ZEIT ONLINE: Herr Hernandez, Sie sind Multimedia-Journalist . Ihre Reisevideos sind ganz anders als die Filme vom Pauschalurlaub, mit denen Verwandte einen gern quälen. Sie drehen Filme die kurz sind, spannend, eine Spur mysteriös. Was ist das Geheimnis guter Videos?

Richard Koci Hernandez: Das Geheimnis ist, dass sie ein Geheimnis enthalten. Jede gute Geschichte ist ein wenig rätselhaft und gerade, wenn man im Internet die Aufmerksamkeit der Zuschauer behalten möchte, sollte man als Erzähler darauf achten, die Spannung zu halten. Das Reisen ist eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit. Man kennt vielleicht das Ziel, aber unterwegs können unzählige Dinge schief gehen: Der Flug kann umgeleitet werden, er kann ausfallen. Oder man kann ihn verpassen. Ich versuche dieses Motiv des Ungewissen für mich zu nutzen.   

ZEIT ONLINE: Wie setzen Sie das um?

Hernandez: Ich stelle eine Frage. Wer begegnet mir? Was werde ich unterwegs finden? Diese Frage ist dann mein Leitmotiv. Eine Art Drehbuch. In einem Film habe ich zum Beispiel gezielt nach Fundstücken Ausschau gehalten.

ZEIT ONLINE: Gefunden haben Sie unter anderem ein zerrissenes Foto in einem kaputten Sessel und einen zerknitterten Brief auf der Straße. Haben Sie diese Sachen wirklich zufällig entdeckt?

Hernandez: Ich habe 15 Jahre bei einer Zeitung gearbeitet und wenn ich von dort etwas mitgenommen habe, dann den festen Glauben an Wahrheit und Objektivität. Ich musste nichts platzieren. Ich war mir sicher, dass ich genug Dinge finden würde, um eine Geschichte zu erzählen. Wenn wir reisen – egal, ob wir Vielflieger sind oder nur ab und zu in den Urlaub fahren – neigen wir dazu, abzuschalten. Wir achten nicht mehr auf unsere Umgebung, weil immer wieder dasselbe abläuft. Wir kennen den Flughafen in unserer Heimatstadt, das Prozedere vor und während des Flugs. Also vertiefen wir uns in ein Buch, sehen uns im Flugzeug einen Film an oder arbeiten am Laptop. Mit der Frage 'Was werde ich finden?' habe ich mich selbst zur Konzentration auf das Hier und Jetzt gezwungen. Diese Gegenwärtigkeit lässt einen die Umgebung aufmerksamer wahrnehmen. Und Aufmerksamkeit macht letztlich einen guten Filmer aus.

ZEIT ONLINE: Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Hernandez: Von anderen Fotografen und Filmemachern. Von Büchern, von Websites. In einem der On the Road Filme gibt es eine Zeitraffersequenz. Eine ähnliche hatte ich kurz zuvor in einem Film gesehen. Viele meiner Ideen entstehen so: Ich will herausfinden, wie jemand anderes etwas gemacht hat und experimentiere. Als ich zum ersten Mal nach London geflogen bin, habe ich mir zwei Stunden lang Filme auf Vimeo angesehen, die andere über die Stadt gedreht hatten. Zu einem guten Film gehört auch eine gute Vorbereitung.

ZEIT ONLINE: Aber auch das Equipment. Was braucht es für einen hochwertigen Reisefilm?

Hernandez: Nur das, was Sie gerade bei sich haben. Es ist ein alter Fotografen-Leitsatz: Die beste Kamera ist die, die man bei sich trägt. Einige meiner Filme habe ich vollständig mit meinem Handy gedreht. Viele sind mit einer kleinen Canon-Kamera entstanden, die weniger als 100 Dollar gekostet hat. Man braucht keine teure Technik. Ich fände diese auch störend. Wenn man reist will man nicht tonnenweise Sachen mitschleppen und auch kein Vermögen herumtragen. Klein, leicht, billig – das ist gut. Eine Kamera muss in die Hosentasche passen und schnell zur Hand sein. Und dann zählt nur: filmen, filmen, filmen!

ZEIT ONLINE: Aber Sie selbst nutzen doch jede Menge Spielereien. Ganz ohne technischen Schnickschnack geht es dann doch nicht?

Hernandez: Das ist der Zuckerguss auf dem Kuchen. Jeder, der sich etwas intensiver mit Film oder Fotografie beschäftigt, kennt sich mit den Grundlagen wie Belichtung oder Winkel aus. Wenn man zum Fotografieren Apps auf dem Smartphone benutzt ist das, als würde man einen alten Schnappschuss in einen Rahmen tun und an die Wand hängen: Plötzlich sieht er besser aus.