Griechenland Chios auf grünen Wegen
Auf der griechischen Insel Chios sollen Ökotourismus-Angebote den Tourismus ankurbeln. Die Ideen sind vielversprechend, doch die Macher wünschen sich mehr Unterstützung.

Chios ist die fünftgrößte Insel Griechenlands. Vom Tourismus ist sie noch wenig berührt
Das Licht wird schon weicher und die Luft kühler, als die kleine Gruppe im mittelalterlichen Dorf Mestá im Süden von Chios aufbricht. Jeden Dienstagabend von 18 bis 20 Uhr geht es mit Vassilis Ballas aufs Feld. Auf der weiten Ebene bei Mestá stehen kleine immergrüne Mastix-Bäume so weit das Auge reicht. Sie prägen die Landschaft.
Die Pistazienart wächst rund ums Mittelmeer. Aber nur hier, im Süden von Chios, sondern die Bäume ein wertvolles Harz ab, das schon seit der Antike weltweit begehrt sei, sagt Vassilis und streicht fast zärtlich über einen der knorrigen Stämme. Mastix wird zur Herstellung von Parfüm, Klebstoff und Flugzeugreifen genutzt. Es wird zu Kaugummi, Gebäck, Likör, Schnaps, Zahnpasta und Cremes verarbeitet. Und es soll gegen Magengeschwüre und Zahnschmerzen helfen.
Vassilis´ Augen leuchten, wenn er von der Einzigartigkeit des Baumharzes schwärmt. Früher waren er und seine Frau Roula erfolgreiche Webdesigner in Athen. Vor vier Jahren kamen die beiden heute 35-Jährigen nach Chios, um Urlaub zu machen. Sie waren fasziniert von der fünftgrößten griechischen Insel, die vom Massentourismus verschont geblieben ist. Sie gaben ihre gut bezahlten Jobs in Athen auf, wurden Mastix-Farmer auf Chios und eröffneten später die erste Öko-Reiseagentur der Insel.
Die Mastix-Ernte – für sie ein mühsamer Lernprozess. Denn die Bäume sind eigenwillig und sensibel. Nur wer sie richtig behandelt und Geduld hat, bekommt einen guten Ertrag. Sie mögen keinen Dünger, die Ernte lässt sich nicht beschleunigen. Es ist nach wie vor mühsame Handarbeit.
Wer mit Vassilis aufs Feld geht, kann das selbst probieren, je nach Jahreszeit entweder beim Einritzen der Bäume oder beim Einsammeln und Reinigen des kostbaren Harzes. Eine Wissenschaft für sich: Vier bis fünf Millimeter tief müssen die vertikalen Schnitte in die Rinde sein, nicht mehr und nicht weniger. Nur dann sondern die Bäume die wertvollen Harztropfen ab, genannt auch die "Tränen von Chios".
- Anreise
Mit Aegean Airlines (von fast allen deutschen Flughäfen aus) oder Germanwings (von Stuttgart und Düsseldorf) nach Athen, von Athen mit Aegean Airlines (2-3 Mal täglich) oder Olympic (3 Mal täglich) nach Chios (Flugzeit ca. 40 Minuten).
Oder: Mit Aegean Airlines, Air Berlin, Germanwings oder Tuifly nach Thessaloniki, von Thessaloniki mit Astra Airlines (1 Mal täglich) nach Chios.
Oder von Athen aus weiter mit der Fähre (Fahrzeit 6 Stunden).- Unterkunft
In Mestá (Süden der Insel): Pipidis Traditional Houses (in Häusern aus dem 16.Jahrhundert), für 2-6 Personen, 60 - 80 Euro pro Apartment. Telefon 0030 22710 76029
Im Kampos (Areal mit vielen Herrenhäusern in Hauptstadt-Nähe, mit "Toskana Flair"): Perleas Mansion, Vitiadou Str., Kambos 82100 Chios. Telefon 0030 22710 32217 und 32962, www.perleas.gr Doppelzimmer je nach Saision 75 - 120 Euro.
In Volissos (Norden der Insel): Sanierte Steinhäuser mit schönem Blick für 2-7 Leute: Ta Petrina, Volissos, 82103 Chios. Telefon 0030 22740 21128, Homepage: www.tapetrina.gr E-Mail: tapetrina@tapetrina.gr, tapetrina.uk@virgin.net Preise je nach Saison und Größe 490 - ca. 1000 Euro pro Woche.
- Ausflüge und Auskunft
Traditionelle Unterkünfte auf der gesamten Insel auch buchbar über: www.masticulture.com Kontakt: Tel. 0030 22710 76084 (sie haben rund 100 verschiedene Unterkünfte im Angebot. Masticulture ist auch die zentrale Kontakt-Adresse für Wanderungen, Touren und andere Auskünfte).
Im Herbst sortieren die alten Frauen vor den Häusern das Mastix und bieten den Besuchern gerne eine "Träne" zum Probieren an. Es schmeckt gewöhnungsbedürftig – nach Zahnarzt und reichlich zäh. Schon mancher hat eine Plombe in Mestá gelassen.
"Es war wie angekündigt, nur besser! Mit viel Liebe, Spaß und profundem Wissen hat uns Vassilis in die hohe Kunst des Mastix-Anbaus eingeführt. Danke!", schrieben Wilma und Harald aus Korschenbroich nach einer Mastix-Tour ins Gästebuch. Darin haben sich Gäste aus aller Welt verewigt, von Australien bis Schweden, von den USA bis Deutschland.

Die Felsen der Heiligen Markella sind eine der Sehenswürdigkeiten der Insel
Die Gäste wohnen während ihrer Ferien in den gut erhaltenen mittelalterlichen Mastix-Dörfern wie Mestá, Pyrgi oder Olymbi in sanierten Steinhäusern, zurück versetzt in eine andere Zeit, aber mit modernem Komfort. Oder in aufwändig restaurierten historischen Herrenhäusern in der fruchtbaren Kampos-Ebene in der Nähe der Insel-Hauptstadt, die zu kleinen, familiären Hotels umgewandelt wurden. Sie liegen inmitten von weitläufigen Zitrus-Plantagen, bieten Bio-Lebensmittel aus eigener Produktion und Toskana-Flair.
Immer gilt: Kontakt zu den Einheimischen ist ausdrücklich erwünscht. Viele ausländische Gäste seien zurückhaltend, trauten sich nicht, auf die Bewohner der Insel zuzugehen, sagt Vassilis. Das sei schade, ändere sich aber spätestens, wenn der örtliche Tanzlehrer erscheine. Er habe bisher noch jedem die Grundzüge der örtlichen Tänze beigebracht, des syrto und des hasaposerviko. Danach sollten die Gäste zumindest in der Lage sein, bei den vielen Dorffesten nicht unangenehm aufzufallen, sagt Vassilis. Und grinst.
Er und seine Frau wollen den Besuchern nicht nur die Natur, sondern auch die Traditionen und die Kultur der Insel nahe bringen. Damit liegen sie im Trend: Man müsse das Tourismus-Konzept überdenken, sagte der griechische Tourismusminister Giorgos Nikitiadis kürzlich, gerade jetzt, in Zeiten der Krise. Ziel sei es nicht, mit Billig-Angeboten zu locken, wie die benachbarte Türkei. Es gehe vielmehr um Qualität und darum, mehr alternative Angebote zu entwickeln, "grünen" Tourismus anzubieten.
Doch die Rahmenbedingungen dafür sind noch schwierig – nicht nur für Vassilis und Roula. Kurz nach der Eröffnung ihrer Öko-Reiseagentur bekamen sie mehrere Auszeichnungen nacheinander. Aber bis heute kämpfen sie mit dem "Bürokratie-Monster", wie sie es nennen. Es gebe zwar ein großes Potenzial für Ökotourismus in Griechenland, sagt Vassilis. Aber noch keinen geregelten Markt und keinen klaren gesetzlichen Rahmen. Trotzdem gebe es immer mehr kleine Anbieter.
Vassilis und Roula versuchen, vernetzt zu arbeiten mit anderen, die auf Chios einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Sie kennen einige. Gerade machen sich Freunde von ihnen im Nordteil der Insel mit einer Agentur für Ökotourismus selbstständig, auch ein Öko-Weingut entsteht dort.
Ihr Bekannter Giorgos Chalatsis dagegen ist schon lange dabei und hat viel Überzeugungsarbeit bei den örtlichen Behörden geleistet. Er erschließt alte Wanderwege der Insel neu, führt Gruppen und will demnächst einen Wanderführer mit detaillierten Karten heraus bringen. Wandern – das war noch vor fünf Jahren überhaupt kein Thema auf Chios, sagt er. Wenn er selbst zu Fuß unterwegs gewesen sei, sei er mitleidig angeschaut worden und gefragt, ob er kein Auto besitze. Das habe sich geändert.
Ganze 130 Strecken hat Giorgos schon ausgegraben, buchstäblich. Zusammen mit anderen legt er in mühsamer Handarbeit die alten Wege wieder frei. Rund 30 sind derzeit begehbar, es sollen noch mehr werden.

Ein Pistazienbaum. Der Mastix auf Chios ist eine besondere Art, die der Insel wegen ihres Harzes im Mittelalter zu Reichtum verhalf
Beim Reeder-Ort Vrondados zeigt Giorgos seinen Wandergruppen einen 3000 Jahre alten historischen Trail. Beim kleinen Ort Lithi im Westen der Insel beginnt ein alter gepflasterter Weg, der mit vielen verschiedenen Ausblicken bis ans Meer hinunter führt, Sonnenuntergang inklusive. Er stammt aus der Zeit der osmanischen Herrschaft.
Im Frühjahr können Besucher bei speziellen Wanderungen die über 70 verschiedenen Orchideenarten der Insel bestaunen. Und wer fit und schwindelfrei ist, kann mit Giorgos in den wilden Berglandschaften im Norden der Insel den fast 1300 Meter hohen Pellineo besteigen, sich auf Wunsch hinterher massieren lassen oder an einer der vielen unverbauten Buchten der Insel entspannen.
Auch Schüler bringt Giorgos zum Wandern. Ausflüge, bei denen die Kinder nur im Bus sitzen – das war früher auf Chios üblich und dem ehemaligen Lehrer ein Dorn im Auge. Vor vier Jahren bot er den Schulen der Insel Wanderungen an, über 5500 Schüler hat er inzwischen schon zu Fuß durch die Natur geführt. Es sollen noch mehr werden, gerne auch ausländische Kinder und Jugendliche.
Auch Vassilis und Roula wollen ihr Angebot ausdehnen. Sie überlegen, in den Wintermonaten Canyoning und Klettertouren mit örtlichen Führern wie Giorgos anzubieten. Und sie wollen ihre Ökotourismus-Pakete auf die Nachbar-Inseln und nach Nordgriechenland exportieren. Auch wenn dann sicherlich erst einmal wieder das griechische "Bürokratie-Monster" zuschlage, sagt Vassilis. Aber das sieht er als Herausforderung.
- Datum 31.08.2010 - 07:23 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Es gäbe noch so viel mehr zu sagen über die Insel, auf der ich seit mehr als sieben Jahren lebe, und auch meine Augen leuchten immer, wenn ich über Chios berichte. Oder über die Menschen hier. Oder über die harte, aber befriedigende Arbeit in den Mastixfeldern. Oder von den langen Wanderungen auf der Suche nach Orchideen, wilden Kräutern oder alten Steinen. Oder von der genügsamen Lebensweise, die so gar nicht passen will zur globalisierten, hektischen Lebensart anderswo.
Aber dazu müsste man vielleicht in der Abenddämmerung mit parea am Strand von Gridia oder unter den Pinien auf dem Berg des Klosters von Agios Trifonas sitzen, einen Ouzo trinken oder zwei, dem Mond zuschauen, der über der Türkei aufgeht, den Duft der Mastixbäume in der Abendfeuchte riechen und so einfach das Leben Leben sein lassen, damit man begreift, was an dieser Insel so wunderbar ist.
Es ist nicht nur die Bürokratie, die den Öko-Tourismus hemmt; die Chioten selbst wollen auch nur bedingt den Tourismus - und Recht haben sie. Es wäre ja schön, wenn nur Touristen kämen, die Interesse an der Kultur, der Natur, dem Leben, den Menschen, den Gebräuchen usw. zeigten. Da wären die Chioten immer bereit, sich und ihre Häuser zu öffnen und all ihre Gastfreundschaft zu zeigen. Leider gibt es allerdings viele, deren Interesse über Sonne, See, Strand und Moussaka nicht hinausreicht - und zum Glück ist den meisten dafür Anreise und Verbleib auf dieser Insel einfach zu teuer. Trotzdem: Ich kenne Vassili und hoffe, dass er mit seinem Konzept viele neue, interessierte Touristen ansprechen kann. Erst wenn man sich der Insel öffnet, lernt man ihre Magie wirklich kennen.
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