziehe. Richtig ereifern kann sich Messner bei diesem Thema. "Mit Dreschflegeln" müsse man "zur Regierung in Bozen marschieren", sagt der ewige Rebell, der mit seiner Beharrlichkeit allerdings schon die schwierigsten Projekte durchgesetzt hat.

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    • Schlagworte Reinhold Messner | Europäische Union | Italien | Nepal | Österreich | Alpen
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