Und schon ist er wieder vorbei, der Urlaub. Dieses Gefühl der Tiefenentspannung möchte bewahrt werden, irgendwie. Gerade weil die nächsten Sommerferien noch ein ganzes Jahr entfernt sind.

Die Hundertschaften an Digitalphotos, die meist ungesehen, unsortiert, unbenannt und vor allem unausgedruckt bleiben, können da kaum helfen. In einer Zeit, in der selbst die Bundeskanzlerin rät, öfter mal offline zu gehen, scheint der Bedarf nach analogen Auszeiten zu wachsen.

Und so hat die Papeterie-Branche in den vergangenen Jahren eine Sparte entdeckt, die computerferner kaum sein könnte: Notizbücher, die explizit dazu gedacht sind, die eigenen Reiseerlebnisse festzuhalten. Mit extra Seitentaschen, Folien, Raum für die Adressen des Lieblingscafés, Platz für Stadtpläne und Tabellen für die Reisebuchhaltung.

Im Urlaub ist alles anders. Dazu gehört etwa auch, dass Müll nie einfach nur Müll ist. Die Zuckertütchen aus dem Lieblingscafé, die Tickets aus der Straßenbahn, die Papiertüte vom Obststand auf dem Markt: sammeln, aufheben, einkleben.

Denn diese persönlichen Souvenirbücher basieren auf einem alten Trick der Memotechnik: Gegenstände lösen Erinnerungssalven aus. Wer sich erinnert, reanimiert, was im Gedächtnis gespeichert ist, quer durch alle Sinneswahrnehmungen. Ein paar Baumnadeln werden zum Geruch von Pinienwäldern, eine Batterie Fahrkarten bringt das Rattern der Seilbahn zurück, das Etikett des lokalen Lieblingsweins erinnert einen an den süffigen Geschmack und die lauen Abende auf der Terrasse der Ferienwohnung. Und das Pflaster gemahnt an die drückenden Schuhe, die man in Urlaubslaune beim Stadtausflug erstanden hat.

Zu dieser haptisch erfahrbaren Sammelwut passt die Bastelmanie namens Scrapbooking , die aus Nordamerika derzeit zu uns schwappt. Scraps sind Reste, Fetzen, vulgo: Abfall. Jene Szene hat ihre eigenen Zeitschriften, eigene Läden und Onlineshops, in denen vorgefertigte Aufkleber, Motivpapiere und allerhand Dekomaterial vertrieben werden. In erster Linie geht es hier darum, Photobücher aufzuhübschen, mit Resten, die letztlich nur so tun, als seien sie Reste – künstliche Souvenirs können jedoch keine Erinnerungen auslösen.

Almut Riebe besteht auf echten Resten. Die Frankfurter Grafikdesignerin wird seit knapp zwei Jahren regelmäßig vom Kreuzfahrt-Unternehmen Aida angeheuert, um an Bord mit interessierten Reisenden Souvenirbücher zu basteln. "Ich habe mir immer überlegt, wie man ein Reisetagebuch führen kann, ohne täglich den inneren Schweinehund überwinden zu müssen", sagt Riebe. Statt täglicher Notizen besann sie sich auf Collagen, nahm Zellophantütchen mit auf Reisen, etwa für den Sand vom Lieblingsstrand. "So lassen sich auf einer Seite einzelne Dinge ganz subjektiv zu einer Geschichte fügen", erklärt sie.

Auf Photos sieht man eben immer nur jenen einen Moment – klick. Mit Sammel-Collagen, wie Riebe sie seit ihrer Kindheit macht, lassen sich ganze Szenarien wachrufen. Man denke sich eine Distel, gefunden am Wegesrand unterwegs zum Berggipfel: Egal, ob man erschöpft war, sich verlaufen hatte oder schlicht überwältigt von der Perspektive, der Moment, in dem man sich bückte, um das Stachelding mitzunehmen, wird genauso vergegenwärtigt wie die Atmosphäre hoch droben. Man weiß: Die Distel, sie ist direkt von dort.