Wie klingelt man an einem Schloss? Wer zum ersten Mal zu Besuch nach Ardblair Castle im schottischen Bezirk Perthshire kommt, steht vor weißen Mauern und einem massiven, hölzernen Tor. Es gibt kein Namensschild, keinen Briefkasten. Nur eine betagte Metallglocke. Die ist groß genug, um einen Angriff einzuläuten, aber ungeeignet um höflich zu signalisieren: Besuch ist da.

Ein vorsichtiges Ziehen. Es scheppert gewaltig. Der Schlossherr, Laurence Philip Kington Blair Oliphant of Ardblair and Gask kommt um die Ecke und winkt. Sein langes, weißes Haar hat er zu einem Zopf gebunden, der Bart hängt ihm bis über die Rippen. Er deutet auf einen Nebentrakt mit moosbewachsenem Dach – früher vermutlich die Ställe. Neben dem Briefkasten ist dort auch ein Namensschild angebracht. Und eine Klingel. "Wir benutzen das Tor nie", sagt Laurence Blair Oliphant. Er zupft verlegen an seiner Bundfaltenhose. "Das ist meine Arbeitskleidung."

Normalerweise trägt der Schlossherr Kilt. Der 65-Jährige mit dem langen Namen ist Schotte aus Überzeugung. Wer etwas über das Land und seine Geschichte lernen will, ist bei ihm richtig – er hält die Traditionen hoch, als wäre er der letzte seiner Art. Jedes Jahr im Spätsommer richtet er als Chieftain – Oberhaupt des Blair-Clans – für das bei Ardblair Castle gelegene Städtchen Blairgrowie die Highland Games aus. Die Spiele sind eine Mischung aus Bundesjugendspielen für Schwergewichtler, Hüpfburgen und Bierzelten und ein wichtiger Bestandteil der schottischen Kultur.

Die Kinder Charlie, Amelia und Philippa sitzen mit Mutter Jenny beim Abendessen in der Küche. Einer Küche, in der nichts daran erinnert, dass man sich auf einem Schloss befindet – außer ihre Größe. Und auch die Familie wirkt trotz des Highlander-Vaters ziemlich normal. Angesprochen auf das Aussehen ihres Vaters gibt Amelia zu: "Einmal habe ich mich geschämt, als er mich von der Schule abgeholt hat – er trug ein neonfarbenes Snoopy-Shirt." Laurence Blair Oliphant stellt zwei Flaschen auf den Tisch. "Was trinkt ihr zum Essen?" In beiden Flaschen ist Whisky.

Sohn Charlie, der die Statur eines Wrestlers hat, bleibt lieber bei Milch. "Was machen wir mit der Wiese?" Die Erhaltung des Schlosses inklusive der Antiquitäten kostet Geld und unrentables Land kann sich die Familie nicht leisten. Die Wiese, um die es geht, liegt dicht bei Blairgrowie und ist im September Austragungsort der Highland-Games.

Ursprünglich waren die Spiele, die den ganzen Sommer lang überall im Land stattfinden, Treffen der Clans. Familienmitglieder und Pächter reisten über weite Distanzen an, um sich wiederzusehen. Es wurden Hochzeiten arrangiert und man schwor den Clanchefs Treue, während die Krieger in Wettbewerben ihr Können demonstrierten: Im Baumstamm-Werfen, im Laufen, aber auch im Tanzen.

Mittlerweile sind die Spiele Volksfeste. Wenn die Highland Games in Blairgrowie stattfinden, ist der Chieftain voll involviert. "Ich eröffne das Fest und gehe danach mit Jenny von Stand zu Stand." Jenny fügt hinzu: "Es ist wichtig für die Menschen, dass wir anwesend sind." Ihr Mann schenkt Whisky nach. "Und wir öffnen das Schloss für Besichtigungen. Jenny und ich haben einen Wettbewerb am Laufen: Wer schafft die Führung in weniger als 15 Minuten?"

Für alle, die sich dem Clan Blair zugehörig fühlen, ist Laurence Blair Oliphant eine Symbolfigur. Auch für die Exil-Schotten, die in den USA oder Australien leben, aber an ihren Wurzeln festhalten. Sein Aussehen spielt dabei sicher eine fast so wichtige Rolle wie seine Familiengeschichte: Er trägt die historische schottische Tracht, die sich von modernen Kilts so stark unterscheidet wie ein strassbesetztes Mini-Dirndl von den Kleidern bayerischer Frauen im 18. Jahrhundert.

Trotz Schloss und Titel ist Blair Oliphant aber in erster Linie Bauer. Gegenüber des Schlosses stehen die Pferde der Pächter auf der Weide, in einem Waldstück erforschen Biologen seltene schottische Pflanzen. Das ehemalige Kutschenhaus ist zur Ferienwohnung umgebaut. Die Gäste müssen damit rechnen, dass ihnen der Schlossherr mit wehendem Bart auf dem Traktor die Landstraße entgegengefahren kommt. Die Kinder sind in sämtliche Abläufe auf dem Schloss involviert. Genau wie ihr Vater sind sie nach dem Studium auf den Familiensitz zurückgekommen und kümmern sich um Haus (Philippa), Hof (Charlie) und Erforschung der Familienhistorie (Amelia). Amelia sieht in die Runde. "Wer kommt mit in den Pub?"

Der Single Malt zum Abendessen ist nur eine der vielen schottischen Traditionen, an denen die Familie festhält. Genau wie der gemeinsame Pub-Besuch am Wochenende. In der Kneipe hängt ein Fernseher. Es läuft ein Musikvideo von Britney Spears. Amelia erhebt ihr Glas, um einer Bekannten zuzuprosten. Ihre Hand beschreibt dabei einen kleinen Kreis über dem Wasserglas ihres Vaters: "Auf den König."