PortugalDie Vision vom Haus am Hafen

Der Pianist Pedro Burmester wollte der Musik und seiner Stadt Porto ein Denkmal setzen. Ein Besuch in seiner Casa da Música – dem Haus, in dem er nicht auftreten will. von 

Vom ungeliebten Neubau zum neuen Wahrzeichen: die Casa da Música in Porto

Vom ungeliebten Neubau zum neuen Wahrzeichen: die Casa da Música in Porto   |  © Marinhopaiva/commons.wikimedia.org

Pedro Burmester zieht mit seinen Pianistenhänden kräftig an der meterhohen Glastür. Es knirscht auf dem Metallboden, die untere Kante hat schon Spuren gefräst. Der große Saal ist das Herz des Konzerthauses Casa da Música, Pedro Burmester der Kopf dahinter.

Die Bühne des Saals liegt zwischen zwei Tribünen, hinter diesen erheben sich Glasfronten – keine glatten, abweisenden, sondern gewellte, der Akustik wegen. Auch die Glastür, die Burmester aufschiebt, ist gewellt. Von außen wirkt das Haus wie aus einem fernen Raum der Zukunft in die portugiesische Stadt Porto gefallen: grau, in eckig-kristalliner Struktur, mit Fenstereinlassungen wie Sehschlitze in der Kommandozentrale eines Raumschiffes. So ganz anders sind die zweifensterbreiten Häuser gegenüber in Grün und Rot, mit schnörkeligen Balkonen und Wäsche an den Fassaden.

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Anreise

Nonstop-Flüge nach Porto gibt es mehrmals täglich mit der TAP Air Portugal oder mit der Lufthansa ab Frankfurt. Ryanair bietet Nonstop-Flüge ab Frankfurt-Hahn, Memmingen, Karlsruhe, Weeze und Bremen an. Air Berlin hat Porto von allen großen deutschen Flughäfen aus mit Umsteigen am Drehkreuz Palma de Mallorca im Programm. 

Übernachtung

Verschiedene Stadthotels sind auf der Website der Stadt Porto gelistet: www.portoturismo.pt

Das neu eröffnete Luxushotel The Yeatman ist konzeptionell auf das Thema Portwein ausgerichtet: www.the-yeatman-hotel.com
 

Sehenswürdigkeiten

Avenida da Boavista, 604-610, 4149-071 Porto, Tel. +351 220 120 220, Internet www.casadamusica.com

Auch sehenswert ist das Museum Serralves: In einem Park finden sich ein Museum für zeitgenössische Kunst, erbaut von dem portugiesischen Architekten Álvaro Siza, und eine Villa aus den 1930ern im Art Deco-Stil, mit dem berühmten rosa Badezimmer aus Marmor. Der Park und das Museum sind von der Metrostation Casa da Música mit dem Bus zu erreichen. Rua D. João de Castro 210, 4150-417 Porto, Tel. +351 808 200 543, Internet www.serralves.pt

Auskunft

Portugiesisches Fremdenverkehrsamt im Internet: www.turismodeportugal.pt, www.visitportugal.com. Porto im Internet: www.portoturismo.pt

Die Casa da Música, erbaut von Rem Koolhaas, ist ein Magnet für Einheimische und Touristen. Es ist quasi aus Versehen entstanden, aus Burmesters Willen zur Freiheit. Pedro Burmester, dessen Vorfahren vor 200 Jahren aus Deutschland nach Portugal kamen, wurde 1963 in Porto geboren. Seine Mutter arbeitete als Hausfrau, sein Vater in der Textilindustrie. Er besuchte das deutsche Gymnasium, dann das Konservatorium – die Musik gehört zu ihm, seit er sechs Jahre alt ist.

Der Pianist auf der Treppe seines Konzerthauses

Der Pianist auf der Treppe seines Konzerthauses   |  © Evelyn Runge

Pedro Burmester tourte, spielte in Spanien, Belgien, Deutschland, er machte Karriere und gilt als einer der besten Pianisten Portugals. Er trägt braune Freizeitschuhe, olivfarbene Hose, olivfarbenes Hemd, im linken Ohr einen goldenen Schmuck, den er ab und zu dreht. Schlank, fast zierlich ist er, sein Blick intensiv.

Die Geschichte der Casa da Música beginnt 1998, Pedro Burmester kommt von einer Konzert-Tournee aus Südafrika zurück; ein Freund wartet in seinem Haus in Porto auf ihn. Er sagt, Burmester solle bei der Vorbereitung der Bewerbung für Porto als Europäische Kulturhauptstadt 2001 dabei sein. "Ich wollte das nicht", erzählt Burmester. "Mein Leben ist die Musik, Klavier spielen, Klavier unterrichten." Er dachte, je ambitionierter ein Projektvorschlag, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass er abgelehnt würde.

Burmester dachte an ein Haus für alle Arten der Musik, multifunktional für Proben, Auftritte, Publikum und Unterricht, ein neues Gebäude, kein renoviertes altes, und entworfen von einem international bekannten Architekten. Es waren Ideen, die "für eine Stadt wie Porto eigentlich zu viel waren", und die Burmester das Leben in Freiheit, in der Musik hätten garantieren sollen. Als das Okay für diese Vorschläge kam, wollte er sich zurückziehen, doch seine Mitstreiter insistierten: "Ich legte meine künstlerische Karriere auf Eis, unterrichtete nicht mehr und gab mich hin von 1998 bis 2003."

Der Architekt sollte anders sein, innovativ und intelligent, und so fiel die Wahl auf Rem Koolhaas. Sein Plan für die Casa da Música gefiel, doch hatte die Jury, in der auch Burmester saß, mehr als 90 Änderungswünsche; manchmal fehlte die Verbindung von einer Etage zur anderen im Plan, manchmal war nicht klar, wie ein Piano es um diese enge Ecke schaffen sollte. "Wir dachten, Koolhaas müsse die Form ändern, um die Probleme zu lösen – aber das tat er nicht, er fand auf alle Fragen eine Antwort."

Porto ist eine der wichtigsten Hafenstädte Portugals, bekannt für den Portwein, für die Fischerei, für die Sturheit der Einwohner. Burmester liebt diese "Stadt des Nordens, überzeugt von sich selbst, nicht freundlich, eine Stadt, die es einem schwer macht, anzukommen." Auch neue Projekte hätten es mitunter schwer, akzeptiert zu werden, meint Burmester: "In Lissabon hätten wir mit einem Projekt wie der Casa da Música nur die Hälfte der Probleme gehabt: "Der neue Bürgermeister Rui Rio installierte zwei Parteifreunde im Komitee für Porto 2001 und die Casa da Música. Aus Burmesters Sicht stand mit ihnen das gesamte Projekt des neuen Konzerthauses auf der Kippe; er protestierte und fand sich kurze Zeit später "kaltgestellt", so beschreibt er die Jahre 2002 und 2003 heute.

Leserkommentare
    • landab
    • 04. November 2010 10:01 Uhr

    Die Ära in Beton gegossener Alpträume, welche nichts weiter als ein Gefühl der Entfremdung produzieren, wird früher oder später ein Ende haben. Noch sind Architekten weit davon entfernt, zu verstehen, welch negativen Einfluß die strenge Befolgung überholter Dogmen auf die Lebensqualität jener hat, deren Umwelt durch die immergleichen Kuben und Glas/Stahl-Monströsitäten ihrer Vielfalt beraubt wird. Die Reaktion des Bürgermeisters ist lediglich pure Notwehr und ein erster Schritt in die richtige Richtung an deren Ende nur die Abrissbirne stehen kann.

    • maciste
    • 04. November 2010 19:47 Uhr

    großartige und in die zukunft weisende architektur. eine futuristisch anmutende prägnante kubische form in beton, glas und stahl und somit ein gelungener ausdruck unseres technisch-industriellen zeitalters. allen nachrufen zum trotz wird das industrielle als gestaltende kraft die menschheit und ihre musen auch in die neomoderne führen. wunderbar auch die tatsache, daß sich die vision eines einzelnen trotz widrigkeiten so gelungen umsetzen ließ. wir brauchen das wagnis neuer formen - das wagnis neuer kommunikationsräume, das wagnis des neuen schlechthin.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Rem Koolhaas | Musik | Pierre Boulez | Gymnasium | Kulturhauptstadt | Pianist
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