Trentino Klassik am GletscherSeite 2/2

Manche der Aufführungsorte eignen sich nur für geübte Wanderer

Manche der Aufführungsorte eignen sich nur für geübte Wanderer

Auch andere Wanderer haben sich auf den Weg zur Alm Malghet gemacht, niemand hier wundert sich über das luftig gekleidete Musikertrio. Die Herren aus New York tragen robuste Sandalen und Shorts. Als später der rote Feuerwehrwagen an ihnen vorbeirumpelt, winken die Musiker mit einem breiten Grinsen.

Natürlich hätten sie auch mitfahren können. Aber bei I Suoni delle Dolomiti, sagt Dave Douglas, während er sich die Schweißtropfen von der Stirn wischt, sei der mühsame Aufstieg Teil der Veranstaltung. "Die erhabene Kulisse, der man sich Schritt für Schritt annähert, ist eine gute Einstimmung. Sie macht demütig."

Für die Region ist das Festival ein wichtiges Ereignis. Wie andere Bergregionen leidet auch das ländliche Trentino unter einem anhaltenden Bevölkerungsschwund. Das Wirtschaften im alpinen Gelände ist schwierig. Weil es in den Städten Arbeit gibt und ein bequemeres Leben lockt, harren in vielen Dörfern nur mehr ein paar resignierte Alte aus. Zweck der Konzertreihe sei es daher, die Menschen auf die Schönheit der heimischen Berge aufmerksam zu machen, um den Tourismus anzukurbeln.

Seit dem Beginn 1995 klettern die Besucherzahlen kontinuierlich nach oben. Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 50.000 Musikliebhaber. Etwa die Hälfte davon sind Italiener, der Rest reiste aus dem benachbarten Ausland an. Die Musiker stammen aus den verschiedensten Ländern, neben Klassik gibt es beim Festival, das noch bis Ende August dauern wird, Jazz- und Ethnomusik. Das Dave Douglas Trio Sentiero mit Jazz und Countrymusik bildet einen der Höhepunkte des diesjährigen Programms.

Das Dave Douglas Trio Sentiero auf der Alm

Das Dave Douglas Trio Sentiero auf der Alm

Um 14 Uhr beginnt das Konzert – bis zum Abend brauen sich im Gebirge oft Gewitter zusammen, spätestens dann sollen alle heil zurück bei ihren geparkten Autos sein. Das Publikum hat sich inzwischen auf der Wiese rund um das Zelt versammelt. Es sind etwa 400 Leute da, darunter etliche Familien mit Kindern, die es sich auf mitgebrachten Decken gemütlich machen.

Der Himmel ist wolkenlos. Einige haben ihre Wanderstöcke in den Boden gerammt und Kleidungsstücke als Sonnensegel dazwischen gespannt. Andere tragen Bikini oder Badehose und liegen auf ihren Handtüchern, als hielten sie ein Nickerchen im Freibad. Brotdosen und Trinkflaschen liegen im Gras. Einige Paare tanzen.

Den Kochkünsten seiner Frau, erklärt Dave Douglas, sei das Stück Chicken Dance gewidmet – ein Kerl mit rot gebranntem nacktem Oberkörper und ziemlich tief sitzender Jeans dreht sich dazu im Kreis, während er mit seiner Fußspitze den Takt klopft. Es herrscht eine lockere Atmosphäre bei diesem Freiluftkonzert.

Dave Douglas und sein Team tragen aus Angst vor einem Sonnenbrand mittlerweile lange Hosen, die gewechselten Hemden sind schon wieder völlig durchgeschwitzt. Es riecht nach Sonnencreme und Kuhfladen.

Es käme ihr sonst nie in den Sinn, in die Berge zu steigen, beteuert eine Dame aus Verona im Designeroutft. Aber dank I Suoni delle Dolomiti erkenne sie endlich, wie schön die Dolomiten sind. Ein Mann mit ergrauten Rastalocken und selbst gedrehter Zigarette im Mundwinkel, fühlt sich hingegen an Woodstock erinnert.

Etwas Wildes hat das Konzert unter senkrechten Felswänden tatsächlich. Denn unmerklich türmten sich am Himmel dramatisch finstere Wolkengebirge auf. Es weht ein bissiger Wind. Damit er den Musikern nicht das Dach über dem Kopf fort bläst, haben sich Chiara Basetti und drei andere auf die Zeltstangen gestürzt, die sie nun am Boden hockend zwischen den Knien festhalten.

"Kein Problem, wir spielen einfach schneller", sagt Dave Douglas augenzwinkernd und schmettert dann mit steil emporgereckter Trompete ein Stück aus Mountain Passages – eine Komposition, zu der ihn vor einigen Jahren die Dolomitenlandschaft inspiriert haben soll.

Zum Glück hat der Wettergott schließlich doch ein Einsehen. Das Gelände um die Malga Malghet bleibt trocken an diesem Sommernachmittag. Am Abend, kaum sind die Letzten weg, lässt Sergio, der Pachtbauer, seine Kühe wieder frei. Nun erfüllt ihr monotones Glockengebimmel die Luft rings herum. Bis zum Almabtrieb im Herbst, kurz bevor der erste Schnee fällt, wird das hier der vorherrschende Ton bleiben.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein wunderbares Festival; ein wahrlich atemberaubendes Natur- und Klangerlebnis.
    Hier geht's zur offiziellen Seite: http://www.isuonidelledol...

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