Rio de Janeiro Rio, lass dich umarmen
Gefängnis und Weltruhm, Diktatur und Liebe – Rio de Janeiro hat dem Musiker Gilberto Gil alles gegeben. Nun dankt er es mit einer Liebeserklärung an seine wunderbare Stadt.
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Der Strand von Ipanema - die Menschen bewegen sich hier anders: eleganter, fließender
In Brasilien nennen wir Rio cidade maravilhosa , die wunderschöne Stadt. Und das ist sie. Wenn ich am Strand von Urca stehe und den Blick hinauf zum Zuckerhut richte, wenn ich auf dem Balkon in Gávea bin, wo mein Studio liegt, und den tropischen Urwald um mich herum sehe, wenn ich im Nationalpark der Tijuca-Berge spazieren gehe und die Apartment-Hochhäuser von Leblon, den Strand von Ipanema und die große Lagune dahinter überblicke, erlebe ich jedesmal mit eigenen Augen, wie einmalig diese Stadt ist. Wir haben Strände, Wolkenkratzer und Berge in unmittelbarer Nachbarschaft – kein Wunder, dass Rio die Menschen immer magisch angezogen hat.
Gilberto Gil (70) ist einer der wichtigsten Musiker Brasiliens. In den 60er Jahren begann er, Rockmusik mit traditioneller Folklore zu mischen, und wurde Vorreiter der "Tropicalismo"- Bewegung. Von 2003-2008 war er Kulturminister in der Regierung Lulas. Am 29. Juli stellt er in Berlin im Huxleys (Hasenheide 107) sein neues Album "Fé na Festa" vor.
Das war bei mir nicht anders. Ich stamme eigentlich aus dem Norden Brasiliens, aus Salvador. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Arzt, sie unterstützten früh meine Liebe zur Musik – und ließen mich 1958 zum ersten Mal nach Rio reisen, zusammen mit einem Musikproduzenten. Damals war ich 16 Jahre alt, der Produzent glaubte an mein Talent und wollte mich einigen Musikern vorstellen. Wir fuhren mit seinem Auto, eine lange Reise war das, über 1000 Kilometer. Ich weiß noch, wie überwältigt ich war, als wir endlich angekommen waren – überwältigt vom Lärm. In Rio lebten damals drei Millionen Menschen, heute sind es sechs. Überall fuhren Autos, Busse, Fahrräder, die Straßen waren voll, es roch nach Abgasen, man hörte Hupen, ununterbrochen schien hier das Leben zu brodeln. Das kannte ich aus Salvador nicht.
Und dann die Menschen auf den Bürgersteigen. Sie bewegten sich anders. Die Cariocas, die Einwohner Rios, gingen elegant über die Straße, sie schaukelten ihre Körper sacht hin und her, beinahe flossen sie über den Bürgersteig. Ja, das war das erste Mal, dass ich den berühmten Carioca-Gang sah. Ich erinnere mich, dass wir in Penha, der Zona Norte, dem Norden der Stadt, eine Sambaschule besuchten, und ich sah, wie der Tanz gelehrt wurde. Wir besuchten Studios in Downtown, das war damals das Zentrum der Stadt, ach, des ganzen Landes. Einmal gingen wir in einen Club an der Copacabana, ein kleines verrauchtes Lokal für Live-Musik, wir hörten Bossa Nova und Samba, der Raum war voller Menschen, ich sah Frauen, die mehr Ausschnitt und sogar Hosen trugen – was in Salvador selten war. Ich merkte, Rio ist modischer als alles, was ich bisher gesehen hatte.
Ich kann nicht behaupten, dass ich nach der Woche sofort Feuer und Flamme für die Stadt war. Aber ich hatte die Gewissheit, eines Tages zurückzukehren, eines Tages hier mit anderen Musikern zu arbeiten. Denn jeder, der sich in Brasilien einen Namen als Dichter, Sänger oder Schriftsteller machen wollte, ging nach Rio. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Und ich kam dann tatsächlich sechs Jahre später in die Stadt, um hier zu leben und zu arbeiten. Zuvor war ich kurze Zeit in São Paulo, aber Rio lag mir geistig näher, versprühte mehr Charme als die Geschäftsstadt im Hinterland. Rio war das Zentrum der Kulturschaffenden, andere Musiker wie Caetano Veloso und Tom Zé waren bereits hier, da musste ich einfach auch hin.
Zuerst lebte ich in Leblon, einem angrenzenden Stadtteil von Ipanema. Heute ist er sehr wohlhabend, in den 60er Jahren galt er als Wohngegend für die Mittelschicht. Ipanema und Copacabana waren die reichen Bezirke. Ich lebte mit meiner Frau in einem Hochhaus, in der sechsten Etage, in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern. Das war ein gutes Leben: Wir wachten nachmittags um zwei Uhr auf, aßen etwas, gingen dann an die Copacabana, trafen andere Musiker, redeten, dachten über neue Lieder nach, um neun Uhr abends gingen wir in eine Bar, zwei Stunden später in einen Club wie den Cul de Sac, wo jeden Abend Bands auftraten, und blieben dort bis in den frühen Morgen.
Das Großartige an Rio war und ist, dass man Menschen aus allen Teilen Brasiliens trifft: aus Bahia, São Paulo, Amazonien, Recife, aus dem Norden, dem Süden – und dass sich am Strand die sozialen Schichten mischen. In Ipanema haben wir heute den Favela-Strand neben dem Schwulenabschnitt, neben dem Strand für die Reichen. Es scheint beinahe so, dass am Meer alle gleich sind.
In den 60er Jahren war natürlich die politische Lage eine ganz andere als heute. 1964 putschte sich das Militär an die Macht, im Land herrschte eine Diktatur. Wir linken Musiker, die im Teatro Casa Grande in Leblon spielten, gehörten auf einmal zur Opposition. Wenn wir uns in Clubs trafen, diskutierten wir über Politik. Ständig fühlten wir uns beobachtet, überwacht und wie Dissidenten. Auf der Bühne wurde uns verboten, etwas gegen die Regierung zu sagen. Es war keine angenehme Situation, und sie verschärfte sich bis 1968 zunehmend.
- Datum 26.07.2010 - 18:17 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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