Seltsames geht vor, jeden Abend kurz vor Dämmerung auf Phillip Island, 120 Kilometer südlich der australischen Stadt Melbourne: Nachdem Badende und Surfer den Summerland Beach verlassen haben, werden alle Zufahrtsstraßen geschlossen. Ranger laufen geschäftig umher, weisen Busse ein und nehmen Hunderte von Touristen in Empfang, die gegen Abend in Richtung Strand strömen. Der aber ist gesperrt  – um Platz zu machen für die Zweibeiner, wegen denen die Besucher aus aller Welt hierher gekommen sind: die Zwergpinguine.

Im Schutz der einbrechenden Dunkelheit kommen die Vögel nach einem langen Tag auf See an Land, überqueren den Strand und machen sich auf den Weg zu ihren Nisthöhlen, die im Gras und unter Büschen im Inselinneren versteckt liegen. Über steinige Abhänge und unebene Dünenlandschaften führt sie ihr Weg, manche legen einen ganzen Kilometer zurück, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Jeden Abend dasselbe. Zum Vergnügen der Zuschauer.


Nur 35 Zentimeter groß und ein Kilo schwer sind sie die kleinsten ihrer Art – und die größte Attraktion der Insel. 60.000 little penguins , wie die Australier sie nennen, leben auf Phillip Island, ihrem letzten großen Refugium. Auch an anderen Küsten im Süden Australiens und Neuseelands kommen die Vögel vor, doch ihre Zahl hat sich in den letzten Jahrzehnten stark dezimiert. Der Bau von Häusern und Straßen raubt ihnen den Lebensraum, streunende Hunde und Katzen und die eingeschleppten Füchse machen ihnen das Leben schwer.

Anders auf Phillip Island; hier hat die Regierung des Bundesstaats Victoria den Spieß umgedreht – erstmals mussten Menschen zum Schutz einer einzigen Art weichen. Seit Juli 2010 ist Eudyptula minor , so der lateinische Name des Zwergpinguins, der alleinige Herr über die Summerland Peninsula im äußersten Südwesten von Phillip Island. Am Samstag wird die Vollendung des beispiellosen Projekts in einem Festakt unter Teilnahme des Umweltministers gefeiert.

Wo einst mehrere Hundert Menschen wohnten, stehen heute nur noch einzelne verlassene Häuser auf der von Klippen und Stränden umgebenen Anhöhe. Auch sie werden in den nächsten Monaten abgerissen werden, um Platz für die Pinguine zu machen. Wo früher gepflegte Gärten waren, werden nun künstliche Bruthöhlen angelegt und einheimische Pflanzen gepflanzt, damit sich die Tiere wohl fühlen.

Ganze 25 Jahre hat es gedauert, bis der südwestliche Zipfel der Insel frei von menschlichen Ansiedlungen war. Phillip Island war schon immer ein beliebtes Ziel für Melbournians: Nur gute eineinhalb Autostunden von der zweitgrößten Stadt Australiens entfernt, bietet die Insel ein mildes Klima, Surfstrände, familienfreundliche Unterkünfte und regionale Küche in ländlichem Ambiente. Und schon in den 1920er Jahren galten die ansässigen Pinguine als Sehenswürdigkeit.

Die 20 Kilometer lange und 8 Kilometer breite Insel in der Westernport Bay hat nur 7000 Einwohner, doch in der Hauptsaison halten sich an manchen Tagen schon mal mehr als 40.000 Menschen hier auf. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Pinguine. Als die Population deutliche Einbrüche zeigte – neun von zehn Brutplätzen waren vernichtet, Tausende Pinguine hatten durch den Straßenverkehr und die Haustiere der Bewohner ihr Leben verloren – beschloss die Regierung des Bundesstaates Victoria 1985 eine ungewöhnliche Maßnahme, um die Vögel zu retten.