Reisevideo "Die beste Kamera ist die, die Sie dabei haben"

Richard Koci Hernandez ist einer der besten Multimedia-Journalisten der Welt. Im Interview verrät der Emmy-Gewinner das Geheimnis eines guten Reisevideos.

Der Multimedia-Journalist Richard Koci Hernandez filmt am liebsten aus dem Flugzeug

Der Multimedia-Journalist Richard Koci Hernandez filmt am liebsten aus dem Flugzeug

ZEIT ONLINE: Herr Hernandez, Sie sind Multimedia-Journalist . Ihre Reisevideos sind ganz anders als die Filme vom Pauschalurlaub, mit denen Verwandte einen gern quälen. Sie drehen Filme die kurz sind, spannend, eine Spur mysteriös. Was ist das Geheimnis guter Videos?

Richard Koci Hernandez: Das Geheimnis ist, dass sie ein Geheimnis enthalten. Jede gute Geschichte ist ein wenig rätselhaft und gerade, wenn man im Internet die Aufmerksamkeit der Zuschauer behalten möchte, sollte man als Erzähler darauf achten, die Spannung zu halten. Das Reisen ist eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit. Man kennt vielleicht das Ziel, aber unterwegs können unzählige Dinge schief gehen: Der Flug kann umgeleitet werden, er kann ausfallen. Oder man kann ihn verpassen. Ich versuche dieses Motiv des Ungewissen für mich zu nutzen.   

Anzeige

ZEIT ONLINE: Wie setzen Sie das um?

Hernandez: Ich stelle eine Frage. Wer begegnet mir? Was werde ich unterwegs finden? Diese Frage ist dann mein Leitmotiv. Eine Art Drehbuch. In einem Film habe ich zum Beispiel gezielt nach Fundstücken Ausschau gehalten.

On the Road #1: Lost and Found from Richard Koci Hernandez on Vimeo .

ZEIT ONLINE: Gefunden haben Sie unter anderem ein zerrissenes Foto in einem kaputten Sessel und einen zerknitterten Brief auf der Straße. Haben Sie diese Sachen wirklich zufällig entdeckt?

Hernandez: Ich habe 15 Jahre bei einer Zeitung gearbeitet und wenn ich von dort etwas mitgenommen habe, dann den festen Glauben an Wahrheit und Objektivität. Ich musste nichts platzieren. Ich war mir sicher, dass ich genug Dinge finden würde, um eine Geschichte zu erzählen. Wenn wir reisen – egal, ob wir Vielflieger sind oder nur ab und zu in den Urlaub fahren – neigen wir dazu, abzuschalten. Wir achten nicht mehr auf unsere Umgebung, weil immer wieder dasselbe abläuft. Wir kennen den Flughafen in unserer Heimatstadt, das Prozedere vor und während des Flugs. Also vertiefen wir uns in ein Buch, sehen uns im Flugzeug einen Film an oder arbeiten am Laptop. Mit der Frage 'Was werde ich finden?' habe ich mich selbst zur Konzentration auf das Hier und Jetzt gezwungen. Diese Gegenwärtigkeit lässt einen die Umgebung aufmerksamer wahrnehmen. Und Aufmerksamkeit macht letztlich einen guten Filmer aus.

ZEIT ONLINE: Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Hernandez: Von anderen Fotografen und Filmemachern. Von Büchern, von Websites. In einem der On the Road Filme gibt es eine Zeitraffersequenz. Eine ähnliche hatte ich kurz zuvor in einem Film gesehen. Viele meiner Ideen entstehen so: Ich will herausfinden, wie jemand anderes etwas gemacht hat und experimentiere. Als ich zum ersten Mal nach London geflogen bin, habe ich mir zwei Stunden lang Filme auf Vimeo angesehen, die andere über die Stadt gedreht hatten. Zu einem guten Film gehört auch eine gute Vorbereitung.

On the Road #5: London Calling from Richard Koci Hernandez on Vimeo .

ZEIT ONLINE: Aber auch das Equipment. Was braucht es für einen hochwertigen Reisefilm?

Hernandez: Nur das, was Sie gerade bei sich haben. Es ist ein alter Fotografen-Leitsatz: Die beste Kamera ist die, die man bei sich trägt. Einige meiner Filme habe ich vollständig mit meinem Handy gedreht. Viele sind mit einer kleinen Canon-Kamera entstanden, die weniger als 100 Dollar gekostet hat. Man braucht keine teure Technik. Ich fände diese auch störend. Wenn man reist will man nicht tonnenweise Sachen mitschleppen und auch kein Vermögen herumtragen. Klein, leicht, billig – das ist gut. Eine Kamera muss in die Hosentasche passen und schnell zur Hand sein. Und dann zählt nur: filmen, filmen, filmen!

ZEIT ONLINE: Aber Sie selbst nutzen doch jede Menge Spielereien. Ganz ohne technischen Schnickschnack geht es dann doch nicht?

Hernandez: Das ist der Zuckerguss auf dem Kuchen. Jeder, der sich etwas intensiver mit Film oder Fotografie beschäftigt, kennt sich mit den Grundlagen wie Belichtung oder Winkel aus. Wenn man zum Fotografieren Apps auf dem Smartphone benutzt ist das, als würde man einen alten Schnappschuss in einen Rahmen tun und an die Wand hängen: Plötzlich sieht er besser aus.

On the Road #4: Boston Design Conference from Richard Koci Hernandez on Vimeo .

ZEIT ONLINE: Verraten Sie den Smartphone-Fotografen da draußen Ihre drei liebsten Apps?

Hernandez: Ich finde zum Beispiel CameraBag toll. Diese App bietet verschiedene Filter – Farbvariationen, Vignetten und ähnliches –, die man nachträglich über Bilder legen kann. Hipstamatic tut das Gegenteil: Man wählt erst den Filter und macht dann das Foto. Und PanoLab ist für mich persönlich unverzichtbar. Man kann damit Panoramen aufnehmen. Das ist für Reisefilme wichtig; das Objektiv eines Smartphones hat immer nur einen geringen Winkel. Mit einer Panorama-Aufnahme lassen sich manche Geschichten aber schlicht besser erzählen.  

ZEIT ONLINE: Welche analogen Dinge gehören in die Reisetasche eines Hobby-Filmers?

Hernandez: Ich habe grundsätzlich ein paar Bastelsachen dabei: Buntstifte, einen Block, Klebeband. Dinge, mit denen ich experimentieren kann oder mich einfach nur ablenken, wenn mir unterwegs langweilig wird. Und ein Stativ darf nicht fehlen: Verwackelte Aufnahmen wirken auf den Zuschauer immer amateurhaft. Ich mag den Gorillapod . Der ist flexibel und man kann ihn auch an Geländern oder Türklinken anbringen.

ZEIT ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht der größte Fehler, den ein Reisefilmer machen kann?

Hernandez: Mit zu wenig Akkus im Gepäck zu reisen. Wenn der Saft alle ist, kann man nämlich nicht mal mehr ein schlechtes Foto machen. Deswegen kaufe ich mit jedem neuen Handy oder neuer Kamera auch mindestens einen Akku zusätzlich. Und eine große Speicherkarte für digitale Daten.

ZEIT ONLINE: Einige der eindrucksvollsten Bilder in Ihren Filmen sind die Gesichter Ihrer Mitreisenden. Fragen Sie um Erlaubnis, bevor Sie jemanden filmen?

Hernandez: Nein. Die Menschen sollen sich natürlich verhalten und das tun sie nur, wenn sie nicht wissen, dass sie gefilmt werden. Es gibt natürlich Orte oder Situationen, in denen ich wegen kultureller Unterschiede oder aus Pietät auf Aufnahmen verzichte. Aber generell gilt: In einem guten Film kommen Menschen vor. Sie bieten dem Zuschauer Identifikationsfläche, bringen Emotionen ins Bild. Sie können auch dabei helfen, Dinge in Relation zu setzen: den Eifelturm oder das Taj Mahal zum Beispiel. Natürlich ist es einfacher gute Bilder von schönen Landschaften oder beeindruckenden Gebäuden zu machen: Die bewegen sich ja nicht. Aber für den Zuschauer sind sie genau deswegen langweilig. Es kostet manchmal Überwindung, andere zu filmen. Aber es bereichert auch die Reise, wenn man seine comfort zone verlässt.

ZEIT ONLINE: Aus der Sicht des Filmemachers: Welcher Ort, an den Sie gereist sind, hat Sie am meisten beeindruckt?

Hernandez: Auch wenn ich schon oft geflogen bin, begeistert es mich immer wieder, wie die Erde aussieht wenn man sie durch das Fenster eines Flugzeugs betrachtet. Daran kann ich mich nicht sattsehen.

ZEIT ONLINE: Sie müssen den Vorspann des Films Up in the Air geliebt haben: jede Menge amerikanischer Landschaften aus der Luft gefilmt. Gibt es Filme, die Sie als Inspirationsquelle empfehlen würden?

Hernandez:Up in the Air hatte tatsächlich grandiose Luftaufnahmen. Mein Lieblingsfilm ist und bleibt aber Blade Runner – wegen des gekonnten Einsatzes von Licht. Es ist unglaublich, wie viel Stimmung in diesem Film nur durch Licht und Schatten erzeugt wird. Wer mit Licht experimentieren will, dem empfehle ich, das Hotelzimmer einmal komplett abzudunkeln und dann nach und nach Licht anzumachen oder von draußen hereinzulassen. Es verändert den Raum vollkommen. Es lohnt sich auch immer, um das Motiv herumzugehen, um es von allen Seiten aufzunehmen oder aus der Hocke ein Bild zu machen. Echte Profis stehen vor Sonnenaufgang auf, machen ihre Bilder und legen sich bis zum späten Nachmittag wieder hin. Dann fotografieren sie weiter. Das muss man als Hobbyfilmer natürlich nicht. Aber es lohnt sich, zumindest an einem der Urlaubstage viel früher aufzustehen, als sonst. Mit gutem Licht kann man selbst von hässlichen Orten hervorragende Bilder machen. 

ZEIT ONLINE: Das letzte Video aus Ihrer On the Road -Reihe ist bereits ein Jahr alt. Wann gibt es eine Fortsetzung?

Hernandez: Ich drehe eigentlich ständig, allerdings für wechselnde Projekte. Aber in drei Stunden werde ich wieder ein Flugzeug besteigen – also, wer weiß?

 
Leser-Kommentare
    • carol
    • 11.08.2010 um 18:55 Uhr

    Blade Runner also- das zeigt mir das der mann sein handwerk versteht.

  1. Ich würde gerne wissen, wie der Track im Hintergrund von "On the Road #1: Lost and Found" heisst? Der ist neben dem Kurzfilm ebenfalls sehr gelungen und passend.

    Greetz
    Till

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Hallo Till Cologne,

    Herr Hernandez sagt, er kann sich an den Namen nicht erinnern, aber Sie sollten das Stück hier finden: http://www.mobygratis.com...
    Demnach sollte der Künstler Moby sein.

    Viele Grüße

    Jessica Braun

    Redaktion

    Hallo Till Cologne,

    Herr Hernandez sagt, er kann sich an den Namen nicht erinnern, aber Sie sollten das Stück hier finden: http://www.mobygratis.com...
    Demnach sollte der Künstler Moby sein.

    Viele Grüße

    Jessica Braun

  2. Redaktion

    Hallo Till Cologne,

    Herr Hernandez sagt, er kann sich an den Namen nicht erinnern, aber Sie sollten das Stück hier finden: http://www.mobygratis.com...
    Demnach sollte der Künstler Moby sein.

    Viele Grüße

    Jessica Braun

    • Nikocc
    • 24.08.2010 um 8:58 Uhr
    5. Danke

    Schöner Artikel, gibt mir Anregungen für meine Arbeit mit http://www.memoro.org/de-de/

  3. aber wenn ich jemanden mit meinem Video Teil haben lassen will an einer spannenden Reise... ich glaube nicht, dass mir das mit einem Video dieser Form gelingt.

    Viel mehr als Momentaufnahmen und Szenen von Flughäfen und ähnlich austauschbaren Orten kann ich in den Videos nicht entdecken, so ästhetisch diese auch aufbereitet sind. Wie unterscheiden sich bei dieser Filmform Videos von Work-and-Travel-Reisen und Videos vom Familienurlaub?

    Die Atmosphäre des Ortes wird teils aufgegriffen. Aber nicht die der Reise. Unpersönlichkeit herrscht. Ich will mich nicht falsch verstanden wissen. Die Videos sind beeindruckend und vielschichtig. Aber sie erzählen nichts über eine Reise, sondern nur über das "Sehnsuchtspotential" von Orten. Der Begriff Reisevideo, so wie ihn der Autor des Artikels deutet, ist falsch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "...so ästhetisch diese auch aufbereitet sind. Wie unterscheiden sich bei dieser Filmform Videos von Work-and-Travel-Reisen und Videos vom Familienurlaub?..."

    Genau darin liegt ja der Unterschied und die Qualität.

    "...so ästhetisch diese auch aufbereitet sind. Wie unterscheiden sich bei dieser Filmform Videos von Work-and-Travel-Reisen und Videos vom Familienurlaub?..."

    Genau darin liegt ja der Unterschied und die Qualität.

  4. "...so ästhetisch diese auch aufbereitet sind. Wie unterscheiden sich bei dieser Filmform Videos von Work-and-Travel-Reisen und Videos vom Familienurlaub?..."

    Genau darin liegt ja der Unterschied und die Qualität.

    Antwort auf "Schöne Filme,"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service