Dicks Lake im Mount Rainier National Park in den USA © Gordon Hempton

Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt, auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne "Das Ohr zur Welt", die alle 14 Tage erscheinen wird. Dies ist die erste Folge.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schrieb der amerikanische Naturfreund John Muir in sein Feldtagebuch: "Schnee schmilzt zu Musik." Mein moderner Verstand sagte mir: das kann nicht sein. Schnee würde nie so schmelzen, dass ich dazu tanzen möchte. Muir romantisiert.

Dann beschloss ich, meine Annahme doch zu überprüfen und legte mein Ohr dicht an eine Schneewehe. Das ist es, was ich hörte:

Wasser – von seiner musikalischen Geburt über das Geplapper der Kindheit und die ungestüme Jugend bis zum ruhigen Alter – gehört für mich zu den großen Lehrmeistern des Lebens. Für sich genommen ist Wasser still – halten Sie mal Ihr Ohr an ein Wasserglas. Aber als mich Molly Loomis, eine 33-jährige Schriftstellerin aus Victor in Idaho, fragte, ob sie mich begleiten könne, wenn ich das nächste Mal Naturaufnahmen mache, dachte ich, dass sie bestimmt eine gute Schülerin wäre. 

Das Görrr meines 2000 Jeep Grand Cherokee und das getaktete Flip-Flop der Scheibenwischer bestimmte unsere vierstündige Fahrt von Seattle in den Park. "Wir hören alle unterschiedlich", schrie ich. "Unsere Ohren sind unsere Musikinstrumente." Ich sah zwischen zwei Schlaglöchern zu ihr hinüber, weil ich wissen wollte, ob sie mich verstanden hatte. Sie wirkte irritiert. "Versuch nicht zu hören, was ICH höre – hör einfach das, was DU hörst." Ich würde wohl warten müssen, um es ihr zu erklären.

Unsere Fahrt endete mit dem Blick auf die regennassen, bewaldeten Täler, die dem höchsten Berg der Gegend, dem Gletscher-gekrönten Mount Rainier (4392 Meter), als Abfluss dienen. Die Temperatur lag irgendwo zwischen Frost und Schockstarre, und Molly zog sich direkt zwei weitere Lagen Kleider an. Als zusätzliche Schutzschicht stülpte sie Plastiktüten über ihre bestrumpften Füße. Dann hievte sie ihren schweren Rucksack auf die Schultern – los ging es, drei Tage lang in die akustische Einsamkeit.

PopOP, zwei Schirme öffneten sich zu einem Stereo-Ghettoblaster. Regen-auf-Nylon-Rhythmus begleitete uns auf dem steilen Abstieg, etwa 800 Meter den Palisades Trail hinunter. Ein neugieriger Pfeifhase wagte sich aus der felsigen Böschung um nachzusehen, was es mit dem Tumult auf sich hatte. Mit einem Emmm fuhr das Objektiv meiner Kamera aus. (Den Auslöser habe ich lautlos gestellt.)

Die Vegetation des borealen Regenwaldes ist vielfältig © Gordon Hempton

Wir gingen an Gebirgsbeeten aus violetten Castilleja-Blüten und blauen Lupinen vorbei, unsere Schritte das lauteste Geräusch von allen; Knirschen das zu Schmatzen wurde und dann zu Klatschen, während wir über Steine gingen, über Moos und durch immer tiefere schlammige Pfützen.