High Line ParkNew Yorks grüner Laufsteg

Früher fuhren auf dieser Hochbahn Schweinehälften und Tiefkühlputen durch Manhattan. Heute entsteht auf dem Viadukt ein umwerfend schöner Park. von Susanne Kippenberger

Statt der Hochbahn rauscht hier nur der Wind: der High Line Park in Manhattan

Statt der Hochbahn rauscht hier nur der Wind: der High Line Park in Manhattan  |  © Spencer Platt/Getty Images

Der New Yorker schlendert nicht, er jagt im Dauerlauf. Selbst wenn er mal flanieren wollte, er könnte es nicht: Alle anderen würden ihn über den Haufen rennen. Zeit ist hier so kostbar wie Raum, der größte Luxus, den man sich mit Geld kaufen kann. Die viel beschworene Entschleunigung ist so ziemlich der einzige Trend, den New York weder erfunden noch mitgemacht hat. Manhattan lebt von seiner elektrisierenden Energie. Hier stehen alle unter Strom.

Und jetzt das: Lächelnd spazieren die Eingeborenen auf der High Line zwischen Touristen aus aller Welt, zwischen Blumenwiesen und Birkenwäldchen herum und bestaunen ihre eigene Stadt. Bleiben stehen, um den Blick auf den Hudson River zu genießen und auf die Schlucht der 14. Straße herabzugucken, beobachten die Shoppingwütigen im Meatpacking District. Sie legen sich auf die Holzliegen, die eine eigene Landschaft bilden, und gucken der Sonne beim Untergehen zu. Angestellte machen Mittagspause hier, eine Mutter füttert ihr Baby, ein kleiner Junge klettert über die Bänke, ein Hochzeitspaar lässt sich fotografieren. Studenten lesen, Jugendliche hocken herum, ein Mann hat seine Schuhe ausgezogen und ordentlich nebeneinandergelegt, mit geschlossenen Augen lauscht er der Musik aus seinem Kopfhörer.

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High Line Park
Wie eine grüne Schlange zieht sich der High Line Park durch New York, von der Gansevoort Straße bis zur 30. Straße

Wie eine grüne Schlange zieht sich der High Line Park durch New York, von der Gansevoort Straße bis zur 30. Straße  |  © Spencer Platt/Getty Images

„Wow!“ ruft ein junger Mann, als er mit seiner Freundin eine der Treppen zur High Line hochsteigt und den ersten Blick erwischt. Das Wow-Gefühl will gar nicht weichen. Selbst die abgebrühtesten Kritiker lassen sich von diesem langgestreckten Dachgarten bezaubern: „einer der schönsten Parks der Welt“, jubelte die „Süddeutsche Zeitung“ nach der Eröffnung. „Wie ein fliegender Teppich, der durch die Stadt treibt“, fand die „Financial Times“. Und tatsächlich hat die High Line etwas Magisches. Als ginge man durch die Luft, auf du und du mit dem dritten Stock. Man schwebt über dem Getümmel Manhattans, an dessen südwestlichem Rand. Die für Trends jeder Art zuständige Zeitschrift „Wallpaper“ ernannte den neuen Park zum „Life Enhancer of the Year“: der Lebensverbesserer des Jahres.

Die High Line: ein Sommermärchen. Im letzten Juni eröffnet, erlebt sie gerade ihren zweiten Sommer.

Dabei sollte es die Hochbahntrasse, 1930 für den Gewerbelieferverkehr vor allem im Meatpacking District angelegt, eigentlich gar nicht mehr geben. Investoren waren scharf auf das kostbare Bauland, das das ungenützte und von den meisten unbeachtete Viadukt blockierte. Der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani hätte ihnen gern den Gefallen getan und es abgerissen. Nachdem 1980 die endgültig letzten drei Waggons, gefüllt mit Tiefkühlputen, über die Schienen geruckelt waren, war die Anlage für den Güteranliegerverkehr doch überflüssig. Das südliche Ende, in SoHo, war schon in den 60er Jahren verschwunden.

Aber dass auch der große Rest dieses Stücks New Yorker Industriegeschichte, der von der Gansevoort Street im Meatpacking District durch Chelsea bis zur 34. Straße, auf der Höhe von Penn Station führt, plattgemacht werden sollte, hat zwei Anwohner aus der Nachbarschaft, Joshua David und Robert Hammond, auf die Barrikaden gebracht. 1999 gründeten der Journalist und der Künstler den Verein „Friends of the High Line“, der heute auch den Park pflegt und betreibt – unter der Obhut des Park Departments der Stadt, der die Anlage gehört. Eine Bürgerinitiative in der Hauptstadt der Individualisten: Schon allein das ist eine Sensation.

Die beiden Initiatoren, die heute noch aktiv sind und im Aufsichtsrat des Freundeskreises sitzen, kümmerten sich bald full time um ihr Projekt.

Zehn Jahre nach dem Start wurde der erste Abschnitt, von der Gansevoort Street bis zur 20. Straße in West Chelsea eröffnet; eigentlich sollte noch in diesem Jahr der zweite Teil, bis zur 30. folgen, aber wegen des harten Winters und noch fehlender Gelder wird er erst im nächsten Jahr fertig sein. Und noch wird um den nördlichsten Teil, zwischen 30. und 34. Straße westlich von Penn Station gekämpft; immerhin: Gerade haben die Abgeordneten der Stadt grünes Licht erteilt, auch die letzte Strecke zu übernehmen.

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