Musikfestival Mimo Neues Leben im Barock Brasiliens

Musikproduzentin Lu Araújo erfand ein Festival für die Kirchen des Städtchens Olinda in Nordostbrasilien. Das veränderte ihr Leben - und Olinda. Von Ch. Wollowski, Recife

Lu war zum Karneval gekommen. Der Karneval von Olinda ist einer der kreativsten Brasiliens und zieht Hunderttausende Besucher an. Lu Araújo, Musikproduzentin aus Rio, verkleidete sich als Hexe, tanzte mit Musikern, Freunden und Fremden und genoss die ausgelassene Stimmung in der Stadt. Bis sie montags eine Szene beobachtete, die sie nicht mehr vergessen sollte. Vor der ältesten Kirche Olindas, der Igreja da Sé, trank eine Gruppe Feiernder. Die leeren Flaschen warfen sie in die Gegend. Plötzlich knallte eine davon hässlich laut an die hölzerne Kirchentür. Lu war geschockt, und später entschloss sie sich, in Olinda ein Festival zu organisieren, um die schönen alten Kirchen der Stadt ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Olinda mit seinen 400.000 Einwohnern ist die charmante kleine Schwester der angrenzenden Millionenmetropole Recife. Seit 1982 gehört die koloniale Altstadt zum Weltkulturerbe der Unesco, 2006 war Olinda die erste Kulturhauptstadt Brasiliens, und es ist schon beim ersten Spaziergang zu erkennen, warum: Kreativität blüht in fast jedem der schmalen Häuser an den Buckelpflaster-Straßen. Zu sehen sind naive Malerei an weißen Wänden, Karnevalskostüme für Hexen und Zauberer, naive Ölmalerei, Müll-Skulpturen, indisch inspirierte Mode oder ein riesiger Einstein aus Pappmaché.

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Hier leben mehr Künstler und Alternative als irgendwo sonst in Brasilien. Manche sind wegen der billigeren Mieten hergezogen, andere, weil das Nachmittagslicht hier so sanft leuchtet wie in der Provence. In den sechziger und siebziger Jahren haben einige gehofft, sie könnten hier der Zensur der Militärdiktatur entkommen. Wieder andere haben immer schon hier gewohnt und sind irgendwann zu Künstlern geworden. Sie haben ihre Häuschen frech in Brombeer-Violett, Minz-Grün und Bonbon-Rosa gestrichen, bis die ganze Stadt leuchtete wie die Seiten in einem Bilderbuch. Abends stellen viele ihre Stühle auf den Bürgersteig hinaus – wie in der tiefsten Provinz.

Viel mehr als in der Provinz war lange Zeit auch nicht los in Olinda. Beliebteste Kneipe ist bis heute der Kramladen von Veio, bei dem die Leute auf der Türschwelle sitzen und neben Besenstielen ihr Bier trinken. Das einzige Theater Olindas ist ebenso geschlossen wie das einzige Kino. Und auch die von der UNESCO geschützten architektonischen Barockkomplexe der Klöster und Kirchen waren während des Karnevals, den Lu im Jahr 2002 in Olinda feierte, meistens geschlossen.

Zurück in Rio überlegte sich Lu, welche Art Festival am besten zu Olindas Gotteshäusern passen würde: Es sollte kostenlos sein wie der Karneval und den Olindensern klassische Musik nahebringen, in einer Mischung mit Elementen aus instrumentaler Folklore und Pop. Die Kultussekretäre im Rathaus behandelten das rothaarige Energiebündel aus Rio eher kühl – aber die Bürgermeisterin war Feuer und Flamme. Nur Geld hatte sie keines. Lu nutzte alle ihre Kontakte – und musste sich anhören: "Olinda, was ist das denn? Gibt es da überhaupt ein anständiges Hotel?"

Der Nordosten war Dürregebiet für klassische Kultur. Trotzdem kam im September 2004 die erste Mimo (Mostra internacional de Musica de Olinda) zustande. Mit ganzen fünf Konzerten. "Für mich war das ein Fiasko", erinnert sich Lu, "ich hatte 50 geplant!". Doch zum ersten Konzert kamen so viele Menschen, dass die Kirchentüren gewaltsam geschlossen werden mussten. Am nächsten Tag stellte Lu eine Großleinwand vor die Tür, und damit begann die Erfolgsgeschichte.

Am ersten September 2010 wuseln Dutzende von Menschen in blauen T-Shirts mit der Aufschrift Mimo durch Olinda. Auf dem ehemaligen Sklavenmarkt baut eine Truppe eine Riesenleinwand und ein Chill-Out-Café auf – ohne ein einziges Loch in die denkmalgeschützten Mauern zu bohren. Vor der Igreja da Sé läuft ein Soundcheck mit einer Mischung aus Funk und Reggae, zu der ein Paar in Blauhemden übermütig Tanzschritte wagt. Und neben der Kirche füllen fliegende Mineralwasser-Verkäufer ihr Depot für den Abend auf.

Mehr als 600 Musiker werden in den kommenden Tagen in vierzehn Kirchen hier, aber auch in den Nachbarstädten Recife und Joao Pessoa insgesamt 38 Konzerte geben. Alle Hotels und Pensionen sind ausgebucht, Restaurantbesitzer haben sich auf doppelten und dreifachen Umsatz eingestellt: Hunderttausend Besucher werden im siebten Jahr der MIMO erwartet.

Am Eingang des Franziskanerklosters sitzt Frei Roberto. Der Mönch trägt weiße Zivilkleidung und hat einen offenen Blick. Er hatte Lu Araújo als erster der örtlichen Ordensbrüder seine Türen geöffnet. Jetzt erklärt er: "Wir haben hier im Kloster 6000 Quadratmeter bebaute Fläche und sind nur noch fünf Mönche – wie soll da Leben hinein kommen? Etwas Besseres als das Festival mit anspruchsvoller Musik hätten wir uns nicht wünschen können!" Hinter ihm klingen Blechbläser, Streicher und andere Saiteninstrumente aus der Bibliothek, dem Lesesaal und anderen Räumen. Meister aus ganz Brasilien üben mit örtlichen Nachwuchsmusikern für ein großes Abschlusskonzert: Diese Nachwuchsförderung gehört ebenso wie Workshops mit allen Musikern zum Konzept. "Damit etwas bleibt, wenn die Show vorbei ist", wie Lu sagt. Nach Probenende schließt Frei Roberto das Kloster ab und geht zu den Konzerten. So begeistert ist er davon, dass er plant, auch dann noch zum Festival nach Olinda zu kommen, wenn er demnächst – wie bei den Franziskanern üblich – einmal versetzt werden sollte.

In diesem Jahr gibt es zum ersten Mal beinahe so viele Filme wie Konzerte. Auf der Leinwand vor der Igreja da Sé läuft ein Stummfilm über das Leben eines Fischers in Recife, begleitet vom letzten Kinopianisten Brasiliens. Daneben drängen sich schon frisch frisierte ältere Damen neben Teenies mit Tätowierungen an allen sichtbaren Körperteilen in der Schlange für das Konzert in der Kirche. Anzugträger warten neben Jungs mit Rastazöpfen. Sie wollen den Jazzpianisten Mario Canonge aus Martinique sehen, dessen Trio zum ersten Mal in Brasilien auftritt.

Wenig später leuchten grüne Scheinwerfer auf Schlagzeug, Piano, Bass und den Christus am Kreuz, und der kleine Mario schwenkt die Hüften auf dem Klavierhocker, während er einen mitreißenden Zouk-Rhythmus anstimmt. Bald animiert er die Zuschauer, im Chor einen Refrain zu singen, über den er atemberaubende Soli legt. Alle lassen sich anstecken, auch Frederico Almeida, Superintendent der Denkmalschutzbehörde Iphan in Pernambuco. "Durch die Konzerte wird den Leuten viel mehr bewusst, welchen Wert die historischen Gebäude besitzen", sagt er. Seine Nachbarin ergänzt: "Ach, wäre doch jeden Monat eine MIMO." Stunden später wird es wieder still in der Kirche. Und voll wie selten in der Rua do Amparo, vor der Bodega do Veio. Bierflaschen wirft aber hier heute niemand.

Anreise:Nach Recife fliegt von Deutschland aus z.B. TAP über Lissabon. Der Flug dauert etwa 9 Stunden, die Taxifahrt vom Flughafen nach Olinda etwa eine halbe Stunde.

Unterkunft:In einem mehrere Hektar großen tropischen Garten liegt das Hotel 7 Colinas, Tel. 0055.81.3493-7754, nur ein paar Meter von der Kirche Igreja da Sé entfernt. DZ inkl. Frühstück um 135 Euro. Gegenüber der Bodega do Veio in einem stilvoll renovierten Kolonialhaus bietet die Pousada do Amparo, Tel. 0055. 81 3439-1749, Zimmer mit Blick auf den schmalen Garten mit Pool und ein hauseigenes Restaurant. DZ inkl. Frühstück um 90 Euro.

Ausgehen:Das Restaurant des gebürtigen Franzosen Jeff Colas heißt Maison do Bonfim, und ist mit reichlich Gemälden Olindenser Künstler gestaltet. Rua do Bonfim, 115, Telefon 0055.81.3429-1674. Holzofenpizzen sowie Fusion aus französischer und brasilianischer Küche, Hauptgerichte um 18 Euro. Das Restaurant Patua sieht mit seinen ziselierten Metallstühlen und den Lichterketten an der Decke ein wenig kitschig aus, aber die Fischgerichte und Meeresfrüchte sind großartig! Rua Bernardo Vieira de Melo, 79, Tel. 0055.81.3055 0833, Hauptgerichte um 15 Euro.

Museen/Sehenswürdigkeiten:Während der Mimo haben alle Kirchen geöffnet, besonders lohnenswert sind z.B. das Convento de Sao Francisco, Ladeira de Sao Francisco, 280, mit den Azulejos in der Sakristei und Schnitzereien am Altar, sowie das Seminário de Olinda, Rua Bispo Coutinho, s/n, ein weiteres Barockensemble, das am höchsten Punkt der Stadt liegt und einen guten Überblick bietet.

Cafés/Kneipen:Der Klassiker, die Bodega do Veio, findet sich in der Rua do Amparo 212, Bier und Softdrinks sowie winzige Snacks in Kramladenatmosphäre. Wenn alle schon geschlossen haben, geht es im Xinxin da Baiana, Rua Sigismundo, 742, immer noch rund: brasilianische Bands und viel Reggae vom Band, dazu eine wilde Mischung aus Nachtschwärmern.

 
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