China Wie der Tee nach Tibet kamSeite 3/3
© Michael Yamashita

Auf dem Weg nach Lhasa werfen sich Pilger nach jedem dritten Schritt zu Boden. Diese Familie ist seit Wochen unterwegs
So wie Chinas Dynastien den Handel in Sichuan regulierten, wurde er im hierokratischen Tibet von Klöstern beeinflusst. Die Teestraße hieß dort gyalam und verband bedeutende Tempel miteinander. Im Laufe der Zeit wurden die Wegstrecken durch Machtkämpfe in China und Tibet verändert. Es gab drei Hauptrouten: eine aus Yunnan im Süden, wo der Pu-Erh-Tee beheimatet ist, eine aus dem Norden und eine aus dem Osten, die durch Tibets Zentrum führte. Da es die kürzeste war, wurde auf ihr der meiste Tee transportiert.
Heute ist die Nordroute, die Nationalstraße 317, asphaltiert. Vor Lhasa verläuft sie parallel zur Bahnstrecke Qinghai–Tibet, der höchstgelegenen Zugtrasse der Welt. Die Südroute, die Nationalstraße 318, ist ebenfalls asphaltiert. Auf diesen Fernstraßen fahren heute Lastwagen, die alle erdenklichen Waren transportieren. Die Westhälfte der mittleren Route wurde nie asphaltiert. Es ist der Pfad, der sich durch den tibetischen Hochgebirgszug Nyenchen Thanghla windet, ein dermaßen unwirtliches Gebiet, das vor Jahren einfach verlassen wurde. Für Fremde ist die Gegend gesperrt.
Um auch nach diesem Streckenabschnitt zu suchen, rufe ich meine Frau Sue Ibarra an – eine erfahrene Bergsteigerin – und bitte sie, im August nach Lhasa zu kommen. Wir beginnen unsere Reise am Kloster Drepung am Westende der Teestraße – weniger als einen Tagesritt von Lhasa entfernt. Es wurde 1416 erbaut und hat eine höhlenartige Teeküche, die gyakhang. Sieben Eisenkessel mit einem Durchmesser von bis zu drei Metern sind in einen mit Holz befeuerten Steinherd eingelassen.
© Michael Yamashita

Die Gerüche von Tee und Butterlampen durchziehen die tibetischen Klöster. Die Mönche konsumieren das Getränk, um beim Meditieren wach zu bleiben
Phuntsok Drakpa steht über einem der Kessel und schneidet dicke Yakbutterscheiben in den dampfenden Tee. "Hier lebten einst 7700 Mönche, die haben zweimal am Tag Tee getrunken", sagt er. "Mehr als hundert Mönche haben damals in dieser Teeküche gearbeitet." Drakpa, ist seit 14 Jahren Teemeister im Kloster. "Für tibetische Mönche", sagt er, "bedeutet Tee Leben."
Heute wohnen nur noch 400 Mönche im Kloster, und nur zwei kleine Kessel sind in Gebrauch. "Für einen kleinen Kessel braucht man 25 Teeziegel, 70 Kilo Butter und drei Kilo Salz", sagt Drakpa und rührt die Mischung für 200 Personen mit einem Holzlöffel um, der so groß ist wie ein Mensch. "Für den größten Kessel haben wir siebenmal so viel gebraucht."
Vom Kloster brechen Sue und ich Richtung Norden auf. Unser Ziel ist Nagchu, fünf Autostunden von Lhasa entfernt. Dort findet alljährlich ein Reiterfest statt. Das Pferdefest von Nagchu ist eine der wenigen erhalten gebliebenen Veranstaltungen, mit denen die tibetische Reitertradition gefeiert wird. Die Tibeter haben durch Züchtung im Laufe der Jahrhunderte eine erstklassige Rasse hervorgebracht, das Nangchen-Pferd. Die Tiere sind nur etwa 1,40 Meter groß, haben feine Gliedmaßen und vergrößerte Lungen, die an das Leben im 4500 Meter hoch gelegenen, sauerstoffarmen Hochland angepasst sind. Die Nangchen ermüden nicht auf verschneiten Pässen und sind trittsicher. Diese Pferde waren schon vor Jahrhunderten bei den Chinesen heiß begehrt.
Heute liegt Nagchu an der modernen Nationalstraße 317, der ausgebauten nördlichen Route der Teestraße. Alle Spuren des alten Handelswegs sind verschwunden. Doch nur eine Tagesfahrt südöstlich, verlockend nah, liegt der Hochgebirgszug Nyenchen Thanghla, über den die Route einst verlief. Bei Einbruch der Nacht erreichen wir Lharigo, ein Dorf zwischen zwei gigantischen Pässen, das einst als Raststation an der Teestraße diente. Heimlich gehen wir von Haus zu Haus und suchen nach Pferden, die uns auf den 5412 Meter hohen Nubgang- Pass tragen können. Es gibt keine. Gegen Bezahlung bieten uns zwei Männer an, uns zum Fuß des Passes zu bringen; von dort aus müssen wir auf Schusters Rappen weiter.
Die Cowboys gehen mit ihren Maschinen so geschickt um wie ihre Vorfahren mit dem Pferd. Für die 29 Kilometer bis Tsachuka, einem Nomadencamp am Fuß des Nubgang-Passes, brauchen wir fünf Stunden. Zu unserer großen Freude ist der Weg deutlich erkennbar, wie ein steiniger Pfad in den Alpen.
In Serpentinen geht es über Wiesen bergauf; überall grasen Yaks mit langen Hörnern. Es ist deutlich zu sehen, dass der sattelförmige Nubgang-Pass aufgegeben wurde. Als wir am folgenden Morgen vom Pass zurückkommen, warten unsere Motorcowboys schon auf uns. Wir machen uns auf die lange Fahrt wieder bergab. Zu Mittag halten wir an zwei Nomadenzelten. An jedem Zelt hängt ein Sonnenkollektor, auf der Wiese parken zwei Motorräder, ein Lastwagen und ein Geländewagen. Die Nomaden laden uns auf einen heißen Yakbuttertee ein. Ich frage die Männer, wovon sie sich ihre Fahrzeuge leisten können. Sie grinsen breit, aber das Gespräch schweift ab.
Später holt der Hausherr eine blaue Metallkiste hervor. In der Kiste liegen hunderte tote Raupen. "Jartsa gunbu", sagt er stolz. Jede getrocknete Raupe, erklärt er, bringt zwischen drei und acht Euro. In dieser Kiste mit dem Vorhängeschloss befinden sich Raupen im Wert von schätzungsweise 8000 Euro.
Jartsa gunbu – in China chong cao genannt – ist eine von Parasiten befallene Raupe, die nur in Graslandschaften in mehr als 3000 Meter Höhe lebt. Überall in Asien wird chong cao in Geschäften mit chinesischen Arzneien als Allheilmittel verkauft. Die Raupen der höchsten Qualität werden in klimatisierten Glasvitrinen ausgestellt und für fast 65 Euro das Gramm verkauft, das ist etwa doppelt so viel wie der momentane Preis für Gold. Unterwegs in der Hochebene fällt mir die Ironie des neuen Handels an der alten Teestraße auf. So wie Tee noch immer aus den Anbauregionen Chinas kommt, findet man chong cao nur in der tibetischen Hochebene. Heute sind die Chinesen bereit, für die magischen Raupen ebenso teuer zu bezahlen wie einst für die tibetischen Pferde.
Gekürzte Fassung. Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von National Geographic Deutschland.
- Datum 23.07.2010 - 17:28 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, National Geographic
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