Ich habe mir vorgenommen, auf die Uhr zu sehen. Den Zeitpunkt genau festzuhalten, an dem ich es das erste Mal bereue. An dem ich fluche, auf mich, auf die Dolomiten, sogar auf den Hans.

Hans Kammerlander ist ein bekannter Extrem-Bergsteiger. Er hat auf den Gipfeln von 12 der 14 Achttausender gestanden. Am Manaslu in Nepal hat er zwei seiner besten Freunde verloren, einen traf vor seinen Augen der Blitz. Auf dem Rückweg, ohne eine zweite Person am Seil, wäre er fast selbst ums Leben gekommen. Hier, zwischen Deutschland, Österreich und Italien, führt der 54-Jährige nun normale Menschen durch die Berge: 24 Stunden, non-stop wandern, schlaflos. Zehn Prozent der Teilnehmer, heißt es, steigen unterwegs aus. Gut möglich, dass ich dazu gehöre.

Wir starten am frühen Abend auf griffig grauem Steinpfad, während die sonnenwarme Luft abkühlt. Die Natur riecht nach Kiefern. Wir noch nach Deo und Waschmittel.

Durch das Rienztal dürfen wir die zackigen Gipfel der berühmten Drei Zinnen zunächst von Westen bestaunen, wir werden sie nach Süden umrunden, auf 2500 Metern unseren höchsten Punkt erreichen, an der Zsigmondyhütte die Sonne aufgehen sehen, über die Rotwandwiesen zum Kreuzbergpass absteigen, dabei 46 Kilometer zurücklegen und insgesamt 3050 Höhenmeter bewältigen ( hier ein Blick auf die Strecke der Tour auf Google-Earth).

Auf den ersten Kilometern offenbaren sich Sportlerbiografien: Eine Mitreisende läuft Triathlon, der Nächste besitzt ein Fitnessstudio, sein Deltamuskel weist ihn als einen seiner eifrigsten Kunden aus. Andere haben die Tour schon mehrfach mitgemacht, gehen mindestens regelmäßig in die Berge oder betreiben Ausdauer- an der Grenze zum Extremsport. Auch ich war nicht untätig. Bewältigte Höhenmeter kann ich nicht vorweisen, aber ich war joggen immerhin, in Berlin.

Vier Stunden gehen schnell vorbei. In der Drei-Zinnen-Hütte, auf gut 2300 Metern, sollen wir noch einmal Kohlenhydrate und heißen Tee nachfüllen. Als wir aus der Wärme der Hütte wieder nach draußen treten, ist es dunkel.