Hoch in den Bergen im Westen der Provinz Sichuan schlage ich mich durch das Bambusdickicht. Ich bin auf der Suche nach einer uralten Handelsroute. Die legendäre Teestraße war noch vor 60 Jahren, als man sich in Asien meist zu Fuß und zu Pferd fortbewegte, die wichtigste Verbindung zwischen China und Tibet. Plötzlich öffnet sich vor mir ein mit Feldsteinen gepflasterter Steig hinauf in den Wald. Manche Steine sind voller Löcher. Die Vertiefungen stammen von den Metallspitzen der Stöcke, die den Trägern viele Hunderte von Jahren als Stützen dienten.

Ich hoffe, dass ich irgendwann den Ma’an Shan überqueren kann, einen hohen Pass zwischen Ya’an und Kangding. Ich muss mir aber schließlich eingestehen, dass der Pfad zumindest hier für immer verschwunden ist. Tatsächlich existiert sogar ein Großteil der ursprünglichen Route nicht mehr. China stürzt sich ohne Rücksicht auf Verluste in die Gegenwart und schüttet seine Vergangenheit so schnell wie möglich zu.

Bevor die Teestraße planiert oder völlig ausgelöscht wird, will ich herausfinden, was von diesem einst berühmten, heute so gut wie vergessenen Pfad noch geblieben ist. Der alte Handelsweg verlief einst über fast 2250 Kilometer von Ya’an im Teeanbaugebiet der Provinz Sichuan bis nach Lhasa, der Hauptstadt von Tibet in fast 3650 Meter Höhe.

Dieser Pfad, eine der beschwerlichsten Routen Asiens, stieg aus Chinas grünen Tälern hinauf in das windgepeitschte tibetische Hochland. Er verlief durch die eiskalten Flüsse Jangtsekiang, Mekong und Saluen, schwang sich über den geheimnisvollen Gebirgszug Nyenchen Thanghla hinauf auf vier mörderische, 5000 Meter hohe Pässe und führte schließlich hinunter in Tibets heilige Stadt.

Diese Frau transportiert den Tee auf traditionelle Art: als Teerollen. Jede Rolle wiegt mehr als neun Kilo © Michael Yamashita

Der Westabschnitt des Weges wurde häufig von Schneestürmen verweht, die Oststrecke von sintflutartigen Regenfällen verwüstet. Überall drohte Gefahr von Banditen. Dennoch wurde die Teestraße über Jahrhunderte stark genutzt – obwohl sich die Kulturen an beiden Enden verachteten (und es noch immer tun). Sie existierte, weil beide Seiten den Handel wollten. China besaß einfach etwas, das Tibet haben wollte: Tee. Und Tibet etwas, das China brauchte: Pferde.

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Heute lebt die Route fort in der Erinnerung von Männern wie dem 92 Jahre alten Luo Yongfu. Ich begegne ihm im Dorf Changheba, das für einen Teeträger zehn Tage Fußmarsch westlich von Ya’an liegt. Luo hat von 1935 bis 1949 Tee nach Tibet getragen. Die Lasten brachten 60 Kilo oder mehr auf die Waage. Er selbst wog damals 51 Kilo. "Die Strecke war schwierig", sagt Luo, und "es war eine schreckliche Schinderei."

Luo hat den Ma’an-Shan-Pass, den ich erreichen möchte, immer wieder in beide Richtungen überquert. Im Winter lag der Schnee dort einen Meter hoch. "1966 hat es zum letzten Mal jemand geschafft, den Pass zu bezwingen", sagt Luo. Durch die Zeitzeugenberichte beginne ich zu verstehen, wie es auf dieser Route gewesen sein muss.