Leben im Wohnmobil Fernweh riecht nach Diesel
Das Willy-Janssen-Treffen ist ein Festival für Auto-Nomaden. Hier diskutieren sie, wie es sich im Bus lebt, man sich aus Treibsand befreit oder mit Rebellen verhandelt.
© Stefanie Reinberger

Burkhard Koch spricht mit zwei Teilnehmern über seine Reisen
Ein Lkw bahnt sich seinen Weg über das Gelände – drei Achsen, hoch wie ein Haus, quietschgelb lackiert und mit dröhnendem Motor. Doch die Camper, die ringsum mit ihren Kaffeetassen in der Spätsommersonne sitzen, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Manch einer winkt, weil er den Fahrer kennt. Andere nehmen sich vor, später mal vorbeizuschauen, weil sie ein ähnliches Projekt in der Mache haben. Der gelbe Riese befindet sich hier in bester Gesellschaft zwischen futuristisch anmutenden Allrad-Trucks, verspielten Oldtimern und farbenfrohen Reisemobilen.
Manchmal hat Fernweh eben mit starken Motoren und Dieselgeruch zu tun. So wie in Mendig in der Eifel. Jedes Jahr Anfang September findet hier das alljährliche Willy-Janssen-Treffen statt – seit über 30 Jahren Mekka für Globetrotter und ihre Fahrzeuge.
Es sind Reisende von einem besonderen Schlag. Sie durchqueren mit ihren Lkw Afrika oder lenken ihre Busse durch den indischen Dschungel. Sie verzichten liebend gern auf Zimmerservice und Büffet, wenn sie dafür eine Shisha am Lagerfeuer von Beduinen rauchen können oder ihr Abendessen mit einer mexikanischen Großfamilie teilen dürfen. Und weil ihnen zwei Wochen Pauschalurlaub nicht genügen, kündigen sie ihre Jobs und verkaufen Haus und Hof, um für mehrere Jahre auf Tour zu gehen – oder gleich ihr restliches Leben als moderne Nomaden mit mobiler Einzimmerwohnung zu verbringen.
© Stefanie Reinberger

Wer langsam reist, sieht mehr
So wie Sabine und Burkhard Koch, die im Frühjahr von einer Afrikaumrundung zurückgekehrt sind. Vor sechseinhalb Jahren erfüllten sie sich einen Lebenstraum und bezogen ihr Expeditionsmobil, einen Magirus Deutz 170 D 12 A, Baujahr 1983, wegen seiner auffälligen Farbe liebevoll "Lila Pistenkuh" genannt. Seither haben die beiden ihr Zuhause irgendwo zwischen Indien und Südafrika, eben da, wo die Route sie hinführt.
"Die Initialzündung gab eine Türkeireise vor vielen Jahren", sagt Sabine Koch. Damals, mit Anfang 20 und noch im Ford Transit unterwegs, war das Paar in einem abgelegenen Dorf nahe der iranischen Grenze beim Bürgermeister zu Gast, der sie auch zur Hochzeit seines Sohnes einlud. Die Feier war drei Tage später und sollte ebenso lange dauern. Doch die Kochs mussten zurück nach Deutschland und lehnten daher ab. Der Abschied am folgenden Tag war mehr als kühl. "Da wurde uns klar: Wenn wir Begegnungen mit Menschen in fernen Ländern suchen, müssen wir zeitlich ungebunden reisen."
Zurück in der Heimat wurde gerechnet und überlegt: Wie viel Geld muss man zur Seite legen, um finanziell unabhängig zu sein und ausschließlich von den Kapitalerträgen leben zu können? Lässt sich eine solche Summe erwirtschaften? Die Kochs haben es geschafft. Viel schneller als erwartet. Bereits mit Mitte Dreißig war das Sparziel erreicht, und Burkhard Koch begann sich intensiv um das Reisefahrzeug zu kümmern – die Basis für ein Leben unterwegs.
Nach mehr als sechs Jahren auf Achse wirken die beiden 45-Jährigen extrem entspannt. Sie sind braun gebrannt. Strahlen eine Selbstsicherheit aus, die man so nur von Weltreisenden kennt, die schon viele Grenzen hinter sich gelassen haben.
Momentan machen sie ein wenig Urlaub vom Reisen, wie sie es nennen. Ab und zu brauchen auch Weltenbummler eine Auszeit, um Eindrücke zu verarbeiten und das zu essen, was ihnen unterwegs fehlt: Wurst, Käse, Sahnetorte. "Und wir verbringen natürlich Zeit mit der Familie", sagt Sabine. "Wir sind vor wenigen Wochen Großeltern geworden, da war es uns wichtig, hier zu sein."
© Stefanie Reinberger

Angela und Uwe Sell wollen auf dem Landweg nach Indien
Nach Mendig, zum "Willy-Treffen", kommen die Kochs vor allem, um Bekannte zu sehen, die ebenfalls unterwegs sind und denen sie sonst nur selten begegnen – in Deutschland, oder irgendwo in fernen Ländern, falls sich die Reiserouten kreuzen. Nebenbei verkaufen sie Bücher und DVDs mit Berichten von unterwegs.
Das Gelände hat sich im Laufe des Wochenendes in einen Campingplatz mit vielen PS und wenig Zelten verwandelt. Vor den farbenfrohen Mobilen werden Grills aufgebaut oder Tajines gegart, marokkanische Schmorgerichte im gleichnamigen Tontopf. Hier wird geschraubt, dort wechseln ein paar Ersatzteile den Besitzer. Man fachsimpelt über die ideale Solaranlage, den praktischsten Innenausbau und die sicherste Route durch Pakistan. Ein buntes Durcheinander. Und über all dem hängt der Geruch von Diesel und Motoröl vermischt mit dem Duft von orientalischen Speisen, Nackensteaks und Bratwurst.
"Wir wollten einen Ort der Begegnung schaffen, an dem Reisende sich austauschen können", sagt Marianne Janssen, die das Treffen im Jahr 1979 mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Willy initiierte. Gerade mal fünf oder sechs Autos seien es gewesen, die damals in Janssens Garten Platz fanden. Dieses Jahr haben die Veranstalter mehr als 650 Fahrzeuge gezählt – meist aus Deutschland oder den Niederlanden. Ein Teilnehmer kam sogar aus Norwegen angereist.
Auch Angela und Uwe Sell ließen sich von der langen Anfahrt aus Berlin nicht abschrecken. Das Ehepaar ist weit vom Nomadenleben der Kochs entfernt. Sie können sich auch gar nicht vorstellen, hier in Deutschland alles aufzugeben. Aber sie haben einen Traum. Auf der Seitentür ihres Mercedes 609D steht mit Kreide geschrieben: Berlin – Kerala 2012.
Der Benz ist innen noch fast roh. Mit 53 und 55 Jahren sind sie zum ersten Mal beim Treffen und lassen sich von erfahrenen Auto-Nomaden für den Innenausbau inspirieren. "Wir lernen unglaublich viel, man glaubt ja gar nicht, woran man alles denken muss, wenn man unabhängig reisen will", sagt Uwe Sell. Das beste sei aber die Offenheit, mit der ihm die erfahrenen Globetrotter begegneten.
"Am besten in kleinen Schritten anfangen, es muss nicht gleich die Weltreise sein", rät der Langzeitreisende Koch den Neulingen in der Szene. "Wichtig ist, dass man seine Träume verwirklicht und für Abwechslung im Leben sorgt!" Auch wenn unterwegs manchmal soziale Kontakte fehlen, der Austausch in der Muttersprache. Oder wenn es wirklich brenzlig wird, wie damals, als die Pistenkuh in Mauretanien in einem Salzsee einsank. Dort kamen die Kochs nur mithilfe von drei Beduinen wieder heraus, die zwei Tage lang Sand herbeischafften, um den Untergrund zu stabilisieren. Oder als sie im Kongo in die Hände von Rebellen gerieten. "Das hat uns noch lange beschäftigt", sagt seine Frau.
Das sind Geschichten, die man abends am Lagerfeuer erzählt. Dann, wenn die Dieselmotoren längst verstummt sind und sich die Weltenbummler zwischen ihren bulligen Trucks in kleinen Runden zusammenfinden, um mit einem Glas Rotwein in der Hand von vergangenen Abenteuern zu berichten. Von Erlebnissen, die einem Angst und Bange machen können, von Schmiergeldern, vertrackten Einreisebestimmungen und Pannen, wo man sie am wenigsten gebrauchen kann. Aber eben immer wieder auch von atemberaubenden Naturspektakeln, unbeschreiblicher Gastfreundschaft und herzlichen Begegnungen mit Menschen, denen unser Leben so fremd ist wie uns das ihre.
Das ist der Stoff aus dem Reiseträume gewoben werden. Und jeder in der Runde weiß, dass er wieder losfahren wird – sobald wie irgend möglich.
Infos unter www.willy-janssen.de
- Datum 06.09.2010 - 14:10 Uhr
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