Rio de Janeiro Rio, lass dich umarmenSeite 3/3
© MARCELO SAYAO/EPA/dpa

Der Cristo Redentor, das Wahrzeichen der Stadt, wurde gerade renoviert
Insgesamt spürte man, wie die Stadt eine Aura verlor. Es lag Unruhe in der Luft. Jeder war unzufrieden. Die Taxifahrer klagten, dass Rio degradiert worden war, die Barkeeper redeten von einem Gefühl des Verlustes, und am Strand unterhielten sich die Cariocas darüber, wie schlecht alles war. Die Stadt begann sich zu beschweren. Die Menschen trauten sich langsam wieder, etwas zu sagen. Aber es dauerte noch bis 1985, bis freie Wahlen zugelassen wurden und das Militär endgültig verschwand.
In den frühen 80er Jahren gab es eine große Wirtschaftskrise, zur selben Zeit stieg Rios Einwohnerzahl rapide an, und die Reibungen zwischen den sozialen Schichten nahmen zu. In Brasilien unterscheiden wir zwischen vier verschiedenen Klassen, von A bis D, von der reichen Oberschicht bis zu den Ärmsten der Armen. Die A- und B-Klasse fingen an, sich vor den anderen zu schützen. Jeder Apartmentkomplex in Ipanema, Leblon oder Copacabana erhielt ein Tor, ein Gitter und einen Portier.
Denn zur selben Zeit nahm auch die Kriminalität zu. Die Favelas gab es schon immer, auch in den 50er Jahren, als ich zum ersten Mal Rio besuchte, aber erst in den 80er Jahren explodierte die Gewalt in den Armenvierteln. Sie wurden zu den Rückzugsgebieten der Drogenbosse und zum Ausgangspunkt für einen enorm angestiegenen Drogenkonsum.
Die Situation entspannte sich erst vor 15 Jahren. Die Stadtregierung begann, Downtown zu renovieren, das Nachtleben in Lapa ist seitdem explodiert, erst neulich habe ich meine Tochter in einem Nachtclub gesehen, als sie mit ihrer Band dort gesungen hat. Es ist nicht mehr so gefährlich wie früher, als man sich nachts nicht alleine auf die Straße traute.
Die Stadt begann auch, neue Gegenden städtebaulich zu erschließen. So zog ich nach São Conrado, in einen Stadtteil im Süden, der als das Miami von Rio gilt. Es ist eine typische A-Gegend, aber die Favelas sind gleich um die Ecke. Zum Beispiel Rocinha, die als größte Armensiedlung Lateinamerikas gilt. Hier sollen bis zu 250 000 Menschen leben, auch meine Köchin wohnt dort. Wenn ich Zeit habe, fahre ich sie nach Hause oder hole sie ab. Für mich ist das völlig ungefährlich. Jeder kennt mich, jeder schätzt mich. Die Kinder rennen auf die Straße, rufen meinen Namen und fragen mich laufend: Gilberto, Gilberto, wann spielst du mal wieder ein Konzert für uns?
Auch wenn São Conrado am Meer liegt, bade ich nicht dort. Mein Lieblingsstrand bleibt Ipanema – und zwar der Posto Novo, der Schwulenstrand. Warum? Es ist immer lustig da, die Menschen sind sehr umgänglich, und das Essen der fliegenden Händler ist besser als anderswo am Strand. Wenn die Jungs mit mir reden, sagen sie oft: Gilberto, lass dich umarmen. Das ist ein Zitat aus einem bekannten Lied von mir. Und mir schmeichelt es natürlich, wenn die Menschen meine Musik noch im Kopf haben.
Am Strand kann man sehr gut sehen, was noch wichtig für Rio ist: der Sport. Abends joggen Tausende an den Stränden entlang, die Jungs spielen Fußball, Volleyball oder Footvolley unter Flutscheinwerfern. Wir Brasilianer sind große Fußballfans und freuen uns über die Weltmeisterschaft in unserem Land 2014. In der Zwischenzeit unterstütze ich meinen Verein, das Team von Fluminense. Der Name steht für die Menschen, die im Bundesstaat Rio leben. Der Verein ist der zweitgrößte der Stadt und beliebt in der Mittelklasse.
Rio ist wieder eine lebendige, lebenswerte und immer noch modische Stadt. Nur eines nervt mich: In Brasilien haben die Cariocas den Ruf, faule Menschen zu sein, weil sie ständig am Strand liegen. Das ist ein böses Klischee, das aus dem Süden kommt, aus São Paulo. Das ist genauso blöd wie das Vorurteil, noch fauler als die Cariocas seien nur die Menschen aus Salvador. Die hätten nur Strand und Karneval im Kopf. Ich lebe in beiden Städten. Bin ich also der faulste Brasilianer? Mit meinen über 70 Jahren gehe ich immer noch auf Tournee. Aber so ist das wohl: Gegen Vorurteile kann man nichts ausrichten.
Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 25. Juli 2010
- Datum 26.07.2010 - 18:17 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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