Barbados Häuser zum Wegtragen
Sie durften Häuser besitzen, aber kein Land. Also bauten sich die Plantagenarbeiter auf Barbados mobile Heime, sogenannte Chattel Houses. Zwei Bewohner erzählen.
Es sieht aus wie ein Stück Entenhausen: ein kleines putziges Haus aus Holz, klassische Giebel, drinnen knallgelb lackiert, im Wohnzimmer eine Polstergarnitur mit Tisch und Blumenvase, in der Ecke der Fernseher. Es fehlt eigentlich nur das Goldfischglas, und das Disney-Idyll wäre perfekt.
Doch Esther Maxwells Haus steht auf der Karibikinsel Barbados – ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, als die Insel noch vom Zuckerrohranbau lebte und nicht von Touristen. Damals wohnten darin die Plantagenarbeiter. Nach einem Gesetz von 1840 durften sie in der britischen Kolonie wohl eigene Häuser besitzen, aber nicht den Grund, auf dem diese standen, der gehörte dem Plantagenbesitzer. Verlor ein Arbeiter seinen Job, zog die Familie samt Heim weiter.
Chattel House nannte man die kleinen Häuser ohne Fundament im Inselslang, “beweglichen Besitz”. Ein mobiles Heim, das abgebaut auf einen Ochsenkarren passen musste, wenn die Plantagenarbeiter umzogen. Das Holz wurde in vorgeschnittenen Maßen (vier bis sechs Meter) aus Nordamerika importiert. Was zu Häusern in Einheitsstil und -dimensionen führte: An der Front die Tür, flankiert von Fenstern auf beiden Seiten, typischerweise mit Lamellenläden, um in der tropischen Hitze Luft durchzulassen. Das Dach bestand aus Wellblech, um dem Regen zu trotzen. Ein kleiner Holzzaun sorgte für etwas Privatsphäre.
Tausende von Chattel-Häusern bestimmen vor allem auf dem Land noch immer das architektonische Bild der Insel; oft direkt an der Küste, denn weil der sandige Boden für den Zuckerrohranbau nutzlos war, siedelte man dort die Arbeiter an – heute beste Lagen, teils mit Blick aufs Meer. Viele Häuser sind schön herausgeputzt, in bunten Farben gestrichen. Im Grunde eine echte Attraktion für Inselbesucher, von der Tourismusbehörde noch kaum entdeckt; dort bewirbt man lieber die alten Villen der Plantagenbesitzer. Dabei wären gerade die kleinen Holzhäuser nahe am Strand romantische Urlaubsdomizile für junge Paare oder kleine Familien.
Je nach finanziellen Möglichkeiten der Besitzer wurden die Häuser, mit ursprünglich nur zwei kleinen Zimmern, nach und nach erweitert. Entweder man verbindet zwei Chattel-Häuser oder baut eine Küche an oder wenigstens eine Veranda. Auf Esthers Wellblechdach thront eine Satellitenschüssel, in ihrer Küche ein mächtiger Kühlschrank und im Wohnzimmer ein Standventilator. Auf den zweiten Blick allerdings entdeckt man die Risse im Disney-Idyll: Einige Bodendielen sind marode, kaschiert von Teppichen. Außerdem leckt das Dach. Für Reparaturen muss die 33-Jährige selbst aufkommen, das Haus gehört ja ihr. Nicht aber das Grundstück – genau wie bei den Plantagenarbeitern von einst. Esthers Vater erwarb nur das Gebäude, und die Besitzerin des Grundstücks will das Haus am liebsten loswerden.
Außerdem hat Esther gerade ihren Job als Kassiererin verloren. Auch Barbados, die wahrscheinlich wohlhabendste Insel der Karibik, leidet unter der Wirtschaftskrise. Zurzeit jobbt Esther in einem Ferienlager als Betreuerin. Der Lohn reicht für Wasser und Strom; die Pacht für das Grundstück hat sie erst mal ausgesetzt.
Esther stört vor allem, dass ihr Chattel-Haus kein Badezimmer hat, nur eine angebaute Latrine mit Waschgelegenheit. Nervig vor allem wegen der zwei Kinder. Lieber würde sie in einem Neubau leben. Aber das kann sie sich nicht leisten. Es könnte also sein, wenn sich die Grundstücksbesitzerin durchsetzt, dass sich die Chattel-Bauweise bald wieder bewährt – dass Mutter, Kinder und Haus gemeinsam umziehen.
Mr. Leacocks Heim hingegen trotzt wie ein Fels der ewigen Brandung des Wandels. Es wurde nie bewegt – jedenfalls nicht in den letzten 100 Jahren, in denen es der Familie gehört. 1936 wurde Mr. Leacock in dem Chattel-Haus geboren. Hätten die Leacocks damals nicht ein wenig Geld gespart, um auch das Grundstück zu kaufen, als Thorpes Zuckerrohrplantage zumachte, wer weiß, wo ihr Chattel-Haus heute stünde. Die Mutter, Rosalie Leacock, war Brotverkäuferin, Papa Livingstone Leacock Plantagenarbeiter. Ihr Haus ruht noch immer auf den alten Blöcken aus Korallenstein – als sei es für die Ewigkeit gebaut.
Heute brausen Toyotas und Überlandbusse vorbei. Als Mr. Leacock geboren wurde, bestand die inzwischen asphaltierte Straße noch aus Korallenstein, im ganzen Bezirk St. James gab es weniger als 20 Autos, galt bereits ein Fahrrad als Luxus. In den 60ern wurden Stromleitungen verlegt, aber Rosalie fürchtete Elektrizität, und ihr, nicht dem Ehemann gehörte das Haus.
Heute hat Mr. Leacock zwei Fahrräder (“eins als Reserve”), und keine zwei Meter am Giebel vorbei verlaufen die alten Oberlandleitungen – noch immer ohne Anschluss. Zwar mag er Elektrizität, allein, ihm fehlt das Geld für die Installation, denn dafür ist auf Barbados der Hausbesitzer zuständig. Also kocht der 74-Jährige mit Gas und liest beim Licht von Kerosinlampen. Batterien speisen das Radio. Und das ist Leacocks Draht zur Welt. Um fünf Uhr morgens schaltet er BBC World News ein, macht sich eine heiße Schokolade ohne Milch und der Tag beginnt. Das Dach ist klassisch aus Wellblech, (“klar gibt es Lecks”) – und nur eine Toilette unter Palmen, aber fließend Wasser, das schon.
- Datum 22.09.2010 - 17:35 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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