Agatha Christie Miss Marple an der Riviera
Zum 120. Geburtstag von Agatha Christie feiert ihr Heimatstädtchen Torquay die Rollschuh laufende Krimiautorin – mit tödlichem Schokoladenkuchen und Hercule Poirot am Meer.
Am Sonntagmorgen schlendert Hercule Poirot durch das englische Seebad Torquay. Die Sonne scheint bei 20 Grad, viele Briten haben noch einmal ihre kurzen Hosen aus dem Schrank geholt, aber der belgische Privatdetektiv wirkt wie aus der Zeit gefallen: Er trägt einen altmodischen dreiteiligen Anzug, einen fein gezwirbelten Schnurrbart und etwas Pomade im schütteren Haar.
Poirot geht am Zelt einer Wahrsagerin vorbei, einer verräucherten Hot-Dog-Bude, die von überforderten Herren des Rotary-Clubs geführt wird, und an einem Ringwurf-Tisch, wo man eine Flasche Saft oder Wasser gewinnen kann. Als Poirot am Pavillon aus der Edwardianischen Ära vorbeizieht, grüßt er eine mit Strickjacke, Sackrock und Strohhut gekleidete Frau, die er eigentlich nicht treffen dürfte: Miss Marple, die schrullige Jungfer mit demselben detektivischen Gespür. Das natürlich von Schauspielern inszenierte Gipfeltreffen findet ganz beiläufig statt – und niemand stört sich daran, dass die beiden fiktiven Gestalten aus der Kriminalliteratur in den Büchern nie aufeinander trafen.
- Anreise
Flug bis London Heathrow, Zug von London Paddington bis Newton Abbot, dann umsteigen nach Torquay.
- Übernachtung
The Palace Hotel, Babbacombe Road, Torquay, Tel. +44 1803 200 200, www.palacetorquay.com, DZ ab 65 Pfund
- Ausflüge
-
Greenway Estate, mit der Fähre ab Dartmouth oder dem Vintage Bus ab Torquay, vom 3. März bis zum 31. Oktober jeweils mittwochs bis sonntags geöffnet, www.nationaltrust.org.uk/greenway
Torquay Museum, 529 Babbacombe Road, Torquay, Tel. +44 1803 293 975, www.torquaymuseum.org
Torquay Tourist Information, 5 Vaughan Parade, Tel. +44 1803 211 211, hier kann man auch Führungen der Agatha Christie Mile buchen, www.englishriviera.co.uk/agathachristie
- Auskunft
Tipps und Termine für die Reiseplanung gibt es auf der Website des Britischen Fremdenverkehrsamts www.visitengland.de
Es ist schon komisch genug, dass 50-jährige Frauen in Charleston-Kostümen über den gestutzten Rasen wackeln und so tun, als sei die Zeit seit 90 Jahren stehen geblieben. Auf Schritt und Tritt erinnern Schausteller und Statisten an die goldene Ära zwischen Jahrhundertwende und Zweitem Weltkrieg, als Torquay ein Winterquartier für die oberen Zehntausend war. In der Grafschaft rühmt man sich für das mildeste Klima Englands – und neuerdings auch für eine Frau, die vor 100 Jahren in Rollschuhen über die Holzbohlen des Princess Piers fegte und im inzwischen abgerissenen Anwesen Ashfield ihre Kindheit verbrachte: Agatha Christie.
Die Erfinderin von Miss Marple und Monsieur Poirot wurde am 15. September vor 120 Jahren geboren – und deshalb rührt die Stadt die Werbetrommel, mit einem Fest für die berühmte Krimiautorin, das der Auftakt für die Agatha Christie Week ist.
Besucher aus China, Holland und den USA spazieren über die Fete , wie die Eröffnungsfeier offiziell heißt. Im nahe gelegenen Princess Theater zeigt eine Theatertruppe die ganze Woche das Stück Zeugin der Anklage , die Londoner Schauspielerin und Hobby-Konditorin Jane Asher hat nach einem Rezept aus einer Christie-Geschichte den Schokoladenkuchen Delicious Death kreiert – und am Ende der Woche wird es in Erinnerung an die beinharte Schwimmerin einen Charity Swim im Meer geben, bei 15 Grad Wassertemperatur.
Zwar ist das Zentrum der Aktivitäten Christies Geburtsstadt Torquay, doch liegt der Anker, der alles erdet, gute 15 Kilometer entfernt – das Sommerhaus Greenway. Vom Pavillon fährt ein grüner Vintage Bus aus den Vierziger Jahren zum Anwesen, er ruckelt gehörig, wenn der Fahrer schalten muss – und gäbe es nicht den grünen Erste-Hilfe-Kasten aus Plastik, wäre die Illusion perfekt. Während der Fahrer dampfplaudert, zieht eine hügelige Küstenlandschaft mit Laubbäumen und kleinen Palmen vorbei. In der Viktorianischen Zeit liebte man das Anlegen von Gärten, und wo es das Klima erlaubte, das Anpflanzen von subtropischen Pflanzen.
"Hier hatten Agatha Miller und Archie Christie ihr erstes Date", sagt der Fahrer, als der Bus am Pavillon startet. Das schneeweiße Gebäude wurde 1912 eröffnet, das Paar sah sich zwei Jahre später einen Wagner-Abend an, so wie junge Leute in diesen Tagen auf ein Rockkonzert gehen. Heute befindet sich in dem Bau ein gesichtloses Einkaufszentrum, man tut gut daran, keinen Fuß hinein zu setzen.
© VisitBritain

Hier verbrachte Agatha Christie ihre Hochzeitsnacht
Einige 100 Meter weiter steht das imposante Grand Hotel und zeugt von der früheren Eleganz des 63.000-Einwohner-Städtchens. "Hier wurde aus Agatha Miller Agatha Christie", sagt der Fahrer lakonisch. Was heißt: Im Hotel verbrachte das frisch getraute Paar 1914 seine Hochzeitsnacht.
- Datum 15.09.2010 - 10:09 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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